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Akademische Männerbünde? » Warum die Analyse der Diskriminierung von Frauen in der Wissenschaft so schwierig ist | kurz&knapp 33

22. April 2008 | 16:24 Gelesen: 4915 · heute: 2 · zuletzt: 16. November 2017 3 Reaktionen

CollegeDie Tatsache, daß der akademische Weg zu wissenschaftlichem Ruhm und Ansehen steinig ist, wurde hier schon mehrmals beklagt. Die Phase zwischen erstem Studienabschluß und – das ja eben der Idealfall – der Professur ist durch ein Höchstmaß an Unsicherheit gekennzeichnet.

Und dies gilt völlig unabhängig davon, ob die Nachwuchswissenschaftler männlichen oder weiblichen Geschlechts sind.

Allerdings ist völlig unstreitig, daß Frauen im Hochschulbetrieb systematisch benachteiligt sind. Als Absolventinnen von Diplom- oder Magisterstudium stellen sie noch die Mehrheit, die Zahl der Doktoranden ist bereits männlich dominiert und wenn man die Professuren heranzieht, dann findet man dort nur noch knapp 15% Frauen.1

Studentinnen absolvieren mit größerem Erfolg das Studium. Doch bereits unter den Doktoranden sind sie unterrepräsentiert. Je höher es in der akademischen Hierarchie geht, desto weniger Frauen findet man.

Zu den verschiedenen Faktoren, die hier mitspielen, ließe sich eine mehrteilige Artikelserie schreiben.2

Drüben im Blog “Begrenzte Wissenschaft” hat kamenin allerdings eine interessante Studie kommentiert, die genau die unterschiedlichen Karrierechancen in den Blick nimmt. Und dabei zeigt sich, wie schwierig eine nüchterne Analyse des Themas ist.

Persönliche, vielleicht leidvolle Erfahrungen verleiten ebenso zu kurzschlüssiger Argumentation wie umgekehrt das Festhalten am Dogma, daß die Wissenschaft ausschließlich Leistung belohne. Es ist – wie so oft – hilfreich anzuerkennen, daß Wissenschaft ein soziales Geschehen ist. ;-)

Zur Sache: Sherry Towers hat sich 48 männliche und 9 weibliche Post-Docs vorgenommen, die seit 201 an einer “Hochenergiephysik-Kollaboration” am Fermilab arbeiten. Towers kommt (wie kamenin zusammenfaßt) u.a. zu folgendem Schluß:

“Obwohl also die weiblichen Postdocs signifikant mehr leisteten und scheinbar dazu noch mehr technische Arbeiten leisten müssten, zeigt sich das nicht in der Verteilung der Konferenzvorträge, die von der Kollaboration verteilt werden. Die männlichen Postdocs dürfen demnach deutlich häufiger auf Konferenzen vortragen und damit ihre Arbeit und ihren Namen bekannt machen, mit offensichtlichem Vorteil für die Karriere.”

Das ist alles durchaus plausibel, wie kamenin aber mustergültig vorführt, können die Daten von Sherry Towers auch anders gelesen werden. Sie leitet nämlich bspw. aus der Tatsache, daß die weiblichen Postdocs an mehr Veröffentlichungen beteiligt waren ab, daß diese offenbar “mehr geleistet” haben. Allerdings zeigt ein genauerer Blick, daß hier die Argumentation hinkt. Denn die Anzahl der Namensnennungen auf der Autorenliste ist für sich genommen wenig aussagekräftig.

Haben Frauen als Teamarbeiter das Nachsehen?

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, daß die männlichen Postdocs deutlich3 mehr Alleinveröffentlichungen vorweisen können (und insofern eine höhere Chance haben, auf Konferenzen eingeladen zu werden) und die weiblichen Postdocs häufiger als Mitautoren in (weniger wichtigen) technischen Veröffentlichungen genannt werden. Frauen sind also auf den Autorenliste häufiger genannt, aber dies überdurchschnittlich häufig in einer Reihe mit vielen anderen. Männer weisen zwar insgesamt weniger, aber dafür mehr eigenständige Publikationen auf.

Hieraus kann man zwar einerseits ablesen, daß die Frauen durchaus fleißig und produktiv sind, andererseits investieren die Jungs ihre Zeit eben verstärkt in die Papers, mit denen sie später persönlich punkten können.

Wie man sieht: die Wahrscheinlichkeit, daß Frauen weitere Stufen der Karriereleiter nehmen, ist zwar geringer, aber ob dies auf manifeste Diskriminierung zurückzuführen ist, kann keinesfalls als belegt gelten.4 Vermutlich sind es doch subtilere, weniger offensichtliche Muster und soziale Strukturen, die zu diesem Phänomen führen:

“[…] immerhin hat Sherry Towers gezeigt, dass die wissenschaftliche Laufbahn von Frauen in ihrer Postdoc-Zeit zumindest anders abläuft als die von Männern. Nur der Nachweis, dass dies tatsächlich auf direkte Diskriminierung zurückzuführen ist, ist aufgrund der verschwommenen und so noch nicht aussagekräftigen Kategorisierungen zumindest anzweifelbar.”

Das Problem bei alldem ist: unvoreingenommen läßt sich diese Frage kaum diskutieren. Auch die Studie von Sherry Towers muß vor dem Hintergrund gelesen werden, daß sie sich selbst in einem Rechtsstreit mit ihrer Uni befindet. Es geht u.a. um die Beurteilung ihres Mutterschaftsurlaubs und andere Fragen, in denen sie sich benachteiligt sieht.

Das derzeit eklatante Mißverhältnis zeigt jedoch m.E. (unabhängig, ob man in der Lage ist die Ursachen zu benennen), daß eine Förderung – solange der Anteil der Professorinnen bei 15% dümpelt – von weiblichen Karrieren in der Wissenschaft durchaus legitim ist. An der Förderinitiative des BMBF, das in den nächsten 5 Jahren 200 Stellen für Professorinnen schaffen will, kann ich unter diesen Umständen wenig aussetzen.5


  1. Allerdings muß man u.a. berücksichtigen, daß ihr Anteil deutlich höher ist, wenn man etwa die Besetzungen der letzten 10 Jahre heranzieht. Es gibt hier schlicht eine zeitliche Verzögerung, mit der sich eine veränderte Berufungspraxis auswirkt. []
  2. Die schwierige Vereinbarkeit von familialer Lebensplanung mit den wenig flexiblen Anforderungen an eine Hochschulkarriere wäre hier genauso zu nennen wie die Bedeutung von (männerbasierten) Netzwerken oder schlicht die seltener bei Frauen anzutreffende Bereitschaft sich in einer Vollzeitkarriere selbst auszubeuten. []
  3. Hinweis: der statistische Zusammenhang ist nicht ganz so stark, wie es die Formulierung “deutlich” vermuten läßt, aber dennoch sichtbar. vgl. Kommentar #1 []
  4. Und die Einladung zu Konferenzen wäre eben dann lediglich ein Nebeneffekt der Publikationspraxis und nicht ein Ergebnis der Seilschaften und Männernetzwerke. []
  5. Anderer Ansicht ist Tobias in “WeiterGen”. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

3 Reaktionen »

  • kamenin :

    Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, daß die männlichen Postdocs deutlich mehr Alleinveröffentlichungen vorweisen können

    Ganz so stark würde ich es nicht formulieren, weil man dazu die internen Originaldaten einsehen und selbst noch mal auswerten müsste. Aus Towers’ Statistik folgt aber schon, dass a) Männer statistisch mit weniger Mitautoren veröffentlichen und b) wenn man den Anteil an einer Veröffentlichung als 1/Autorenzahl nimmt, hebt das die angeblich höhere Leistung von Frauen praktisch auf (alle Paper) oder kehrt sie ins Gegenteil um (physikalische Paper). Auch das ist nur überschlagen mit den Zahlen, die Towers eben liefert.

    Interessanterweise erscheint die unterschiedliche Autorenzahl nur bei den physikalischen Papern, bei den technischen ist sie praktisch gleich.

    Beste Grüße,
    k.

    [twort T]

  • Marc :

    @kamenin:

    Danke für den Hinweis. Ja, da habe ich mit meiner Formulierung einen Eindruck erweckt, der durch Deine Darstellung nicht gedeckt ist.

    Und – das nochmals als Aufforderung an alle Leser – die ganzen Details werden ja eben im oben verlinkten Beitrag von kamenin (“Begrenzte Wissenschaft”) dargestellt. Ich habe ja lediglich eine fixe, mit eigenen Anmerkungen versehene Zusammenfassung geliefert.

    [twort T]

  • lars :

    offtopic: Marc, Sag mal: Wie schätzt Du das in Planung befindliche Gesetz zur Pränataldiagnostik und dem möglichen Verbot, den Eltern das Geschlecht des Kindes erst nach der Geburt mitzuteilen?

    [twort T]

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