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Frauen sind bei der Partnerwahl doch nicht so anders: Auch beim Speed-Dating entscheidet die Methode

4. Juni 2009 | 14:45 Gelesen: 13382 · heute: 2 · zuletzt: 14. December 2017 2 Reaktionen

speed_dating_225Wenn es Speed-Datings nicht schon gäbe, müßte man sie glatt erfinden. Jedenfalls für die psychologische Forschung. Denn dafür liefern Speed-Dating-Konstellationen natürlich ein hervorragendes Anschauungsmaterial. Nach welchen Kriterien bewerten wir die Attraktivität potentieller Partner? Und wie hängt das alles mit dem Geschlecht der Teilnehmer zusammen? Eine neue Studie zeigt nun aber, daß viele Erkenntnisse früherer Speed-Dating-Studien vermutlich neu bewertet werden müssen.

Speed-Datings, dieses eigenwillige Phänomen, das irgendwie mit Träumen und Sehnsüchten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit zu tun hat, sind seit den 90er Jahren in Mode. Üblicherweise treffen sich zu solchen Events etwa ein Dutzend männliche und weibliche Singles.1

Für Psychologen liefern Speed-Datings spannende Antworten zu Partnerwahl und Fragen der Attraktivitätsbeurteilung. Doch leider mit verzerrtem Ergebnis…

Im Verlauf des Treffens gibt es in mehreren Runden jeweils die kurze Gelegenheit für zwei Teilnehmer sich gegenseitig kennenzulernen. Die männlichen und weiblichen Singles werden also in immer neuen Konstellationen zusammengesetzt und am Ende wird in der Regel abgefragt, ob man (oder frau) einen der anderen Teilnehmer möglicherweise näher kennenlernen möchte.

Für Psychologen ist das natürlich spannend. Denn wo ließen sich bestimmte Aspekte der Partnerwahl besser erforschen? Wen finden wir (auf den ersten Blick) attraktiv? Welche Konstellationen sind erfolgversprechend, welche nicht?

Die wählerische Frau…

Eines der Ergebnisse, die solche Studien immer wieder ergeben: Frauen sind wählerischer als Männer. Frauen wollen durchschnittlich lediglich ein Drittel der Männer wiedersehen; Männer wünschen sich meist bei der Hälfte der kurzzeitigen Gesprächspartnerinnen ein Wiedersehen.

Die Erklärung für diesen Effekt liegt – anscheinend – auf der Hand: Frauen sind (hier spielt vermeintlich das evolutionär-biologische Erbe mit rein) deshalb wählerisch, weil sie mehr Ressourcen für die Fortpflanzung einsetzen müssen. Sie müssen also bei der Partnerwahl genauer hinsehen und sind insofern kritischer, als die Jungs.

Die Rahmenbedingungen des Speed-Datings

Die US-Psychologen Eli Finkel und Paul Eastwick von der Northwestern University in Evanston haben sich das Studiendesign der meisten Speed-Dating-Studien näher angesehen. Und sie haben das klassische “Design” variiert. Denn es hat sich eingebürgert, daß die Frauen an einzelnen Tischen plaziert werden und die Männer zwischen den einzelnen Tischen wechseln. Finkel und Eastwick haben diese Rollenverteilung getauscht, mit erstaunlichem Ergebnis: der Geschlechts-Effekt hob sich auf!

Die Erkenntnisse aus der Speed-Dating-Forschung müssen revidiert werden: Geschlechtsunterschiede gibt es quasi nicht.

Solange die Männer zwischen den Tischen wechseln mußten, wollten die Frauen nur in 43% der Fälle ein nächstes Treffen (Männer in 50%). Wenn die Frauen die Plätze wechseln mußten, sank das Interesse der Männer nun auch auf 43%. Bei den Frauen war ein leichter Anstieg auf 45% Wiedersehenswunschquote zu verzeichnen.

Als Erklärung kommen mehrere Gründe in Frage: einerseits ist natürlich so, daß die Person, die zwischen den Tischen wechseln muß, besser und länger vom jeweiligen Partner “gesehen” wird. Wenn – wie meist üblich – die Frauen an ihren Plätzen sitzenbleiben, dann sehen die Männer die Frau nicht in voller Größe und/oder haben einen nur unzureichenden Eindruck von ihrer Statur. Möglicherweise schmälert diese Zusatzinformation also den Gesamteindruck.

Eine andere Erklärung klingt ebenso plausibel und ist spannender: möglicherweise gewinnt nämlich die Person, die am Tisch sitzen bleibt, stärker den Eindruck, als würde sie von den einzelnen Partnern “umworben”. Schließlich bleibt sie selbst am Ort, investiert also keine Energie, sondern bekommt die jeweiligen Teilnehmer des anderen Geschlechts bequem präsentiert. Unter Umständen führt dieser Eindruck dazu, daß die sitzende Person glaubt, anspruchsvoller sein zu dürfen. Ganz unabhängig vom eigenen Geschlecht. :-)

Was lernen wir also daraus? Zunächst wieder einmal, daß jede Nebensächlichkeit des Studiendesigns verzerrende Effekte haben kann. Und dann natürlich, daß man bei der nächsten Teilnahme an so einem Speed-Dating-Event unbedingt darauf achten sollte, daß man selbst sitzen bleibt…

  1. Jedenfalls in der “klassischen” Form. Ich nehme an, daß es zwischenzeitlich auch Speed-Dating-Events für homosexuelle Teilnehmer gibt und ob die Suchenden immer den Single-Status erfüllen, steht sowieso auf einem anderen Blatt… []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

2 Reaktionen »

  • Fischer :

    43, 45, 50%… Hat da mal jemand Konfidenzintervalle berechnet? Ist ja alles arg nah beieinander für irgendwelche Schlussfolgerungen.

    [twort T]

  • Marc :

    @Fischer:

    Ja, die Werte variieren nicht so stark. Die scheinen das aber – wenigstens dem Anschein und einem kurzen Blick auf das eingereichte Paper nach – recht sauber gemacht zu haben.

    Für mich war entscheidend, daß offenbar alle früheren Studien eben einen deutlichen Unterschied (ca. 30-35% der Frauen wünschen ein Wiedersehen, aber immer ca. 50% der Männer) erbracht haben. Und dieser Unterschied löst sich eben doch in Wohlgefallen auf, wenn man an der oben skizzierten Stellschraube dreht.

    [twort T]

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