Home » Lesetipps, Werkstatt-Gespräch, Wissenschaft

Studiendilemma: Akupunktur gegen Heuschnupfen

» Über Stiche, Schmerz, unmögliches Nichtwissen und Kontrollgruppen

2. Juni 2013 | 23:50 Gelesen: 18681 · heute: 5 · zuletzt: 14. November 2018 9 Reaktionen

Es ist wieder Heuschnupfenzeit. Ich persönlich komme mithilfe von Antihistaminika meist ganz gut über die Pollensaison. Aber wenn es um weitere Alternativen im Kampf gegen den lästigen Heuschnupfen geht, werde ich dennoch hellhörig. Immer wieder wird die Akupunktur empfohlen. Nur ein paar Sitzungen und schon seien – so heißt es – geplagte Heuschnupfenopfer häufig symptomfrei. Kann das sein? Ist das Wunschdenken, geschicktes Marketing der Akupunktur-Lobby oder funktioniert das wirklich? Die Antwort lautet: ja, irgendwie alles zusammen. ;-)

Klar ist: Antihistaminika1 sind allererste Wahl, wenn es um allergische Reaktionen geht. Und die neueren Substanzen der 2. Generation machen ja auch (oder nur in Ausnahmefällen) nicht mehr müde. Interessant sind die Alternativen aber doch. Denn in den “heißen” Phasen reicht mir z.B. die normale Tagesdosis meines Heuschnupfenpräparats nicht aus und ich verdopple oder verdreifache das Zeug und dennoch schniefe ich. Könnte ich das mit ein paar Akupunktursitzungen vermeiden?

Taugt Akupunktur was, wenn ich meinen Heuschnupfen (oder auch andere Allergien) effektiv behandeln will? Wenn man aktuelle Studien zum Einsatz von Akupunktur bei allergischem Schnupfen ansieht, so sieht es ganz danach aus. Koreanische Forscher um Sun-mi Choi haben in ihrer Studie 238 Versuchspersonen untersucht und dabei einen Teil der Probanden mit “echter” Akupunktur, einen anderen Teil mit einer Schein-Akupunktur und das letzte Drittel zunächst gar nicht behandelt. Die Schnupfen-Patienten, die mit Nadeln gestochen wurden, profitierten und zeigten weniger allergische Symptome. Im Fachjournal “Allergy” schreiben die Autoren:

“The symptoms of allergic rhinitis decreased significantly after treatment in the both acupuncture and sham acupuncture groups. Acupuncture appears to be an effective and safe treatment for allergic rhinitis.”

Das liest sich schonmal ganz gut. Und die Teilgruppe, die an den “richtigen” Akupunkturpunkten gestochen wurde, zeigte den Effekt noch deutlicher als die Gruppe, die nur eine sog. Sham-Akupunktur bekam, also eine Akupunktur, die bewußt die traditionellen Regeln mißachtet.

Was hilft?: Das Piksen? Nur an den richtigen Stellen?

Das klingt also recht vielversprechend. Und es deckt sich prinzipiell mit den Ergebnissen einer anderen Studie, die unter der Leitung von Benno Brinkhaus von der Berliner Charité durchgeführt wurde. Die deutschen Forscher hatten sogar 422 Heuschnupfenpatienten ausgewählt. Rund die Hälfte der Patienten bekam acht Wochen lang eine Akupunkturbehandlung (jeweils 12 Sitzungen). Die andere Hälfte wurde nochmals unterteilt: 102 wurden ebenfalls gepikst (allerdings im Sinne einer gefakten “Sham-Akupunktur”) und 108 nahmen nur wie gewohnt die Antihistaminika. (Die beiden Akupunkturgruppen nahmen übrigens parallel ebenfalls ihre Medikamente ein!)

Das Ergebnis auch dort: die Akupunktur-Patienten berichteten eine Verbesserung ihrer Heuschnupfen-Symptome und sie nahmen auch weniger Medikamente ein. Bei den nach den Regeln der Kunst behandelten Patienten zeigte sich der Effekt etwas stärker. In der Zusammenfassung der Studie heißt es:

“Acupuncture led to statistically significant improvements in disease-specific quality of life and antihistamine use measures after 8 weeks of treatment compared with sham acupuncture and with RM alone, but the improvements may not be clinically significant.”

Wirklich groß ist der Unterschied also dann doch nicht ausgefallen (“not clinically significant”), aber immerhin.

Jetzt stellt sich nochmals die Eingangsfrage: taugt Akupunktur etwas, wenn ich meinen Heuschnupfen (oder auch andere Allergien) effektiv behandeln will? Die Antwort: es schadet zumindest nicht, ist aber natürlich aufwendig und recht teuer. Und es ist prinzipiell ziemlich egal, ob der Akupunktur-Therapeut irgendwelche ominösen Punkte behandelt oder ahnungslos daneben sticht. Wieviel der Symptomverbesserung auf das Konto des Placebo-Effekts geht, wissen wir nicht. Mit ziemlicher Sicherheit jede Menge.

Dilemma: Therapeuten können ihr Wissen nicht ausblenden

Und es gibt noch ein weiteres Problem bei diesen Studien, auf das Edzard Ernst in seinem Blog aufmerksam macht: die Studie mag noch so gut gemacht sein, sie kann doch nicht ausschließen, daß unbezifferbare “Störeffekte” bei der Behandlung der verschiedenen Akupunkturs-Gruppen auftreten. Es ist ja – darüber brauchen wir nicht groß diskutieren – klar, daß bei allen (!) Probanden, die mit Nadeln gepikst wurden der Placebo-Effekt positiv greift. Ganze zwölf Mal ließen die eine 20-30 minütige Behandlung (inkl. all dem dazugehörenden Therapiesetting) über sich ergehen. Wäre schlimm, wenn das nichts verändern würde! ;-)

Die Therapeuten wissen natürlich, ob sie die Nadeln “richtig” setzen oder eine Schein-Akupunktur machen. Und somit kann man über den Unterschied der beiden “Behandlungen” nur mutmaßen… Allerdings ist es halt auch unvermeidbar, daß die behandelnden Therapeuten jeweils genau wissen, ob sie die Nadeln jetzt “richtig” setzen oder ob sie dem Patienten “nur” eine Schein-Akupunktur verabreichen. Wir können getrost davon ausgehen, daß allein dieses Wissen des Therapeuten einiges verändert: seine eigene Erwartungshaltung bzgl. der Wirksamkeit, seine Körpersprache gegenüber dem Patienten usw. usf.

Die Akupunkteure waren übrigens dazu verpflichtet, daß sie natürlich bei der “richtigen” Gruppe Wert auf das sog. De-Qi legen, d.h. der wohlig-dumpfe Akupunkturschmerz durch die Nadeln sollte eintreten. Bei der Kontrollgruppe mit der Sham-Akupunktur an den “falschen” Stellen, sollte ausdrücklich kein (!) solcher Schmerz auftreten. Alles also nur gespielt bzw. gepikst. Und insofern ist es dann auch nicht verwunderlich, wenn sich die beiden Gruppen leicht (!) unterscheiden.

Fazit: Obwohl ziemlich gut gemacht, liefern die Studien dennoch wieder keinen Beleg für die Effektivität von regelgerechter Akupunktur. Sie zeigen lediglich, daß die Behandlung (mitsamt Nadelstichen irgendwohin!) hilft. Nicht mehr, nicht weniger.

Ich bleib dann wohl bei meiner Antihistaminika-Selbstmedikation. ;-)

Links und Studien:

 

  1. Ich selbst komme seit Jahren z.B. mit Cetirizin ziemlich gut zurecht. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
Twitter: Werkstatt | Meine (private) Website | Profile bei: Google+ | Facebook | Xing