Wider die modische Spekulation » Robert Laughlin erinnert die Physik an ihre Grundlagen | kurz&knapp 17

Wer in den Naturwissenschaften einmal mit einem Nobelpreis geadelt ist, gehört endgültig zur Elite seines Fachs, die auch jenseits der jeweiligen Disziplingrenzen gehört und wahrgenommen wird. Der Quantenphysiker Robert Laughlin wurde 1998 vom Nobel-Komitee ausgezeichnet und nutzt seine Popularität bisweilen auch, um seine Kollegen zur Räson zu rufen. Die hochgradig spekulativen Konzepte, wie etwa die Stringtheorie, sind ihm suspekt. In einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung erklärt er, weshalb.

Laughlin wendet sich gegen einen naiven Reduktionismus und plädiert für eine Sichtweise, die emergente Phänomene fokussiert: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile

Robert Laughlin, der an der Stanford University forscht und lehrt, hat für seinen Beitrag zur Klärung des sog. "Quanten-Hall-Effekts"1 bereits 1998 den Nobelpreis für Physik erhalten. Er war damals gerade 48 Jahre alt und damit geradezu unverschämt jung.

Seitdem schreibt Laughlin bisweilen auch populärwissenschaftlichere Bücher. In seinem aktuellen Buch "Abschied von der Weltformel" erinnert er seine Zunft an die Grundlagen seiner Disziplin.

"Wir Physiker sollten sorgfältig darüber nachdenken, was unsere Disziplin eigentlich ausmacht. Eigenwerbung mit für das Publikum eingängigen, tollen Ideen zerstört auf längere Sicht das Image der Physik, die ich liebe. Meiner Meinung nach sind Gesetze das Einzige, was wir haben und was andere Wissenschaften und Studenten von uns wollen. Diese Erwartung einzulösen, erfordert eine strengere experimentelle Disziplin."

Ihm sind spekulative Theorien höchst suspekt, da sie sich der Falsifizierbarkeit entziehen. Dazu zählt er u.a. die seit den frühen 90ern modische Stringtheorie. Laughlin betont:

"Man muss trennen zwischen Wahrheit und Ideologie. Die Physik ist eine experimentelle Wissenschaft. Ihre moralische Autorität gründet auf der Falsifikation, also der Überprüfbarkeit ihrer Aussagen, und nicht allein auf grossartigen Ideen."

Daneben kritisiert er alle Sichtweisen, die zwischen "fundamentalen" und "nicht-fundamentalen" Naturgesetzen unterscheiden. Experimentell sei dies nicht haltbar und jeder Physiker wisse im Grunde, daß sich viele Gesetz- oder besser: Regelmäßigkeiten nicht aus den Eigenschaften der einzelnen Atome erklären ließen.

Laughlin bezeichnet dies als Emergenz,2 also die Tatsache, daß sich bestimmte Phänomene erst auf einer Makroebene als Effekte des Zusammenspiels der systembildenden Einzelteile zeigen. Er kritisiert damit alle "reduktionistischen" Ansätze, die die Natur durch Zerlegung in immer kleinere Elemente zu erklären suchen.

Auf die Frage, ob sich denn letztlich nicht doch alles auf einige wenige basale Naturgesetze zurückführen ließe, kontert er:

"Ich will die Suche nach einer «Theorie von allem» ja auch keinem Physiker verbieten. Allerdings glaube ich aus grundsätzlichen Überlegungen nicht an den Erfolg dieser Bemühungen. Das zeigt zum Beispiel die Geschichte der Entdeckung der Supraleitung. Wir müssen uns von einer dogmatisch vertretenen, reduktionistischen Sicht der Welt verabschieden. Sie kann das Finden von Gesetzen auch behindern."

Und Laughlin kündigt abschließend ein neues Buch an, dessen Titel bereits vielversprechend klingt, dessen Inhaltsangabe aber noch mehr aufhorchen läßt:

"Es heisst «Das Verbrechen der Vernunft» und thematisiert die für eine freie Gesellschaft bedrohliche Entwicklung, dass wissenschaftliche Erkenntnisse aus wirtschaftlichen, politischen oder militärischen Gründen zunehmend geheim gehalten werden."

 


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  1. Soweit ich verstehe, geht es beim Quanten-Hall-Effekt darum, daß Halbleiter bei sehr tiefen Temperaturen und hohen Magnetfeldern bestimmte (nicht unbedingt erwartete) Eigenschaften zeigen. Der Widerstand korreliert nicht linear mit dem angelegten Magnetfeld, sondern ist diskontinuierlich. []
  2. Beispiele für Emergenz wären also etwa Wärme, Magnetismus oder die elastischen Eigenschaften eines Körpers. []




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