Weil nicht ist, was nicht sein darf… » Die Indizien für erhöhte Leukämieraten in der Nähe von Kernkraftwerken häufen sich
Gedankenspiel: Nach welchen Kriterien würden Sie Ihren Wohnort auswählen, wenn Sie innerhalb Deutschlands einen beliebigen Ort als künftiges Familiendomizil bestimmen könnten? - Möglicherweise würden Sie eher die großen, lebendigen Städte (Hamburg, Berlin, München…) wählen, wenn Sie Konzert-, Theater- oder Museenliebhaber sind. Oder vielleicht eine Kleinstadt in der Provinz, wo Sozialstruktur und Natur noch intakt sind und es weniger hektisch zugeht? Oder sind Sie Wintersport- und Bergfreund und siedeln sich im Voralpenraum an? Oder präferieren Sie das Wasser und das Meer, dann käme natürlich nur irgendein norddeutsches Plätzchen in die engere Wahl.
Aber, Hand aufs Herz: hätten Sie vor der Entscheidung einen Blick auf eine Landkarte geworfen und nachgeprüft, in welcher Entfernung sich das nächste Kernkraftwerk befindet? Nein? Hätten Sie aber tun sollen, zumindest wenn Ihnen die Gesundheit Ihrer Kinder am Herzen liegt…
Neue Studie zu Leukämiefällen im Umkreis von KKW-Anlagen
Aber der Reihe nach: die Süddeutsche Zeitung berichtet heute von einer aktuellen Studie der Universität Mainz,1 die für den Zeitraum von 1980 bis 2003 die Zahlen des Kinderkrebsregisters ausgewertet hat. Nun besteht freilich auch nach dieser Studie kein Grund zur Hysterie,2 denn unmittelbare Kausalitäten können auch aus dieser Untersuchung nicht abgeleitet werden. Jedoch sind die Schlußfolgerungen, die die Mainzer Forscher ziehen, alarmierend und werfen (erneut!) viele Fragen auf - die SZ schreibt:
Kleinkinder, die in der Nähe von Kernkraftwerken leben, erkranken offenbar häufiger an Krebs. Das geht aus einer Studie im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz hervor, die der "Süddeutschen Zeitung" vorliegt. Demnach steigt die Zahl krebskranker Kinder, je näher ihr Wohnort an einem der 16 deutschen Reaktorstandorte liegt. Dieser Zusammenhang sei "statistisch signifikant". [SZ]
Nun müßte ich lügen, wenn ich behaupten wollte, von dieser Information heute früh überrascht gewesen zu sein. Denn Indizien, daß v.a. die Kinder-Leukämierate in der Nähe vieler Kernkraftwerke erhöht ist, gab es schon viele. Und wenn sich am Montag die ersten Politiker oder auch die Chefs der Energieunternehmen zu Wort melden werden und dann beschwichtigend-ahnungslos etwas von einer angeblichen »Überraschung« in die Mikrofone murmeln, dann werde ich umgehend einen weiteren Artikel einstellen und diese Herrschaften als das bezeichnen, was sie sind: als »Heuchler« nämlich.
Die aktuelle Studie kann nicht überraschen: ähnliche Befunde und viele Indizien liegen seit 20 Jahren vor. Wollte oder konnte man nicht mehr wissen?
Die Heuchler und Risikoverneiner laufen sich vermutlich schon warm
Denn wer sich nur ein klein wenig mit den potentiellen Risiken der zivilen Nutzung der Kernenergie auseinandersetzt, nur ein klein wenig die lange Geschichte der Stör- und Beinaheunfälle in den Kernkraftanlagen dieser Welt kennt, der wird niemals behaupten können, daß ihn ein solches Untersuchungsergebnis »überrascht«. Denn wie gesagt: die Verdachtsmomente und Einzelstudien, die zu ähnlichen Befunden kamen, liegen schon lange vor.3 Und wer zu Protokoll gibt, daß man das alles ja nicht habe wissen »können«, dem werde ich die Frage stellen, ob man es vielleicht gar nicht habe wissen »wollen«. Was ein kleiner aber wichtiger Unterschied wäre.
Die Mainzer Studie ist nach ersten Informationen endlich belastbar genug, daß man nun evtl. auch frühere Fälle neu aufrollen könnte. Freilich betonen die Wissenschaftler auch, daß es nach strahlenbiologischen Erkenntnissen keine Erklärungen für diese Häufung gebe.4 Im Klartext heißt das freilich: diese dokumentierten Fälle »dürfte« es eigentlich nicht geben. Spannend wird also, wie man mit diesen irritierenden Befunden umgehen wird.5 Nach SZ-Angaben steht in der Studie aber auch:
"Unsere Studie hat bestätigt, dass in Deutschland ein Zusammenhang zwischen der Nähe der Wohnung zum nächstgelegenen Kernkraftwerk zum Zeitpunkt der Diagnose und dem Risiko, vor dem fünften Geburtstag an Krebs (bzw. Leukämie) zu erkranken, beobachtet wird." [SZ]
Indizien genau dafür gab und gibt es schon lange. Erinnert sei nur an die langen Auseinandersetzungen um die auffällige Häufung von Leukämiefällen Ende der 80er Jahre im unmittelbaren Umfeld des KKW Krümmel.6 Jahre später endlich setzte die schleswig-holsteinische Landesregierung eine Untersuchungskommission ein - und nach jahrelangen Gutachterstreits, politischen Einflußnahmen, Hysterievorwürfen und Polemiken gaben 6 von 9 Kommissionsmitgliedern entnervt auf. Die Landesregierung habe - so die Erklärung der Wissenschaftler - ihre Recherchen zum Teil massiv behindert. Und am Ende ging die Sache aus wie das Hornberger Schießen: ergebnislos.
Die Kunst der Agnotologie: Mehr Studien, mehr Experten = mehr Unsicherheit
Eine der bewährtesten Strategien, um Indizien zu verwischen und zu verschleiern: man gebe neue Gutachten in Auftrag. Und schon werden neue Eventualitäten entdeckt, die im Ergebnis alles nur noch fragwürdiger erscheinen lassen. Und wo es eben neue Fragen gibt, da bleibt am Ende alles offen…
Ein Konsens konnte nicht hergestellt werden und andere Ursachen für die vielen Leukämietodesfälle in der direkt neben dem AKW liegenden Gemeinde Elbmarsch konnten niemals ausgeschlossen werden. Aber - so läuft die Sache in der Juristerei und in der Wissenschaft - wenn auch andere Ursachen in Betracht kommen, wenn auch andere potentielle Täter am Tatort nicht ausgeschlossen werden können, so kommt der Verdächtige wieder auf freien Fuß. Damals in Krümmel wurden die anderen »möglichen« Ursachen für die Todesfälle geradezu multipliziert:
"Waren Viren Schuld an der Leukämie? Schadstoffe in der Elbe? Aerosole aus dem Fluss, die an der Staustufe aufgewirbelt werden? Chemikalien aus heute oder früher ansässigen Unternehmen? Oder Wegebaumaterial, Altlasten auf Kinderspielplätzen? Muttermilch, Kuhmilch, Pflanzenschutzmittel? Selbst einer Mäuseplage im Jahr 1989 wurde nachgegangen und der Frage, ob der Deich mit Schädlingsbekämpfungsmitteln begast wurde – wurde er nicht." [Quelle: Die ZEIT, 25.11.2004]
Es geht hier nicht darum, die jeweiligen Landesregierungen der absichtlichen Verschleierung solcher Technologienebenfolgen zu bezichtigen. Aber bevor man eben den Energiekonzernen (die ja auch sehr gute Steuerzahler sind) die Tür vor der Nase zuschlägt und gar eine Stillegung einzelner AKWs aus Risikoerwägungen in Betracht zieht, will man es eben ganz genau wissen.7 Und da die kausalen Zusammenhänge eben nur sehr indirekt entschlüsselt werden können, Ursache und Wirkung nur über viele Zwischenschritte in Beziehung stehen, liegen wirkliche »Beweise« letzten Endes fast nie vor.
Nicht-Wissen-Wollen: Wieso gibt es in Deutschland kein zentrales Krebsregister?
Aber daß dem auch zukünftig so bleibt, daß also die potentiell kritischen Studien erst gar nicht so belastbar sind wie notwendig, daran wirkt die bundesdeutsche Politik stillschweigend schon lange mit. Denn auch heute im Jahr 2007 gibt es in Deutschland kein einheitliches Register, in dem alle Krebsfälle oder zumindest einzelne Tumorerkrankungen erfaßt würden. Daß man ansonsten weniger Scheu zeigt, bestimmte Daten zu erheben, ist bekannt - daran kann es nicht liegen. Bisweilen versteckt man sich hinter der Ausrede, daß eben die epidemiologische Krebsregistrierung in Landesgesetzen geregelt werde. Also ist der Föderalismus dafür verantwortlich, daß zwar im Saarland oder in Hamburg seit Ende der 60er Jahre solche Register geführt werden, in anderen Bundesländern aber bis heute nicht.8
Während es in vielen Ländern seit langem zentrale Krebsregister gibt, ist das kein Anliegen der Bundesregierung. Will man eventuell manche Dinge schlicht nicht wissen…?
In anderen Ländern sind solche Krebsregister schon seit Jahrzehnten etabliert. Während meiner Mitarbeit an einer Studie zur Risikokommunikation für die EU (Projekt STARC)9 erfuhr ich beiläufig, daß man etwa in Österreich oder der Tschechei über diesen deutschen Sonderweg nur den Kopf schüttelt. Und selbst das der Mainzer Studie zugrundeliegende Kinderkrebsregister basiert quasi auf einer Privatinitiative. Angesiedelt ist es am Institut für Medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik der Universität Mainz - ein Gesetz oder gar eine Meldeverpflichtung gibt es freilich nicht.
Es bleibt der Freiwilligkeit der Kinderärzte und Onkologen überlassen - wäre ja auch zuviel verlangt, wenn man hier die Kliniken oder die Krankenkassen in die Pflicht nähme, denn am Ende würde man ja möglicherweise aufgrund eines tatsächlich umfassenden, flächendeckenden Registers Zusammenhänge erkennen, von denen man lieber nichts gewußt hätte…
Links:
- Bartens, Werner und Bauchmüller, Michael: Krebsgefahr in der Nähe von Kernkraftwerken, SZ, 8.12.2007
- Christiane Grefe: Die Spaltung, Die ZEIT, 25.11.2004
Liste der Standorte von Atomkraftwerken in der Bundesrepublik:
- Bundesamt für Strahlenschutz: Kernkraftwerke in der BRD, Stand: 20.4.2007
Artikelserie der Wissenswerkstatt zur Risikokommunikation am Bsp. der Kernenergie:
- Marc Scheloske: Vom Störfall zum Kommunikations-GAU » Risikokommunikation in einer sensibilisierten Nebenfolgengesellschaft I, 19.7.2007
Empfehlenswerte Literatur:
- Renn, Ortwin (2008): Risk Governance: Coping with Uncertainty in a Complex World (Risk, Society and Policy), Earthscan Publications.
- Beck, Ulrich (2007): Weltrisikogesellschaft. Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit. Suhrkamp.
- Gill, Bernhard (2003): Streitfall Natur. Weltbilder in Technik- und Umweltkonflikten. VS-Verlag.
- Die Studie wurde im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz erstellt. [↩]
- Insofern ist meine einleitende Frage etwas zu pointiert bzw. die Aussage, daß verantwortliche Eltern nicht in die Nähe eines KKWs ziehen dürften, etwas zu stark formuliert… [↩]
- Freilich - und das ist die Crux an diesem Geschäft - sind die Ergebnisse nur sehr selten eindeutig. Die Fallzahlen sind zu gering, die Streuung zu breit, als daß man daraus starke Schlußfolgerungen mit Sicherheit ableiten könnte. [↩]
- Um dies nochmals klarzumachen: diese Argumentation grenzt an Naivität - denn nur weil etwas bislang nicht erklärbar ist, heißt das noch lange nicht, daß diese Effekte nicht vorhanden sind. [↩]
- Zu befürchten ist natürlich, daß man die Zahlen letztlich doch durch Zufälle wegerklärt. [↩]
- Da wenige Kilometer entfernt auch noch das Forschungszentrum GKSS der Helmholtz-Gemeinschaft ist, wo ebenfalls mit radioaktiven Materialen gearbeitet wird, kam auch diese Quelle als Ursache in Frage. [↩]
- Hier spielt natürlich auch eine Rolle, daß man im Ernstfall vor Entschädigungsklagen zurückschreckt; denn wenn sich irgendwann einmal erweisen ließe, daß die Leukämiefälle nicht auf die AKWs, sondern auf andere Ursachen zurückgeführt werden müßten, stünden die Stromkonzerne sofort auf der Matte. [↩]
- Und wie bezeichnend ist es, daß es ausgerechnet in diesen einwohnerschwächsten Staaten diese Register seit 30 Jahren gibt? In Baden-Württemberg aber beginnt man gerade jetzt 2007 mit dem Aufbau solcher Institutionen. Die Zahlen Hamburgs könnte man sich nämlich (aufgrund der doch geringen Einwohnerzahl) getrost sparen. [↩]
- Mehr Infos waren u.a. hier zu lesen. [↩]
Über diesen Artikel
Sie lesen gerade »Weil nicht ist, was nicht sein darf… » Die Indizien für erhöhte Leukämieraten in der Nähe von Kernkraftwerken häufen sich«, einen Artikel der Wissenswerkstatt.
- Veröffentlicht am
- 8. Dezember 2007 | 15:38
- Autor:
- Marc
- Abgelegt unter:
- Gesellschaft, Wissenschaft
- Schlagworte:
-
Agnotologie, Medizin, Nichtwissen, Politik, Risiko, Risikogesellschaft
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- Gelesen: 1697 · heute: 3 · zuletzt: 29. August 2008, 12:52
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