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Todesfälle und Blog-Burn-Out » Wenn Bloggen zum Gesundheitsrisiko wird | Werkstattnotiz LXXVI

7. April 2008 | 10:19 Gelesen: 4797 · heute: 6 · zuletzt: 18. September 2014 7 Reaktionen

Wir_nennen_es_Arbeit_01a.jpgBloggen macht Spaß. Und für die meisten Blogger ist ihr Hobby ein wunderbarer Zeitvertreib. Für andere bedeutet bloggen aber auch Stress. Manchmal sogar Stress, der tödlich enden kann.

Fest steht: wenn die Jagd nach heißen News zum Dauerzustand wird, dann kann das Blog- und Nachrichtenfieber gesundheitliche Folgen haben. Risiken und Nebenwirkungen des Bloghypes.

Schöne neue Welt des Web 2.0: nie war Kommunikation schneller und leichter. Die Zeiten, in denen es einer exklusiven Journalistenklasse vorbehalten war, ihre Meinung medial zu verbreiten, sind lange vorbei. Heute ist es prinzipiell jedem Internetnutzer möglich, sich der Welt da draußen mitzuteilen.

Dabei ist es nebensächlich, ob man seine Webnotizen nur für eine handvoll Leute schreibt oder ob die Artikel zehntausende Leser finden. Die Attraktivität von Weblogs kennzeichnet sich zunächst durch ihre – fast grenzenlose1 – Autonomie. Wie, wann, wo und wie oft man schreibt – das alles bestimmt der Blogger selbst. Kein Wunder, daß diese neue Form der webbasierten Kommunikation ein riesiges Verführungspotential hat.

Faszination Blog: Schreiben wann, wo und wie man will

Und so sind es zunächst die Schokoladenseiten des Bloggeschäfts, die die Sache so faszinierend und attraktiv machen. Denn welcher Journalist hat nicht schon seinen Chefredakteur zum Teufel gewünscht oder die stetig tickende Uhr verflucht, wenn der Redaktionsschluß nahte? Als Blogger kann man über solche Zwänge nur schmunzeln. Der süße Duft von Freiheit und Flexibilität durchweht die Blogosphäre. 

Das verführerische Versprechen für News-Junkies: man kann mit Blogs reich werden.

Es gibt keine Vorgesetzten. Stattdessen die Chance mit frecher Schreibe und dem richtigen Riecher für spannende Themen sogar echtes Geld zu verdienen. In den USA gibt es inzwischen tausende Blogger, die ihren Lebensunterhalt auf diese Weise bestreiten. 

Es sind News-Junkies, die vor wenigen Jahren von den verlockenden Möglichkeiten des alternativen Online-Journalismus angelockt worden sind. Auch in der Online-Welt des Web 2.0 herrscht bisweilen Goldgräberstimmung und viele Blogfreaks träumen den amerikanischen Traum: vom abgebrannten Blogneuling zum dollarschweren Blog-Guru.

Wirklichkeit wird diese Web 2.0-Variante des klassischen "Vom Tellerwäscher zum Millionär"-Traums aber nur für die allerwenigsten. Die Erfolgstory eines Michael Arrington, der als Gründer des Erfolgsblogs "Techcrunch" binnen zwei Jahren zum Großverdiener aufstieg, ist ein Webmythos – und ein Einzelfall. Die Zahl derjenigen, die schweißgebadet aus ihren privaten Blogträumen erwachen, ist um ein Vielfaches höher. Und manche überschreiten im Wettlauf um Insiderinfos und populäre Storys auch die Grenzen ihrer physischen Leistungsfähigkeit. Wer Bloggen zum Geschäft macht, steigt in eine Branche mit riesigem Konkurrenzdruck ein.

Denn jenseits der meist lockeren Konversations- und Diskussionskultur in den Blogs des sogenannten "Long Tail"2, ist die Blogszene ein knallhartes Geschäft. Hier regiert der Wettbewerb. Und Schnelligkeit ist – zumindest in den USA3 – einer der wichtigsten Faktoren.
 
Der Wettlauf um Top-Storys und der Raubbau am eigenen Körper

Beim Versuch, die Topmeldungen unbedingt zuerst zu präsentieren, steigern sich Blogger nicht selten in ein gefährliches Newsfieber hinein. Matt Marshall, früherer Journalist des "Wall Street Journal", der in seinem Blog "Venture Beat" den neusten Nachrichten aus der High-Tech-Branche nachjagt, sagte dem Magazin "brand eins": "Eigentlich ist das ein ziemlich miserables Leben, und ich habe nie zuvor härter gearbeitet."

Todesfälle schrecken die dynamische Blogszene auf

Daß der enorme Druck, der ständige Stress, der aufgepushte Adrenalinpegel und viel zu wenig Schlaf nicht folgenlos bleiben, mußte die Szene in jüngster Zeit erst lernen. Es begann im Dezember als Marc Orchant, Strippenzieher von "Blognation", einem Herzinfarkt erlag. Kurz darauf erlitt Om Malik, gerade einmal 41 Jahre alt, ebenfalls einen Infarkt. Er überlebte knapp und mußte dem Treiben in seinem TechBlog "GigaOm" einige Zeit vom Krankenbett aus zusehen.

Vor wenigen Wochen starb mit Russell Shaw ein weiterer prominenter Blogger an den Folgen eines Infarkts. Shaw – Journalist und VOIP-Blogger für ZDnet – starb in seinem Hotelzimmer in San Jose, von wo er über eine Technologiekonferenz berichtete. 

Die Schattenseiten des Blog-Business werden meist übersehen. Der Konkurrenz- und Aktualitätsdruck ist aber grenzenlos.

Adrenalin, Stress, Schlaflosigkeit: Top-Blogger kennen keine Pause

Nun sollte man aus diesen Einzelfällen keine pauschalen Schlüsse ziehen. Shaw war bereits 60 Jahre alt und Marc Orchant, mit dem er befreundet war, knapp über 50. Auch Angehörige anderer Berufsgruppen sind von koronaren Erkrankungen betroffen.

Dennoch ist der ständige Stress, unter dem Top-Blogger stehen, ein Problem, vor dem die junge Blogcommunity lange Zeit die Augen verschlossen hat. Und die Belastung ist sicher mit derjenigen von Wertpapierhändlern an den Aktienbörsen vergleichbar.4

"Es gibt keinen Moment, auch nicht dann, wenn Du schläfst, in dem Du keine Angst hast, eine Geschichte zu verpassen", erzählte Michael Arrington jetzt einem Reporter der New York Times. Und er ergänzte, daß er es großartig fände, wenn man eine Auszeit in der Hatz nach News und Storys nehmen könne. Doch er fügte sofort einschränkend hinzu, daß dies wohl niemals eintreten wird.

Das Dilemma des Bloggeschäfts: der Autor – dessen individuelle Handschrift ja den Erfolg ausmacht – kann sich kaum eine Pause gönnen

Erfolgsmodell ohne Exit-Option?

Dabei hat Michael Arrington, der acht Mitarbeiter beschäftigt und mit "Techcrunch" mittlerweile fast eine Million Leser pro Monat erreicht, die eigentliche Tragik der erfolgreichen Blogs noch gar nicht überschaut. Denn eines der wesentlichen Erfolgsrezepte von Blogs ist ihre authentische Handschrift, die eben einen Blog vor anderen Medien auszeichnet. Die individuelle Tonlage, die besondere Perspektive des Blogautors ist ein zentrales Alleinstellungsmerkmal. Und damit Segen und Fluch zugleich.

Der persönliche Stil ist für den Erfolg häufig so entscheidend, daß sich Om Malik nach seinem Infarkt während der Weihnachtstage dennoch keine wirkliche Auszeit gönnen wollte. Zwar beschäftigt er einige Mitarbeiter, aber um die Leser bei der Stange zu halten, griff er fast sofort wieder zur Tastatur. Noch vom Krankenzimmer aus.
 

 


Links:

 




  1. Im Grunde sind es lediglich rechtliche Beschränkungen die limitierend wirken. []
  2. Mit diesem Begriff wird die Masse derjenigen Blogs bezeichnet, die nur eine begrenzte Leserzahl finden, dennoch aber – in ihrer Summe – relevant sind bzw. sein können. []
  3. Robert Basic, der hierzulande am ehesten mit den Stars der US-Szene vergleichbar ist, weist darauf hin, daß Schnelligkeit nicht alles ist. Damit liegt er sicher richtig. Aber die Konkurrenz im internationalen Blog-News-Geschäft ist dann doch nicht mit der vergleichsweise entspannten Situation in Deutschland vergleichbar. Es wird u.U. nicht ausbleiben, daß auch hierzulande der Druck steigen wird… Und nur ein kleines Beispiel: dieser Beitrag ist seit gestern nachmittag (fast!) fertig. Mich hatte der nette Fischblogger auf den NYT-Artikel hingewiesen, bevor ich aber den Text komplett hatte, begann mein Notebook mit kleinen Zicken und so stelle ich den Artikel erst heute Vormittag ein. Inzwischen haben bereits andere deutsche Blogs (eben u.a. Robert) sich des Themas kurz angenommen. Wäre die Werkstatt ein kommerzielles Projekt, wäre das eine schmerzhafte Traffic-Einbuße… []
  4. Finden wir in naher Zukunft warnende Hinweise auf den Webseiten von Bloganbietern und -hostern? Botschaften à la "Achtung: Bloggen kann Ihre Gesundheit schädigen!" oder "Übermäßiges Bloggen gefährdet ihr Sozialleben… ihre Fitness… die Aktivität ihrer Spermatozoen!" Welche weiteren Warnhinweise wären dringend notwendig? []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
Twitter: Werkstatt | Meine (private) Website | Profile bei: Google+ | Facebook | Xing

Kommentare

7 Reaktionen »

  • Michael :

    Das klingt wirklich nicht gut. Ich selbst Lese nur und kommentiere ab und an mal, aber neulich habe ich auch in einem Blog gelesen, dass sich der Betreiber nun ein wenig zurückzieht, da es einfach überhand nimmt und man sich als Blogbetreiber irgendwo gezwungen sieht, den Blog am Laufen zu halten, shcon allein um die Leserschaft nicht zu enttäuschen. Wahrscheinlich ists doch besser wirklich nur einen Blog zu betreiben, der nur zum Zeitvertreib dient, der nicht regelmäßige Einträge verlangt und der vor allem kein Geld einbringen soll.

    [Auf diesen Kommentar antworten]

  • Oliver Springer :

    Guter Artikel!

    Vielleicht sollten Blogger, die stets über aktuellen Themen bloggen, gleich im Team arbeiten.

    In einem guten Team gibt es mehrere Leute mit einem guten Schreibstil.

    Wer alleine eine ganze Nachrichtenredaktion sein möchte, macht sich schnell kaputt.

    Das ist aber ein Problem für diese aktualitätsgetriebenen Blogs. Es gibt so viele andere Themen, bei denen man nachts auch schlafen kann und zu einer normalen Zeit seine Artikel schreiben kann.

    Dann gibt es allerdings – und hier sehe ich das eigentliche Problem – die individuelle News-Abhängigkeit. Man möchte selbst nichts verpassen. Dazu muss man nicht erst Problogger werden, um ein Problem zu bekommen.

    @Michael: Den Schluss kann ich so nicht ziehen. Dann könnte man auch sagen, dass man auch Arbeit an sich nur locker und nicht zum Gelderwerb betreiben sollte, um sich nicht kaputt zu machen.

    Die Selbstausbeutung ist ja kein Problem nur von Bloggern.

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  • Marc :

    @Michael und Oliver:

    Danke für Euer Feedback. Der NYT-Artikel wurde ja die letzten Tage auch andernorts kommentiert. Und es gab ganz verschiedene Meinungen.

    Für mich steht schon fest, daß es einerseits von der individuellen Disposition des Bloggers abhängt, ob er sich in die Stress-Spirale reinziehen läßt oder nicht. Das ist eben z.T. Typsache.

    Andererseits sollte man nicht zu naiv sein und die US-Jungs belächeln – ich kann/könnte mir vorstellen, daß (wenn eben der eigene Lebensunterhalt und evtl. die Familie mit dranhängen) man eben doch wohl oder übel das Spiel mitmacht, d.h. wer als erster die Infos parat hat, der wird verlinkt, der zieht am meisten Traffic und erzielt potentiell auch höhere Werbeerlöse.

    Es ist schön, wenn man das alles nebenbei macht und sich nicht zu stressen braucht. Aber es gibt nicht nur so Naturtalente wie Robert Basic, der (wie gesagt: Typfrage) das alles sehr souverän handhabt.

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  • Oliver Springer :

    Diesen Stress gibt es leider in viel zu vielen Jobs.

    Mit meinem Blog möchte ich mittelfristig / langfristig auch mehr machen, doch bei meinen Themen (Zeitmanagement, Selbstmanagement, Entschleunigung…) kommt es nicht drauf an, ob ich heute oder morgen einen Artikel zu einem Thema schreibe.

    Eine News Website – und das sind die problematisierten Blogs doch letztlich, oder? – hat ein Problem mit Zeitdruck. Bei Traffic und Verlinkung gebe ich Dir recht. Eben deshalb ist das eigentlich nur als Team empfehlenswert.

    Typfrage: Da stimme ich Dir zu. Wichtig ist ja auch, wie sehr man sich da selbst abhängig macht. Ein souveräner Umgang ist zu empfehlen. Gegen die wirtschaftlichen Zwänge lässt sich kaum etwas ausrichten, doch den Umgang mit uns selbst, haben wir schon unter Kontrolle.

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  • Michael :

    Das liebe Geld, ja irgendwie hängt alles daran. Der Vorteil ist, dass man sich bei einem Blog, oder allgemein bei Heimarbeit sschon seine Zeit selbereinteilen kann, aber da es auch viel Spaß macht, lässt man sich sehr viel eher darauf ein, hier nochmal ein halbes Stündchen zu machen und da nochmal eine Stunde etc. So kommt man am ehesten in den Kreislauf, irgendwann gar nicht mehr von dem PC wegzukommen. Man sitzt dann nur noch davor, setzt sich selber unter Druck, weil man sieht, dass man Erfolg hat und hat sich so selbst in die Schleife katapultiert. Das ist wahrscheinlich so im Menschen verankert. Man möchte sich nicht mit dem zufrieden geben, was man hat, sondern möchte mehr. Bis zueinem gewissen Maß ist das ja auch vertretbar, nur muss man dann auch inder Lage sein, die handbremse ziehen zu können, wenn es eben nicht mehr vertretbar ist und die gesundheit anfängt zu leiden. Das sagt sich so einfach, aber ich selbstweiß, wie schwer das eigentlich ist und millionen anderer Menschen wissen es wahrscheinlich auch.

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