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Die SZ auf der Couch » Frank Schirrmacher erklärt die Zukunft des Journalismus | Werkstattnotiz XX

29. Oktober 2007 | 23:48 Gelesen: 8560 · heute: 2 · zuletzt: 19. August 2017 8 Reaktionen

Ist das Selbstironie, Naivität, Resignation oder Fatalismus? Wieviel Schmerztoleranz muß man aufweisen, daß man sich in aller Öffentlichkeit die eigenen Unzulänglichkeiten vorrechnen läßt? Hat man bei der Süddeutschen Zeitung – zumindest in deren Online-Redaktion – inzwischen die Lust am eigenen Siechtum entdeckt?

Viele Fragen, kaum plausible Antworten. Was ist geschehen?

Die Süddeutsche Zeitung druckt heute längere Passagen der Dankesrede von Frank Schirrmacher1 ab, die dieser am Samstag anläßlich der Verleihung des Jacob-Grimm-Preises "Deutsche Sprache" 2007 in Kassel gehalten hat.

Es ist ja nicht ungewöhnlich, daß Dankesreden illustrer Zeitgenossen – zumal, wenn die Rede sich nicht in bloßer Danksagung erschöpft, sondern auch Bedenkenswertes enthält – in den folgenden Tagen in den sogenannten Qualitätszeitungen dokumentiert werden. Insofern schätze ich es, daß ich heute als Leser der Süddeutschen Zeitung längere Passagen der Rede Schirrmachers präsentiert bekomme.

Gut, ich gestehe, ich bin kein Freund Schirrmachers, was aber ohnehin kaum erstaunen dürfte, denn andernfalls wäre ich konsequenterweise Abonnent seines offiziellen Verlautbarungsorgans FAZ. Und auch die typisch schirrmachersche Untugend des Kassandrarufens – wir erinnern uns an das "Methusalem-Komplott" – trifft bei mir auf wenig Gegenliebe. Was Schirrmacher allerdings vorgestern in Kassel zu sagen wußte, finde ich in weiten Teilen mehr als bedenkenswert.2

So respektabel sich die Süddeutsche Zeitung in ihrer täglichen Printausgabe präsentiert, so erbärmlich ist ihr Onlineangebot.

Nur: Woher nimmt die Süddeutsche Zeitung die Chuzpe diese Rede abzudrucken? Wer hat diesen Text ins Blatt gehievt und v.a.: wer besaß die Tolldreistigkeit diesen Text auch im Internet abzustellen? Denn machen wir uns nichts vor: so respektabel sich die Süddeutsche Zeitung in ihrer täglichen Printausgabe präsentiert, so erbärmlich ist das SZ-Onlineangebot. Und das traurige: es wird immer schlechter. 

Wie schlecht muß es um einen stehen, wenn man Ratschläge von der eigenen Konkurrenz nötig hat?

Und so allmählich gewinne ich den Eindruck, daß man es bei der SZ nicht nicht besser machen kann, sondern nicht besser machen will. Denn spätestens seit heute kann man sich ja nicht mehr damit herausreden, man habe es nicht anders gewußt. Um nachzulesen, auf welche Weise und mit welcher Haltung man ein Onlineportal einer deutschen Qualitätszeitung gestalten muß, braucht man zukünftig schließlich nur noch den hauseigenen Schirrmacher-Artikel anklicken.

Denn dort ist – nach einigen Absätzen, in denen sich Schirrmacher den kulturpessimistischen Tonfall nicht ganz verkneifen kann3 – eindeutig zu lesen:

Es gibt keine schönere Herausforderung als diese: Nicht nur das Internet zu erobern, sondern auch gegenzuhalten und Optionen anzubieten.

Und mit "Optionen anbieten" meint Schirrmacher, liebe Freunde von der SZ, bestimmt nicht, daß man noch mehr Energie für dummdreiste Bilderserien verschleudern soll! Es ist kaum zu fassen: anstatt mit journalistischem und gestalterischem Ehrgeiz ein modernes Web-Nachrichten-Portal aufzuziehen, nervt die SZ zunehmend mit billig und lustlos produziertem Content. Blinkende Werbebanner und der grassierende Artikelserien-Fetisch tun ihr weiteres. 

Haben wir es beim SZ-Online-Auftritt mit einem besonders perfiden Fall von innerbetrieblicher Sabotage zu tun?

Liegt es vielleicht daran, daß die SZ ausgerechnet diejenigen Mitarbeiter am Onlineauftritt werkeln läßt, die eigentlich gerne etwas zur Printausgabe beitragen würden und nicht dürfen? Haben wir es also mit einem besonders perfiden Fall von innerbetrieblicher Sabotage zu tun?

Denn die Tatsache, daß die Mitarbeit an einer Zeitung wie der SZ ein Privileg ist, ist durchaus nachvollziehbar.

Die Zeitung liefert eine Haltbarkeit von mindestens 24 Stunden, und in ihren Kommentaren, Rezensionen und Kritiken will sie sogar vor der Nachwelt bestehen. Im Vergleich zum Internet ist sie das verzögernde Moment in der gesellschaftlichen Kommunikation. Deshalb wird sie immer unverzichtbar sein.

Allerdings, zu früh frohlockt, liebe SZ-Onlinefreunde: die Zukunft liegt genau in der durchdachten Verzahnung von Print- und Onlineangebot. Das eine gegen das andere ausspielen zu wollen, wird nicht funktionieren! Und nach einigen relativ unverdächtigen Gemeinplätzen beginnt Schirrmachers Rede etwas an Fahrt aufzunehmen:

Wer glaubt, dass sich, wie in Amerika gesehen, Redaktionen von Zeitungen einzig nach Rendite rechnen sollten – womöglich einer Rendite, durch die ein Kaufpreis kompensiert werden soll – wird erleben, dass die Zeitung ihr Denken, ihre Kreativität und Marktstellung verliert. Das kann – das sei jenen gesagt, die in ihre Kalkulation schon den Qualitätsabbau einplanen – sehr schnell gehen.

Warum gibt man sich bei der Gestaltung des Onlineangebots nicht dieselbe Mühe, wie mit der Printausgabe?

Bemerkte spätestens an dieser Stelle niemand, daß dies wenig anderes als ätzende Kritik am derzeitigen Kurs der SZ ist?

Auch wenn es etwas verklausuliert daherkommt: Schirrmachers Rede ist eine dringende Mahnung, die journalistischen Prinzipien nicht marktwirtschaftlichem Kalkül unterzuordnen. Und das meint eben auch: das Onlineangebot mit demselben Qualitätsanspruch zu gestalten und d.h. auch für dieselbe Zielgruppe, wie die Printausgabe. Denn: liberal-intellektuell auf der einen Seite (Print), seicht-anbiedernd und respektlos auf der anderen Seite (Online) paßt nicht zusammen.

Eine Zeitung, die einmal aus dem Taktschlag gerät, deren Temperament gebremst und deren geistige Risikobereitschaft entmutigt wird, eine Qualitätszeitung, deren Besitzer einmal die Drehschrauben ansetzen, um zu sehen, wie weit man drehen kann – diese Zeitung verliert auf Dauer ihre Seele.

Die großen, anerkannten Zeitungen haben, was alle anderen wollen: Autorität. Und wenn sie beherzt das Internet als Ergänzung begreifen, gewinnen sie die Zukunft, die die Pessimisten ihnen ausreden wollen.

Kann man es einem noch deutlicher ins Stammbuch schreiben? Die Zukunft kann nur gewonnen werden, wenn man "beherzt das Internet als Ergänzung" begreift! Als Ergänzung, liebe SZ! Das ist genau das Gegenteil von "Ablehnung" oder der zur Schau gestellten Unlust, die Ihr an den Tag legt!

Das Internet muß als Ergänzung des klassischen Printjournalismus begriffen werden. Muß man der SZ-Redaktion erst erklären, was mit "Ergänzung" gemeint ist?

Noch wäre Zeit umzusteuern. Ob man noch länger den vorhandenen Kredit verspielen sollte, weiß ich nicht. Und wenn einem schon einmal so gescheite Gedanken auf dem Silbertablett präsentiert werden, sollte man diese vermutlich nicht allzu leichtfertig ignorieren.4

Denn prinzipiell haben Medien wie SZ oder FAZ sicher den Vorteil ihres jahrelang erarbeiteten Renommees; und potentiell wäre das auch eine gute Ausgangsbasis für die journalistische Arbeit in der Zukunft:

Das hat damit zu tun, dass in einem kommunikativen Chaos die verlässlichen Stimmen besser durchdringen. (…) Die, die sich nicht anstecken lassen, die ihre Qualität, also ihre Inhalte, unverändert lassen, werden sein, was diese Gesellschaft dringender benötigt denn je: der geometrische Ort, an dem die Summe des Tages und der Zeit gezogen wird.

Man sollte diesen Text den Verantwortlichen bei der SZ zur regelmäßigen Pflichtlektüre machen. Auch wenn es weh tut zu merken, was man in den letzten Jahren im Onlinebereich alles verkehrt angepackt hat…

Nun steht es ja ohnehin im eigenen Blatt. Schmerzhaft, aber vielleicht notwendig?

 


  • Schirrmacher, Frank: Wir brauchen eine Debatte, Auszüge aus der Rede zur Verleihung des "Jacob-Grimm-Preises Deutsche Sprache 2007", Kassel. abgedruckt in: Süddeutsche Zeitung, 29.10.2007, S. 21 

  1. Ja, genau der, seines Zeichens Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung []
  2. Und unterscheide mich damit von weiten Teilen der benachbarten Blogosphäre. Genau die einleitenden Absätze, die die Veränderungen durch die Internetnutzung thematisieren werden natürlich mehr als kritisch beantwortet. So etwa hier bei "netzpolitik" und "text & blog". []
  3. Genau dieses etwas überzogene Gejammer wird Schirrmacher von verschiedenen Seiten auch vorgeworfen. Wie ich jetzt [nach Veröffentlichung] sehe, hat nun auch SpOn [Stöcker, Chr.: Das Internet ist an allem schuld.] eine Replik eingestellt, ebenfalls gegen die internetkritischen Argumente bezieht De:Bug Stellung. Leider werden so die anderen Passagen, die ich für bedenkenswert halte, übersehen. []
  4. Und diesmal kommen die Gedanken ja nicht von einem per se verdächtigen Web 2.0-Apologeten, sondern aus dem eigenen Lager. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

8 Reaktionen »

  • Weltenkreuzer :

    Aus der Sicht eines intensiven Nutzers von Internet-Nachrichtenportalen muss ich dir recht geben, als Ökonom aber auch eine Frage aufwerfen: Was bringt einer Zeitung, wie z.B. der Süddeutschen ein Online-Portal auf dem Inhalte kostenlos und, dank Adblock, mittlerweile auch werbungslos abgerufen werden können?

    Klar, die Zeitung kann sich hier Glaubwürdigkeit verschaffen um die bisherige Leserbasis zu halten. Aber die ist zu klein und schrumpft immer weiter, unter anderem weil sich viele Leser lieber den (zu ?) guten Online-Portalen zuwenden, wo sie (nahezu) dieselben Informationen sowohl schneller als auch preiswerter finden.

    Was ist also, abseits aller berechtigten idealistischen Kritik, der knallharte ökonomische Nutzen eines guten, kostenlosen Online-Angebots? In meinen Augen liegt es aus ökonomischer Sicht nahe, dieses als verlängerten Arm der Marketing-Abteilung zu verwenden.

    Ich finde das auch äußerst schade, aber man muss sich bewusst machen, dass auch Zeitungen sich zu einem großen Teil im System „Wirtschaft“ bewegen und deren Gesetzen unterliegen. Ein Dilemma, für das ich momentan leider keine gute Lösung sehe…

    [twort T]

  • Benedikt :

    Entwickelt sich die Wissenswerkstatt gerade zu einem SZ-Watchblog? ;-) Wahrscheinlich geht’s aber auch gar nicht anders, wenn man täglich zum Frühstück damit konfrontiert wird.

    [twort T]

  • Marc :

    @Nils:

    Du hast selbstverständlich Recht: es ist durchaus eine quasi-dilemmatische Situation. Oder um es anders zu formulieren: die Entscheidung für eine Strategie für Online-Publikationen gleicht der prekären Fahrt zwischen Skylla (Absenkung des Niveaus, Generierung von Traffic) und Charybdis (Aufrechterhaltung von Standards, ökonomischer Amoklauf…).

    Um nochmal konkreter zu werden – ganz klar: es ist ein Riesenproblem, daß man Online-Inhalte direkt kaum monetarisieren kann. Eine Refinanzierung des Aufwands läuft nur über Werbekunden, die über eine hohe Zahl von PageImpressions generiert werden.

    Aber heißt das wirklich, daß diese elende Klickorgien-Veranstaltung der einzige Weg ist? Könnten nicht qualitiv hochwertigste Inhalte dazu taugen genau das attraktive Publikum an die Seite zu binden? Und könnte man dann diesen Umstand nicht auch handverlesenen Werbekunden verklickern? Und deren Werbeeinblendungen wären dann nicht so penetrant?

    Zum Schluß möchte ich zu Bedenken geben: kurzfristig ist die von Dir angemahnte Logik sicher kaum von der Hand zu weisen. Auf lange Sicht besteht aber die Gefahr, daß man den guten Ruf eines Verlags durch billigen Content nachhaltig beschädigt.

    @Benedikt:

    Ja, das wäre noch eine Lücke: „SZ-Watchblog“, nicht schlecht. Wenn ich aber alles hier dokumentieren wollte, was mir selbst in der SZ an kleinen oder größeren Unstimmigkeiten auffällt, dann müßte dafür ein eigenes Blog her.
    Und ich bräuchte einen Finanzier… („Hallo, liebe Tante FAZ! Interesse an schlechter Publicity für die Süddeutsche? *wink*)

    [twort T]

  • Andreas F. :

    Danke für Deine Interpretation. Ich dachte schon, ich sei der einzige, der Schirrmachers Rede nicht (nur) als reine Internetkritik aufgefasst hat.

    Zur SZ: Die Veröffentlichung von Schirrmachers Rede ist vielleicht eine Art „Hilferuf“ um den Text den Verantwortlichen unter die Nase zu reiben.

    Bei SPON ist das anders. Da wird die Rede als unzutreffende Internetkritik niedergemacht. Kein bischen Hilferuf oder Selbstkritik. Obwohl sie beides dringend brauchen könnten.

    [twort T]

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