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Die Nebenfolgen wissenschaftlichen Einzelkämpfertums » Deutsche Hochschullehrer sind häufig schlechte Chefs | kurz&knapp 19

4. März 2008 | 09:23 Gelesen: 4461 · heute: 3 · zuletzt: 22. October 2017 2 Reaktionen

Was ist die wichtigste Eigenschaft eines Wissenschaftlers? Klar, er muß ein herausragender Forscher sein. Die fachliche Exzellenz ist – Ausnahmen bestätigen die Regel – das ausschlaggebende Kriterium, um es in der akademischen Sphäre ganz nach oben zu schaffen. Daneben gibt es freilich auch andere Fähigkeiten, die einem Wissenschaftler gut zu Gesicht stehen. Ein Aspekt, der in der öffentlichen Diskussion häufig vergessen wird, ist die Fähigkeit zur Mitarbeiterführung. Ein FAZ-Artikel beleuchtet dieses vernachlässigte Thema.

Wenn darüber debattiert wird, welche Schwächen deutsche Hochschullehrer aufweisen, dann kann man darauf wetten, daß sehr schnell das Gespräch auf die lausigen didaktischen Fähigkeiten kommt. Denn wer ein exzellenter Forscher ist, ist noch lange kein guter Wissensvermittler. Ganze Studentengenerationen können ein Lied davon singen, daß selbst renommierteste Forscher furchtbare Lehrveranstaltungen halten. Inkompetenz ist hier oft mit Unlust gepaart. 

Ein herausragender Forscher ist noch lange kein guter Chef. Auch Mitarbeiterführung will gelernt sein.

Kein Wunder: für die Karriere zählt die Qualität und (viel zu stark) die bloße Anzahl der Publikationen. Es geht also darum, möglichst viele Fachartikel in möglichst renommierten Journals unterzubringen. Wer dann noch die richtigen Förderer hat, der hat durchaus Chancen, im Hochschulbetrieb einen Platz zu finden. Andere Fähigkeiten sind für das Rennen um Mitarbeiter- und Lehrstuhlstellen mehr als nebensächlich. Die Fähigkeit zur Wissensvermittlung zählt nicht dazu. Genausowenig aber auch die Befähigung Mitarbeiter und ein Forscherteam zu führen. Herta Paulus schreibt in der FAZ

Überforderte Chefs gibt es überall, und nicht jeder hat nun mal das Zeug zur Führungskraft. Nur: Im Wissenschaftsbetrieb kommt es (bislang) darauf auch nicht an; hier zählen vorwiegend die wissenschaftlichen Meriten, sowohl für das Selbstbild wie beim Ruf auf den Chefsessel.

In ihrem lesenswerten Artikel (auf den ich hier beim SciBlog aufmerksam geworden bin) skizziert Herta Paulus die Folgen der mangelhaften Führungsqualitäten. Häufig findet man einen irrsinnig hohen Leistungs- und Erfolgsdruck, den die Wissenschaftler an sich selbst stellen, aber auch an ihre Mitarbeiter weitergeben. Deren Engagement wird aber häufig kaum gewürdigt – schließlich wäre es im Rennen um Forschungsgelder immer wünschenswert, der Mitarbeiter würde noch mehr Zeit investieren, als er es ohnehin schon tut.

"Die Folgen dieser (Selbst-)Ausbeutung erlebt der derzeit promovierende Nachwuchswissenschaftler in seinem Bekanntenkreis: „Viele sagen, das mache ich nicht mehr mit. Ich höre immer öfter: Ich gehe.“…"

Wer selbst seine Karriere als Einzelkämpfer begonnen hat, tut sich später schwer ein Team angemessen zu führen. Es fehlt v.a. an der Fähigkeit, die eigenen Mitarbeiter zu motivieren, Verantwortung zu delegieren und auch Lob zu verteilen. Das Bewußtsein, daß hier Nachholbedarf besteht, ist – wie im FAZ-Artikel zu lesen ist – kaum vorhanden. Ungefähr 1/3 der deutschen Universitäten sehen bei der Personalführung in ihren Instituten keine Defizite.

Ein Team zusammenstellen, Aufgaben delegieren, erklären, anregen, motivieren, auch negatives Feedback geben: „Als Wissenschaftler hat man das nicht gelernt. Anfangs verantwortet man ja immer nur sich selbst,“ sagt Krebsforscher Michael Boutros […], aber „führen kann man lernen, es sei denn, man sieht sich nur selbst im Mittelpunkt“. […]

Angesprochen darauf, was er als den schwierigsten Part seiner Führungsrolle sieht, meint Boutros: „Die Herausforderung zu lernen, dass man nicht alles kontrollieren kann und Teams auch eine gewisse Eigendynamik entwickeln. Das ist auch ein Gewöhnungsprozess. Als Wissenschaftler denkt man häufig, dass man alles alleine machen kann.“

Die Frage ist: sollte man allen Wissenschaftlern in Führungsposition zumuten, sich ggf. in Sachen Personal -und Mitarbeiterführung fitzumachen? Schließlich ist das mit Zeit- und Ressourcenaufwand verbunden und diese Zeit wäre evtl. anderweitig gewinnbringender investiert? Oder wäre es denkbar, einem Professor einen Coach zur Seite zu stellen, der das wissenschaftliche Team koordiniert? 

 


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Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

2 Reaktionen »

  • Michael Kostic :

    Hallo,

    Ich würde feststellen das die Thematik selbst sehr simpel, die Lösung(en) aber nur sehr komplex sein kann/können.

    In einer Zeit in der das Wissen um vielerlei Dinge immer komplexer bzw. einzelne Stränge immer spezialisierter werden, sollte, so möchte man zunächst meinen, es selbst verständlich sein, die hier Tätigen von div. Pflichten zu entbinden. Schon um überhaupt noch erfassbare Fortschritte bzw. Entwicklungen zu erzielen, zu erreichen. Problematisch wird dies jedoch vor allem hinsichtlich der Dokumentation dessen. Ein Bsp.:

    In dem Buch „Das Universum in der Nußschale“ führt Stephen Hawking aus, dass zur Zeit der ersten Veröffentlichung der Relativitätstheorie nur eine Handvoll Menschen diese verstehen konnten. Heute sollte sie Abiturienten keine Schwierigkeiten mehr bereiten.

    Beginnt nun ein junger Mensch heute seine Karriere an einer Forschungseinrichtung wird von ihm nicht nur erwartet, dass er ebensolch komplexen Entdeckungen macht resp. solcherlei Ergebnisse abliefert. Sondern es wird auch erwartet, dass er diese für andere hinreichend dokumentieren und vielleicht sogar diese darin unterweisen kann.

    Mein Vorschlag hierzu:

    Die welche über die Realisierung von Forschungsprojekten entscheiden dürfen, müssen vorher beweisen das sie auch verstehen worüber sie da zu entscheiden haben :-)

    Gruß

    [twort T]

  • Amelie :

    Als ich den erwähnten FAZ-Artikel las, machte mein Herz vor Freude einen Sprung, denn “schlechter Chef” ist noch das Beste, was ich über meine obersten Vorgesetzten sagen kann.

    Seit einem knappen Jahr arbeite ich für das Präsidium einer größeren deutschen Hochschule. Wegen der “akademischen Selbstverwaltung” treibt die Professorenschaft auch dort ihr Unwesen: Zukunftsprojekte werden zunichte gemacht und sich an Details aufgehängt, statt die Mitarbeiter ihre Arbeit machen zu lassen und sich selbst der eigenen, der Forschung, zu widmen.

    Der Grund dafür: Deutsche Professoren denken offenbar vielfach, mit ihrem akademischen Grad (in EINEM Fach) erwörben sie eine allumfassende Kompetenz. Haben die Herren (und, nicht besser: Damen) denn nie in die Welt der Unternehmen herüber gesehen? Meinen die wirklich, ein CEO kontrolliere minutiös die Buchhaltung oder jede einzelne Einstellung in der von ihm geführten Aktiengesellschaft?

    Wahrscheinlich nicht, aber als Professor kann man ja alles besser. Und fährt – abgesehen davon, dassman seinen ganzen Stab frustriert – das “Unternehmen Hochschule” mit Volldampf gegen die Wand!

    Schreibt eine…

    … die wahrlich nicht für eine wirtschaftlich orientierte Hochschule ist. Aber in Teilbereichen von einander zu lernen, wäre … nicht ganz schlecht!!!

    [twort T]

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