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Seriös, solide, schnell » Ist die Wikipedia inzwischen dem Brockhaus überlegen? | kurz&knapp 08

6. Dezember 2007 | 16:13 Gelesen: 15386 · heute: 2 · zuletzt: 27. June 2017 5 Reaktionen

Es gibt viele, die den Slogan von der "Weisheit der Masse" nicht nur als irreführend, sondern auch als gefährlich erachten. Denn haben wir nicht viel zu häufig erlebt, daß die Entscheidungsfindung umso komplizierter wird, je mehr Personen beteiligt sind? Ist der Eindruck von der Hand zu weisen, daß kollektive Projekte durch eine steigende Beteiligung nicht zwangsläufig profitieren, sondern häufig nur noch zwangsnivellierte 08/15-Kost liefern? Kurz: seit wann gehen Quantität (der Produzenten) und Qualität (der Produkte) im Gleichschritt?

Siegeszug des Jedermann-Lexikons: Von 50 geprüften Artikeln ist 43x die Wikipedia-Variante dem Brockhaus-Text überlegen.

Allen Skeptikern (die – ich gestehe – viele gute Argumente auch auf ihrer Seite haben)1 sei der Gang zum Zeitschriftenkiosk empfohlen. Der heutige "stern" titelt mit einem Qualitätsvergleich zwischen Brockhaus und der Jedermann-Enzyklopädie Wikipedia. Und um ausnahmsweise nicht allzu lange um den heißen Brei herumzureden, sei stern-Chefredakteur Thomas Osterkorn zitiert:

Doch wie gut ist Wikipedia wirklich? Was nix kostet, kann das etwas taugen? […] Das Ergebnis des Tests hat uns alle überrascht: Wikipedia lässt in vielen Fällen selbst den ehrwürdigen Brockhaus alt aussehen.

Kurz zum Test- und Vergleichsverfahren: der "stern" hatte diese Aufgabe dem “Wissenschaftlichen Informationsdienst Köln” übertragen, der 50 Artikel der Wikipedia mit den entsprechenden Artikeln aus dem kostenpflichtigen Onlineangebot des 15-bändigen Brockhaus (der ebenfalls kontinuierlich gepflegt wird) verglichen hat. Die Artikel stammten aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Sport, Wissenschaft, Kultur, Unterhaltung, Erdkunde, Medizin, Geschichte und Religion – die Gesamtwertung setzt sich aus folgenden Einzelnoten zusammen: Richtigkeit (40 %), Vollständigkeit (30 %), Aktualität (20 %), Verständlichkeit (10 %).2

Tim Bartel schreibt zu den Ergebnissen in seinem Wikipedistik-Blog:

Bei 43 der Stichworte schnitt Wikipedia besser ab, als die vergleichbaren Artikel aus dem Brockhaus. Bei 6 Artikeln lag der Brockhaus vorn und einmal gab es die gleiche Note.

Als Durschnittsnote über alle Bereiche errechnet sich damit für Wikipedia eine 1,7. Dies liegt um eine ganze Schulnote höher, als die der Brockhaus-Artikel, die im Schnitt nur eine 2,7 erzielten.

Wenn das mal kein deutliches Ergebnis ist? Ich bin gespannt auf die weiteren Diskussionen – beim letzten prominenten Vergleichstest, den "nature" durchgeführt hatte, wurde ja im Anschluß an der Methodologie herumgemäkelt. Ich hoffe, daß das Kölner Institut hier sorgfältig genug war… denn 50 zufällig ausgewählte Artikel können u.U. durchaus über die tatsächlichen Zustände täuschen.

Jan Hodel von hist|net kommentiert diesbezüglich skeptisch:

Inhaltlich ist da nicht viel Neues zu entdecken. Da wird (diesmal von Experten) ein Bruchteil der Gesamtmenge von Wikipedia-Artikel mit entsprechenden Artikel in anderen Publikationen verglichen. Wie diese Auswahl zustande kommt, wird nicht offengelegt (in der Pressemeldung ist von “zufällig ausgewählten” Artikeln die Rede, was immer das heisst). In der Regel handelt es sich um populäre Begriffe, die von vielen Menschen gesucht werden (das können auch im wissenschaftlichen Bereich populäre Begriffe sein).

Norbert Bolz hat ja schon festgestellt, dass jene Artikel in Wikipedia von höherer Qualität sind, die ein grösseres Publikum interessieren. Daher sei der Artikel zur Stubenfliege hervorragend, jener zu Norbert Bolz schlecht. Das hat zwar einen netten selbstironischen Touch – doch was, wenn ich jetzt was über Norbert Bolz wissen muss? Hier reicht die Logik der Schwarmintelligenz einfach nicht aus, denn auch Minderheiten-Themen, um es mal so zu sagen, möchte ich gerne in ansprechender Qualität vorfinden. Ausserdem lässt gerade Wikipedia den Schluss von einzelnen Beiträgen auf die Gesamtheit nicht zu (weder im positiven noch im negativen Sinne): zu heterogen sind beteiligte Autoren, Entstehungskontexte, Inhalte.

Lassen wir uns also überraschen, ob die kleine Vergleichsstudie den kommenden Kritiken standhält.

 


Mehr interessante Informationen zum Vergleich zwischen Wikipedia und Brockhaus finden sich u.a. hier:

Ältere Wikipedia-Tests:

  1. Der Slogan, der häufig auch als "Weisheit der Vielen" kursiert, rekurriert auf ein Buch von James Surowiecki. Vgl. Surowiecki, J. (2004): The Wisdom Of Crowds: Why The Many Are Smarter Than The Few And How Collective Wisdom Shapes Business, Economies, Societies And Nations Little. []
  2. V.a. in den Kategorien "Aktualität" und "Richtigkeit" konnte Wikipedia punkten. Hier war der Brockhaus – v.a. bei der Aktualität – weit zurück. Allein die Verständlichkeit der Texte, war bei den Brockhausartikeln häufig besser. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

5 Reaktionen »

  • Nikoli S. :

    Als alter Brockhaus-Fan habe ich gleich mal einen Selbstversuch gemacht und den speziellen chemischen Begriff „Carben“ bei Wikipedia und in dem Hardcoverschinken mit Goldschnitt aus dem Regal meiner Eltern nachgeschlagen.
    Was sofort auffällt ist der Umfang. Im BH findet man lediglich zwei Sätze von denen einer überholt ist. Die Definition ist allerdings knapp und auf den Punkt. W bietet einen längeren Aufsatz, der manchmal nicht ganz korrekt oder schwammig, an anderer Stelle schlichtweg falsch ist. Die Details gehen weit über den Anspruch eines Lexikons hinaus und erinnern eher an ein Lehrbuch, dass allerdings dem Anspruch auf Vollständigkeit nicht genügt. Trotzdem kriegt man ein besseres Bild von der Materie (vor allem weil man sich gleich weiterklicken kann).
    Will man sich aber wirklich sicher sein kommt man um einen Blick in ein aktuelles Fachbuch in beiden Fällen nicht herum. Für ein Referat im Leistungskurs ist W wahrscheinlich gut genug ;o)
    Insgesamt behaupte ich, dass harte naturwissenschaftliche Fakten bei W eher verwässert dargestellt werden, weil Studenten (also werdenden Wissenschaftler) die Beiträge schreiben und nicht Experten (wie der Anti-alchemist Nikoli S.) ;o)

    [twort T]

  • Marc :

    @Nik.Oli.S.:
    Interessante kleine Stichprobe von der Wissenschaftlerfront. Zwar nur ein Beispiel, aber durchaus aufschlußreich, in welche Richtung die Unterschiede gehen können. Daß natürlich der Wiki-Beitrag auch schlicht Fehlinformationen enthält, ist natürlich bedauerlich, aber ich nehme an, du hast die Gelegenheit genutzt und die fraglichen Passagen gelöscht?!

    Und mit Deiner Einschätzung, daß für ein Kollegstufen- bzw. Leistungskursreferat Wikipedia vom Informationswert ausreicht, gehe ich konform. An der Universität sollte man allerdings wissen, daß es auch zwischen Buchdeckel verstecktes Wissen gibt…

    Ansonsten freue ich mich über die Definition dieser ominösen „Carbene“:

    „Unter Carbenen versteht man die äußerst instabilen Verbindungen des zweiwertigen Kohlenstoffs mit einem Elektronensextett.“

    Klingt irgendwie vielversprechend. :-)

    [twort T]

  • Monika Armand :

    Eine Enzyklopädie mit – laut eigenen Angaben „679.924 Einträgen“ wird mit einer Auswahl von 50 Artikeln auf ihre Qualität hin überprüft ? Es ist schon eine Weile her, dass ich Statistik hatte, aber hier dürfte wohl kein signifikantens Untersuchungsergebnis vorliegen….

    Sicher dürften – besonders wo sich „zufällig“ eine seriöse, wissenschaftlich gebildete Autorenschaft zusammenfindet, Artikel von bester Qualität entstehen. Ich vermute, dass die Qualität außerdem in naturwissenschaftlichen Bereichen besser sein müsste, da diese Wissenschaften auch eher von „Fakten“ leben.

    Anders sieht es in kulturellen, philosophischen, politischen und geisteswissenschaftlichen Bereichen aus. Hier finden regelmässig Grabenkämpfe zwischen einer „etablierten“ Schreibergemeinde und Neulingen statt, wobei eine wissenschaftliche Orientierung dann leicht auf der Strecke bleiben kann. Vielleicht wären die Wikipedia-Analysten besser beraten, die zahlreichen Vandalismusmeldungen zu studieren und darauf hin die entsprechenden Artikel. Nachdem ich – indirekt – Opfer eines solchen Grabenkrieges von streitenden Autoren wurde, bin ich bzgl. Wikipedia sehr vorsichtig geworden…..

    Links:
    http://www.christian-von-kamp.de/literatur/wikipedia-kritik/kritik-wikipedia.htm
    http://www.clauswolfschlag.gmxhome.de/wikipedia.kritik.htm

    [twort T]

  • Monika Armand :

    Nachtrag zu „Wikipedia“

    Zwei Links:
    ZEIT online 50/2005: http://www.zeit.de/online/2005/50/wikipedia

    Viele Köche
    Ein Fälschungsskandal hat die Grenzen der Wikipedia offengelegt. Für die beliebte Internet-Enzyklopädie werden jetzt neue Systeme für die Sicherung der Textqualität gesucht »

    DIE ZEIT 37/2006: http://www.zeit.de/2006/37/wikipedia

    Die anarchische Wiki-Welt
    Kann aus einer Online-Enzyklopädie ein seriöses Lexikon entstehen? »

    [twort T]

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