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Die Welt hat Fieber, das arktische Eis schmilzt » Klimazeitreise auf NASA-Website zum globalen Klimawandel | Werkstattnotiz C

30. Juni 2008 | 20:00 Gelesen: 16196 · heute: 3 · zuletzt: 20. September 2017 2 Reaktionen

Wissenschaftliche Themen im Onlinebereich aufzubereiten, ist eine riesige Herausforderung. Erst recht, wenn es um Streitthemen, wie etwa die Debatte um die anthropogenen Faktoren des Klimawandels geht. Ein Infoportal der NASA zum globalen Klimawandel zeigt, wie man es richtig macht.

Die Website “Global Climate Change1 versammelt Indizien, wissenschaftliche Modelle und Hintergründe zum Klimawandel. Und diese werden wunderbar aufbereitet und dargestellt. Klar, Schaubilder, die den Anstieg der Temperaturkurve zeigen, kennt man inzwischen (Das Anklicken der Bilder öffnet jeweils eine etwas größere Version):

Dennoch sind natürlich die aktuellen Daten bzw. Links, die man auf der Website findet, wertvoll.

Mit dem Schieberegler den Klimawandel nachvollziehen.

Klimazeitreise, die nachdenklich macht

Am faszinierendsten ist sicherlich eine Art “Klimazeitreise”, die auf eindrückliche Weise darstellt, wie stark sich einzelne Aspekte in den letzten Jahrzehnten verändert haben.

Das Ansteigen des Meeresspiegels, die globale Temperaturentwicklung oder der weiter wachsende Ausstoß von CO2, diese Kenndaten lassen sich mit einem Schieberegler visualisieren. Und die Tatsache, daß sich binnen weniger Jahre starke Veränderungen vollzogen haben und immer noch vollziehen, werden hier informativ und nachvollziehbar dargestellt. Ein Screenshot der “Zeitreise” zeigt die größten CO2-Produzenten:

Klimawandel

Nordpol in wenigen Wochen eisfrei?

Und so kann man auch eine aktuelle Meldung, die vorgestern durch die Nachrichten lief, ebenfalls mittels Schieberegler nachvollziehen: nämlich das Abschmelzen des arktischen Eispanzers, das immer schneller voranschreitet. Noch letztes Jahr lauteten die Prognosen, daß wohl frühestens in 20 Jahren damit zu rechnen sei, daß die riesige Eisdecke des Nordpolarmeers vorübergehend verschwunden sein könnte.

Die Chancen, daß das arktische Eis am Nordpol noch dieses Jahr vollständig abschmilzt liegen bei 50:50.

Nun schrecken wissenschaftliche Wortmeldungen auf, die die Wahrscheinlichkeit mit 50:50 angeben, daß bereits diesen August oder September das Eis ganz abgetaut sein könnte. Der Hintergrund: vergangenes Jahr war auf einer Fläche von rund 1 Million Quadratkilometer die Eisdecke abgeschmolzen2 – soviel wie niemals zuvor.

Und auf dieser Fläche befindet sich nun nur relativ dünnes, einjähriges Eis, das sich über die Wintermonate gebildet hatte, allerdings auch besonder schnell wieder wegtaut.

Wir müssen also noch ein paar Wochen abwarten, ob die Prognosen zutreffen – sollte die Vorhersage richtig sein, dann dürfte dies jedenfalls wieder für ein erhebliches Medienecho sorgen. Bis dahin kann man sich die Entwicklung der arktischen Eisfläche auf der NASA-Klimawandel-Website ansehen:

Arktisches Eis

Der Besuch der Website lohnt auf alle Fälle. Denn neben den dargestellten Indizien und Ursachen für die Klimaerwärmung3, werden auch Lösungsansätze präsentiert und auch die Schwächen bzw. Unsicherheiten des derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstandes werden nicht verschwiegen.

Dreist, ignorant oder hilflos? Die US-Regierung kämpft gegen die Anerkennung von Fakten

Ein Expertenbericht des US-Umweltministeriums, der Maßnahmen zur Reduzierung von Treibhausgasen anmahnte, wurde von der Bush-Regierung viele Monate lang ignoriert.

Und vielleicht sollte man auch den Mitarbeitern der Bush-Administration den Link zur Website vorbeischicken. Denn wie in der New York Times vergangene Woche zu lesen war,4 hatte man im Weißen Haus eine Mail des US-Umweltministeriums samt beigefügten Expertenbericht über 6 Monate ignoriert bzw. dessen Annahme verweigert.

Das Problem, das Bushs Leute hatten: im Bericht wurde festgestellt, daß die Emmision von Treibhausgasen dringend reguliert werden muß und daß der “Clean Air Act” dazu geeignet sei – George W. Bush hatte allerdings stets darauf bestanden, daß dieses Gesetz nutzlos und schädlich sei.

“Both documents, as prepared by the E.P.A., “showed that the Clean Air Act can work for certain sectors of the economy, to reduce greenhouse gases,” one of the senior E.P.A. officials said. “That’s not what the administration wants to show. They want to show that the Clean Air Act can’t work.”

Man kann nur froh sein, daß die Amtszeit des Realitätsverweigerers und ökologischen Ignoranten Bush demnächst endet. Und sein Nachfolger im Amt wird hoffentlich solche Seiten, wie diejenige der NASA genau studieren – und vielleicht selbst den Schieberegler für die Zeitreise betätigen. ;-)



  1. Auf die ich zuerst hier bei Christian aufmerksam wurde. []
  2. In den Vorjahren lag die Fläche, die über den Sommer abschmolz durchschnittlich bei “nur” 100.000 Quadratkilometern. []
  3. Die auf Grundlage der Experteneinschätzung des letzten IPCC-Berichts (Weltklimarat) dargestellt werden. []
  4. Aufgestöbert hat diesen Fall Jürgen Schönstein. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

2 Reaktionen »

  • Fischer :

    Das mit dem Eis hab ich übrigens schon letzes Jahr in einem Kommentar bei DKos vorhergesagt. Es sei noch hinzugefügt, dass der Verlust des Meereises ein eher schlechtes Signal für die grönländische Eiskappe (bzw. einen Teil von ihr) ist.

    Bei den ganzen Abschmelzprognosen werden Eiskappen ja als massive Körper behandelt, für deren Abschmelzen Energiemenge X im Zeitraum Y erforderlich ist. Wie die sich tatsächlich verhalten, weiß niemand so genau. Könnte auch schneller gehen.

    Btw: Glückwunsch zur Werkstattnotiz Nummer 100.

    [twort T]

  • Marc :

    Dann bin ich ja umso mehr gespannt, ob Deine Prognose zutreffen wird. Und daß die Abschmelzprognosen überaus kompliziert sind, leuchtet ja sogar mir ein. ;-)

    Und Danke für die Glückwünsche.

    [twort T]

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