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Licht- und Versteckspiele » Der Bachmannpreis 2007 hat seine Sieger

2. Juli 2007 | 12:00 Gelesen: 4086 · heute: 2 · zuletzt: 26. June 2017 Noch keine Kommentare

Achtzehn Autoren, neun Juroren, drei Tage Lesemarathon, ein Sieger. Genauso wie im richtigen Leben sind auch bei Literaturwettbewerben die einfachsten Spielanordnungen oft die reizvollsten. Der am Sonntag im österreichischen Klagenfurt zu Ende gegangene 31. Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb illustrierte eindrucksvoll, dass sich zeitgenössische Literatur nicht zu verstecken braucht. Das Niveau der Texte war so hoch wie lange nicht mehr.

Die jeweils halbstündigen Lesungen und die darauf folgenden Diskussionen der Jury waren spannend und anregend. Für das größte Aufsehen sorgte jedoch ein Auftritt, der eigentlich gar keiner sein sollte: der Autor Peter Licht las, und niemand sollte zusehen. Das sorgte für Gesprächsstoff. Am Schluss siegte aber glücklicherweise wieder die Literatur vor der Inszenierung: die Wahl zum Bachmannpreisträger 2007 fiel – und das völlig zu Recht – auf Lutz Seiler, einen 44-jährigen Autoren aus der Nähe von Berlin, der mit seiner sinnlich dichten Schilderung einer Reise mit der legendären Eisenbahn „Turksib“ nicht nur die Jury in seinen Bann zog. 

Sieg der Literatur vor der Inszenierung? Nach vier spannenden Tagen hat die 31. Ausgabe des Bachmann-Preises einen verdienten Sieger.

Und so konnte man in dem Moment, als „weißer Rauch“ aufstieg und der Sieger des Wettbewerbs feststand, von den Gesichtern aller Beteiligten Erleichterung ablesen. Denn nichts ist unerfreulicher, als wenn am Ende einer solchen Leistungsschau des Literaturbetriebs die konträren Positionen innerhalb der Jury es nicht zulassen, dass sprachlich-literarische Qualität den Sieg davonträgt. Das ist alles schon da gewesen. Gerade in Klagenfurt, wo der Widerstreit und Diskurs der Juroren im Mittelpunkt des Interesses steht, blieb manchmal am Ende kaum etwas anderes übrig, als sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu einigen. Und dieser kleinste gemeinsame Nenner bedeutete dann allzu häufig nur Mittelmaß.

Literarische Kunstfertigkeit und der Sog der Sprache

Ganz anders dieses Jahr: Mit Lutz Seiler trat gleich am ersten Tag des Wettbewerbs ein Autor in den Ring, der bisher vornehmlich durch seine fein gewobene Lyrik auf sich aufmerksam gemacht hatte. Seit Ende der 90er-Jahre hatte Seiler für seine Gedichte viel Beifall und auch schon einige Ehrungen erhalten. In einer seiner Dankesreden, nämlich derjenigen zum Bremer Literaturpreis 2004, gab er Einblick in seine Arbeitsweise und verriet: „Zum Schreiben gehören Zeiten, in denen es nicht weitergeht.“ Die literarische Welt kann dankbar sein, dass Lutz Seiler einen Weg gefunden hat weiterzumachen.

Mit seinem Auszug aus einem längeren Prosatext, der der legendären sibirisch-turkestanischen Eisenbahn „Turksib“ gewidmet ist, stieß er bei der Jury auf ungeteilte Begeisterung. Seiler entführt die Zuhörer auf eine Reise durch das winterliche Kasachstan, auf eine rhythmisch-ratternde Fahrt, die ihre Entsprechung in einer Sprache von hoher Kunstfertigkeit findet. Genauso wie der Geigerzähler, den der Protagonist vor Fahrtantritt erwirbt, feinste Schwingungen aufzeichnet, so versteht es Lutz Seiler, all die Geräusche, Vibrationen, Bilder und Gerüche in poetische Bilder zu übersetzen. Der deutsche Jurydebütant Ijoma A. Mangold sprach treffend von intensiven „Textaromen“.

Das fortwährende Ticken des Geigerzählers begleitet die Erzählung als Hintergrundgeräusch, wird aber immer stärker vom dröhnenden Zuglärm übertönt. Der Erzähler wird von den ungleichmäßigen Stößen des Zuges hin- und hergeworfen und findet sich schließlich in den Armen des grobschlächtigen Heizers des dahinstürzenden Zuges wieder, der auf entzückende Weise Heine zitiert. Mit Lutz Seiler hat der Bachmannwettbewerb einen mehr als würdigen Preisträger gefunden, der die 25 000 Euro Preisgeld verdientermaßen mit nach Hause nimmt. 

Mit penibler Satz- und Fleißarbeit holt sich der Österreicher Thomas Stangl – nicht unumstritten – den zweiten Preis.

Etwas überraschender war dann allerdings die Entscheidung bezüglich der weiteren Preise. Bei der Wahl zum mit 10 000 Euro dotierten Telekom-Austria-Preis konnte sich letztlich der Österreicher Thomas Stangl durchsetzen. In seinem Text verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart, Existenzsuche und quasi-dokumentarische Niederschrift. Ausgangspunkt ist eine glücklose Kindheit, von der aus Stangl in einer hochkomplexen Satzarchitektur eine Topographie Wiens entwickelt, die zwar durch ihren Beobachtungsreichtum und sprachliche Kunstfertigkeit besticht, die aber – wie teilweise bemängelt wurde – unsinnlich und konturlos bleibt.

Licht- und Versteckspiele

Auch in Bezug auf den Preisträger des 3sat-Preises gingen die Meinungen der Jury weit auseinander. Der medienscheue Musiker und Autor Peter Licht hatte im Vorfeld gebeten, dies war ein Novum in der 31-jährigen Geschichte des Bachmannwettbewerbs, während der Lesung nicht gefilmt zu werden. Seinem Wunsch wurde entsprochen, und so schwenkte die Kamera während Lichts Lesung einerseits über die begeisterten Gesichter vieler Zuhörer, andererseits sah man aber auch, wie sich manche Miene zunehmend verdüsterte. 

Kontrovers, temporeich, amüsant: Per Lichts kunstvoller Balanceakt zwischen Nonsense und Philosophie wird am Ende doch mit einem Preis bedacht.

In einem tempogeladenen, amüsanten Text berauschte Licht sich und seine Zuhörer an den schier unbegrenzten Möglichkeiten der Sprache, die auf artistische Weise den abrupten Wechsel, die Übergänge zwischen Komik und Tragik, Idyll und Untergang inszenierte und ineinander verschränkte. Es war ein hoch kunstvoller Balanceakt zwischen Nonsens, Absurdität und Tiefgründigkeit, die in der anschließenden Diskussion begeistert aufgenommen und als „fröhliche Apokalypse“ bezeichnet wurde. Eine Fröhlichkeit, die einigen Juroren allerdings sauer aufstieß und schließlich juryintern für einigen Unfrieden sorgte. Schade, denn Peter Lichts Text war nicht nur virtuos: Die zerbrechende Ordnung, die Thematisierung der Fragilität aller (Seins-)Zustände, hätte der Jury Anknüpfungspunkt sein müssen, um zu diskutieren, ob hier hinter der spielerischen Oberfläche nicht eine bedenkenswerte Gesellschafts- und Zeitdiagnose verborgen liegt.

Keine Überraschungen bei der Preisvergabe

Ganz anders als das Feuerwerk, das Peter Licht abbrannte – der dafür übrigens auch den per Internetabstimmung entschiedenen Publikumspreis erhielt, ist der Text „Freundwärts“ von Jan Böttcher gearbeitet. Unaufgeregt, authentisch und zuweilen lakonisch im Ton, skizziert Böttcher auf überzeugende Weise, wie Familien- und Nationalgeschichte ineinander verwoben sein können. Seine Schilderung der vielfältigen Brüche und Verwerfungen, denen die drei Männer – Sohn, Vater und Großvater – im ehemaligen Zonenrandgebiet entlang der Elbe unterworfen sind, wurde zu Recht mit dem Ernst-Willner-Preis bedacht.

Am Wahlergebnis der Jury ist kaum etwas auszusetzen. Die Texte der vier Preisträger waren in sich stimmig, charakteristisch im Ton und jeder auf seine Weise brillant, wenngleich zutiefst unterschiedlich. Anders also als in Vorjahren, als Außenseiter plötzlich mit Preisen geehrt wurden und die stärksten Texte leer ausgingen. Dieses Jahr traf es einzig den Berliner Jochen Schmidt, der uns in seinem sympathischen Text „Abschied aus der Umlaufbahn“ die gescheiten und zutiefst menschlichen Gedankengänge eines Kosmonauten vorführte, aber dennoch nicht mit aufs Siegerphoto durfte, obwohl er bei den Abstimmungen um die einzelnen Preise teilweise nur knapp in der Stichwahl unterlegen war. Wenigstens den Publikumspreis hätte man ihm gegönnt.

Die schwindende Lust am Widerstreit

Was aber bleibt vom diesjährigen Bachmannwettbewerb? Die bislang unveröffentlichten Texte, zumal die der Preisträger, werden in den nächsten Monaten in den Handel kommen und verdienen durchaus neugierige Leser. Denn es war bestimmt kein schlechter Jahrgang, und abgesehen von zwei oder drei wirklich misslungenen Texten durfte man mit der Auswahl der Kandidaten zufrieden sein. Festzustellen ist aber auch, dass die engagiertesten und mutigsten Texte von der Jury abgestraft wurden. Zwar konnte man etwa über das provozierende Text-DJ-Sampling des jungen Berliners Jörg Albrecht sicher geteilter Meinung sein, aber sein Versuch, die Schnittstellen von realer und virtueller Identität anzuzapfen und in Sprache zu transformieren, wurde in der Diskussion der Jury erst gar nicht gewürdigt.

Wenig Neues unter Klagenfurts Sonne: die extravaganten Texte wurden abgestraft.

Ebenso war zu bedauern, dass Björn Kern, der in einer empathisch, kraftvollen Sprache das Dahinsiechen einer alten Frau an ihrem Lebensende beschreibt, keine Gnade fand. Hier war denn auch eine der wenigen Fehlleistungen der Jury zu beklagen, die nicht anerkennen konnte oder wollte, dass Kerns Text keineswegs die Demenz seiner 97-jährigen Protagonistin der Lächerlichkeit preisgibt, sondern sich ganz im Gegenteil überaus respektvoll seinem Gegenstand nähert. Als überinstrumentiert wurde dieser Versuch gescholten und gar als kalkuliert-effektheischende Inszenierung von Leid kritisiert; durchaus erstaunlich, dass sich hier die Jury einer Thematisierung der Begleitumstände des Alters angesichts einer zunehmend geriatrischen Gesellschaft verweigerte.

Neue Mitglieder: Gewinn für die Jury

Ansonsten agierte die neunköpfige Jury unter dem Vorsitz der routinierten Iris Radisch wohltuend sachlich, dennoch aber immer engagiert. Die zumeist erhellenden und fruchtbaren Diskussionen wurden nur selten von polemischen Einlassungen gestört. Einzig das Versteckspiel Lichts sorgte für Unmut. Anders als in früheren Jahren stand das Bemühen um die Texte im Mittelpunkt, und insofern muss man der Arbeit der unstrittig sehr belesenen und bemühten Jury Beifall zollen. Überrascht waren erfahrene Beobachter, dass bei nicht wenigen Diskussionsrunden großer Konsens herrschte, hier hätte man sich teilweise ein wenig mehr Widerspruchsgeist gewünscht.

Die beiden Neulinge in der Jury, der Literaturredakteur der „Süddeutschen Zeitung“, Ijoma A. Mangold, und der Semiotiker André Vladimir Heiz, fanden sich erfreulich schnell in ihrer neuen Rolle zurecht. Und besonders Ijoma Mangold ist zweifellos ein Gewinn für die Jury. Neben dem Wiener Literaturkritiker Klaus Nüchtern gehörte er zu den erfreulichsten und unkonventionellsten Akteuren auf dem Podium. Zu bedauern ist, dass nach dem letztjährigen Ausscheiden des Schriftstellers Burkhart Spinnen aus der Jury kein einziger dezidierter Autor mehr in diesem Gremium vertreten ist. Sollte hier möglicherweise bis nächstes Jahr ein adäquater Ersatz für Spinnen gefunden werden (Autoren wie beispielsweise Ingo Schulze oder Michael Lentz wären unbedingt eine Bereicherung), steht einem ähnlich erfolgreichen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb im Jahr 2008 nichts entgegen.

 
 

[Anmerkung: Dieser Text erschien zuerst auf Focus-Online – hier]

Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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