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Beobachtung und Kontext: Weshalb mutierte Käfer und deformierte Insekten keine Argumente gegen Kernkraftwerke sind

14. Mai 2010 | 14:30 Gelesen: 14856 · heute: 4 · zuletzt: 14. August 2018 4 Reaktionen

Heteroptera2Angenommen wir machen einen kleinen Waldspaziergang. Und dabei finden wir am Wegesrand einen kleinen Käfer, dem ein Flügel fehlt. Ist das in irgendeiner Weise beunruhigend? Was denken wir uns, wenn wir kurz darauf ein Insekt mit verkrüppelten Gliedmaßen entdecken? Wären wir jetzt alarmiert? Vermutlich nicht. Denn was sollten diese beiden Zufallsfunde auch anderes sein als eine seltsame Laune der Natur?

Was passiert aber, wenn unser Spaziergang in der Nähe eines Kernkraftwerks verläuft? Wären wir eventuell doch irritiert? Würden wir nun plötzlich doch darüber nachdenken, ob Fundort und Fundstück in irgendeinem kausalen Zusammenhang stehen? Ich bin mir nicht sicher, ob meine eigene Einschätzung nicht anders ausfiele, je nachdem ob ich die Insekten nun an vollkommen unverdächtigem Ort oder eben in Sichtweite eines Kernkraftwerks oder einer Chemiefabrik auffinden würde. Irgendwie wäre es wohl menschlich hier einen Zusammenhang zu konstruieren, wissenschaftlich aber nicht.

Interessant, aber wertlos: Die Insekten-Zeichnungen von Cornelia Hesse-Honegger

Das ist auch das Problem an der Arbeit von Cornelia Hesse-Honegger. Die Schweizerin sammelt seit Jahrzehnten Insekten in der Umgebung von Kernkraftwerken in ganz Europa. Und sie dokumentiert auffällige Deformationen der Wanzen, Käfer und Falter. Das alles ist interessant, aber wertlos. Wenigstens wenn es um die Debatte um die Risiken von Kernkraftwerke und mögliche Strahlenschäden in der unmittelbaren Umgebung geht. Die Zeichnungen werden aber immer wieder genau in dem Zusammenhang zitiert. Zum Beispiel vor wenigen Tagen bei Wired und Jörg Rings hat auch schon darauf hingewiesen, daß die Insekten-Bilder genau dafür nicht taugen.

Welchen Wert haben Einzelbeoachtungen von Hobbyforschern? Sind Erkenntnisse von engagierten Laien per se problematisch?

Die Diskussion um die Relevanz, die die Arbeiten von Frau Hesse-Honegger haben, ist allerdings auch für sich interessant. Denn es geht dabei ja um die grundsätzliche Frage, welche Bedeutung wir Einzelbeobachtungen zubilligen. Und welche Standards Argumente erfüllen müssen, wenn sie im wissenschaftlichen Sinne irgendeine Relevanz haben sollen.

Gibt es tätsächlich eine deutlich erhöhte Rate an Fehlbildungen bei Insekten im Umfeld von Kernkraftwerken?

Kurz zum konkreten (Streit-)Fall: Cornelia Hesse-Honegger ist ausgebildete wissenschaftliche Zeichnerin beim Naturhistorischen Museum der Universität Zürich. Und nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl begann sie mit der Sammlung von Insekten (v.a. Wanzen) im Umkreis von Kernkraftwerken, zunächst in der Schweiz, später in Deutschland und auch weltweit. Dabei entdeckte sie (natürlich) Insekten, die Auffälligkeiten zeigten: fehlende Fühlersegmente, verformte Flügel, asymmetrische Leibsegmente etc. Bis heute hat sie mehr als 300 Zeichnungen von diesen Mißbildungen angefertigt.

Heteroptera3

Nach ihren eigenen Angaben zeigten gebietsweise mehr als 30% der untersuchten Wanzen Störungen. Normalerweise liege diese Rate bei 1-3%. Diese Beobachtungen hat sie vorletztes Jahr in einem Beitrag für “Chemistry & Biodiversity” zusammengefasst.

Das riesengroße Problem bei der ganzen Sache ist folgendes:1 Cornelia Hesse-Honegger ging in keiner Weise systematisch vor und ihre Arbeit ist (soweit ich sehe) auch nur höchst unzureichend dokumentiert. Und von der Überprüfbarkeit bzw. Kontrollierbarkeit ihrer Ergebnisse ganz zu schweigen.2 Und das ist einfach ärgerlich.

Denn der Befund wäre (Konjunktiv!) ja tatsächlich diskussionswürdig, wenn er auf der Basis einer sauberen wissenschaftlichen Vorgehensweise zustande gekommen wäre. Wenn vor (!) Studienbeginn festgelegt worden wäre, wo, wann und wie die Insektensammlung statffinden sollte. Wenn die Auswertung der Daten klar dokumentiert (anhand von Photos!) worden wäre. Und wenn das alles nicht als Hobbyprojekt einer Einzelperson, sondern im Rahmen eines (an Institutionen gekoppelten) Forschungsprojektes3 durchgeführt worden wäre. Aber das ist leider nicht der Fall.

Insofern bleibt es dabei: die Zeichnungen sind interessant, aber trotz der (angeblich) 16.000 gesammelten Insekten kein wirklich relevanter Beleg für die Gefährlichkeit der radioaktiven Strahlenbelastung in der Nähe von AKWs. Wohlgemerkt: es ist absolut vorstellbar, daß es tatsächlich eine solche Häufung und eine erhöhte Fehlbildungsrate gibt – aber das sollte eben innerhalb einer wissenschaftlichen Studie untersucht werden. Solange das fehlt, sind die Zeichnungen nur wenig mehr Wert als die Zufallsfunde bei unserem Waldspaziergang.

  1. Was ihr ja u.a. auch Jörg vorwirft. []
  2. Das soll nicht heißen, daß ich Frau Hesse-Honegger nicht für integer halte, aber sie ist dann halt doch “nur” eine Einzelperson, deren persönliche Motivation im Zshg. mit der zivilen Nutzung der Kernenergie nicht unerheblich sein könnte. []
  3. Mit entsprechenden Formen der Kontrolle und Qualitätssicherung []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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