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Vom Störfall zum Kommunikations-GAU » Risikokommunikation in einer sensibilisierten Nebenfolgengesellschaft I

19. Juli 2007 | 18:38 Gelesen: 8072 · heute: 2 · zuletzt: 20. August 2017 5 Reaktionen

Kraftwerk_01b.jpgEs wird nicht lange dauern und die jüngsten Zwischenfälle in den Kernkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel werden Eingang in die Lehrbücher finden. Vermutlich und hoffentlich in diejenigen, die in den Schulungen des Bedienpersonals verwandt werden; das sollte selbstverständlich sein. Fast noch dringlicher aber sollten die Handbücher überarbeitet werden, die die Grundlage der Informationspolitik der Energiekonzerne bilden. Denn die Störfälle in den beiden Vattenfall-KKWs lehren zweierlei: erstens, daß unter bestimmten Bedingungen die Steuerung eines Kernkraftwerks allerhöchste Anforderungen an Souveränität, Umsicht und Sachkenntnis des Bedienpersonals stellt, diese oftmals überfordern und nur glückliche Umstände einen schwerwiegenderen Unfall verhindern können; zweitens, daß – wenn zwar glücklicherweise ein schwerer Unfall oder gar eine Kernschmelze (der technische GAU) vermieden werden konnte – der Zwischenfall dennoch ungeahnte Effekte, nämlich einen Kommunikations-GAU, hervorbringen kann.

Für alle interessierten Beobachter und erst recht für Risiko- und Techniksoziologen sind die Vorkommnisse in Krümmel und Brunsbüttel überaus lehrreich, geben allerdings auch Anlaß zur Verwunderung. Denn zumindest all diejenigen, die sich professionell mit Hochrisikotechnologien befassen (sei es etwa aus ingenieurstechnischer Sicht oder aus sozialwissenschaftlicher Perspektive) wurden lediglich einmal mehr in der Auffassung bestätigt, daß jede fortgeschrittene Technologie inhärente Unsicherheitspotentiale birgt. Die latente Unbeherrschbarkeit – so bereits 1986 die These Ulrich Becks in seiner "Risikogesellschaft"  – von Großtechnologien, wird sich niemals vollständig technisch bezwingen lassen. Wer also neuerdings über die Berichte über Pannen und den frei flottierenden Dilettantismus in den Kernkraftwerken des Vattenfallkonzerns erstaunt war, muß sich den Vorwurf der Naivität gefallen lassen. Die Tatsache, daß sich jederzeit kleine Zwischenfälle zu prekäreren Risikolagen aufaddieren können, muß als selbstverständlich erachtet werden. Vorfälle wie nun in Krümmel und Brunsbüttel sind – darüber sollte man sich keine Illusionen machen – auch zukünftig in anderen deutschen Kernkraftwerken denkbar.

Von der Gewißheit, falsch informiert zu werden

Was allerdings für Verwunderung und Kopfschütteln sorgen muß, ist die haarsträubend-amateurhafte Informations- und Kommunikationspolitik, die hier betrieben wurde. Denn genauso überfordert wie das Personal im Leitstand des KKW, agierte auch die Presseabteilung des Konzerns Vattenfall. Es ist mehr als erstaunlich, daß im Jahr 2007 die im Grunde allgemein bekannten Regeln einer angemessenen Risikokommunikation innerhalb des Vattenfallkonzerns entweder unbekannt waren oder aber bewußt mißachtet wurden.

Umso erstaunlicher ist die Salamitaktik der Betreiber, wenn man bedenkt, daß unter seriösen Kommunikationsexperten seit Jahren Konsens darüber herrscht, daß ein unmittelbarer Informationsfluß, Transparenz und Dialog mit Anwohnern, Bürgern und Konsumenten das A und O jeder Risikokommunikation darstellen. Die Mißachtung elementarer Regeln seitens der Verantwortlichen hat nun auch erste Opfer gefordert. Sowohl der Kommunikationschef Altmeppen, Atomchef Thomauske und letztlich auch Vattenfall-Europe-Chef Rauscher wurden suspendiert oder zum Rücktritt gedrängt. Das latente Mißtrauen gegenüber den Stromkonzernen ist nun wieder auf ein Höchstmaß angestiegen; die Branche wird Jahre brauchen, um sich von diesem Kommunikations-GAU zu erholen.

Wie gesagt: erstaunlich ist weniger, daß es zu dem Brand in Krümmel und den Pannen in Brunsbüttel kommen konnte; deutlich größere Verwunderung muß hervorrufen, in welch eklatanter Weise die Verantwortlichen die Grundregeln ‚guter Risikokommunikation‘ mißachtet haben. Einblick in Dienstpläne und die tatsächlichen Abläufe erst auf massiven Druck der Aufsichtsbehörden hin zu gewähren, ist mehr als ein Armutszeugnis.1

Risikokommunikation: Die Sicht der Sozialwissenschaften

Vor allem in den Sozialwissenschaften werden seit einigen Jahren die Randbedingungen von Risikokommunikationsprozessen thematisiert. Schließlich ist das Wechselspiel zwischen den beteiligten Akteuren (Betreiber/Industrie, Politik, Interessensverbände und betroffene Bürger) selbst eine hochkomplexe Angelegenheit. Im Feld der Risikokommunikation prallen häufig grundverschiedene Interessen, Präferenzen und Weltanschauungen aufeinander. Dennoch lassen sich freilich gewisse Grundmuster rekonstruieren, die ein besseres Verständnis von Risikokommunikationsabläufen erlauben. Innerhalb ihres 6. Forschungsrahmenprogramms hatte die Europäische Union ein Projekt gefördert, das genau das Wechselspiel zwischen den beteiligten Akteuren ("Stakeholdern") analysieren sollte. Das Projekt "STARC – STAkeholders in Risk Communication" bündelte einerseits die zentralen theoretischen Risikokommunikationskonzepte und entwickelte andererseits Empfehlungen an die Politik und die anderen Akteure in diesem Feld, wie eine optimale Kommunikation aussehen kann und sollte.

Grundlage dafür waren eine Vielzahl von ausführlichen Experteninterviews, die in verschiedenen Ländern und Risikofeldern durchgeführt wurden. Unter Berücksichtigung der dort geschilderten Erfahrungen wurde schließlich versucht, Wege zu einer "more dynamic risk governance culture" aufzuzeigen. Einer der internationalen Partner, die bei der Durchführung der Studie kooperierten, war das Süddeutsche Institut für empirische Sozialforschung e.V. (sine). Im Auftrag von sine habe ich an der Konzeption, Interviewführung und -auswertung und letztlich an der Formulierung der Abschlußempfehlungen (sog. "best practices") mitgearbeitet. Wie man nun sieht, wäre es kein Fehler gewesen, hätte den Bericht auch bei Vattenfall jemand zur Kenntnis genommen.

Die Allgegenwart von Unsicherheit und der prekäre Status von Vertrauen

Wer sich mit den Anforderungen an eine gelungene Risikokommunikation auseinandersetzt, wird immer wieder auf folgende Punkte stoßen: 1. Eine vollständige Sicherheit wird es im Umgang mit Hochrisikotechnologien niemals geben, so daß Unfälle oder andere negative Effekte niemals auszuschließen sind. Jede Technik birgt ein unhintergehbares Gefahrenpotential. 2. Jeder Störfall, jeder Lebensmittelskandal führt zu einer Erosion des Vertrauens, das Konsumenten und Bürger der Politik und der Industrie entgegenbringen.  

Risikokommunikation ist folglich die Kunst, die Gefahren nicht zu leugnen, gleichzeitig aber durch einen transparenten und fairen Dialog zu verhindern, daß unnötig Mißtrauen und Blockadepositionen (auf allen Seiten!) aufgebaut werden. Ziel von Risikokommunikation ist es, "Risikomündigkeit" bzw. "Risikokompetenz" zu generieren. Denn vor dem Hintergrund, daß keine allumfassende Sicherheit herstellbar ist und Risiken niemals auszuschließen sind, kann allein eine stabile Vertrauensbasis die brüchige Sicherheitserwartung kompensieren. Dazu muß Risikokommunikation selbst "vertrauenswürdig" sein und bspw. Bürger und Konsumenten in dem Sinne ernst nehmen, als daß sie diejenigen Informationen bereitstellt, die den Verbraucher/Betroffenen in die Lage versetzen, sich eigenständig ein Urteil über das Gefahrenpotential einer Technologie oder etwa eines (gen-)technisch veränderten Lebensmittels zu bilden. Diese individuelle Urteilsfähigkeit ist mit dem Terminus "Risikomündigkeit" gemeint.

Ein anderer Weg ist – nach dem Verlust der Zuverlässigkeit von technischen und wissenschaftlichen Lösungen – nicht gangbar. Risikokommunikation muß sich genau in jenen Situationen bewähren, in denen sich vermeintliche Sicherheiten als fehlerhaft erwiesen haben oder zukünftig erweisen könnten.

Egal ob es um die komplexen und kaum überschaubaren Wechselwirkungen innerhalb einer kerntechnischen Anlage oder die in noch höherem Maße hyperkomplexen Zusammenhänge im menschlichen oder pflanzlichen Zellkern geht, mit denen sich die Gentechnologie auseinandersetzt: all diesen avancierten Technologien ist gemein, daß immer erst die Erprobung des (vermeintlich) Gewußten tatsächlich Aufschluß darüber geben kann, ob das Wissen gültig und die Eingriffe in Umwelt und Organismen unschädlich bleiben. Die Zeiten, in denen im geschützten Experimentierraum des Forschungslabors das riskante Handeln hinreichend erprobt werden konnte, sind längst vorbei. Wir müssen uns wohl oder übel damit abfinden, daß – wie Krohn/Weyer bereits 1989 zutreffend feststellten: "Die Gesellschaft als Labor" umfunktioniert wurde.2

Schizophrenie der Wissensgesellschaft

Es ist zwar eine erkenntnis- und wissensschaftstheoretische Selbstverständlichkeit, aber die Gesellschaft insgesamt beginnt erst allmählich und höchst widerwillig sich mit dem Umstand anzufreunden, daß Wissenschaft und das von ihr produzierte Wissen prinzipiell vorläufig und fehlbar sind. Es kann als schizophrene Grundstruktur der Wissensgesellschaft betrachtet werden: die Wissenschaft agiert unter der Prämisse des Falsifikationismus, gleichzeitig erachtet die Gesellschaft diese Funktionslogik als defizitär. Nochmal: der Erfolg moderner Wissenschaft verdankt sich der Tatsache, daß sie die Bedingungen des Mißlingens präzisiert. Der nüchterne Karl Raimund Popper brachte dieses interne Prinzip auf die Formel: "Wir irren uns empor!" Genau diese unausweichlichen Irrtümer werden allerdings – und hier wird die Schizophrenie deutlich – von der verunsicherten Restgesellschaft als Versagen und Scheitern verstanden und führen – falls die Risikokommunikationsstrategien falsch gewählt sind – fast zwangsläufig zu Mißtrauen.

Die Herausforderung vor der jede hochtechnologisierte Wissensgesellschaft steht, ist also folgende: Wissenschaft und Technik haben ihren früheren Status als Produzenten von Sicherheit eingebüßt3 und das Ergebnis forcierter Wissens- und Technologieproduktion ist – und genau dies wird durch zunehmend wahrnehmbare Risiken sichtbar – immer häufiger Unsicherheit. Treten Schadensfälle ein und werden gar – wie nun wieder einmal prototypisch am Vorgehen von Vattenfall ablesbar – vertuscht oder zumindest verharmlost, so tritt der ‚Virus‘ Mißtrauen in die Öffentlichkeit. Mißtrauen ist die Folge von fehlerhafter, intransparenter Risikokommunikation; wie  der erzwungene Rücktritt von Vattenfall-Europe-Chef Klaus Rauscher illustriert, sollten auch die Verantwortlichen die paralysierend-zersetzende Wirkung des sich ausbreitenden Mißtrauens nicht unterschätzen.

Wer glaubt, durch eine restriktive Informationspolitik, die in vielen Fällen eher eine Desinformationspolitik ist, mögliche Schäden begrenzen zu können, irrt. Sicherheit ist längst prekär geworden! Wer bei Stör-, Zwischen- und Unfällen zunächst auf Geheimhaltung setzt, anstatt offensiv und transparent zu informieren, riskiert, daß nicht nur Radioaktivität in die Umwelt entweicht. Fast ebenso zerstörerisch ist das Gift des Mißtrauens, das – wie man an den aktuellen Diskussionen ablesen kann – sogar den Entzug der Betriebserlaubnis zur Folge haben kann.

Nur eine seriöse, symmetrische Risikokommunikation kann darauf hoffen, diejenige gesellschaftliche Akzeptanz herzustellen, die für den Betrieb von Hochrisikotechnologien unabdingbar ist. Die Basis dieser Kommunikation ist Vertrauen. Je unsicherer eine Technologie ist, desto essentieller ist eine Risikokommunikation, die das jeder Technologie inhärente Gefahrenpotential nicht leugnet, auf tatsächlichen Dialog mit Konsumenten und Bürgern setzt und ihre demokratische Informationspflicht nicht länger als lästige Pflicht, sondern als selbstverständliche Verantwortung begreift. All das hätte man auch bei Vattenfall wissen können.

 

Zum Nachlesen gibt es bspw. die Empfehlungen des STARC-Projekts bei den Linktipps. 


 

Artikelserie zur Risikokommunikation:

1. Vom Störfall zum Kommunikations-GAU » Risikokommunikation in einer sensibilisierten Nebenfolgengesellschaft I

2. Erosion von Sicherheit und Vertrauen » Risikokommunikation in einer sensibilisierten Nebenfolgengesellschaft II

3. Wenn Sicherheit fragil wird » Risikokommunikation in einer sensibilisierten Nebenfolgengesellschaft III

4. Vertrauen als gefährdete Ressource » Risikokommunikation in einer sensibilisierten Nebenfolgengesellschaft IV
 


 

Linktipps:

Literaturempfehlungen:

 

  1. Der desolaten Informationspolitik widmet sich auch der Trierer Medienblog; eine Abschaltung älterer KKWs fordert der Rügenbote. []
  2. vgl. Krohn, Wolfgang / Weyer, Johannes (1989): Die Gesellschaft als Labor. Die Erzeugung sozialer Risiken durch experimentelle Forschung. In: Soziale Welt, 40 (3), 349-373. []
  3. Dies wurde ihr von der Gesellschaft über lange Zeit attestiert; die Ernüchterung setzte spätestens mit den großen Unfällen (Harrisburg, Bhopal, Seveso, Tschernobyl) ein; die Skandale um Contergan, FCKW, BSE etc. tun und taten ihr weiteres. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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