Gähnen wir, weil wir müde sind oder sind wir müde, weil wir gähnen? Betrachtungen eines alltäglichen Phänomens | Werkstattnotiz LII

Wir alle tun es mehrmals am Tag. Besonders häufig überkommt es uns morgens früh und abends kurz vor dem Einschlafen: wir gähnen. Aber wieso gähnen wir überhaupt? Hat es überhaupt einen tieferen Sinn, daß wir gähnen? Ist es eine physiologische Notwendigkeit oder subtiler Baustein innerhalb unseres Sozialverhaltens?

yawn01a.jpgFest steht: Gähnen ist keine schlechte Angewohnheit und als Quasi-Reflex unvermeidbar. Zwar handelt es sich eben nicht um einen Reflex im engeren Sinn, also die zwangsläufige Reaktion auf einen bestimmten (äußeren) Reiz, aber wenn man einmal mit dem Gähnen begonnen hat, so läßt sich dieser Prozeß kaum stoppen.1

Das Niesen ist hier von den Abläufen recht eng verwandt. Aber obwohl das tiefe Einatmen bei weit geöffnetem Mund in allen Kulturen zu finden ist, weiß man bis heute sehr wenig über seine Hintergründe. Nichstdestotrotz gibt es einige spannende wissenschaftliche Befunde und Erklärungsansätze.

Gegähnt wird überall auf der Welt, von Männern und Frauen gleich oft und bereits in der 11. Schwangerschaftswoche gähnt der Fötus.

Zunächst läßt sich aber festhalten: Gähnen ist eine tatsächlich universale Verhaltenseigenschaft. Junge und alte Menschen tun es gleichermaßen. Männer genauso häufig wie Frauen.2 Und: bereits der Fötus im Mutterleib gähnt.3

Seinen Sinn hat dieses Verhalten, das ab der 11. Schwangerschaftswoche beobachtbar ist, bereits darin, daß beim Gähnen die Gesichtsmuskeln kontrahiert werden, die Kiefergelenke bewegt und aktiviert werden und das Gähnen mit einer Erhöhung des Blutdrucks und des Herzschlags einhergeht. Interessant ist auch, daß bereits im Mutterleib der Gähnprozeß von eifrigen Streckbewegungen begleitet ist. Eine Kopplung, die wir auch später recht häufig finden. 

Mit wissenschaftlicher Akribie dem Gähnen auf der Spur

Die Mediziner, Neurologen und Psychologen, die sich auf die Spur des "Geheimnis des Gähnens" gemacht haben, haben im übrigen folgende nackte Daten erhoben: Ein durchschnittlicher Gähnvorgangs dauert ungefähr sechs Sekunden, variiert aber recht stark (von gut 3 Sekunden bis weit über 8-9 Sekunden). Meist wird mehrere Male hintereinander gegähnt und die Intervalllänge liegt bei ca. 68 Sekunden. Wobei die Häufigkeit und die Gähndauer nicht miteinander korrelieren.

Populärer Mythos: Gähnen hat mit Müdigkeit oder Sauerstoffmangel zu tun.

So weit, so gut: Womit immer noch nicht geklärt ist, wozu die ganze Gähnerei denn nun gut sein soll. Denn der Druckausgleich zwischen Mittelohr und Rachenraum, der über die Eustachische Röhre stattfindet, wird ausreichend auch durch Schluck- und Kaubewegungen hergestellt. Und als Zeichen oder gar Ergebnis von Müdigkeit darf man das Gähnen eben auch nicht mißverstehen. Dennoch ist die Müdigkeitshypothese, die oft auch an die Behauptung eines Sauerstoffmangels gekoppelt ist, populär.

Richtig ist: wir gähnen häufiger, wenn wir müde oder schläfrig sind. Aber in der Stunde nach dem morgendlichen Aufwachen ist die Gähnfrequenz ebenfalls deutlich erhöht und dazu begleitet von den Streckbewegungen, die man ganz ähnlich auch von Katzen und Hunden kennt. Die Sauerstoffmangelhypothese wurde allerdings mehrmals experimentell durch den Neuropsychologen Robert R. Provine widerlegt. Dessen Befunde faßt Christoph Drösser in der aktuellen ZEIT so zusammen:

Dazu ließ er [R.R. Provine] seine Probanden Luft mit unterschiedlichem Sauerstoffanteil atmen – von 20 Prozent, wie sie in der normalen Atemluft enthalten sind, bis zu 100 Prozent. Die Gähnrate blieb bei diesen Versuchen erstaunlich konstant bei etwa 24-mal pro Stunde. Auch als er den Sauerstoffanteil konstant ließ und die Konzentration von CO2 erhöhte (das ist die Hauptursache dafür, dass wir in »verbrauchter Luft« müde werden), gähnten die Testpersonen nicht häufiger.

Daß wir durch das Gähnen also zusätzlich Sauerstoff »inhalieren« wollen, ist also nicht haltbar. Auch Langeweile scheidet als Ursache wohl aus, denn man weiß, daß gerade in Phasen hoher Konzentration (bspw. bei Fallschirmspringern kurz vor dem Sprung) besonders häufig gegähnt wird. Auch aus der Tierwelt kennt man ein solches Verhalten: etwa bei Hunden, die kurz vor einer Auseinandersetzung mit einem Rivalen stehen.

Gähnen als Bestandteil des Verhaltensrepertoires bei Mensch und Tier

Gähnen kann als Drohgeste, aber auch zur Gruppenbindung eingesetzt werden. Wichtig ist: wer sich vom Gähnen anstecken läßt, ist fähig zur Empathie.

Dieses Phänomen ließe sich schon eher als Drohgeste und Imponiergehabe deuten, das beim Menschen als evolutionärer Ballast immer wieder zum Vorschein kommt.4 Daß das Gähnen eine wichtige Funktion innerhalb des Sozialverhaltens hat, scheint tatsächlich plausibel: denn Gähnen ist nachweislich ansteckend. Beginnt also etwa der Leitwolf zu gähnen, so wird es ihm sein Rudel alsbald gleichtun - das Gähnen ist hier Impulsgeber für eine "synchronisierende Gruppen-Aktivität" und dient dazu den Schlaf-Wachrhythmus aufeinander abzustimmen.

Notwendige Bedingung für dieses Nachahmungsverhalten ist aber, daß die beteiligten Gruppenmitglieder zur "Empathie" fähig sind. Neue Untersuchungen haben gezeigt, daß bei erhöhtem Serotonin-, Dopamin- oder Glutaminsäurespiegel im Gehirn die Gähnfrequenz steigt. Und diese neuronalen Botenstoffe sind für Emotionen und auch das Einfühlungsvermögen wichtig. Eine Erhöhung des Neurotransmitters Endorphin senkt allerdings die Gähnhäufigkeit. Und eine weitere Feststellung stützt den Verdacht, daß das Empathievermögen bzw. die Empathiebereitschaft mit dem Gähnen zusammenhängt: Schizophreniepatienten gähnen sehr selten.

Gähnen zur Thermoregulation des Gehirns?

Vollkommen anders gelagert ist die Theorie, die Gordon Gallup von der New York State University jüngst experimentell untermauert hat. Er vertritt die These, daß das Gähnen an der Wärmeregulierung des Gehirns beteiligt ist.5 Den Probanden spielte er Videos vor, in denen auch gähnende Menschen zu sehen waren. Jeweils ein Drittel der Versuchsteilnehmer mußte sich währenddessen einen warmen, kalten oder einen Gegenstand mit Raumtemperatur an die Stirn halten. Das Ergebnis: von denjenigen Probanden mit dem kalten Päckchen an der Stirn gähnte kein einziger. Von den anderen beiden Gruppen erlagen allerdings ca. 30% dem Nachahmungseffekt. Gallup schloß daraus, daß das Gähnen durch die Umgebungstemperatur beeinflußt wird und durch den schnellen Gähnvorgang eine gewisse Thermoregulierung stattfindet.6 

Ist der Gähnvorgang die Klimaanlage des Gehirns?

Sollen wir uns also demnächst mit Coldpacks an der Stirn in dröge Sitzungen oder Seminare setzen, damit wir die als unhöflich geltenden Gähnattacken erst gar nicht unterdrücken müssen? Sicher ist nur, daß es noch ein Weilchen dauern wird, bis die Ursachen des Gähnens wirklich geklärt sind. Ein schlechtes Gewissen sollte jedenfalls niemand haben: denn was kann schon verwerflich daran sein, sein Gehirn zu kühlen? Und im Zweifel trösten wir uns einfach damit, daß wir mit unserem Gähnen ja immerhin demonstrieren, daß wir zur Empathie fähig sind. Sollten uns also nicht vielmehr all diejenigen zu denken geben, die wir niemals bei herzhaften Gähnattacken beobachten? ;-)

 

 


 
Links: 

 Studien:

  • Gallup, A. C. and Gallup, G. G. Jr. (2007): Yawning as a brain cooling mechanism: Nasal breathing and forehead cooling diminish the incidence of contagious yawning.  Evolutionary Psychology, 5(1): 92-101. [PDF]
  • Richard Provine: Yawning: the yawn is primal, unstoppable and contagious, revealing the evolutionary and neural basis of empathy and unconscious behavior. In: American Scientist. 93, Nr. 6, November – Dezember 2005, S. 532(8).

 

 


  1. Das Photo stammt von stock.xchng (User: rick1611) []
  2. In der Tierwelt und auch noch bei Primaten gähnen allerdings die männlichen Exemplare häufiger, als die Frauen, was vermutlich mit dem "Imponiergehabe" bzw. dem effektheischenden Zähnegefletsche zu tun hat. []
  3. vgl. R. R. Provine: Behavior of the fetus. In: W. P. Smotherman and S. R. Robinson (Hrsg.): Ethol. sociobiol. 10, Telford Press, Caldwell, New Jersey 1988, S. 35-46. []
  4. vgl. Studie zum Gähnen und Drohgestik bei Schimpansen:  Anderson JR, Myowa-Yamakoshi M & Matsuzawa T: Contagious yawning in chimpanzees. in: Proceedings of the Royal Society of London B: Biological Sciences; 271; S468-S470; 2004 []
  5. vgl.: Gallup, A. C. and Gallup, G. G. Jr. (2007). Yawning as a brain cooling mechanism: Nasal breathing and forehead cooling diminish the incidence of contagious yawning.  Evolutionary Psychology, 5(1): 92-101. []
  6. Die Erklärung, daß eben auch der Anstieg des Blutdrucks und der Herzfrequenz zu einer Steigerung des Blutflusses und somit zu einem Wärmeaustausch führe, kann mich ehrlicherweise nicht 100% überzeugen. []




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