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Aufklärung und Risikodialog mit Blogs? » Partizipativer Technikdiskurs für Jugendliche im Gentechnik-Blog | Werkstattnotiz LXVI

14. Februar 2008 | 18:34 Gelesen: 6811 · heute: 3 · zuletzt: 27. June 2017 2 Reaktionen

Als Blogger steht man ja immer noch im Generalverdacht, man fische in allzu seichten Gewässern. Denn überwiegt in der Blogosphäre nicht doch Katzencontent, eitle Nabelschau und belangloser Klatsch? – Dieses vorurteilsbehaftete Bild wird glücklicherweise mehr und mehr korrigiert: und die wissenschaftlich ausgerichteten Blogs haben daran sicher einen großen Anteil.

Denn Wissenschaftsblogs können – so unterschiedlich sie konkret ausgestaltet sind – etwas leisten, was anderen Varianten der Wissenschaftskommunikation kaum möglich ist: Blogs sind Dialoginstrumente, die eben die Asymmetrie konventioneller (Massen-)Medien auflösen. Denn gute Blogs1 nehmen ihre Leser ernst. Jeder Blogartikel ist ein Gesprächsangebot.  

Ganz aktuell ist nun ein neues Online-Portal gestartet, das diese Vorteile nutzen will. Und man hat sich hohe Ziele gesetzt: nämlich den Kenntnisstand von Schülern und jungen Erwachsenen zur Gentechnik zu verbessern. Und (das alles basiert ja nicht umsonst auf einem Blog) gleichzeitig soll ein Forum etabliert werden, in dem Jugendliche sich tatsächlich am Diskurs um Chancen und Risiken der Gentechnologie beteiligen können. Wie gesagt: Blogs sind Dialoginstrumente – auf www.wie-weit-wollen-wir-gen.de ist der kommunikativ-partizipative Dialog zu allen Themen der Genforschung eröffnet. 

Wie weit wollen wir gen.jpg 

Blogs sind Dialoginstrumente: Der Gentechnikblog soll Jugendliche am Diskurs zu Chancen und Risiken der Gentechnologie beteiligen.

Die Seite ist erst seit gestern freigeschaltet und nun ist ein erster Blick auf das Projekt möglich. Ich bin (das sei an dieser Stelle gleich erwähnt) natürlich aus mehreren Gründen interessiert: erstens zählt die Wissenschafts- und Risikokommunikation ja zu meinen Interessensschwerpunkten, zweitens ist die Humangenomforschung Gegenstand meiner Doktorarbeit und drittens bin ich Mitglied des wissenschaftlichen Beirats, der dieses Projekt im Hintergrund ein wenig begleiten wird.

Insofern bin ich natürlich etwas voreingenommen, möchte aber dennoch dafür werben, sich in den nächsten Wochen und Monaten auf der Website umzusehen. Die Zielgruppe des Blogs sind Schüler und Jugendliche. Es geht also nicht darum, hier einen wissenschaftlichen (Fach-)Diskurs abzubilden.

Die zugrundeliegende Idee ist recht einfach: Ausgangspunkt ist die Tatsache, daß der technologische Fortschritt der Genomforschung immer neue Fragen aufwirft, zu denen sich die Gesellschaft (also auch jeder einzelne Bürger, Konsument und Patient) auf die eine oder andere Weise verhalten muß. Welche Anwendungen halten wir für wünschenswert? Welche Forschungsschwerpunkte sollen gebildet werden? Was erscheint uns als zu riskant oder ethisch nicht vertretbar?

Mehr Infos, mehr Wissen und selbst mitreden dürfen. Kann ein Blog junge Erwachsene für technologische Fragen interessieren und sensibilisieren?

Info- und Diskussionsblog für mündige Konsumenten und Bürger

Die Antworten darauf kann nur der gesellschaftliche (Technik-)Diskurs ergeben. Aber genau dazu bedarf es informierter, interessierter Bürger. Denn wer soll den Dialog, die Diskussion darüber führen, was wir wollen oder nicht? Es geht also um Urteilsfähigkeit, um Kenntnisse und auch so etwas, was wir Soziologen "Risikomündigkeit" nennen.

Und ein Blog bietet eine vielversprechende Möglichkeit, um an Schüler heranzutreten und ihnen v.a. die Gelegenheit zu eröffnen, sich aktiv in die Diskussion einzubringen. Das sind in Kurzform meine Anmerkungen zum Blog, der im Rahmen des Projekts "Genitiv"2 erstellt wird.

Auf der Website ist zu den Hintergründen zu lesen:

Mit diesem Projekt wollen wir

  1. herausfinden, welche Fragen aus dem Gebiet der Gentechnik junge Menschen interessant finden, welche Themen umstritten sind und bei welchen Themen Einigkeit besteht,
  2. Eure Ansichten und Anforderungen ins Blickfeld einer breiteren Öffentlichkeit rücken,
  3. herausfinden, wie das Internet die Beteiligung junger Menschen an gesellschaftlichen Diskursen fördern kann.

Wie gesagt: der Blog ging gestern ans Netz und bislang ist auch nur ein erster Artikel bzw. ein erstes "Thema" erschienen. Und ich muß dem Scienceblog-Kollegen Christoph Larssen natürlich rechtgeben, daß der erste Beitrag (das bekannte Bild der Nacktmaus, der ein künstlicher Ohrknorpel transplantiert wurde) nicht wirklich optimal ist. Für eilige Leser entsteht der Eindruck, das Ohr sei der Maus möglicherweise durch gentechnologische Manipulation "gewachsen". Und die Züchtung von Hybridwesen oder zumindest das Bild von Tieren als "menschlichen Ersatzteillagern", sollte man nicht gleich wieder in den Vordergrund stellen. Die Hintergrundinfo zum Photo findet sich hier.

Ich denke aber, daß es sich lohnt, in ein paar Wochen die Seite nochmals zu besuchen. Bis dahin sollten deutlich mehr Infos vorhanden sein. Legen Sie also jetzt schonmal ein Lesezeichen an. ;-)

Und als wirklich gute Infoquellen für alle Fragen rund um die "grüne"3 und die "rote"4 Gentechnologie möchte ich noch folgende Seiten empfehlen:

Zur Gentechnologie bei Lebensmitteln, Saatgut, Pflanzenzüchtung etc. –

Zum gesamten Feld der Gentechnik und auch mit Info zu deren medizinischen Aspekten –

 

[Update: 14.2.2008 | 21:00Uhr]

Noch ein weiteres Hinweis: Wie der Untertitel des Blogs "Das offene Blog zur Genforschung" andeutet, so unterscheidet sich das Konzept von konventionellen Blogformaten. Es handelt sich hier nämlich in gewisser Weise um ein "Mitmach-Blog", d.h. es werden eben von der Redaktion Fragen bzw. Themen vorgegeben und die Leser können selbst kleine Posts zu diesen Topics posten. Und diese "Sub-Artikel" können dann wiederrum kommentiert und bewertet werden.

Los geht es eben mit der Frage: "Stell Dir vor, Dir fällt ein Ohr ab, würdest Du ein auf dem Rücken einer Maus gezüchtetes menschliches Ohr nehmen?" – Ich halte das auch nicht für den glücklichsten Einstieg, aber die Menschen, die hinter dem Projekt stecken, haben im Vorfeld viel Zeit investiert, es wurden mehr als hundert Berliner Jugendliche bei der Themenfindung einbezogen und befragt und ich gebe dem Projekt einen ersten Vertrauensvorschuß. :-)

[Die Pressemitteilung zum Start findet sich hier.]

 


Links:

Lektüretipps:

 

  1. Egal ob mit wissenschaftlichem Akzent oder nicht. []
  2. Gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung; beteiligt sind das "IZT – Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung", die "Dialogik GmbH", die "Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW)" und schließlich "politik-digital.de". []
  3. Hiermit ist die Pflanzenbiotechnologie gemeint. []
  4. Also alle medizinisch, therapeutischen Aspekte der Genforschung. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

2 Reaktionen »

  • xconroy :

    Okay, ist erst einen Tag alt. Trotzdem möchte ich ein bißchen nörgeln.

    Erstmal ist der Ansatz, der aus dem ersten Artikel erkennbar zu werden scheint, diskussionswürdig: mittels dem Pieksen nach Emotionen („iih, ein Ohr auf der Maus, wie eklig!“ oder „das arme Tier, wie kann man nur!“) kann man zwar eine Sachdiskussion in Gang setzen, aber irgendwie… billig finde ich es schon. So stelle ich mir eher die Versuche von strikten Gentechnik-Gegnern vor, mittels Appellen an Emotionen ein rationales Abwägen zu verhindern…

    Dann soll sich das Ganze vorwiegend an Jugendliche richten. Bitte, bitte, bitte nicht den Fehler machen und den Textstil oder die Herangehensweise auf „jugendgerecht“ trimmen (ich bin in der Jugendarbeit tätig und mein Eindruck ist eindeutig, daß Jugendliche es nicht mögen, so angesprochen zu werden – sie fühlen sich nicht ernstgenommen dadurch). Und ein, siehe oben, irgenwie manipulativ wirkender erster Beitrag erzeugt ganz schnell einen Spin in Richtung „aha, da will mich wieder einer pädagogisieren, statt mich auf Augenhöhe an einer Sachdiskussion teilnehmen zu lassen“.

    „Jugendlich“ kann ja viel bedeuten, im Prinzip alles von 12 bis 25. Welche Altersgruppe soll denn hauptsächlich angesprochen werden? So ein Blog muß ja irgendwie bekannt werden, und wenn man sich über die Zielgruppe klar ist, kann man auf den von dieser Gruppe häufig genutzten Seiten entsprechend drauf hinweisen.

    Und: da wird doch wohl noch RSS kommen, oder?

    Beste Grüße
    xc

    [twort T]

  • Marc :

    @xconroy:

    Solche „Nörgelei“ ist ja vollkommen legitim. Ich stimme Dir auch voll und ganz zu und habe per Mail die Macher der Seite auch schon auf manche Aspekte, die verbessert werden sollten, hingewiesen.

    Ich gehe davon aus, daß (sobald weitere Themen und Artikel präsentiert werden) man sich ein besseres Bild machen kann und dann sehen wird, daß es keinesfalls um eine parteiische Beeinflußung geht. Ganz im Gegenteil: der Blog soll ja gerade zur Meinungsbildung beitragen und möglichst das gesamte Spektrum der Positionen abbilden.

    Ein Problem ist aber natürlich wirklich die Sprache. Anbiederung an eine Pseudo-Jugendsprache ist freilich Blödsinn. Aber man muß die Altersgruppe (ich behaupte mal frech, daß es v.a. um 14-20jährige geht) bezüglich des Vorwissens natürlich berücksichtigen. Und allzu viel Fachgeschwurbel ist da eben eher hinderlich.

    Und andere (Blog-)Features werden (denke ich) bald integriert.

    [twort T]

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