Startaufstellung der Scienceblogs » Licht, Schatten und viel Nachholbedarf

Mit Scienceblogs ist ein wirklich vielversprechendes Projekt gestartet. Wissenschaft ist ein Megathema und das interessierte Publikum ist nachweislich vorhanden. Noch aber dämmert die Wissenschaftsblogszene im Dornröschenschlaf. Dabei könnte ein Top-Wissenschaftsblog-Portal den konventionellen Verlags-Wissenschaftsjournalismus gehörig das Fürchten lehren. Was ist, wenn hier in Deutschland ein Science-Blogger einen Pharmaskandal aufdeckt? Was ist, wenn die durchdachteren Analysen zu wissenschaftlichen Innovationen in den Blogs stehen? 

Welche Qualitäten müssen Wissenschaftsblogger haben? Gibt es überhaupt genug Wissenschaftsfreaks?

Die große Frage lautet, ob man ein Wissenschaftsblog-Portal etablieren kann und will (!), das sich wirklich am "Puls der Wissenschaft" befindet. Ich hatte bereits skizziert, daß ein gutes Händchen und viel Gespür nötig ist, um die richtigen Blogger für das Projekt zu begeistern.

Wichtig sind Leute, die tatsächlich mit Herzblut bei der Sache sind. Überzeugungstäter sind gefragt - doch davon stehen bislang viel zu wenige bei Scienceblogs unter Vertrag.

Die Wissenschaftsjournalistin Beatrice Lugger, die das Projekt als "Associate Editor" betreut, ist mit viel Engagement bei der Sache1  - allerdings ist diese positive Begeisterung nicht bei allen Bloggern zu spüren.2 Die jungen, wilden, hungrigen Wissenschafts-Freaks sind deutlich unterrepräsentiert.

Blogger vom Schlage eines Lars Fischer sind Mangelware

Wenn man bedenkt, mit wieviel Witz und Sachkenntnis der umtriebige Lars Fischer seinen privaten Fisch-Blog mit Inhalten füllt, dann vermißt man so eine Figur mehr als schmerzlich. Es ist - ohne den anderen zu nahe treten zu wollen - fast nur Ludmila Carone, die hier wirbelt und wirklich nennenswert aktiv ist. Ludmila (die auch regelmäßig in der Wissenswerkstatt kommentiert3 und diskutiert) ist bei Scienceblogs unter der Adresse "Hinterm Mond gleich links" zu finden. Die Planetologin der Uni Köln ist ein absoluter Aktivposten, hält mit ihrer Meinung nicht hinterm MondBerg zurück und argumentiert sachlich und pointiert. 

Ludmila Carone ist bärenstark und Björn Kröger gewohnt souverän.

Nicht ganz so umtriebig (aber natürlich ebenfalls ein Lichtblick) ist der Paläontologe Björn Kröger, der in bewährter Weise seinen Blog "tiefes leben" betextet. Björn Kröger ist das Paradebeispiel für einen Wissenschaftler, der im Web 2.0 angekommen ist. Er berichtet souverän und unaufgeregt über seine laufenden Forschungsaktivitäten und versteht es, auch Laien einen kleinen Einblick in sein Fachgebiet zu geben. 

Und wenn er über neueste Papers zur Evolution der Arten spricht, komplexe Schaubilder und Stammbäume in seinen Artikel einbindet, dann ist es mir auch egal, daß ich bei solchen Passagen nur wenig verstehe:4

"Giribet liefert den Überblick über den Stand der Forschung bei den Lophotrochozoa zu denen die Anneliden, die Brachiopoden, Bryozoen und Mollusken gehören. Auch wenn die Mollusken zu den artenreichsten Tierstämmen gehören ist doch das Besondere an ihnen, wie an vielen anderen Lophotrochozoa, ihre enorme morphologische Vielfalt. Trotz dieser morphologische Vielfalt ist eine Stammbaumrekonstruktion nicht einfach und die Dinge liegen komplizierter als bei den Ecdysozoa."

Denn es kommt bei Wissenschaftsblogs nicht in jedem Fall darauf an, alles zu 100% zu verstehen. Wenn man eine Ahnung davon bekommt, wie innerhalb einer Fachdisziplin gedacht und gearbeitet wird, welche Vorgehensweisen dort praktiziert werden und womit sich die Forscher befassen, ist das alleine schon wertvoll und lesenswert.

Der beschwerliche Weg aus den Elfenbeintürmen in die Blogarena

Aber leider ist Björn Kröger der einzige, der diesen Part übernimmt. Es gibt zwar auch noch den Blog von Martin Korte, der als Professor für "Zelluläre Neurobiologie" an der TU Braunschweig durchaus einen Namen hat. Allerdings habe ich den Eindruck, daß seine Beteiligung am Scienceblog-Portal eher eine Gefälligkeit darstellt: Korte ist mit Burda und Focus in anderer Weise verbandelt und bislang merkt man, daß ihm die Bloggerei noch reichlich fremd ist.

Ähnlich unsicher-tastend agiert bislang Prof. Dr. Ernst Peter Fischer. Dem populären Wissenschaftshistoriker aus Konstanz5 ist anzumerken, daß er sich im neuen Umfeld noch nicht wirklich wohl fühlt. Hier muß man also noch abwarten, wie die beiden in Tritt kommen.

Allerdings zeigt sich, daß man nicht jeden ausgewiesenen Wissenschaftler einfach ins kalte Wasser der Wissenschaftsbloggerei werfen kann. Es gelten dann doch andere Regeln als in der akademischen Wildbahn.

Man hat zwar fähige Wissenschaftsjournalisten an Bord, aber offensichtlich liegen deren Prioritäten (bislang?) woanders… Außerdem gelten in Wissenschaftsblogs andere Regeln.

Wer ist sonst noch mit von der Partie? Gut - da gibt es mit Stefan Jacobasch, Volker Lange und Marcus Anhäuser gleich drei Wissenschaftsjournalisten, die ihr Handwerk beherrschen. Stefan Jacobasch nimmt sich in "Mahlzeit" der Lebensmittelthematik an, Volker Lange hat seinen Blog "Darwinjahr" zu Scienceblogs transportiert und fokussiert u.a. auf die Evolution-vs.Kreationismus-Debatte und Marcus Anhäuser ist der aktivere Part bei "Plazeboalarm", der für kritischen Medizin- und Gesundheitsjournalismus steht.6 

Allerdings ist in den ersten Wochen überdeutlich geworden, daß die Priorität dieser gestandenen Wissenschaftskommunikatoren nicht auf dem Scienceblogs-Projekt liegt. Ich habe den Verdacht, daß die pfiffigen Texte anderswo publiziert werden und der Blog nebenbei gefüttert wird. Auch hier muß sich zeigen, ob es genügt mit angezogener Handbremse zu bloggen…

Komplettiert wird das derzeitige Blog-Angebot noch durch Christoph Larssen, der ab und an interessante Fundstücke verlinkt und durchaus für kleine Lichtblicke sorgt. Daneben versucht sich Peter Artmann daran, uns News aus Medizin und Gesundheitswesen nahezubringen; manchmal sind die Artikel im "Medlog" - jedenfalls nach meinem Geschmack - aber mit zu heißer Nadel gestrickt.

Und neben dem Focus-USA-Korrespondenten Jürgen Schönstein, der sich ab und an zu Wort meldet, gibt es noch einen Blog, den die Focus-Wissenschaftsredaktion mit Inhalten beliefert. Wenn man bedenkt, daß hier 4-5 in Focusdiensten stehende Profis dennoch gerade 1-2 kurze Posts pro Woche zustande bringen, ist das ebenfalls zu wenig.7 Und der Blog, den Mitarbeiter des Deutschen Museums betreuen, ist bis heute ebenfalls unter der Rubrik "Langweiler" einzuordnen.

Abgedroschen und doch wahr: "Aller Anfang ist schwer…"

Welches vorläufige Fazit läßt sich also ableiten? Was darf man von der Truppe zukünftig erwarten? Wenn man berücksichtigt, mit welchem Anspruch das Projekt gestartet ist, kann man nur von einem etwas verstolperten Start sprechen.8 Das heißt aber natürlich nicht, daß die Chance das Portal wirklich zu einem Web2.0-Aushängeschild zu machen, vertan wäre. Wenn man das aktuelle Team etwas besser motiviert und durch neue Akteure ergänzt, kann die Sache in wenigen Monaten ganz anders aussehen.9

Verstolperter Start. Kommen die Scienceblogs doch noch in Tritt?

Erstaunt bin ich ehrlicherweise dennoch. Denn bis dato sind so viele Themenfelder nicht abgedeckt. Wo sind die Doktoranden, die über die Erkenntnisse der Hirnforschung berichten, wo die Forscher, die an den innovativen Projekten der Nanotechnologie werkeln? Wo bleiben andere Technik- und Ingenieurswissenschaften und wo die ganzen Sozial- und Geisteswissenschaften? Gibt es wirklich niemanden, der fundiert zu Fragen der Klima- und Energiepolitik bloggen kann? Niemanden, der uns über aktuelle Debatten in der Kognitions- und Lernpsychologie auf dem Laufenden hält?

Daß es wunderbare Wissenschaftsblogs gibt, beweist der kurze Blick ins Wissenschafts-Café: der Bremer Linguist Prof. Dr. Anatol Stefanowitsch illustriert in seinem Sprachblog, wie spannend der genaue Blick auf Sprache sein kann10 und der Religionswissenschaftler Michael Blume beweist hier fast täglich, daß religiös-weltanschauliche Debatten auch im Web2.0 auf anspruchsvolle Art verpackt werden können.

Schade, daß ich so tolle Blogs bislang bei Scienceblogs nicht finde…

 



Wie die Verpackung, also das Webdesign gelungen ist, welche technischen Mängel (noch) vorliegen, kommentiere ich in einem abschließenden Beitrag.

 

 


  1. Und sie schreibt auch selbst im Blog "Neurons". []
  2. Hallo nach drüben, das soll keine Kollegenschelte sein, sondern darf/soll Euch gerne ermuntern, mich eines Besseren zu belehren. []
  3. Sie verbirgt sich hinter dem Pseudonym "Planetologist" oder "Planeten" []
  4. Stammt aus dem Artikel "Paläontologen, sammelt Plattwürmer!" vom 16.1.2008 []
  5. Der in den letzten Jahren mit mehreren Wissenschaftsbestsellern großen Erfolg hatte. []
  6. Und mich erfreut, wenn er über Mythen der Zahnputzkunde aufklärt… Und wenn Marcus seinen Umzug bewältigt hat, wird bestimmt auch mehr von ihm zu lesen sein. []
  7. Außerdem übt sich der Blog "Kritische Masse" derzeit eher in den Übungen "Technikbeklatschung" und "Skeptikerbashing"… []
  8. Und auch die Zugriffszahlen sind allem Anschein nach recht bescheiden. Was sich auch in der geringen Kommentarzahl zeigt… []
  9. Daß frisches Blut dringend notwendig ist, steht m.E. nach außer Zweifel. Denn außer Björn, Ludmila und Ernst Peter Fischer ist bislang kein einziger Wissenschaftler mit an Bord, wenn man von Martin Korte absieht, der irgendwie ja doch auch der Focus-Familie angehört… []
  10. Und widmet sich dabei durchaus auch der deutschen Sprache im Pop-Business… []




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