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»Väterchen Frost«, »Noel Baba«, »Il Bambinello« und das Christkind » Kurze Revue europäischer Weihnachtstraditionen

25. Dezember 2007 | 17:00 Gelesen: 9976 · heute: 2 · zuletzt: 25. May 2017 Noch keine Kommentare

Andere Länder, andere Sitten. Wer kulturelle Unterschiede erklären will, macht es sich mit solchen Thesen freilich zu leicht. Und gibt es nicht auch übergreifende Festtage und Traditionen? Feiern wir (zumindest die christlich-abendländisch geprägten Nationen) nicht alle auf dieselbe Weise das Weihnachtsfest?

Im Trubel um die Adventszeit und weihnachtlichen Festtage gerät leicht aus dem Blick, daß unsere Art das Weihnachtsfest zu feiern keineswegs so selbstverständlich ist, wie wir oft meinen. Die Plätzchenbäckerei kennen wir alle seit Kindertagen und daß am 24. Dezember die Bescherung stattfindet, scheint auch einer inneren Logik zu gehorchen. Aber wer bringt die Geschenke denn nun wirklich? Der Weihnachtsmann, das Christkind? Und welche Rolle spielt der Nikolaus, der gemeinhin um den 6. Dezember gesichtet wird?

Wer bringt denn nun die Geschenke? Der Weihnachtsmann? Das Christkind? Und was ist mit Santa Claus und dem Cola-Weihnachtsmann?

Ein kurzer Streifzug durch andere Länder und Regionen ist ganz spannend und auch in Deutschland sind – wie ich beim Religionswissenschaftler Michael Blume lese – Veränderungen zu registrieren. Denn seiner Beobachtung zufolge wird die Säkularisierungsbewegung hier wieder ein wenig zurückgedrängt. Immer mehr Leuten ist bewußt, daß der Coca-Cola-Weihnachtsmann letztlich doch nur eine hübsche Marketingidee ist, aber zumindest am 6. Dezember der Hl. Nikolaus mit Bischofsstab und Mitra seinen Auftritt haben muß:

Mit einigem Erfolg werden an Nikolaus wieder Bischöfe mit religiösen Gewändern und Legenden gesichtet. Gerade auch in Deutschland spielt dabei neben der bewußten Entscheidung kirchlicher Akteure sinnigerweise die türkische Minderheit eine Rolle – vielerorts entwickelt sich "der echte Nikolaus" zu einem gemeinsamen Bezugspunkt christlicher und muslimisch-türkischer Kindergarten- und Familienkultur.

Der Nikolaus kommt aus Anatolien

Eine interessante Entwicklung und allen Skeptikern, die einen EU-Beitritt der Türkei aufgrund angeblich unüberbrückbarer kulturell-religiöser Differenzen kategorisch ablehnen, sei in Erinnerung gerufen, daß ja der "historische" Nikolaus eben um ca. 300 n.Chr. im türkischen Patara (in der Nähe von Antalya) geboren wurde und später als Bischof von Myra wirkte.

Ansonsten ist es natürlich so, daß für die türkischen Muslime das »Seker Bayrami« (Zuckerfest) die größte Bedeutung im Jahresablauf hat und dieses wird am Ende des Ramadan gefeiert. Dennoch spielt Weihnachten in der Türkei eine große Rolle: allerdings kommt »Noel Baba«, der Nikolaus, erst eine Woche später als bei uns das Christkind. Nämlich in der Neujahrsnacht. Ebenfalls spannend ist, daß diese Weihnachtstradition durch zurückkehrende Gastarbeiter importiert wurde und also erst 30-40 Jahre alt bzw. jung ist.

Rußland: Väterchen Frost kehrt zurück

In Rußland sind die Weihnachtstage auch ein Familienfest, aber genauso wie in der Türkei hat der 24.12. eher eine untergeordnete Bedeutung. Denn die orthodoxen Weihnachten werden noch nach dem julianischen Kalender gefeiert – und nicht nach dem gregorianischen Kalender von 1582. Folglich findet am 31.12. das sog. Jelka- bzw. Tannenbaumfest statt. Dort bringt der »Ded Moros«  (Väterchen Frost) in Begleitung seiner Enkelin »Snegurotschka« (Schneeflocke) die Geschenke. Und seine Reise durch Rußland und die Ukraine unternimmt Väterchen Frost in einem Schlitten, der von drei Pferden gezogen wird. Das traditionelle orthodoxe Weihnachtsfest wird dann "richtig" am 6. Januar gefeiert, aber Weihnachtslieder kennt die russische Tradition nicht.

Der »echte« Weihnachtsmann kommt aus Lappland

Sehr viel gesungen wird allerdings in Finnland: Höhepunkt des Weihnachtstreibens ist der 24.12. und an diesem Tag kommt selbstverständlich der Weihnachtsmann. Und dieser ist in Finnland ein Original, denn die Finnen sind überzeugt, das der »joulupukki«, wie der Weihnachtsmann auf Finnisch heißt, aus Ostlappland kommt. Dort habe er im Berg »Korvatunturi« seinen Unterschlupf – Hintergrund der Sage: die Form des Berges erinnert an ein Ohr. Und mit diesem Ohr lauscht de Weihnachtsmann auf die Wünsche der Finnen. Eigentlich logisch. ;-)

Jahreswechsel in Italien: viele Geschenke, Pasta und rote Wäsche

Für Zimtsternliebhaber und Adventskalenderfreunde dürfte die italienische Weihnachtszeit etwas gewöhnungsbedürftig sein. Denn Zimtsterne, Adventskränze oder Kalender gibt es jenseits der Alpen nicht. Dafür gibt es reichlich Geschenke. Es beginnt in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember in der »Babbo natale«, der italienische Weihnachtsmann, den Kindern Geschenke bringt. Am 13. Dezember stellen die Kinder dann erst ihre Stiefel auf die Fensterbank und hoffen, daß Santa Lucia, die auf einem Esel durch die Straße reitet, etwas hineinsteckt. 

In Italien legt am 25. Dezember »Il Bambinello« die Geschenke unter die Krippe.

Und schließlich am Morgen des 25. Dezember kommt »Il Bambinello«, das Christkind, das die Weihnachtsgeschenke unter den Baum oder unter die Krippe legt. Die Krippe hat nämlich in Italien eine weitaus größere Bedeutung als andernorts. Kein Wunder, denn der Überlieferung zufolge hat Franz von Assisi im Jahr 1223 erstmals das Weihnachtsevangelium durch eine Krippe anschaulich gemacht. Ansonsten wird in Italien zu den Festtagen ebenfalls gut und reichlich gegessen. In vielen Familien wird traditionellerweise schon Tage zuvor aufwendig Pasta in verschiedensten Variationen selbst gemacht.

Und nach dem Weihnachtstrubel macht man sich in Italien an die Vorbereitungen für Silvester. Und an diesem Tag gilt es natürlich die rote Unterwäsche nicht zu vergessen, denn sonst wird es im folgenden Jahr nichts mit der Liebe. Und schließlich kommt (v.a. in Süditalien) am Dreikönigstag die Hexe Befana, die den braven Kindern Süßigkeiten, den bösen Kindern aber Kohlen mitbringt.

Weihnachtsfest in Deutschland: eine Tradition seit rund 1200 Jahren

Und bei uns in Deutschland? Als weitgehend gesichert kann angesehen werden, daß sich der Weihnachtsbrauch im 7. und 8. Jahrhundert in Deutschland eingebürgert hat. Zuvor hatte zwar bereits Papst Liberius das Weihnachsfest gefeiert (am 25. Dezember 336) und auf dem Zweiten Konzil von Konstantinopel (381 n. Chr.) nahm Kaiser Theodosius I. dieses Datum in den kirchlichen Festkalender auf. Aber erst 813 erklärte die Mainzer Synode das Weihnachtsfest offiziell zum "festum nativitas Christi". 

Der erste Weihnachtsbaum mit Kerzen stand 1611 im Schloß der Herzogin Dorothea Sibylle von Schlesien.

Noch jünger ist freilich die Tradition des Weihnachtsbaums. Zwar war es schon Ende des 15. Jahrhunderts üblich, Tannenzweige ins Haus zu stellen, aber erst für 1539 ist verbürgt, daß im Straßburger Münster ein Weihnachtsbaum stand. Diese Tradition breitete sich weiter aus und die ersten geschmückten Bäume sind ebenfalls aus dem Elsaß überliefert – aus dem Jahr 1605 ist von dort folgende Notiz überliefert:

Auff Weihnachten richtet man Dannenbäume zu Straßburg in den Stuben
auf. Daran henket man Roßen auß vielfarbigem Papier geschnitten,
Aepfel, Oblaten, Zischgold und Zucker. (Quelle: Wikipedia)

Und dann 1611 soll der erste richtige, kerzengeschmückte (!) Tannenbaum im Schloß der Herzogin Dorothea Sibylle von Schlesien gestanden haben. Diese Gepflogenheit verbreitete sich dann ab dem 18. Jahrhundert in Deutschland und von hier aus in die ganze Welt.

Aber zu den deutschen Gebräuchen brauche ich ja nicht mehr viel zu sagen. Die kennen wir ja in ihren Bedeutungen und Ursprüngen genau, oder? ;-)

Und das Schlußwort gebe ich nochmals an Michael Blume, der mich mit seinem Artikel zu dieser kurzen Übersicht inspiriert hat. Michael Blume fragt:

Wird also das Cola-Imperium mit funkelnden Trucks Heiligabend völlig übernehmen? Wird die religiöse Überliefung wieder stärker zum Nikolaustag ausweichen? Wird sich regionale Vielfalt halten können oder gar wiederbeleben? Oder werden gar Christen verschiedener Länder und Konfessionen gemeinsam das Weihnachtsfest neu definieren und vom Weihnachtsmann "zurück erobern"?

Wenn ich mir die unterschiedlichen Traditionen und Ausprägungen ansehe, dann habe ich ehrlicherweise keine allzu große Befürchtung, daß sich dies alles hin zu einer besinnungslosen Coca-Cola-Weinnachtsparty nivelliert. Daran können auch die aufwendig gemachten Werbeclips wenig ändern.

 

 

Und allen Lesern und Freunden der Wissenswerkstatt wünsche ich bei dieser Gelegenheit natürlich noch einige schöne Weihnachtstage!

 

 

 

Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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