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Die Champions League der Klimaforschung » Von fleißigen Forschern, Medientalenten und dem Falter-Phänomen | Werkstattnotiz LXXV

30. März 2008 | 11:02 Gelesen: 7021 · heute: 2 · zuletzt: 21. July 2017 4 Reaktionen

Interview_01a.jpgWelche Wissenschaftler und welche Forschungsinstitute in den einzelnen Disziplinen den größten Einfluß oder zumindest das größte Renommee haben, ist für Außenstehende schwer einzuschätzen.

Möglicherweise hat man den einen oder anderen Fachvertreter in einem Zeitungsinterview oder gar mit einem 30-Sekunden-Statement im Fernsehen gesehen, aber ist damit wirklich mehr gesagt, als daß dieser Wissenschaftler eben hinreichend TV-kompatibel ist, sich offensichtlich kurz zu fassen weiß und zum gewünschten Interviewtermin abkömmlich war?

Daß die forschungsstärksten Wissenschaftler nicht notwendigerweise auch diejenigen mit der höchsten Medienpräsenz sind, ist leicht einzusehen. Die Fähigkeit (und manchmal auch das Glück) die spannendsten Studien durchzuführen und dafür in Fachkreisen Anerkennung zu finden, korreliert nicht unbedingt mit der Fähigkeit weitgehend unfallfrei Sätze in Kameras und Mikrofone zu sprechen. Und daß die ganze Angelegenheit – wer also rein wissenschaftlich gesehen die höchste Reputation aufweist – kompliziert ist, kann kaum verwundern. 

Welche Wissenschaftler werden in der Öffentlichkeit wahrgenommen? Diejenigen, die in ihrem Fach die Maßstäbe setzen? Oder doch nur die, die unfallfrei einige nette Sätze in die Kamera sprechen können?

Nicht umsonst widmen sich ganze Institute der Frage, wie man Forschungsleistungen mißt und vergleichbar macht. Und darüber, welche Kriterien herausragende Forschung auszeichnen und wie sich wissenschaftliche Reputation erklärt, streiten die Gelehrten vermutlich bis ans Ende der Zeit… 

Die internationale Liga der Klimaforscher

Einen hochinteressanten Einblick in das Feld der Klimaforschung, der Stars und Sternchen in seinem Fach, gibt Stefan Rahmstorf in einem Beitrag in seiner "Klimalounge". Dort listet er u.a. diejenigen Forscher auf, deren Studien international am häufigsten zitiert wurden.1

"Werfen wir also einen Blick auf die Publikationen zum Thema „climate“ […] mit deutscher Beteiligung aus den vergangenen zehn Jahren."

Und er stellt dabei auch die Frage:

"Wie steht die deutsche Klimaforschung dabei qualitativ im internationalen Vergleich da?"

Dabei stellt Stefan Rahmstorf fest, daß die deutschen Klimaforscher durchaus in der Champions-League mitspielen. Wenn man die Zitationswerte zugrundelegt,2 dann rangieren deutsche Wissenschaftler immerhin auf Platz 3. Rund 70% der Top-Studien stammen aus den USA, dahinter stehen die Briten und dann (mit 13% der Studien) die deutschen Wissenschaftler.

Wissenschaftliche Exzellenz und Medienpräsenz sind nicht identisch

Liest man die Namen der Autoren der deutschen Top-Studien, ist man allerdings erstaunt. Wenn man etwa die beiden international am häufigsten zitierten Studien zu den Auswirkungen des Klimawandels auf die Biosphäre heranzieht, dann stellt man fest:

Mit Gian-Reto Walther (Institut für Geobotanik der Uni Hannover), Annette Menzel (TU München), Franz Bairlein (Vogelwarte Helgoland) und Elisabeth Huber-Sanwald (seinerzeit TU München) – um nur einige der Autoren dieser beiden Artikel zu nennen – haben wir in Deutschland also eine Reihe von hervorragenden Experten zu diesem Thema. Dabei fällt mir auf: ich habe noch nie ein Interview dazu mit einem dieser Experten in großen Zeitungen gelesen.

Das ist doch ein interessanter Befund: denn offensichtlich stehen andere Wissenschaftler häufiger im Blickpunkt der Medien, obwohl sie möglicherweise fachwissenschaftlich weniger Erfolge auf ihrer Habenseite verbuchen können. Stattdessen finden3 andere Thesen (also provokantere und eventuell auch schlicht unseriöse Aussagen) durchaus den Weg in Zeitungen und Fernsehen. Und so lamentiert Stefan Rahmstorf:

"Überall (von Focus über Spiegel bis zu taz und Deutschlandfunk) gibt es dafür Interviews mit Josef Reichholf, der zwar zu diesem Thema laut Web of Science noch nie eine Forschungsarbeit publiziert hat, aber dafür behauptet, "dass die Erwärmung förderlich ist für die Artenvielfalt". Genau das Gegenteil dessen also, was die zu diesem Thema forschenden Wissenschaftler herausfinden." 

Was lernen wir aus dieser interessanten Beobachtung? Einerseits also, daß sich die deutschen Klimatologen im internationalen Vergleich nicht verstecken brauchen. Das ist erfreulich. Gleich mit mehreren Studien (mehr als 5 Nennungen seit 1998) sind etwa Colin Prentice, Andrey Ganopolski, Stefan Rahmstorf, Paul Crutzen oder Helmut Erlenkeuser in der Rangliste vertreten. Anderseits sieht man deutlich, daß wissenschaftliche Produktivität und Exzellenz nicht mit der Medienpräsenz zusammenhängen.

Natürlich: Stefan Rahmstorf selbst ist ein begabter Kommunikator, was auch sein hervorragender Blog beweist. Auch Paul Crutzen ist mir perönlich ein Begriff oder auch Hans-Joachim Schellnhuber (Chef des PIK in Potsdam) wird häufig in Zeitungsberichten zitiert. Und dann gibt es noch Mojib Latif, der auch mediale Qualitäten und eine entsprechende Präsenz aufweist. Aber andere Forscher aus der Liste tauchen in "den Medien" kaum auf.

Das "Falter-Phänomen": Wie Medien nach Interviewpartnern suchen

Insofern wirft der Artikel ein bezeichnendes Licht auf die Art und Weise, wie Medien "ticken". Ich möchte deren interne Logik, die selektive Recherche nach Gesprächspartnern als "Falter-Phänomen" bezeichnen. Als Falter-Phänomen deshalb, weil der Politikwissenschaftler und Parteienforscher Jürgen W. Falter mit seiner medialen Omnipräsenz ein Paradebeispiel dafür ist, welche Qualitäten hier gefragt sind.4

Auch der "Wissenschaftler" ist ein medienspezifisches Konstrukt. Die Medienpräsenz hängt nicht zwangsläufig von der Reputation ab.

Es gab Zeiten, in denen man sich nicht sicher sein konnte, ob Sonntagabends in der ARD wirklich noch die Talkshow von Sabine Christiansen oder vielleicht doch die Jürgen W. Falter-Show lief. So häufig war der Mainzer Parteienforscher dort zu Gast, daß er vermutlich alle Mitarbeiter der Talkshow (vom Beleuchter bis zur Garderobenfrau) mit Namen kannte.

Mit diesen Feststellung soll im übrigen nicht zum Ausdruck gebracht werden, es sei nicht wünschenswert, daß Wissenschaftler kompetent und verständlich Auskunft geben. Im Gegenteil: ich halte es sogar für ärgerlich, daß manche Forscher im Kollegenkreis belächelt werden, wenn sie in Interviews Rede und Antwort stehen.

Es ging mir lediglich um die Feststellung, daß es oftmals ein recht kleiner, exklusiver Personenkreis ist, der für das jeweilige Fach "spricht". Und auch hier gilt das Matthäus-Prinzip – sichtbare Forscher werden mit noch größerer Sichtbarkeit ausgestattet. Im kleinen Rahmen erlebte das dieser Tage auch der "bloggende Blogforscher" Jan Schmidt.5

Das Fazit: Die Wissenschaftler, die wir in den Medien lesen, sehen und erleben, sind schlicht die Wissenschaftler, die wir in den Medien sehen. Ob es gleichzeitig diejenigen sind, die auch fachintern Maßstäbe setzen, ist eine andere Frage. 

 


 

Links:


Literaturempfehlungen:

 

 

  1. Es ist natürlich klar, daß die Zitationsrate auch nicht das ausschließliche Kriterium wissenschaftlicher Exzellenz ist. So werden bspw. Übersichtsartikel häufiger zitiert als eigenständige Studien. Zugleich hängt die Quote auch davon ab, ob man zu einer Frage arbeitet und publiziert, die potentiell ein großes Fachpublikum hat oder ob es nur wenige Forscher gibt, die dazu arbeiten. Insofern ist die Zitationsrate eher als "Wissenschafts-Technorati" einzuschätzen. ;-) []
  2. Stefan Rahmstorf hat dazu im "Web of Science" die Publikationen gesichtet und dabei die 1000 meistzitierten Studien herausgenommen. Unter diesen häufig rezipierten (um unter diese Top-1000 zu kommen muß eine Arbeit mindestens 82-mal zitiert werden) sind insgesamt 127 Arbeiten mit deutscher Beteiligung. []
  3. Was natürlich der Logik von Medien geschuldet ist. []
  4. Das sind u.a. auch die Fähigkeit das Fachjargon auf ein Mindestmaß zu reduzieren, ohne dabei Einbußen im Hinblick auf den Expertenstatus hinnehmen zu müssen. Kurz und knackig, gerne pointiert – so möchten es die Journalisten. Selbstdarstellungsqualitäten sind natürlich auch gefragt. []
  5. Wobei ich in Jans Fall ausdrücklich darauf hinweisen muß, daß er im Bezug auf die Interviewanfragen der letzten Tage ohne Zweifel die allererste Wahl als Gesprächspartner ist. Interessant ist hier ja nur, wie sich solche Anfragen häufen und fast multiplizieren… []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

4 Reaktionen »

  • JanSchmidt :

    „Wobei ich in Jans Fall ausdrücklich darauf hinweisen muß, daß er im Bezug auf die Interviewanfragen der letzten Tage ohne Zweifel die allererste Wahl als Gesprächspartner ist. Interessant ist hier ja nur, wie sich solche Anfragen häufen und fast multiplizieren…“

    – zunächst mal danke für die Blumen :). Ich lehne natürlich nicht ab, wenn ich um ein Interview gebeten werde und mich halbwegs kompetent fühle, auch etwas zu dem Thema zu sagen – aber für viele Themen gibt es auch eine ganze Reihe anderer profilierter Forscher/innen, nicht zuletzt auch aus dem Kreis der Hard Blogging Scientists, die ich auch gerne auf entsprechende Nachfragen von Journalisten empfehle.

    [twort T]

  • Marc :

    @Jan:

    Bitte, bitte, gern geschehen. Aber ich habe die Anmerkung ja nicht aus Höflichkeit, sondern aus Überzeugung gemacht!

    Ich fand Deine Erfahrungen eben nur sehr bemerkenswert und eben bezeichnend dafür, wie Journalisten ihre Gesprächspartner finden. Geht ja schon in Richtung Schneeball- oder Dominoeffekt.

    [twort T]

  • planeten :

    Das hat man schon an dieser Eisschollengeschichte gemerkt. Warum wurde sie hochgehievt? Es gab eine schmissige Presseerklärung mit den richtigen Reizwörtern und tolle Videos und Bilder dazu. Und sobald der erste sich darauf gestürzt hat, rannten alle blind hinterher.

    Praktischerweise gab es zeitgleich diesen Extremwetter-Kongress und einige Journalisten hielten einfach jedem x-beliebigen, der nicht schnell genug weglief und unfallfrei einige Sätze sagen konnte, die Kamera ins Gesicht.

    [twort T]

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