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Der Medizin-Nobelpreis 2008 geht an… : Das bange Warten auf den Anruf aus Stockholm | Werkstattnotiz 119

6. Oktober 2008 | 11:15 Gelesen: 6906 · heute: 3 · zuletzt: 12. December 2017 Noch keine Kommentare

Als vorhin mein Telefon klingelte, sind mein Puls und Adrenalinspiegel nur unwesentlich in die Höhe gegangen. Das mag daran liegen, daß es lediglich meine WG-Mitbewohnerin war, die sich versehentlich aus der Wohnung gesperrt hat. Und möglicherweise hätte das Klingeln des Telefons an diesem Morgen auch eine andere Bedeutung, wäre ich ein angegrauter, verdienstvoller Medizin-, Chemie- oder Biologieprofessor, der in den letzten 20 Jahren bemerkenswertes im Bereich der Physiologie und Medizin geleistet hätte…


Denn die meisten wissen nun ohnehin schon, worauf ich hinaus will: der heutige Montag steht in der Wissenschaftswelt im Zeichen der Bekanntgabe des Medizin-Nobelpreisträgers. Damit beginnt die spannende Woche, in der Tag für Tag einer oder mehrere Spitzenforscher die freudige Nachricht aus Stockholm erhalten, daß sie mit dem Nobelpreis ausgezeichnet werden.

Wer erhält den Nobelpreis für Medizin 2008?

Den Start macht heute die Bekanntgabe der Preisträger des “Nobelpreises für Physiologie oder Medizin”, wie es komplett und richtigerweise heißt. Morgen steht die Bekanntgabe der Preisträger für Physik, am Mittwoch diejenige für den Chemie-Nobelpreis an.

Es wird nun jedenfalls allmählich spannend, denn für 11:30 Uhr wird erwartet, daß im Stockholmer Karolinska Institut der Namen des Medizin-Nobelpreisträgers 2008 verkündet wird. Drüben im Blog “WeiterGen!” hatte Tobias letzte Woche eine kleine Tipprunde veranstaltet – ich bin gespannt, ob einer der genannten Kandidaten tatsächlich dabei ist.

Sicher ist nur, daß es mit großer Wahrscheinlichkeit angegraute Männer sein werden – die Chancen für Frauen stehen nach wie vor schlecht. Ebenfalls bei Scienceblogs wird dafür jeden Tag ein kleines Porträt einer Nobelpreisträgerin früherer Tage aus den jeweiligen Disziplinen vorgestellt. Hier beginnen wir mit Rita Levi-Montalcini.

Nominierungsprocedere und Auswahl

Beschwerden bezüglich der manchmal etwas fragwürdigen Auswahl sind im übrigen an die Stockholmer Nobelstiftung bzw. die einzelnen Nobelkomitees zu richten, die aus dem Pool der Kandidaten den oder die Gewinner auswählen.1

Als Kandidat in die engere Wahl kommt man übrigens nur durch Vorschlag durch genau bestimmte Personengruppen oder Institutionen: zuerst sind hier die früheren Nobelpreisträger selbst zu nennen: Sie dürfen für die Fachrichtung, in der sie ausgezeichnet wurden, Vorschläge beim Nobelpreiskomitee einreichen. Für Chemie, Medizin, Physik und die Wirtschaftswissenschaften sind zudem die Mitglieder des Nobelkomitees und Professoren der meisten skandinavischen Universitäten vorschlagsberechtigt. Außerdem dürfen Mitglieder der schwedischen Akademie der Wissenschaften Kandidaten nominieren.

Für den Literaturnobelpreis haben zusätzlich einige Literaturinstitutionen bzw. Schriftstellerverbände ein Vorschlagsrecht. Und beim Friedensnobelpreis dürfen Mitglieder internationaler Gerichte oder von Regierungen ihre Favoriten ins Gespräch bringen.

Über die eigentliche Debatte und Auswahl werden wir aber auch dieses Jahr so gut wie nichts erfahren. Gemäß den Statuten der Nobelstiftung liegen die Aufzeichnungen von den Sitzungen des Auswahlkomitees und somit auch die Namen der Nominierten 50 Jahre lang unter Verschluß. Es braucht sich also wenigstens niemand krämen, wenn er mehrmals nominiert war, aber letztlich nie den Nobelpreis zugesprochen bekam.

So, nun werde ich allerdings den Live-Stream aus Stockholm einschalten und ansonsten kann man die Gewinner auch in diesem informativen Widget (links) ablesen.

[Update: 11:40Uhr]

So, nun stehen die Gewinner des Medizin-Nobelpreises 2008 fest: den mit knapp über 1 Million Euro dotierten Nobelpreis für Medizin teilen sich je zur Hälfte der deutsche Mediziner Harald zur Hausen, sowie zur anderen Hälfte Françoise Barré-Sinoussi und Luc Montagnier.

Der 1936 geborene und hochdekorierte Harald zur Hausen beschäftigte sich vornehmlich mit der Krebsentstehung im Zusammenhang mit Virusinfektionen. Schon vor 30 Jahren, 1976, stellte er die Hypothese auf, daß humane Papillomviren möglicherweise ein Faktor bei der Entstehung von Gebärmutterhalskrebs sind.

Nun wird er für die Bestätigung dieser Hypothese mit dem Medizin-Nobelpreis 2008 geehrt. In den 80er Jahren war es ihm gelungen, die Virentypen HPV 16 und HPV 18 aus einer Gebärmutterhalskrebsprobe zu isolieren. Die (allerdings umstrittene) HPV-Impfung geht v.a. auf seine Arbeiten zurück.

  1. Letztes Jahr teilten sich Mario R. Capecchi (USA), Sir Martin J. Evans (UK) und Oliver Smithies (UK) den Medizinnobelpreis. Ausgezeichnet wurden sie für ihre Forschungen im Bereich der embryonalen Stammzellen und der DNA-Rekombination bei Säugetieren, sicher ein nachvollziehbarer Entscheid. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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