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Querverweise » Fundstücke, Lesenswertes & Links – 01

30. Mai 2007 | 13:33 Gelesen: 6096 · heute: 5 · zuletzt: 23. July 2017 Noch keine Kommentare

Fundstuecke_01c.jpgDa ich bei virtuellen Streifzügen durch das World Wide Web zuweilen auf interessante Texte, Links oder Gedanken stoße, will ich mit diesem Artikel erstmals eine kleine Sammlung dieser Fundstücke veröffentlichen. Üblicherweise wird ja in der bloggenden Welt jeder gefundene Text, jedes interessante Video sofort innerhalb eines eigenständigen Posts kommentiert und verlinkt. Davon lebt das Web 2.0 und sein Reiz liegt genau in dieser kleinteiligen Kommunikations- und Interaktionsstruktur.

Für die Wissenswerkstatt halte ich diese Vorgehensweise, also das Einstellen eines Links mit max. 2-3 Sätzen begleitender Kommentierung, allerdings für ungeeignet. Zwar weiß ich diese Form des Blogpostings durchaus zu schätzen, innerhalb der Wissenswerkstatt geht es allerdings darum, solche Fundstücke ausführlicher einzuordnen, in Kontexte einzubetten, weiterführende Informationen zu liefern. Ziel ist es, bestimmte Fragestellungen aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten, um auf diese Weise – so die Absicht und Hoffnung – neue, anregende Blickwinkel zu eröffnen.

Nun ist es freilich so, daß eben bei der Materialsuche, bei den genannten Streifzügen durch die Archive des Web, auch kleine, unscheinbare Fundstücke an- und auffallen. Bei der Rückkehr in die Werkstatt stellt sich dann jedoch heraus, daß eine Bearbeitung auf der Werkbank doch zu aufwendig wäre oder zeitlich nicht geleistet werden kann. Diese kaum bearbeiteten, fast unbehauenen, ungeschliffenen "Rohlinge", will ich in Zukunft aber nicht mehr unter den Tisch bzw. die Werkbank fallen lassen.

Ich werde in einer Ecke der Wissenswerkstatt also einen kleinen Platz freiräumen, in dem ich die anfallenden Themen sammle. In unregelmäßigen Abständen werden die Inhalte dieses Informations- und Linksammelsuriums dann hier veröffentlicht. Als kurze, kommentierte Liste von Querverweisen.

 


»1. Soeren vom Onezblog ist im Moment im Innovationsfieber und sprüht förmlich vor Tatendrang. Für den 7. Juni 2007 kündigt er einen "politischen Blogkarneval" an. Seine Motivation und die dahinterliegenden Gedanken bringt er selbst folgendermaßen zum Ausdruck:

"Es gibt in Deutschland eine große politische Blogszene. Der Karneval findet auch statt, um darauf aufmerksam zu machen. Aber es geht nicht nur um den Hype. Es geht um Diskurs. Es geht um politischen Diskurs in Deutschland und Blogs, die einen Teil dazu beizutragen haben. Dafür dieser Karneval. Für eine angeregte Diskussionskultur in Deutschland, an der Blogs schon durch ihre kommunikative Struktur viel beizutragen haben." (Onezblog.de)

 


»2. Daniel weist uns in seiner "Strengen Jacke!" auf ein Hörspiel hin, das dem "Popstar mit dem Zettelkasten" die Ehre erweist. Schon erraten, um welchen Sozialtheoretiker es am 19.6.2007 um 20:10 Uhr im Deutschlandfunk geht? ;-)

Gut, es ist natürlich der 1998 verstorbene Niklas Luhmann, dem das Hörspiel von Tom Peuckert gewidmet ist. Die Inhaltsangabe klingt vielversprechend und mit Leonhard Koppelmann führt ein absoluter Meister seines Fachs Regie. In der Ankündigung des DLF liest sich das Ganze folgendermaßen:

"Mit Luhmann spielt man das Theater des Zweifelns noch einmal durch. Die Quintessenz der Bielefelder Weisheit: Der gesellschaftliche Spielraum des Menschen ist klein, seine sozialen Wünsche sind riesengroß. Im Grunde eine komische Situation. Schließlich die kuriose Eigendynamik der Mediengesellschaft. Luhmanns posthumer Aufstieg in den Ruhm. Der Popstar mit dem Zettelkasten. Die coole Hornbrille aus Bielefeld. Alles redet, niemand liest. Die Clowns betreten die Luhmann-Bühne."

Hat jemand Zeit, um das Hörspiel als MP3 aufzuzeichnen? So wie ich mich kenne, versäume ich das ansonsten wieder…

 


»3. Zufall oder Absicht, daß die werten Herrschaften um den Grafen von Lowtzow ihre erste Singleauskopplung just eine Woche vor Beginn des G-8-Gipfels veröffentlichen? Nette Vorstellung, wie all die Demonstranten rund um das Tagungszentrum in Heiligendamm mit den tocotronischen Zeilen auf den Lippen im Gleichklang skandieren: "Ihr müßt kapitulieren!"

Aber zurück zu Tocotronic und ihrem vor wenigen Tagen veröffentlichten Video zum Song "Kapitulation".1 Wie bereits vermutet, verdichten sich die Hinweise darauf, daß Tocotronic mit der im Juli erscheinenden Platte ihren Rückzug in die Innerlichkeit beenden. Ja, die teilweise subtilen, zum Teil konkreteren politisierenden Statements zeigen, daß Tocotronic wieder bereit sind Stellung zu beziehen. Ratschläge zur Lebensführung kommen dabei ebensowenig zu kurz wie der Aufruf zur Mobilisierung des Gegenprotests gegen den universellen Mainstream der Unbedachtheit [und beinahe hätte ich "Unbedarftheit" geschrieben – wäre schließlich ebenso zutreffend.]

 

Das Video kommt derart unprätentiös daher, daß es erstens eine wahre Freude ist, zweitens ein wohltuender Gegenentwurf zu all den überproduzierten konventionellen Musikvideos und drittens auch programmatisch verstanden werden darf: "quiet is the new loud". ;-)

Es sind nicht die großen Gesten, nicht die plakativen Sprüche und die spätpubertäre Großkotzigkeit – die Eigenständigkeit von Tocotronic beweist sich wieder einmal in der leise und bescheiden daherkommenden Weise wie sie zart-zerbrechliche Texte formen.

Alle, die uns kontrollieren: Sie müssen kapitulieren!
Alle, die uns deprimieren: Sie müssen kapitulieren!
Laßt uns an alle appellieren: Wir müssen kapitulieren!

Selten wurde die Aufforderung zu "Schwachem Denken" solchermaßen schön formuliert.2

 


»4. Wer schon immer ahnte, daß Ärzteschaft und Pharmalobby eine verschworen-symbiotische Einheit bilden, die nicht dem Patientenwohl, sondern dem eigenen Profit verpflichtet ist, hat nun die Möglichkeit einen Einblick in die Praktiken der Pharmavertreter zu erhalten. Der Sciblog verweist auf den Insiderbericht von Adriane Fugh-Berman und Shahram Ahari, die jahrelang an der Schnittstelle von pharmazeutischer Industrie und praktizierenden Ärzten gearbeitet haben.

Es ist erschreckend und ernüchternd zugleich, wenn man in PLoS-Medicine-Online liest, mit welchen Strategien hier Bindungen und Abhängigkeiten gezielt aufgebaut werden. Es scheint egal zu sein, ob es nun um die Platzhirsche Pfizer, Eli-Lilly oder kleinere Firmen geht: um ins Geschäft zu kommen, sind auch die manipulativsten Tricks und Kniffe kein Tabu. Im Gegenteil: je perfider die Strategien, desto erfolgreicher die Pharmavertreter.  Denn jeder Arzt, so ist nachzulesen, ist käuflich – es ist letztlich alles eine Frage des Geschäfts.

"It’s my job to figure out what a physician’s price is. For some it’s dinner at the finest restaurants, for others it’s enough convincing data to let them prescribe confidently and for others it’s my attention and friendship…but at the most basic level, everything is for sale and everything is an exchange."

Absolut lesens- und empfehlenswert:

Fugh-Berman A, Ahari S (2007) Following the Script: How Drug Reps Make Friends and Influence Doctors. PLoS Med 4(4): e150 doi:10.1371/journal.pmed.0040150

 


»5. Der Medienwissenschaftler und Blogger Steffen Büffel hat in der aktuellen Ausgabe der "Neuen Gegenwart" einen sehr lesenswerten Essay zu den Veränderungen innerhalb der Wissenslandschaft veröffentlicht. In seinem Blog hat er den Artikel "Mobilisierung der Wissensarbeit" nun nochmals eingestellt, wo die Möglichkeit zur Kommentierung und Diskussion der Thesen besteht. Im Kern verweist er darauf, daß im digitalen Zeitalter die Aneignung von Wissen und Informationen auf eine nie gekannte Weise von Mühsal und Barrieren entlastet wurde.

Neue Formen der Wissensarchivierung, -vernetzung und -produktion werden denkbar. Er skizziert in kurzen Hinweisen die Vision eines kollaborativen Netzes von Wissensarbeitern, die auf dem peer-to-peer-Prinzip ein Gegenmodell zu statischen Konzepten der Enzyklopädie oder der frontalen, eindimensionalen Wissensvermittlung an Schulen und Universität etablieren. 

"Endlich wird auch Information mobiler, die Wissensarbeit für den Lernenden von der Überwindung physischer Distanzen zusehends entbunden. (…) Durch die zunehmende Unmittelbarkeit zwischen Ereignis und der Berichterstattung darüber naht das Informationszeitalter heran – der Wechsel von Informationsmangel zum Information Overload steht bevor. Die Informationsflut beginnt über immer mehr und immer weiter verzweigte Kanäle den Menschen entgegen zu schwappen."

  


»6. Eine längst überfällige Informations- und Linksammlung rund um das Thema "Open Access" ist seit wenigen Wochen [wie schon hier zu lesen war] verfügbar. Wer sich über Hintergründe, rechtliche Rahmenbedingungen und Möglichkeiten von Open-Access-Modellen schlau machen möchte, ist unter www.openaccess-germany.de gut aufgehoben. Zu den Vorteilen frei verfügbarer und kostenloser Zugänge zu Informationen und Wissen finden sich dort zahlreiche weiterführende Materialien. In einigen Tagen wird hier in der Wissenswerkstatt ein umfänglicher Artikel die Potentiale des OA-Konzepts beleuchten und auch aufzeigen, weswegen die Fokussierung der Diskussion auf Open Access dennoch zu kurz greift. 

 

  1. Auf das neue audiovisuelle Machwerk wurde freundlicherweise von Nicorola hingewiesen und hier und hier kommentiert. Außerdem verweist "Auf ein neues.." auf ein Interview von Tocotronic in Intro! []
  2. Das Album ist ab sofort hier als Limited Edition vorbestellbar! []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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