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Wir schreiben uns die Welt, wie sie uns gefällt » Fehlerkultur, Fehlerkorrektur, Fehlerquadratur? » Totengräber des Journalismus

18. März 2008 | 18:55 Gelesen: 6384 · heute: 9 · zuletzt: 22. December 2014 5 Reaktionen

Ältere Zeitgenossen berichten gelegentlich von Zeiten, in denen journalistische Standards in Ehren gehalten wurden. Und – man mag es kaum glauben – es gab sogar so etwas wie ein "journalistisches Berufsethos". Das muß lange, lange her sein. Viele der heutigen Journalisten wissen vermutlich nicht einmal mehr, wie man den Begriff "Berufsethos" schreibt…

Daß unter Zeitdruck, in der Hektik des Tagesgeschäfts auch einmal Fehler unterlaufen – geschenkt. Daß aber trotz wiederholter Hinweise fehlerhafte Informationen nicht korrigiert werden, ist nichts anderes als ein Armutszeugnis. Liebe Journalisten von Süddeutscher Zeitung und Tagesspiegel: ihr seid die Totengräber Eurer Zunft.

Viel zu oft paaren sich mangelhafte Sachkenntnis und Recherchefaulheit. Das Ergebnis: schlechte Texte.

Es ist keine große Kunst, als Blogger auf die verschnarchte Sippe der Printjournalisten zu schimpfen. Mit schöner Regelmäßigkeit liefern die Redaktionen wunderbare Steilvorlagen. Wenn sich mangelhafte Sachkenntnis mit Recherchefaulheit verbindet, dann ist das Ergebnis vorhersehbar: nämlich ein schlechter Text.

Und wenn sich dieser Text mit dem Wandel der Medienwelt oder gar dezidiert mit dem Web 2.0 auseinandersetzt, dann darf man sich nicht wundern, daß die Blogosphäre genüßlich auf diese Unzulänglichkeiten hinweist. Wer fauliges Gemüse verkauft, der muß damit rechnen, daß die Kunden das Zeug zurückwerfen.

Kriterien einer Fehler- und Lernkultur

Nun stellt sich allerdings die Frage, wie man damit umgeht, wenn man "ertappt" wird. Was also tun, wenn einen Leser oder Blogger auf sachliche Fehler in bestimmten Artikeln hinweisen? Für einen Journalismus, der seine Daseinsberechtigung nicht nur aus der Tradition schöpft,1 sondern auch in der zukünftigen Medienlandschaft einen legitimen Platz für sich beanspruchen will, gibt es im Grunde nur eine einzige Reaktion: erstens das Eingeständnis des Fehlers,2 zweitens die Korrektur, drittens die Lernbereitschaft bzw. Abstellen der Fehlerquellen. 

Was tun, wenn man auf Fehler hingewiesen wird? Ignorieren, aussitzen, korrigieren?

Das liest sich einfach und ist – so sollte man meinen – eine Selbstverständlichkeit. Denn wodurch rechtfertigen FAZ, SZ, Spiegel, Zeit und Co. ihren selbstbehaupteten Status als Qualitäts- und Leitmedien, wenn nicht dadurch, daß sie sich täglich durch routinierte Themenauswahl, solide Recherche und im Ernstfall ein professionelles Fehler- und Krisenmanagement auszeichnen?

Ich habe erst neulich einen "Watchblog" für FAZ, SZ etc. nach dem Vorbild des BILDBlog angeregt. Das war damals – um ehrlich zu sein – nicht ganz Ernst gemeint. Mehr und mehr gewinne ich den Eindruck, als sei es allerhöchste Zeit, diese Idee umzusetzen. Zwei Beispiele…

Die unendliche Geschichte: die SZ und Blogs…

Erst vor wenigen Tagen war in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel unter der etwas zweifelhaften Überschrift "Freie Hatz für freie Bürger?" zu lesen. Am 14.3. skizzierte Niklas Hofmann im SZ-Feuilleton aktuelle Veränderungen im Umgang mit Kommentaren in Onlinezeitungen, Foren und Blogs. Er kommt dabei zum Schluß, daß der einstige Wildwuchs immer stärker reglementiert werde. Er berichtet seinen neugierigen Lesern etwa:

"Doch nun entfaltet sich auch in der Blogosphäre eine Diskussion darüber, ob sich der Umgang mit Kommentaren nicht verändern muss."

Und er zieht folgende interessante und durchaus diskussionswürdige Schlußfolgerung:

"Die anonyme, offene Kommentarfunktion scheint auf dem Rückmarsch zu sein. Der Blogger Fabian Mohr lässt seit Anfang des Monats nur noch Kommentatoren zu, die ihren vollen Namen angeben. Ähnlich wird es in anderen Blogs gehalten."
[Niklas Hofmann, Freie Hatz für freie Bürger?, 14.3.2008]

Aha. Eine spannende Beobachtung und insgesamt mag ich wenig an dem Artikel aussetzen – das Problem ist nur: dieses oben von Niklas Hofmann bemühte Beispiel des Blogs von Fabian Mohr stimmt nicht. Es ist eine vollkommen unverständliche Falschinformation, über die man nur den Kopfschütteln kann. Fabian – selbst erfahrener (Photo-)Journalist – stellt auf seinem Blog klar:

"Das ist nicht richtig. Weder stimmt es, dass Leser bei mir nur unter ihrem vollen Namen kommentieren dürfen (es geht auch Nickname und URL, die meisten meiner Leser kommentieren so), noch ist es zutreffend, dass ich das erst seit kurzem so halte. Meine Kommentar-Policy gilt seit Mai 2005, als dieses Blog an den Start ging – und ist seit Tag 1 nachzulesen."
[Fabian Mohr, 16.3.2008]

Ich weiß nicht, was Niklas Hofmann geritten hat, als er diese kurze Passage in seinem Artikel schrieb. Wozu? Konnte er nicht ahnen, daß hier reklamiert wird? Wem nutzt eine solche These, daß es angeblich Tendenzen gebe, die Kommentarfreiheit sukzessive einzuschränken, wenn die zitierten Beispiele nicht der Wahrheit entsprechen?

Das traurige – und mein Zwischenruf bezieht sich ja auf die journalistische Fehlerkultur – aber ist: diese eindeutige Fehlinformation ist bis heute bei der SZ zu lesen. Ich habe keinen Zweifel an der Darstellung von Fabian Mohr, der schreibt:

"Da die Süddeutsche Zeitung es trotz Email und Kommentar einfach nicht schafft, die sachlichen Fehler in ihrem Artikel “Freie Hatz für freie Bürger?” (auch bei jetzt.de veröffentlicht) zu korrigieren, eine kurze Klarstellung. …"
[Fabian Mohr, 16.3.2008]

Warum, liebe SZ, seid Ihr euch zu fein, um diese 1 1/2 Sätze aus dem Artikel zu streichen? Warum so stur? Kann man Euch nicht mal an der erwähnten journalistischen Ehre packen?

Ich selbst habe ja den Eindruck, daß Ihr im Moment alles falsch macht. Zeichnete sich wirkliche Professionalität nicht eher dadurch aus, daß man solche Pannen schnell und umfassend korrigiert? Das hätte Größe, das würde wenigstens illustrieren, daß ihr es – im Prinzip – mit der journalistischen Sorgfaltspflicht ernst meint!

Aber so? Wie lautet die Strategie? Aussitzen? Totschweigen? Oder fühlt Ihr Euch einfach zu wohl – in der schlechten Gesellschaft der, wie man früher wohl sagte: "Qualitätszeitungen"?

Die traurige Realität: die Fehlerkorrektur wird zur Fehlerquadratur

Denn vermutlich bekäme ich auf meine Anfrage, weshalb nichts korrigiert wurde, ja die Antwort: "Die beim Tagesspiegel machen es auch nicht besser!" Das stimmt, die beim Tagesspiegel machen es nämlich schlimmer. Aber seit wann mißt sich die SZ mit dem Berliner Tagesspiegel? 

Beim Tagesspiegel ist man offensichtlich nicht nur unfähig, sauber zu recherchieren. Fehler und falsche Zahlen werden eher multipliziert, als korrigiert. :-(

Zur Erinnerung: vor rund 6 Wochen schrieb Irja Most einen launigen Artikel über das Problem des Geldverdienens im neuen Netz. Der ganze Text war – man muß es leider sagen – eine Sammlung von Halbwahrheiten, irreführenden Informationen und haarsträubender Unkenntnis.

Ich hatte einige der konkreten Fehler benannt. U.a. war gleich im zweiten Absatz die Behauptung aufgestellt worden, daß Bloggen mittlerweile Volkssport sei und man durfte lesen: "jeder fünfte Internet-Nutzer bloggt." Es ist keine höhere Mathematik vonnöten, um festzustellen, daß hier behauptet wird, es gäbe 10 Millionen Blogs! Das ist natürlich vollkommener Unsinn. Ich habe damals in meinem Artikel erstens andere (seriöse!) Zahlen genannt, zweitens mein Unverständnis über die Tagesspiegel-Redaktion geäußert: 

Da behauptet man frech "Bloggen ist Volkssport" und stellt die Zahl von ca. 10 Millionen Blogs in den Raum. Ob dies auch nur im mindesten plausibel ist, interessiert niemanden… […] Gibt es beim geschätzten Tagesspiegel keinen Redakteur, der über solch haarsträubende Patzer stolpert?
[Wissenswerkstatt: Recherche ist Luxus! Nachdenken auch?, 6.2.2008]

Einige Tage darauf meldete sich tatsächlich Mercedes Bunz – die Online-Chefin – in den Kommentaren zu Wort. Der bzw. die Fehler seien erkannt und berichtigt:

"An der Kritik ist was dran, wir haben das folglich teilweise berichtigt. Netter wäre allerdings gewesen, das nicht nur hier zu posten, sondern die Redakteurin oder zumindest die Redaktion direkt darauf aufmerksam zu machen. Hoffentlich beim nächsten Mal."
[Kommentar von Mercedes Bunz, 18.2.2008]

Hey! Steht es etwa doch nicht so schlimm um die Journalistensippe? Und wenn man tatsächlich auf Fehlermeldungen reagiert, will ich das nächste Mal gerne per Mail reklamieren, bevor ich hier im Blog meckere. Allerdings: mein Optimismus währte nur kurz. Als ich die "korrigierte" Version des Artikels las, war sie wieder da: die Ernüchterung und Enttäuschung über das berufliche Selbstverständnis mancher Journalisten. Denn was durfte man (nachdem ich und andere auf die Fehler hingewiesen hatten!) dann im fraglichen Artikel lesen?

"Bloggen ist auch in Deutschland längst zum Volkssport geworden. Rund acht Prozent schreiben mindestens einmal pro Monat Beiträge in eigenen oder fremden Blogs. Weitere zwölf Prozent bloggen gelegentlich. Fast jeder zweite liest Online-Tagebücher."
[Irja Most: Bloggen für Millionen, Tagesspiegel, 4.2.2008 – "korrigierte" Version]

Wieviele Blogs gibt es in Deutschland? 10 Millionen? 16,4 Millionen…?

Wollen mich Mercedes Bunz und ihre Mannschaft ärgern? Ist das was anderes als ein journalistisches Herausstrecken der Zunge, das nur sagen will: "Wenn Du uns auf Fehler hinweist, dann schreiben wir mit Absicht noch größeren Mist!" – Denn: nun ist die Bezugsgröße ja offenbar die Gesamtbevölkerung ("Bloggen ist Volkssport") und davon bloggen angeblich 12+8%. Oh nein! Ich habe am 18. Februar (also vor einem Monat!) in den Kommentaren sofort ausführlich auf den neuen Fehler hingewiesen und ausgeführt:

"Das macht, wenn mich nicht alles täuscht: 20%. Wenn man diesen neuen Infos glauben soll, dann sind 20% der deutschen Gesamtbevölkerung entweder Blogger oder wenigstens Blogkommentatoren. In Zahlen ausgedrückt wären das aber 16,4 Millionen Bundesbürger!

Entschuldigung, das ist noch viel größerer Käse, als zuvor.

Aber es geht ja noch wunderschön weiter, denn der Satz: “Fast jeder zweite liest Online-Tagebücher”, bezieht sich ja ebenfalls auf die Gesamtheit. Bedeutet also konsequenterweise: wir müssen von ca. 40 Millionen Bloglesern ausgehen."
[Mein Kommentar vom 18.2.2008]

Und ich habe – ich bin lernfähig! – natürlich an Mercedes Bunz und ihre Redaktion eine Mail mit dem Hinweis auf den neuerlichen Lapsus geschickt. Und: ich habe auch eine Antwort erhalten – man werde sich darum kümmern. Wie ich geschrieben habe: das alles ist schon wieder vier Wochen her. Ungeduldig bin ich also nicht – aber auch heute noch stehen diese vollkommen falschen Zahlen im Artikel.3

Wollen uns die Journalisten der Qualitätsblätter vielleicht ein verstecktes Zeichen geben? Wollen sie uns signalisieren, daß wir sie nicht mehr Ernst zu nehmen brauchen?

Wenn ich selbst recherchiere, dann haben übrigens Informationen, die ich in Tageszeitungen finde, für mich eine deutlich höhere Wertigkeit, als andere Online-Infos. Gegenüber Blogposts sollte man deutlich kritischer sein.

Ich werde den Tagesspiegel aus meiner Liste der zuverlässigen Quellen aber wohl streichen müssen. Und die Süddeutsche, die ich seit vielen Jahren abonniert habe, werde ich wohl oder übel auch in die Reihe der Kandidaten aufnehmen, die zu faul, zu blöd, zu arrogant sind, um Fehler einzugestehen und zu berichtigen.

Traurige Journalistenzunft des Jahres 2008. 

 
 
 


Links: 

Literaturempfehlungen / Nachhilfe:

 


  1. Denn daß die sog. Qualitätsmedien und insbesondere die Zeitungen große Verdienste haben, ist unbenommen. []
  2. Journalisten sind Menschen und Menschen sind fehlbar… []
  3. Von den anderen Fehlern ganz zu schweigen… []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
Twitter: Werkstatt | Meine (private) Website | Profile bei: Google+ | Facebook | Xing

Kommentare

5 Reaktionen »

  • kamenin :

    Ich habe mich zweimal direkt an Redaktionen gewandt (NZZ und FAZ), was erst mal schon dadurch wenig erwünscht aussieht, dass man Online-Formulare ausfüllen muss oder an irgendeine redaktion@-Adresse schreiben muss, nicht an eine dafür gedachte, in Deutschland aber nicht realisierte Ombudsstelle. Das eine mal ging es um einen zu 75% übernommenen Artikel aus der NYT (ohne Kennzeichnung), das andere mal um ein von einem Journalisten fabriziertes und gefälschtes Zitat in einem Meinungsstück. In dem Fall hatte ich mir sogar die Mühe gemacht, das ohne Quelle angegebene Originalzitat, das anschließen zerstückelt und sinnwidrig ergänzt wurde, zu recherchieren.
    Beide Male kam keine Reaktion, nicht mal eine “wir prüfen das”-Vertröstung; weder an den Blogautor, noch an den unter Klarnamen schreibenden Leser. Und beide Mails waren natürlich in schönster Höflichkeit und Unaufgeregtheit formuliert, also möglicherweise anders als auf meinem Blog ;-)

    Von mir aus können diejenigen also in Zukunft noch so viel jammern, dass man doch nicht gleich die Fehler in Blogs öffentlich machen muss. Es ist einfach unehrlich, solange man ansonsten die Beanstandung eindeutig dokumentierte Fehler einfach ignoriert.

    Beste Grüße, k.

    ps. Etwas anderes sind unsägliche Blogs, die ihre Meinung für so wichtig halten, dass sie bei jeder ihrem Weltbild über Amerika und Israel zuwiderlaufenden Meldung die Keule auspacken und ihre Leser auffordern, doch möglichst viele Mails abzuschicken. Von daher verstehe ich da auch einen gewissen Vorbehalt gegen Blogs in den Redaktionen.

    [Auf diesen Kommentar antworten]

  • Wolfgang Michal :

    Es gibt doch das schöne Mittel der Gegendarstellung. Warum hat Fabian Mohr das nicht benutzt?

    [Auf diesen Kommentar antworten]

  • Marc :

    @Wolfgang Michal:

    Das ist natürlich eine berechtigte Frage und ich habe sie Fabian in seinem Blogbeitrag (Link ist oben angegeben) auch gestellt. Ich erlaube mir, seine Antwort hier wiederzugeben:

    “Ich will der SZ ja nicht drohen […] – ich lese sie meist sehr gern, bin in einem SZ-Haushalt großgeworden. Es gibt also eine gewisse Verbundenheit zur Süddeutschen. Ich warte aber auf den Tag, wo sie beginnt, souverän und transparent mit sachlichen Fehlern umzugehen.

    [Auf diesen Kommentar antworten]

  • Jeeves :

    “…Zeiten, in denen journalistische Standards in Ehren gehalten wurden. Und – man mag es kaum glauben – es gab sogar so etwas wie ein “journalistisches Berufsethos”. ”

    Wann soll denn DAS gewesen sein?
    Schon zu Karl Kraus’ Zeiten vor rund hundert Jahren war’s doch schon so wie heute. Es war also keineswegs früher alles besser.

    [Auf diesen Kommentar antworten]

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