Standards für eine Web-Forschungsethik ::: Tolle Website, schlechtes Buch “Die Google-Falle” | Werkstatt-Ticker 05

Ticker_02a.jpg» Eine hochspannende Frage wirft Jan Schmidt in seinem Blog auf. Es geht darum, nach welchen (forschungsethischen) Maßstäben wissenschaftliche Webstudien durchgeführt werden sollen. Konkret: Es geht um die Frage nach der "guten wissenschaftlichen Praxis", wenn man Untersuchungen zur Online- und Web2.0-Welt durchführt.

Zwar dürfen wir ein legitimes wissenschaftliches Interesse voraussetzen, aber klar ist auch, daß der Zweck nicht alle Mittel heiligt. Jan ist aktuell bei seinem Forschungsprojekt zum Thema "Jugendliche und Web 2.0" auf diese Problematik gestoßen.

Denn um überhaupt einen Zugang zur Plattform "SchülerVZ" zu erhalten, hätten die Forscher einen Fake-Account einrichten müssen - ist es aber vertretbar, daß man sich mit falscher Identität (falscher Name und Alter etc.) in ein Forum einschleust, das im Prinzip auf Vertrauensleistungen basiert? 

Wie können und sollen wir als Forscher in einer Interaktionsumgebung wie schülerVZ auftreten? Auf welche Art können wir Informationen sammeln, ohne die Privatsphäre der Nutzer zu verletzen?

Wann also ist man verpflichtet, sich als Forscher zu erkennen zu geben? Solche Fragen sind auch aus der Offline-Welt (Stichwort: "teilnehmende Beobachtung") bekannt, stellen sich aber im Web2.0-Kontext neu.

Es geht weiter mit Problemen des Umgangs mit den Ergebnissen von Inhalts- und Textanalysen - wenn ich zu wissenschaftlichen Zwecken als Textkorpus bestimmte Zeitschriftenjahrgänge heranziehe, ist das unproblematisch. Journalisten schreiben mit dem Wissen, daß die Texte öffentlich und frei zugänglich sind. Nutzer von Sozialen Netzwerken gehen aber sicher nicht davon aus, daß Angaben in ihren Profilen den Weg in wissenschaftliche Studien finden.

Hier sind noch viele Fragen bezüglich einer legitimen wissenschaftlichen Vorgehensweise unbeantwortet. 

 

»Nicht direkt dem Internet, sondern einem aufklärerisch daherkommenden Buch über das Internet, widmet sich Peter Haber im weblog.hist.net. Er hat das aktuelle Buch "Die Google-Falle. Die unkontrollierte Weltmacht im Internet" des Wiener Journalisten Gerald Reischl gelesen und ist mehr als enttäuscht. Abgesehen von schlampigen Übersetzungen, sprachlicher Schludrigkeit und Stilblüten, kann Haber dem Buch auch inhaltlich nichts abgewinnen. Der investigative, lautsprecherische Gestus steht offenbar in deutlichem Mißverhältnis zur recht dünnen Argumentationsbasis:

"Weniger verzeihen mag man, wie sich Reischl als der grosse Aufklärer und Warner inszeniert und dabei zur Hauptsache warme Luft produziert - gleichsam Nullen in Nullen verwandelt, um in Reischl’schen Bildern zu sprechen. Seine Thesen sind relativ simpel und werden leider auch durch mehrfache Wiederholung weder komplexer noch stichhaltiger, da ihm die Argumente fehlen: Google, so das Credo des Autors, ist nicht mehr lieb zu uns (”don’t be evil”), Google ist eine Datenkrake und Google bedroht Europa."

Vermutlich müßte man dieses journalistische Aufklärungsbüchlein selbst lesen, um zu beurteilen, ob Reischl wirklich nur lange bekannte Sachverhalte wiederkäut und dramatisiert. Sicherlich berechtigt sind die Hinweise darauf, daß Google ein marktwirtschaftlich orientierter Megakonzern ist, daß sich monopolartige Strukturen gebildet haben und der Umgang von Google mit Wissen und Daten teilweise Anlaß zur Sorge gibt. Die Frage ist nur, was liefern die Recherchen von Gerald Reischl wirklich Neues?

Wer sich selbst ein Urteil bilden mag:

Ansonsten schließe ich mich der Empfehlung von Peter Haber an - Die Website zum Buch ist unbedingt einen Besuch wert:1


  1. Man kann auf der Startseite ein wenig herumspielen, sollte dann aber "Senden" oder "Veröffentlichen" anklicken! - Kleine Anmerkung: Ist es im alpenländischen Nachbarland üblich von "Inhalte zensurieren" zu sprechen? []




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