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Am Ende kommen Touristen – Weshalb Oswiecim nicht Auschwitz ist | Werkstattnotiz I

15. August 2007 | 15:22 Gelesen: 8291 · heute: 3 · zuletzt: 23. July 2017 1 Reaktion

Haben Sie heute schon an Auschwitz gedacht? Nein, keine Sorge, es folgt kein Text über Schuld und Verantwortung der deutschen Nachkriegsgeneration. Und auch kein Text darüber, ob es sich bei der fortgesetzten Rede von Auschwitz um eine Moralkeule handelt. Aber nochmals: woran denken Sie, wenn Sie an Auschwitz denken? Kann es sein, daß Sie in dem Augenblick, in dem Sie das Wort "Auschwitz" hören, Bilder von endlosen, stacheldrahtumzäunten Baracken im Kopf haben? Bilder, auf denen einem ausgemergelte, hohlwangige Gesichter aus weit aufgerissenen, fragenden Augen entgegenblicken? Und kann es sein, daß diese Bilder nicht farbig, sondern schwarz-weiß sind?

Ist das Auschwitz? Ist Auschwitz also nichts weiter als der konkrete Schauplatz des abscheulichsten Menschheitsverbrechens und somit Ort kollektiven Erinnerns? Wenn ja, was ist dann "Oswiecim"? Denn: Oswiecim ist Auschwitz. Ist Oswiecim also eine polnische Kleinstadt, in der vermutlich das Sonnenlicht ausgeknipst ist und in der das Leben im Halbdunkel abläuft? Wenn Sie erfahren wollen, was es bedeutet in Oswiecim zu leben und was es bedeutet, dort als junger Deutscher zu arbeiten, dann sollten Sie sich ab dem morgigen Donnerstag einen Kinobesuch vormerken.  

AmEndekommenTouristen_01c.jpgDer junge deutsche Regisseur Robert Thalheim hat es nämlich gewagt, sich diesem Ort des Schreckens anzunähern. Und in seinem Film "Am Ende kommen Touristen" gelingt es ihm, den Blick für die Realität in und um das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau zu öffnen. Auf liebevolle Art und Weise demonstriert er, daß das Leben in Oswiecim keinesfalls schwarz-weiß, sondern bunt ist. 

Und dieses erste Aha-Erlebnis stellt sich schon nach den ersten Sekunden des Films ein – mit dem Begriff Auschwitz sind Bilder und Assoziationen des Schreckens verknüpft, die mit der Realität im heutigen Oswiecim nichts gemein haben. Wer düsteren, wolkenverhangenen Himmel, morastige Wege und zerfallene Baracken erwartet, wird enttäuscht. Natürlich. Denn der Zivildienstleistende Sven (Alexander Fehling) kommt in eine Kleinstadt, die sich kaum von einer deutschen Stadt dieser Größe unterscheiden dürfte. Die Jugend trifft sich im Jugendclub zu Rockkonzerten, Arbeitslosigkeit ist ein großes Thema und die Ausflüge führen im Sonnenschein an fröhlich plätschernde Bäche.

Sven wollte freilich zunächst nach Amsterdam, um seinen Zivildienst abzuleisten, weil es allerdings Probleme gab, soll er in Oswiecim in der Begegnungsstätte und Jugendherberge arbeiten und sich vorrangig um den KZ-Überlebenden Krzeminski (Ryszard Ronczewski) kümmern. Dieser alte Herr, der in der Nachkriegszeit ein Institut zur Konservierung und Restaurierung von Auschwitz-Erinnerungsstücken aufgebaut und geleitet hatte, erweist sich als recht eigenwilliger Zeitgenosse. Sven soll für ihn Einkäufe erledigen und spielt ansonsten den Fahrdienst, wenn Krzeminski als Zeitzeuge vor Schulklassen Rede und Antwort steht. Krzeminski, Schubart-Liebhaber und ansonsten recht mürrisch und einsilbig, macht es dem jungen Deutschen anfänglich nicht leicht. Und dieser erfüllt seine Aufgaben zunächst recht leidenschaftslos. Später aber findet eine gewisse Annäherung zwischen den beiden statt; Distanz und latente Abneigung werden mehr und mehr abgelöst durch etwas, was sich als gegenseitigen Respekt bezeichnen ließe. Und als Krzeminski bei einer Rede anläßlich einer
Gedenkstein-Einweihung genau in dem Moment, in dem er daran erinnert, daß Menschen in Auschwitz allein hinsichtlich ihrer "Verwertbarkeit" taxiert wurden, von der ungeduldigen Organisatorin des Erinnerungsevents vom Mikrofon gedrängt wird, ist Sven der einzige, der die Ungeheurlichkeit dieses Verhaltens wahrnimmt.

Um Respekt und Wertschätzung geht es in diesem ruhigen, unaufgeregten Film, der einerseits eine kleine Studie zum Verhältnis junger Deutscher zur Vergangenheit ist und andererseits den Blick auf das Leben junger Erwachsener im Nachbarland Polen öffnet. Daß Sven mit der Zeit nicht nur dem alten KZ-Überlebenden, sondern auch der Dolmetscherin und Museumsführerin Ania (Barbara Wysocka) immer mehr Sympathien entgegenbringt, illustriert, wie nah und gleichzeitg fremd, sich Deutsche und Polen dennoch gegenüberstehen. "Du lebst doch auch hier!", antwortet Ania frustriert und irritiert auf Svens Frage, wie sie denn am Ort des größten Verbrechens der Menschheit leben könne. Und dabei schwingt auch eine gewisse Portion Trotz in ihrer Stimme.

Der Verdienst des Films liegt sicherlich darin, daß er das verzerrte Bild, das Deutsche gemeinhin von Polen und insbesondere Auschwitz haben, immerhin ein Stück weit korrigiert. Und obwohl der Film vordergründig recht leichtfüßig – bisweilen von melancholischen Untertönen unterbrochen – daherkommt, wirft er ernste und wichtige Fragen auf: Wie stehen wir heute zu den Orten der Erinnerung? Was passiert, wenn auch noch die letzten Zeitzeugen, die Auskunft geben können, in wenigen Jahren gestorben sind? Und auf welche Weise kann und soll die Erinnerung am leben erhalten werden, ohne zur obligatorischen Pflichtveranstaltung pervertiert zu werden?

In der von Ryszard Ronczewski eindrucksvoll dargestellten Figur des KZ-Überlebenden Krzeminski bündeln sich all diese Fragen – und wenn dieser nach dem Ende eines nicht ganz optimal verlaufenen Vortrags vor einer Lehrlingsgruppe resigniert feststellt, man solle in Zukunft doch besser "Schindlers Liste" zeigen, anstatt ihn einzuladen, so ist in dieser Bemerkung viel mehr zum Ausdruck gebracht, als in anderen aufdringlich moralisch argumentierenden Filmen gelingt.

Schön also, daß "Am Ende kommen Touristen" nun den Weg in die Kinos findet. Und wie der Regisseur Robert Thalheim in einem Interview zu Protokoll gab, handelt es sich dabei auch, um eine leise Liebeserklärung an das Nachbarland Polen. Eine Liebeserklärung, die ganz nebenbei auch eine Antwort auf Adornos Diktum – das es nämlich barbarisch sei, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben – gibt: einen solchen Film zu machen, ist nämlich genau das Gegenteil von Barbarei.

 


 

Einen kleinen Eindruck liefert der offizielle Trailer zum Film:


Literaturtipps:


 

 

Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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