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Unpolitische Studentengeneration ::: Religiosität als Stressblocker | Werkstatt-Ticker 59

5. März 2009 | 17:00 Gelesen: 8887 · heute: 3 · zuletzt: 17. July 2018 9 Reaktionen

Ticker.jpg» Jung, unpolitisch, desinteressiert…

Mein Studium liegt schon einige Jahre zurück und vermutlich ist das auch gut so. Jüngste Studienergebnisse, die sich mit Einstellungen, Werthaltungen und politischem Engagement von Studenten beschäftigen, zeigen ein interessantes, in manchen Facetten ziemlich trauriges  Bild: heutige Studenten sind unpolitischer denn je und pendeln irgendwo im Niemandsland von Lethargie und neuer Bürgerlichkeit.

Die Hochschulforscher aus Konstanz führen seit Jahren regelmäßig Befragungen zu Lust und Frust des Studiums, Zukunftsperspektiven und Einstellung der Studentengeneration durch. Aktuell wurden fast 9000 Studenten an 25 Unis befragt.

Studentengeneration 2009: Ängstlich, lethargisch, latent fremdenfeindlich?

Lediglich 37% gaben zur Auskunft, daß sie sich halbwegs für Politik interessierten (das sind fast 20% weniger als noch vor wenigen Jahren). Und sich selbst verorten die meisten angehenden Akademiker auch nicht mehr innerhalb der klassischen politischen Lager, sondern “irgendwo in der Mitte”.

Verloren in dieser unentschiedenen Mitte sprechen sich 52% für die “Förderung von Technologien” sowie die “harte Bestrafung von Kriminellen” aus. Da wundert dann auch kaum mehr, daß jeder vierte Student die “Begrenzung der Zuwanderung von Ausländern” fordert und stattliche 17% sich für die “Abwehr kultureller Überfremdung” aussprechen.

Traurig.

» Feine Unterschiede: Unterscheidet sich das Gehirn von Gläubigen und Nicht-Gläubigen?

Um überhaupt erst gar keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: ich halte nichts von pauschalen Kategorisierungen, die auf der einen Seite vermeintlich naive Gläubige, auf der anderen Seite aufgeklärte, rationale Atheisten verorten.1 Nach meinen Erfahrungen gibt es in beiden Fraktionen vernünftige, liebenswerte Zeitgenossen. Und es gibt genausoviele aufgeklärt, liberale Christen, wie es eben auch verbohrt, dogmatische Atheisten gibt.

Doch bei aller Gemeinsamkeit in der Haltung, so unterscheiden sich diese beiden Personengruppen – wenigstens wenn man manchen Studien glauben darf – hinsichtlich ihrer neurologischen Basisausstattung.

Weniger Stress durch Glauben?

Ein Forscherteam um den Psychologen Michael Inzlicht von der Uni in Toronto hat herausgefunden, daß gläubige Probanden bei einem Test deutlich weniger Stressanzeichen zeigten, wenn sie Fehler machten. Im Bereich des Anterior Cingulate Cortex (ACC) zeigte diese Gruppe weniger Aktivitätsmuster, als die Probanden, die nichtreligiös waren. Inzlicht erläutert:

“We found that religious people or even people who simply believe in the existence of God show significantly less brain activity in relation to their own errors. They’re much less anxious and feel less stressed when they have made an error.”

Nun stellt sich freilich die Frage, ob hier ein kausaler Zusammenhang besteht. Oder anders: ist dieses neuronale Verabeitungsmuster von Stress bzw. der Umgang mit eigenen Fehlern (in diesem bestimmten Hirnbereich) eine Folge der religiösen Praxis? Oder ist es schlicht (und möglicherweise ganz zufällig) so, daß eben just solche Personen, die hier Auffälligkeiten aufweisen auch besonders dazu neigen an Gott zu glauben?

Oder nochmal anders und einfach formuliert, was war zuerst da: Glaube oder Stressresistenz? Ob der bloggende Neurotheologe Michael Blume hier bereits eine Antwort hat?


  1. Solche Pauschalisierungen gibt es freilich genauso häufig in der Form, daß sich gott- und gewissenlose Atheisten gegenüber verantwortungsbewußt-ethisch handelnden Christen gegenüberstehen. Alles Quatsch… []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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