Gegenwind für Joachim Bublath » Die schwierige Verteidigung der Wissenschaft gegen ihre Verächter | Werkstattnotiz XXIII

Die Band Tocotronic - deren Konzert bei mir heute abend auf dem Terminplan steht - sang einst: "Es ist nicht leicht Musik zu machen." Man könnte diese These leicht varriieren und sinngemäß feststellen: "Es ist nicht leicht kritischen Wissenschaftsjournalismus zu betreiben!"

Einer der prominentesten und sichtbarsten Vertreter der Zunft der Wissenschaftsjournalisten ist Joachim Bublath. Manche mögen ihn für einen Popularisierer von Wissenschaft halten, der vor über 20 Jahren mit der "KnoffHoff-Show" einer der wichtigsten Wegbereiter für die heutigen Wissensshows im deutschen Fernsehen war. Die erfolgreichen Formate wie "Quarks&Co." oder "Galileo" wären ohne Bublaths Engagement sicher nicht denkbar. 

Ich will hier keine Überlegungen darüber anstellen, ob es nicht vielleicht wünschbar wäre, wenn solche Sendungen wie "Galileo" besser nicht gesendet würden. Man kann hier sicher fragen, ob hier nicht eine unzulässige Banalisierung von Wissenschaft vorliegt, aber das wäre ein anderes Thema. Einigen wir uns also darauf, daß wir nicht darüber debattieren, ob Joachim Bublath nicht vielleicht der Guido Knopp des Wissenschaftsfernsehens ist? Denn ich möchte aus aktuellem Anlaß auf zwei Vorfälle hinweisen, die unbedingt für Bublath sprechen.

Kuriositätenkabinett und Therapiestunde? 

Gestern abend stand jedenfalls in der ZDF-Talkshow "Menschen bei Maischberger" das Thema "Ufos, Engel und Außerirdische" auf dem Programm. Geladen waren u.a. der Ufologe Johannes von Buttlar1, der Leiter der "Para-Psychologischen Beratungsstelle" in Baden-Württemberg Walter von Lucadou, dazu eben Bublath und auch noch Nina Hagen. Eine der üblichen bunten Talkshow-Runden. Nun könnte man freilich Bublath vorhalten, daß man sich in diesem Umfeld ohnehin nur Anfeindungen aussetzt, aber feige den Schwanz einziehen, kann auch nicht die Lösung sein.

Wie seit eben u.a. in SpiegelOnline zu lesen ist, wurde es Joachim Bublath allerdings nach rund 45 Minuten zu bunt. Von Diskussion scheint nicht die Rede gewesen zu sein, es wurde offenbar fast ausschließlich auf persönliche Erfahrungen abgehoben und Nina Hagen berichtete in ihrer typisch emotional-hysterischen Art über ihre Begegnungen mit der dritten Art2. Und so zog Bublath letztlich die Konsequenz und verließ das Studio.

Er habe gedacht, er sei in eine Diskussionsrunde eingeladen, bemerkte Bublath noch, bevor er das Studio verließ. Dies sei aber eine Therapiestunde, die er nicht stören wolle.

Er habe lange darauf gewartet, dass die zuvor abgesprochenen Themen diskutiert würden, "aber dann wurde wieder ein neues Fass mit Engeln aufgemacht und Frau Hagen fing wieder mit ihren Ufos an. Da war mir klar: Das wird nichts mehr."3

Hat das ZDF Angst vor dem Protest der Heilpraktikerverbände? 

Ein zweiter Fall, in dem sich Bublath als Kämpfer für einen kritischen Wissenschaftsjournalismus erwiesen hat, liegt einige Tage zurück. Ich bin hier in dieser Zusammenstellung von "agitpop" darauf gestoßen - und dieser Fall ist im Grunde ein deutlicher größerer Skandal. Bublath hatte nämlich eine Sendung zum Thema alternative Medizin produziert, die den Titel "Die modernen Wunderheiler" trug.

Gut, nun ist der Titel vielleicht nicht besonders glücklich gewählt, wenn aber die Argumente in der Sendung stichhaltig und fair waren, dann ist das eigentlich business as usual für ein journalistisches Umfeld. En kritischer Bericht zu einem kontroversen Thema. Nach der Ausstrahlung passierte aber folgendes: der "Bund Deutscher Heilpraktiker e. V" und andere Lobbyorganisationen liefen Sturm und forderten sogar dazu auf, Bublath mit kritischen Mails "zu überschütten"; erstaunlich ist, daß die Website zur Sendung vom ZDF danach aus dem Internetangebot gelöscht wurde.

Wie kann es sein, daß Bublath so wenig Unterstützung im eigenen Haus hat? Bublath selbst reagierte Focus zufolge so:

„Stellen Sie sich vor, wir betreiben in Zukunft nur noch den Journalismus, der den Betroffenen genehm ist. Wenn genügend Zweifler an der Mondlandung schreiben, nehmen wir dann die Astronomiesendungen aus dem Netz?“, sagte er. „Wissenschaft als Abstimmungsergebnis, das ist der Sieg des Irrationalen.“

Wie gesagt: als Verfechter eines seriösen Wissenschaftsjournalismus hat man es nicht leicht…

 


Links:

 


Update, 15.00Uhr:

Inzwischen habe ich noch zwei Youtube-Videos von der gestrigen Maischberger-Sendung aufgestöbert. Nun ja, es ist einerseits unterhaltsam, andererseits doch mehr als befremdlich, was offenbar unter Talkshow verstanden wird. Wieso lernen es die jeweiligen Redaktionen nicht, daß man sich mit Nina Hagen eine unberechenbare Krawallschachtel ins Haus holt?4 Ach so, man will gerade, daß eventuell ein kleines Skandälchen dabei rumkommt? Gut, mal wieder zu naiv gedacht von mir… ;-)

 






Und schließlich seien hier noch zwei andere Blogartikel verlinkt, die ebenfalls lesenswert sind:

1. David Meiländer: "Heute zu Gast: Joachim Bublath und Nina Hagen"

Er schreibt: "Es ist unglaublich, abstrus, wahnsinnig, geisteskrank und doch wunderschön."

2. Begrenzte Wissenschaft: "Maischberger scheitert an den Geistern, die sie rief"

"Aber dann vier eher parapsychologisch, esoterisch argumentierende Medien-Zirkuspferde auf PR-Tour gegen den Bublath und die ihm halbwegs noch beistehende Moderatorin zu setzen, war dann wohl doch eine Selbstüberschätzung von Sandra Maischberger. Oder eine durch nichts gerechtfertigte Unterschätzung, wie vehement manche Menschen unsinnige Positionen verteidigen können. Einen Bevorzugung rationaler oder intelligenter Standpunkte wollte sich die ARD da wohl wieder mal nicht vorwerfen lassen. Was Nina Hagen abzieht ist ganz großes Damentennis."


  1. Wobei ich durchaus überrascht bin, daß der noch am Leben ist… []
  2. Ich verkneife mir hier den müden Witz, daß es ja fraglich ist, ob nicht Nina selbst dieser "dritten Art" angehört… []
  3. Das die Passage aus der SpiegelOnline-Meldung []
  4. Malte bei Spreeblick formuliert es so: "Allerdings stellt sich schon die Frage nach dem Verantwortungsgefühl der zuständigen Redakteure, die uns Nina Hagen wie ein hospitalistisches Zirkuspferd vorführen." []




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