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Vom kleinen Eisbären Knut und großen Geschäften » Über Medien, Ablenkungseffekte und die Manipulation von Aufmerksamkeit

13. April 2007 | 13:35 Gelesen: 8250 · heute: 2 · zuletzt: 2. September 2014 1 Reaktion

Er ist weiß, klein, tapsig und einfach zum Knuddeln. Eisbär Knut ist der Liebling der BoulevardMedien und die Sympathiewelle, die seit einigen Wochen durch Deutschland rollt, illustriert vor allem eines: die Bevölkerung der Bundesrepublik ist nicht nur begeisterungsfähig, sondern geradezu begeisterungswütig.

Wer den kollektiven Rummel um die Fußballnationalmannschaft im Rekordsommer 2006 noch als singuläres Ereignis verstanden hatte, sollte allmählich seinen Irrtum eingestehen. Denn die Berichterstattung über den Berliner Eisbären1 und v.a. deren überwältigende Resonanz sind geradezu ein Lehrstück aktueller Medien- und Aufmerksamkeitsmechanismen. Ganz augenfällig ist dabei zunächst eines der Grundgesetze der Medienrezeption: je einfacher die Botschaft, desto größer ist das Interesse.2

Dem erstaunten Beobachter stellt sich freilich die Frage, wieso es ausgerechnet der kleine Eisbär in die Schlagzeilen schaffte. Denn ist es nicht spätestens seit Bernhard Grzimeks3 amüsanten Lehrstunden im kulturellen Gedächtnis der BRD fest verankert und allgemein bekannt, daß in deutschen Tiergärten und Zoos süße, knuffige Tierkinder umhertollen? Wieso wird die Allgemeinheit also erst im Frühjahr 2007 von Knuts Charme überwältigt? Nun könnte man sich freilich mit der Erklärung behelfen, daß angesichts der täglich wiederkehrenden Schreckensmeldungen über Terroranschläge in aller Welt die Berichte über den Berliner Eisbären einfach eine willkommene und vielleicht notwendige Abwechslung darstellen. Bedenkt man den trivialen Umstand, daß Aufmerksamkeit und Ressourcen, die für die Rezeption von Meldungen aus dem Tiergehege aufgewendet werden, nicht mehr anderweitig4 zur Verfügung stehen, dann wird offensichtlich, daß Knut letztlich sogar eine Entlastungs- und Hygienefunktion erfüllt. Mit leicht verdaulichen Themen, wie sie oftmals in den Klatsch- und Societyspalten der Zeitungen zu finden sind, stellen die Medien also selbst eine Möglichkeit bereit, den Nachrichten über Leid, Elend und Katastrophen vielleicht nicht gänzlich auszuweichen, sich aber immerhin eine Auszeit zu gönnen. So betrachtet wäre also die forcierte Knut-Hysterie ein Instrument des medialen Ablaßhandels. Ablaß also für die Zumutungen, die jedem Zeitungsleser und Mediennutzer alltäglich präsentiert werden.

Fraglich bleibt, ob diese Erklärung tatsächlich so zwingend und für das beobachtbare Phänomen der sog. Knut-O-Manie ausreichend ist; zwar mag es einleuchten, daß die fortgesetzte Beschäftigung und Konfrontation mit Bildern aus Kriegs- und Elendsgebieten dem pflichtbewussten Mediennutzer durch die Bereitstellungen von ‘leichten Meldungen’ quasi versüßt und belohnt wird (und werden muß?), doch wären gemäß dieser Logik solche Meldungen über das Aufwachsen von Raubtierbabys eher im Wochentakt zu erwarten. Schließlich sollte der versierte Mediennutzer inzwischen hinreichend abgehärtet sein, was die Verarbeitung von erschütternden Nachrichten angeht. Oder etwa doch nicht? Eine zufriedenstellende Erklärung muß vermutlich beide Seiten des massenmedialen Kommunikationsprozesses in den Blick nehmen; einerseits also die Produzenten all der Bilder und Berichte, andererseits die Konsumenten, die als Rezipienten für den Kommunikationsprozeß (wenn man bspw. Niklas Luhmann glauben darf) konstitutiv sind.5

Denn entscheidend für das Zustandekommen von Berichten (will man hier der Luhmann’schen Terminologie und Sichtweise folgen) über eine bestimmte Thematik ist auf der einen Seite, daß innerhalb des Mediensystems die Unterscheidung zwischen Information/Nicht-Information getroffen wird. D.h. ein Thema wird von Journalisten als ‘Information’ und folglich als mitteilenswert ‘markiert’; erst dann wird aus einem Geschehen eine Meldung in den jeweiligen Medien. Auf der anderen Seite ist es ebenso notwendig, daß die fragliche Meldung (in der Zeitung, im Onlinejournal, etc.) auch tatsächlich rezipiert und als ‘Mitteilung verstanden‘ wird. Erst die Tatsache, daß eine Meldung zu einem bestimmten Thema bei den Lesern und Zuschauern auch ‘Resonanz’ erzeugt, macht diese Kommunikationseinheit vollständig. Und erst infolgedessen steigt die Wahrscheinlichkeit, daß sich weitere Meldungen zum gleichen Thema wieder in den jeweiligen Medien (vielleicht dann sogar an prominenterer Stelle?) finden lassen.

Bezogen auf die Berichterstattung über Knut läßt sich demzufolge kaum anderes schlußfolgern, als daß zumindest auf der Seite des Publikums eine beträchtliche Resonanzbereitschaft gegeben ist. Offensichtlich ist ein nicht unerhebliches Bedürfnis nach leichteren Themen vorhanden, ob dies als Symptom eines Überlastungs- und Zumutungseffekts (wie oben kurz skizziert) zu verstehen ist, müßte an anderer Stelle durchdacht und empirisch untersucht werden.

Interessant ist freilich, wie es auf der Seite der Journalisten selbst aussieht. Verstehen sich also ein Großteil der Medienbranche tatsächlich ausschließlich als Dienstleister, die (unabhängig von eigenem Interesse und möglichen Niveau-/Qualitätskriterien) schlicht die Bedürfnisse/Nachfrage der Leser/Zuseher bedienen? Denkbar wäre allerdings genauso, daß auch für die Journalisten selbst derselbe Effekt zutrifft: die permanente Konfrontation mit Meldungen über Terroranschläge und Umweltkatastrophen erzeugt auch bei den Medienprofis das Bedürfnis nach Abwechslung und Ablenkung. Aber vermutlich ist diese Deutung doch etwas naiv und verkennt die Mechanismen, die in der Medienbranche vorherrschen. Zwar mag der Balanceakt zwischen journalistischer Recherche- und Sorgfaltspflicht (oder gar dem abstrakten Primat der journalistischen Unabhängigkeit) und dem Quoten- und Auflagendruck häufig nicht leicht sein, eine Meldung der letzten Tage wirft aber wieder einmal ein Schlaglicht auf die allgegenwärtige Einflußnahme auf Journalisten. Wie allerorten nachzulesen war (sowohl bei Spiegel, SZ & Co, als auch bei Medienrauschen) hatte der Berliner Zoo versucht die Pressevertreter, zu einer ‘positiven Berichterstattung’ zu nötigen. Der Passus der Vereinbarung las sich wie folgt:

"Der Vertragspartner verpflichtet sich, die Materialien nicht für
Darstellungen zu verwenden oder zu überlassen, die die Zoologische
Garten Berlin AG oder ihre Mitarbeiter in einem ungünstigen Licht
erscheinen lassen".

Verwunderlich bei all dem ist freilich, weshalb die Verantwortlichen des Berliner Zoos überhaupt befürchten, daß negative Berichte veröffentlicht werden könnten. Ist der Charme von Knut nicht Garantie genug, daß selbst der abgefeimteste Journalist nicht anders kann, als die Attribute süß und knuddelig gleich zigfach zu verwenden? ;-)

Aber vermutlich zeigt sich hier nur, daß es in der PR-Branche eine Selbstverständlichkeit geworden ist, daß man die Journalisten als heimliche Verbündete betrachtet. Das gegenseitige Abhängigkeitsverhältnis scheint größer zu sein, als man gemeinhin annimmt. Eine Studie des Journalistik- und Medienwissenschaftlers Michael Haller (Uni Leipzig) wies 2004 auf diese Verquickung hin; seinen Zahlen zufolge stehen bspw. im Bereich des Wirtschaftsjournalismus in Deutschland den 30.00 Journalisten auf der Seite der PR-Abteilungen ca. 18.000 Mitarbeiter gegenüber. Und deren Praktiken und Strategien der Einflußnahme dürften um einiges raffinierter und effizienter sein, als die dilettantischen Versuche des Berliner Zoos. Soll man sich damit trösten, daß für Niklas Luhmann der Informationswert einer Meldung Vorrang vor ihrem Wahrheitsgehalt hatte?6

 


 

Empfehlenswerte Literatur und Links:

  1. Merten, K. et. al. (Hg.): Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft. 1994.
  2. Niklas Luhmann: Die Realität der Massenmedien. 1996.
  3. Freimut Duve/Michael Haller: Leitbild Unabhängigkeit. Zur Sicherung publizistischer Verantwortung. 2004.
  4. Michael Haller: Das freie Wort und seine Feinde. Zur Pressefreiheit in den Zeiten der Globalisierung. 2004.
  5. Interview mit Niklas Luhmann aus dem Jahr 1996: »Wahrheit ist nicht zentral« (Sonntagsblatt, online)

 


  1. Am Osterwochenende herrschte im Berliner Zoo der Ausnahmezustand. Manche Beobachter fühlten sich angesichts des Rummels rund um das Eisbärengehege eher an ein Rock- oder Popkonzert erinnert. Unzählige Ordner und Helfer des Roten Kreuzes mussten den riesigen Andrang von bis zu 20.000 Besuchern in geordnete Bahnen lenken. []
  2. Diese sehr vereinfachte These sei an dieser Stelle erlaubt. Die Rezeptionsforschung hat freilich detailliertere Erkenntnisse über den sog. ‘Nachrichtenwert‘ erarbeitet. Es sind vor allen Dingen Nachrichtenfaktoren wie Relevanz [Bedeutung für den jeweiligen Leser, sowie Nähe zu seiner Lebenswelt], Neuigkeitswert, Kuriosität [was bei Knut durchaus gegeben ist], Frequenz [Übereinstimmung mit der Erscheinungsperiodik von Medien], Kontinuität [über Themen, die bereits Gegenstand von Nachrichten waren, wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch in der Folge berichtet] und Eindeutigkeit [Überschaubarkeit und geringe Komplexität des Gegenstandes; und hier liegt bei Knut sicher ein Schwerpunkt!]. Sehr instruktiv dazu ist etwa der Beitrag von Georg Ruhrmann ["Ereignis, Nachricht, Rezipient"] in Merten (Hg.): Die Wirklichkeit der Medien. Eine Einführung in die Kommunikationswissenschaft. []
  3. Der Zoologe und langjährige Direktor des Frankfurter Zoos berichtete in den 60er und 70er Jahren in seiner Sendung "Ein Platz für Tiere" dem westdeutschen Fernsehpublikum aus der Tierwelt; seine überaus erfolgreichen Tierfilme waren Quotenrenner und für seinen Dokumentarfilm "Serengeti darf nicht sterben" erhielt er 1960 gar den Oscar []
  4. Zeit und Konzentrationsfähigkeit, über die jedes Individuum zur Kenntnisnahme des medial vermittelten Weltgeschehens verfügt, sind notwendigerweise begrenzt. Die Beschäftigung mit Meldungen aus bspw. den Rubriken ‘Vermischt’/’Society’ kann also dazu dienen, daß der einzelne Medienkonsument die Anteile von ‘harten’, politischen Themen und den ‘weichen’ Inhalten jeweils seiner Toleranzschwelle gemäß zusammenstellt und so einer je individuellen ‘Überforderung‘ entgegenwirkt. []
  5. Luhmann versteht Kommunikation bekanntlich als Einheit der drei Selektionskomponenten: Information, Mitteilung und Verstehen. Erst im und durch das Verstehen durch den Adressaten/Rezipienten wird diese Einheit vollständig und [was entscheidend ist] anschlußfähig. Vgl. u.a. Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft. S.70; S. 190f. []
  6. Nachzulesen u.a. im Interview mit Niklas Luhmann aus dem Jahr 1996: »Wahrheit ist nicht zentral« (Sonntagsblatt, online []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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