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Operation am offenen Herzen » Kronzeugen, C-Probe und die Rettung des Radsports aus den Klauen des Dopingmonsters

28. Juli 2007 | 14:02 Gelesen: 7468 · heute: 3 · zuletzt: 26. June 2017 8 Reaktionen

Der internationale Radsport scheint von Hölderlin-Jüngern dominiert zu sein: "Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch." So feierte Friedrich Hölderlin in seinem Gedicht Patmos die niemals versiegende Zuversicht.1 Wer hätte gedacht, daß die strampelnden Athleten und vermutlich mehr noch die Funktionäre im Hintergrund, sich einen solch noblen Gewährsmann auserwählt haben. Ganz offenbar gibt es eine geheime Absprache, das Ansehen des Radsports erst noch vollständig zugrunde zu richten, 2 bevor man sich daran macht, nach wirklich plausiblen Lösungswegen zu suchen. Denn nach der Logik Hölderlins stiege ja mit der Gefahr des vollständigen Niedergangs gleichzeitig auch die Chance zur Umkehr, zur Rettung.

Dopingarrangments_02c.jpgAnders als mit dieser perfiden Strategie ist es nicht mehr zu erklären, was sich derzeit beim wichtigsten Radrennen der Welt abspielt. Seit drei Wochen nun führt der Weg der Tour de France quer durch Frankreich und nun ist sie endgültig an einem historischen Tiefpunkt angekommen. Die Radsportszene ist eben immer wieder für eine Überraschung gut. Wer glaubte, daß es nach all den Skandalen früherer Tage kaum mehr schlimmer kommen könnte, wurde eines besseren belehrt.

Erst reihen sich der hoffnungsvolle Patrik Sinkewitz und später der Italiener Cristian Moreni in die unselige Reihe der Testosteronsünder ein, dann stürzt der einstige Mitfavorit Alexander Winokurow über amateurhaftes Blutdoping. Der Däne Michael Rasmussen entpuppt sich als notorischer Märchenerzähler und für den aktuellen Träger des „Maillot Jaune“, den Spanier und mutmaßlichen Fuenteskunden Alberto Contador, wird wohl niemand seine Hand ins Feuer legen. Und am heutigen Samstag kursieren Berichte, wonach Bergkönig Juan Mauricio Soler ebenfalls gedopt gewesen sein soll.3 Alles ist offen, nichts ist gewiß. Wer heute eine Prognose abgeben will, welche Fahrer am Sonntag auf die Champs-Élysées einbiegen werden, kann genausogut versuchen die Lottozahlen vorherzusagen.

Noch nicht einmal in ihrem Krisenjahr 1998 stand die Tour so heftig in der Kritik. Und Jan Ullrich, der sich beharrlich-schweigend selbst demontiert, ist bald der einzige, der nicht eingesteht, daß dringender Handlungsbedarf gegeben ist.

Eines steht fest: selbst diejenigen, die jahrelang alle positiven Dopingtests als Einzelfälle dargestellt haben, gestehen mittlerweile ein, daß es sich dabei nicht nur um wenige schwarze Schafe handelte. Doping ist ein systemisches Problem. Deshalb gilt es, zuerst die schwarzen Schafe zu identifizieren. Und dazu zählen neben den Fahrern ebenso manche Funktionäre, Betreuer, Teammanager und Ärzte. Genau diese Personengruppen sollte man allerdings nicht aus der Verantwortung lassen. Und wenn man neuerdings BDR-Präsident Scharping beobachtet, wie er unwillig-mürrisch auf kritische Fragen reagiert, so muß man leider doch daran zweifeln, ob Rudi begriffen hat, in welchem Zustand sich der dahinsiechende "Patient" Radsport mittlerweile befindet. Auch wenn es eine Operation am offenen Herzen sein sollte – es gibt keine Alternative zu einem rigorosen Antidopingkurs. Und so sollte sich BDR-Chef Scharping dringend überlegen, wem gegenüber er loyal ist: gilt es alte Seilschaften zu decken und weiterhin Treue und Verschwiegenheit zu belohnen oder ist man beim BDR bereit, tatsächlich einen Neuanfang zu wagen, wozu man sich allerdings von eindeutig belasteten Personen trennen müßte.

Aber die Rennsportfamilie ist eine verschworene Gemeinschaft, die sich über die Jahre einen höchst fragwürdigen Ehrenkodex zugelegt hat. Solidarität steht ganz oben auf der Tugendliste. Und wer sein Insiderwissen preisgibt und Verantwortliche benennt, riskiert viel. Als Nestbeschmutzer beschimpft zu werden ist noch das Geringste. Dieses Dilemma kann nur dadurch überwunden werden, daß eine schnelle, umfassende Offenlegung der Strukturen erfolgt. Und das kann nur gelingen, wenn möglichst viele Insider auspacken. All die Verantwortlichen, die seit Jahren den Sportbetrug durch Doping aktiv praktiziert oder auch durch stillschweigende Kenntnisnahme toleriert haben, müssen benannt werden. Problematisch ist freilich, daß geständige Sünder erstens empfindliche finanzielle Einbußen, zweitens lange Sperren, drittens den Ausschluß aus jeder weiteren Betätigung im Radsportumfeld zu befürchten haben. Wer weiß, daß für den Großteil der heute aktiven Fahrergeneration ein späterer Wechsel ins Lager der Betreuer und Manager eine attraktive Option ist, kann verstehen, weshalb sich viele Radprofis nach wie vor scheuen, hier Roß und Reiter zu nennen.

Die Loyalität der verschwiegenen Bruderschaft durchbrechen: Zweite Chance durch Kronzeugenregelung

Den Ausweg verspricht einzig eine offensive Kronzeugenregelung, die mit einer Teilamnestie verknüpft sein müßte. Was hindert etwa den BDR daran, die Aktiven aufzufordern, bis zum Stichtag 31.12.2007 ihr Wissen einem noch zu installierenden Aufarbeitungsgremium oder Untersuchungsausschuß mitzuteilen?4 Wer innerhalb dieses Zeitraums umfassend kooperiert und nicht nur halbseidene Andeutungen zu längst verjährten Vorgängen macht, könnte daraufhin in den Genuß einer Kronzeugenregelung kommen. Wer eigenes Fehlverhalten zugibt, würde lediglich mit einer einjährigen Sperre belegt; und – das der zweite und fast wichtigere Teil der Regelung – dürfte nach Ablauf einer gewissen Frist (denkbar wären etwa 5 Jahre) trotz seiner Dopingvergangenheit wieder im Radsport tätig sein.5 Für alle anderen, die glauben nichts zur Aufklärung beitragen zu können, gilt dieses Entgegenkommen nicht.6 Wird einem Fahrer nach Ablauf der Beichtfrist (also etwa ab 1.1.2008, der "Stunde Null") ein Dopingvergehen nachgewiesen, gilt selbstredend die obligatorische Zweijahressperre und zudem wäre für all diejenigen die Rückkehr in die Radsportfamilie verwehrt.

Es ist mehr als traurig, daß bisher nur Jörg Jaksche eine solche Kronzeugenregelung in Anspruch nehmen will; und dies ist auch nur durch den persönlichen Einsatz von Prof. Werner Franke aus Heidelberg möglich geworden, der diese Vorgehensweise mit dem Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) Dick Pound vereinbart hat. Ganz offenbar besteht bislang seitens des BDR wenig Interesse daran. Kenner der Szene unken, daß manch hochrangiges Mitglied in den BDR-Führungsgremien einer solchen Kronzeugenregelung aus genau einem Grund wenig Sympathie entgegenbringt: nämlich aus der Befürchtung heraus, selbst als jahrelanger Mitwisser des Systems entlarvt zu werden.

Der zweite Punkt des Maßnahmenpakets betrifft die Dopingtestpraxis. Hier ist zwar durchaus Bewegung in die Szene gekommen, dennoch besteht auch hier noch gehöriger Verbesserungsbedarf. Die chronische Unterfinanzierung der Labors und Antidopingagenturen ist angesichts der bemerkenswerten Summen, die insgesamt im Radsport umgesetzt werden, ohnehin nur schwer verständlich. Und die bloße Intensivierung der Wettkampfkontrollen nutzt nicht viel. Denn wer sich beim Wettkampf selbst erwischen läßt, ist entweder verzweifelt, schlecht medizinisch betreut oder liebt den Nervenkitzel bis zur Öffnung der Probe. Der einzig sinnvolle Weg ist eine Ausweitung der Anzahl der unangemeldeten Trainingskontrollen, denn in der Vorbereitungszeit liegen oftmals die sensiblen Trainingsphasen, in denen sich die Sportler leider häufig zu sicher wähnen.

Doping muß unkalkulierbar werden: C-Probe als Abschreckungsmaßnahme

Darüberhinaus müssen die Dopingproben, die bislang aus getrennt versiegelter A- und B-Probe bestehen, um eine C-Probe ergänzt werden. Prof. Wilhelm Schänzer, der Leiter des nationalen Analytiklabors in Köln, fordert diese Maßnahme seit langem. Denn man sollte sich nichts vormachen: die Radprofis wissen heute genau, welche Substanzen wie lange im Körper nachweisbar sind und vor allem, welche Mittel überhaupt gesucht und gefunden werden können. Es darf als sicher gelten, daß manche Athleten sich mit Substanzen Vorteile verschaffen, von denen sie wissen können, daß in den Dopinglabors bislang keine geeigneten Nachweismethoden verfügbar sind.

Allerdings – und aus diesem Grund wäre die C-Probe ein so schlagkräftiges Instrument – macht auch die Dopinganalytik Fortschritte. Das heißt aber auch: niemand kann heute wissen, was in der Zukunft nachweisbar sein wird. Man kann sogar sicher davon ausgehen, daß bestimmte physiologische Parameter (die beispielsweise in 5 Jahren über archivierte Blut- oder Urinproben erhoben werden können) Rückschlüsse auf Doping zulassen werden. Die heute entnommene C-Probe würde also aufbewahrt und zu einem bestimmten zukünftigen Zeitpunkt routinemäßig einer Wiederholungsanalyse unterzogen. Wer auf diese Weise ertappt wird, müßte nicht nur die selbstverständliche Aberkennung all seiner Erfolge befürchten, sondern gleichzeitig empfindliche finanzielle Strafen zahlen. Das Abschreckungspotential einer solchen Erweiterung der Dopinganalysepraxis wäre erheblich.

Zahnloses Gesetzeswerk: Reform des neuen Anti-Doping-Gesetzes tut Not

Während die C-Probe dezidiert dem Sportler die unkalkulierbaren Folgen des Dopens vor Augen führen könnte, gilt es ein weiteres Werkzeug zu schärfen, das für den Weg in eine weniger dopingkontaminierte Zukunft des Spitzensports notwendig ist. Das im Schnelldurchgang durch die parlamentarischen Instanzen geprügelte Anti-Doping-Gesetz der Bundesregierung ist noch vor seiner endgültigen Verabschiedung durch den Bundesrat, die im September ansteht, verbesserungsbedürftig. Sicher, gemessen daran, daß sich die Sportverbände und allen voran der Deutsche Olympische Sportbund mit ihrem Präsidenten Thomas Bach jahrelang gegen jede staatliche Einmischung gesträubt haben, ist dieses Gesetz ein Fortschritt. Der Besitz von „nicht geringen Mengen“ an Dopingsubstanzen wird zukünftig unter Strafe gestellt. Wieso aber auch hier so halbherzig? Sollte etwa bei der im September stattfindenden Rad-WM in Stuttgart ein Athlet bei einer Polizeikontrolle mit Dopingmitteln auffallen, so bleibt dies – anders als in Frankreich – irrelevant, solange die Menge nicht den Eigenbedarf übersteigt. Zugegeben, das Gesetz formuliert ausdrücklich den Anspruch, den gewerbsmäßigen Handel mit Dopingsubstanzen unter Strafe zu stellen und den einzelnen Sportler nicht zu kriminalisieren, aber dennoch kann man diese unausgegorene Regelung nur amüsiert zur Kenntnis nehmen.

Denn haben die Sportverbände nicht zur Genüge unter Beweis gestellt, daß sie dem Problem nicht gewachsen sind? Wieso kann der mit Steuermillionen finanzierte Sport weiterhin so erfolgreich auf seine Autonomie beharren? Wäre es nicht dringend geboten, die staatlichen Ermittlungsbehörden bei ausreichendem Tatverdacht mit ins Boot zu nehmen? Es wäre also durchaus – sozusagen als flankierende Maßnahme zu Kronzeugenregelung und zur C-Probe – geraten, über eine Erweiterung des Anti-Doping-Gesetzes nachzudenken. Einerseits mit Akzentsetzung auf einen Straftatbestand „Sportbetrug“, andererseits sollte den Staatsanwaltschaften der Weg geebnet werden, um hinsichtlich des Verdachts auf versuchte Körperverletzung tätig zu werden.

Innen- und Sportminister Wolfgang Schäuble hatte bei der Bundestagsdebatte Anfang Juli zwar zutreffenderweise darauf hingewiesen, daß in Deutschland die vorsätzliche Selbstschädigung nicht justiziabel ist. Wer sich also potentiell gesundheitsschädigende Substanzen zuführt, wäre demgemäß nicht anders zu behandeln als ein Raucher. Schäuble vergaß aber, daß die meisten der dopenden Spitzensportler dies unter Aufsicht von Ärzten tun. Und unter dieser Perspektive geht es nicht mehr um Selbstschädigung, hier muß im Zweifelsfall mit aller Konsequenz gegen Ärzte und Betreuer ermittelt werden.

Die andere, ebenfalls massive Selbstbeschädigung geht derzeit nur von einem Radsportsystem und seinen Funktionären aus, das die Kraft zu den genannten Schritten nicht aufbringt. Jan Ullrich mag weiter trotzig schweigen, er macht nur sich selbst lächerlich. An der Demontage des Profiradsports trägt er diesmal keine Schuld. Dieser kann sich nur selbst, am eigenen Schopf aus dem Dopingsumpf ziehen, in den er sich selbst manövriert hat. Mit den vorgeschlagenen Maßnahmen sollte die Operation nicht aussichtlos sein.

 


Sind die Maßnahmen plausibel und ausreichend? Ist diese skizzierte Vorgehensweise erfolgversprechend? Weshalb bleibt etwa Prof. Schänzers Vorschlag einer C-Probe bislang fast ohne Resonanz? Wieso die Zurückhaltung bzgl. der Kronzeugenregelung? Ist das Paket umsetzbar? Aus welcher Richtung droht Widerstand, welche Probleme können sich ergeben, wo sind Koalitionen denkbar? Genügen also diese Schritte:

+1. Angebot der Kronzeugenregelung bis zu einem bestimmten Stichtag, gekoppelt an eine Teilamnestie für geständige und umfassend kooperative Sportler,

+2. Einführung einer „C-Probe“ mit Abschreckungswirkung,

+3. Schärfung der staatlichen Anti-Doping-Gesetzgebung mit strikterem Vorgehen gegen Ärzte (Stichwort: Medikation ohne Indikation, letzte Konsequenz: Entzug der Approbation) und Einführung eines Straftatbestandes Sportbetrug

Oder ist eine ganz andere Strategie anzuraten? Soll die Kooperation mit anderen Sportverbänden (Schwimmen, Leichtathletik, nordischer Skisport) gesucht werden? Andere Argumente, Einwände oder Zustimmung? Die Diskussion ist eröffnet. ;-)

 

 

 

[Update: 30.7.2007]

 

Inzwischen wurde ja Alberto Contador in Paris mit gelben Trikot und stattlichen Preisgeld ausgestattet. Bleibt abzuwarten, ob irgendwann noch aufgeklärt wird, ob und wie er in die Funtesaffäre verwickelt war. Inzwischen mehren sich die Stimmen, die einen Neuanfang und eine Umkehr für den Radsport fordern. Und auch die UCI steht – vollkommen zu Recht – in der Kritik. Rudolf Scharping fährt derweilen einen abenteuerlichen Schlingerkurs, in dem er sich wahlweise als Musterkind innerhalb der internationalen Radszene geriert, andererseits beleidigt mit dem Finger auf diejenigen zeigt, die möglicherweise auch dopen, aber aktuell nicht im Fokus stehen. Wenn sich Scharping nicht bald eines Besseren besinnt, schadet er der Sache mehr als er ihr nützt.

Dafür bin ich durchaus erfreut, was Jörg Jaksche offenbar zur Aufklärung der Strukturen beizutragen hat; außerdem macht er im Gegensatz zu manch anderen immerhin nun eine souveräne Figur. Klöden beispielsweise sollte über eine Karriere als Kabarettist nachdenken: wer munkelt, daß einem irgendwer "etwas über den Salat kippen" könnte und man dann "im Gefängnis landet" stellt nur eines unter Beweis: den Willen die Sportöffentlichkeit für dumm zu verkaufen und die eigene Uneinsichtigkeit.

In einem lesenswerten SZ-Interview kommt Jaksche heute übrigens nochmal auf einige interessante Punkte zu sprechen, bezüglich Contadors Spitzenzeit am Plateau de Beille stellt er fest:

Die Unterschiede sind frappierend. Dort eineinhalb Minuten schneller zu sein als Armstrong in seinen besten Zeiten – das sind Welten. Wir reden ja nicht von einem Jaksche, der nochmal anderthalb Minuten langsamer war. Da sag‘ ich: Mein lieber Scholli!

Möge sich also jeder selbst einen Reim darauf machen. Das gesamte Interview findet sich hier:

Wer sich für die Dokumente der Guardia Civil zur Dopingaffäre Fuentes interessiert, wird bei "interpool.tv" fündig. Die Namen und Medikationsliste von "JAN" findet sich dort genauso wie "J.J." oder eben ein ominöser "A.C." – herunterladen kann man die informativen Berichte (es handelt sich um die Übersetzung für die deutschen Ermittlungsbehörden) hier:

Und ganz aktuell erhebt Prof. Werner Franke erneut schwere Vorwürfe an die Adresse Contadors. Er bezieht sich auf oben genannte Dokumente und weitere Aufzeichnungen über eine Hausdurchsuchung, die ihm wohl zugespielt wurden.

 


Linktipps:

 

Literaturtipps:

 

 

  1. Das Gedicht beginnt mit den Zeilen: "Nah ist / Und schwer zu fassen der Gott. / Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch. Im Finstern wohnen / Die Adler und furchtlos gehen / Die Söhne der Alpen über den Abgrund weg / Auf leichtgebaueten Brücken." Und wem spätestens bei der Passage „.. furchtlos gehen die Söhne der Alpen über den Abgrund“ die Zusammenhänge zur Tour nicht einleuchten wollen, der sei darauf hingewiesen, daß die Alpen nur stellvertretend stehen – Pyrenäen wäre schlicht metrisch nicht geeignet gewesen. []
  2. Daß v.a. die Führungsriege der UCI alles andere als konsequent gegen Doping vorgeht, wurde ebenfalls in den letzten Tagen klar. Die Radsportgemeinde sollte sich dringend Gedanken darüber machen, ob man mit Spitzenrepräsentanten wie Pat McQuaid oder Vizepräsident Hein Verbruggen wirklich glaubhaft den Weg in eine dopingfreie Zukunft antreten kann. Verbruggen bemüht sich derzeit etwa darum das bislang zweitklassige Team „Relax-Gam“ in die ProTour-Liga zu hieven. Bei Relax sind mit Oscar Sevilla, Francisco Mancebo und Angel Vicioso gleich drei Dopingfreunde im Team. Hier stellt sich letztlich wirklich die Frage, wer den Radsport vor solchen Funktionären schützt. []
  3. Mittlerweile ist völlig offen, ob es sich hier nur um eine Falschmeldung gehandelt haben sollte. Bei "allesaußersport" wird man in dieser und anderer Hinsicht aktuell auf dem laufenden gehalten. []
  4. Wie diese Gremien zu besetzen wären, müßte im Einzelnen diskutiert werden. Man denke aber beispielsweise an die sog. Wahrheitskommissionen zur Aufarbeitung der Verbrechen der Apartheid in Südafrika. Klar ist: dieses Angebot einer teilweisen Amnestie muß zeitlich befristet sein und die kooperativen Sportler oder auch Ärzte, Physiotherapeuten etc. "belohnen". Wer sich freilich daran nicht beteiligt, später aber ertappt wird, darf auf kein weiteres Entgegenkommen hoffen. Die Kommission würde Anhörungen durchführen, alle Informationen dokumentieren und schließlich einen – öffentlich zugänglichen – Abschlußbericht abgeben. Auf dessen Grundlage könnte weiter ermittelt werden bzw. müßten belastete Personen von ihren Aufgaben umgehend entbunden werden. []
  5. Allen, die heute die Zeichen der Zeit erkennen, sich nicht länger herausreden und umdenken, sollte man die zukünftige Mitarbeit an einem weitgehend dopingfreien Radsport nicht verweigern; und wissen wir nicht aus dem Lukas-Evangelium, daß auch im Himmel größere Freude über einen reuigen Sünder herrscht, als über 99 Gerechte? Diese Sichtweise sollte man zum Vorbild nehmen. []
  6. Leider als durchaus typisch dürfen die aktuellen Aussagen von Andreas Klöden gewertet werden: Klöden ist sich offenbar nicht zu schade, um vollkommen abwegige Verschwörungstheorien ins Gespräch zu bringen. "Was ist, wenn mir einer etwas Verbotenes über den Salat kippt? Plötzlich bin ich positiv und wandere in den Knast… (…) Was ist, wenn manipuliert wird, um alles kaputt zu machen, um dann die Reste zu übernehmen?" Selten hat man einen größeren Blödsinn gelesen. Derselben Meinung ist u.a. Philipp. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

8 Reaktionen »

  • Al Gore :

    Mein Vorschlag, besser gesagt der einer Besucherin meines Blogs: Wöchentlich eine verpflichtende Blutprobe (nicht teamintern, sondern bei der WADA), dann fallen die lästige Meldepflicht und die weltweit unangekündigten Tests weg, über die Rasmussen gestolpert ist. Das stelle ich mir zumindest recht praktikabel vor und der Terminplan muss nicht auf Monate vorgeplant und abgeschickt werden.

    [twort T]

  • Uhrobloge :

    Praktikabel, bis auf die Tatsache, dass die Venen dann früher oder später im Sack sind (ich weiss nicht, ob das Blut aus dem Ohrläppchen fürn Gentest langt) und die Kosten sicher keiner tragen will, da es ja nicht auf die Teams/Fahrer der oberen Klassen beschränkt sein darf…die Terminpläne stehen ebenso wie die Trainingspläne schon lange im Vorraus…sowohl die Gemeldeten als auch die „Vergessenen“.

    [twort T]

  • Mr. Jealousy :

    Verdammt schicker Blog, konzeptionell, inhaltlich und vom design – respekt!

    [twort T]

  • Marc :

    Ich denke auch, daß ein Testintervall von nur einer Woche nicht nötig und umsetzbar ist. Da sprechen meiner Ansicht nach einige Argumente dagegen.

    1. Die finanzielle und personelle Ausstattung der Dopingagenturen reicht niemals hin, bei mehreren hundert Sportlern wöchentlich eine Probe zu entnehmen; man bedenke die immensen Reisekosten, die logistische Herausforderung etc. Abgesehen davon, müßten die Proben ja auch jeweils analysiert werden. Auch hier steht weltweit keine ausreichende Kapazität bereit. Zwar muß man dringend (auch zur Umsetzung meiner Vorschläge) das Budget der Antidopingagenturen weiter erhöhen, aber um wöchentlich Proben zu entnehmen, müßte man tatsächlich nicht nur einige Millionen sondern eher Summen im höheren zweistelligen Millionenbereich in die Hand nehmen. Das Geld ist woanders besser angelegt.

    2. Würde man diese „Sonderbehandlung“ (=wöchentliche Tests) nur den Radsportlern gönnen? ;-) Hier stellt sich tatsächlich die Frage der Gleichbehandlung. Ich behaupte mein Konzept könnte und sollte für annähernd alle anderen Sportarten umgesetzt werden. Einschließlich der Ball- und Spielsportarten. Wenn man also diese Personengruppen auch wöchentlich mit einem Dopingkontrolleur besuchen wollte, dann bestünde die Republik bald nur noch aus Kontrolleuren und Kontrollierten. Abgesehen davon, daß dann der Etat der Dopingagentur denjenigen des Verteidigungsministeriums überschreiten dürfte.

    3. Die Entnahme einer Blutprobe ist etwas anderes, als nur in ein Röhrchen zu pinkeln. Will sagen: wenn man Sportlern zumutet 4-5 unangemeldete Blutproben pro Jahr über sich ergehen zu lassen, dann ist das (bedenkt man die Anreize und finanziellen Vorteile durch den potentiellen Betrug) noch angemessen. Bei 50x Blutentnahme bekommen wir juristische und ethische Probleme (Stichwort: Körperverletzung).

    4. Man sollte den Faktor „Unsicherheit“ nicht unterschätzen: wenn sich also tatsächlich jeder Athlet zu jedem Zeitpunkt darüber bewußt sein muß, daß er kontrolliert werden könnte, dann sollte dies hinreichend abschreckend sein; dazu – und hier ja einer der Akzente meines Vorschlags – wenn man bedenkt, daß der Athlet nicht abschätzen kann, ob anhand seines Blutprofils möglicherweise in 5-6 Jahren nicht doch weit zurückreichende Manipulationen rekonstruiert werden können, die meinetwegen 1-2 Monate zurückliegen. Deswegen: „C-Probe“ und keine wöchentliche Entnahmeprozedur.

    5. Es müßte eben sichergestellt sein, daß es wirklich intelligente „Zufallsproben“ sind; d.h. Mauschelei und Ankündigung über anrückende Kontrolleure (wie teilweise in der Vergangenheit geschehen) müßten strukturell unmöglich gemacht werden.

    Fazit: Wöchentliche Proben sind (wenn man sich die Umsetzung und deren Konsequenzen bedenkt) tatsächlich unpraktikabel; außerdem – wenn man die oben skizzierten Maßnahmen einführt – auch nicht notwendig. Oder?

    [twort T]

  • OZ24 :

    Hallo Marc würde den Artikel gerne auf meiner Onlinezeitung veröffentlichen. Bitte teilen Sie mir mit ob das möglich ist. Ein Backlink ist selbstverständlich!

    [twort T]

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