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Naivität oder Gefälligkeitsjournalismus? » Wie eine Stern-Journalistin die Werbetrommel für fragwürdige Genchecks rührt | Werkstattnotiz V

21. August 2007 | 22:29 Gelesen: 9078 · heute: 5 · zuletzt: 12. December 2017 3 Reaktionen

"Ich mach Dich gesund", sagte der Bär. Und formuliert damit ein großes Versprechen. Denn wer ist schon gerne krank? Egal ob es ein profaner Schnupfen ist oder ein ernsthaftes Gebrechen. Gesundheit verspricht Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden. Und Gesundheit ist ein Megathema – egal, ob sich mit Gesundheitstipps Zeitungsspalten füllen lassen oder der eigene Geldbeutel. Und wer könnte es einem Arzt oder Anbieter von gesundheitsfördernden Lebensmitteln verübeln, daß er sich sein Wissen oder seine wertvollen Produkte in barer Münze bezahlen ließe? Allerdings liegen in diesem Bereich seriöse Gesundheitsberatung und an Scharlatanerie grenzende Selbstbereicherung oftmals nah beieinander.

Die Liste fragwürdiger Geschäfte in der Gesundheitsszene ist lang. Auf eine nicht einmal besonders gravierende, aber durchaus typische Verquickung von Berichterstattung und PR weist dankenswerterweise Kathrin Zinkant hin. In ihrem lesenswerten Gesundheitsblog hat sie einen besonders dreisten Fall von unseriösem Journalismus aufgestöbert.

Auf stern.de hat am 17.8.2007 Sylvie-Sophie Schindler ein Loblied auf angeblich "maßgeschneiderte Ernährungspläne" anhand eines genetischen Checks angestimmt. Ich kann mich spontan gar nicht entscheiden, ob ich im stern-Artikel ein Paradebeispiel für eine sagenhaft-unkritische Berichterstattung sehen will oder letztlich doch das, was naheliegt: nämlich Schleichwerbung.

Denn anstatt über den noch recht jungen Forschungszweig der sog. "Nutrigenomics" zu berichten, reiht der stern-Artikel vollmundige Versprechen aneinander, die vor allem eines sind: irreführend und wissenschaftlich nicht haltbar. Denn die Wissenschaftler, die sich in den letzten Jahren mit dem komplexen Zusammenspiel von Ernährung, genetischer Ausstattung und chronischen Erkrankungen beschäftigen, wissen heute mit Sicherheit eines: die individuelle genetische Disposition jedes Menschen variiert – die einen tolerieren cholesterinreiche Kost problemlos, andere wiederum müssen hier achtsam sein. Allerdings: das Wechselspiel ist so unüberschaubar, daß auf dem bisherigen Stand des Wissens noch keine endgültigen Aussagen und keinesfalls – wie der stern-Text suggeriert – maßgeschneiderte Patent- und Kochrezepte ableitbar sind.

Frau Schindler zeigt sich davon allerdings reichlich unbeeindruckt, plaudert fröhlich unwissend vor sich hin und erweckt den Eindruck, als sei die je genetische Ausstattung so eindeutig lesbar wie die Bedienungsanleitung einer Kaffeemaschine. Motto: Bei Gendefekt A, meide Nahrungsmittel B. Und wer sich an die Vorgaben hält, der bleibt jung, agil und gesund. Eigentlich logisch. Das liest sich dann u.a. so…

Mit Genanalysen wollen Forscher Schluss machen mit Ernährungs-Mythen und Zivilisationskrankheiten verhindern – Jahrzehnte bevor sie ausbrechen.
(…)
Wer sich gesund ernähren will, sollte Abschied nehmen von pauschalen Ratschlägen. Die Alternative heißt Polymorphismusdiagnostik – von Wissenschaftlern als Vorsorgemedizin der Zukunft gefeiert. Das Ziel: mit der Ernährung das Beste aus den Genen herausholen. [vgl. Schindler, Sylvie-Sophie: Essen à la Genkarte]

Wer wird bei solch vielversprechenden Sätzen nicht hellhörig? Zumal es nicht unplausibel erscheint: denn wissen wir nicht alle, daß viele Afrikaner und die meisten Asiaten keine Milchprodukte essen, da ihnen das Enzym Laktase fehlt, das zur Verdauung des Milchzuckers notwendig ist? Und wenn demnächst das Oktoberfest in München seine Pforten öffnet, dann liegen ebenfalls die Japaner als erste unter dem Tisch: ca. 50% von ihnen fehlt auch hier ein wichtiges Enzym.1

Und genau diese Logik, daß nämlich unsere persönliche genetische Ausstattung darüber bestimmt, welche Lebensmittel sich günstig für uns auswirken und welche nicht, macht sich die Forschung der Nutrigenomic zu nutze. Wobei genauer: die Forschung ist dabei, diese Zusammenhänge noch besser zu verstehen. Das hindert allerdings einige Ärzte und offenbar auch Journalisten nicht daran, voreilig große Versprechungen in die Welt hinauszuposaunen.

Gesunde Ernährung kann schlechte Gene neutralisieren – "Jeder Mensch hat unterschiedliche Gene, die Ernährung sollte diese Unterschiede berücksichtigen", sagt Michael Klentze. Der Facharzt für Gynäkologie und psychotherapeutische Medizin betreibt in München das erste deutsche Institut, das Polymorphismusdiagnostik anbietet. Doch was genau wird da eigentlich gemacht? Die bereits in Amerika erprobte Methode, auch SNP (Small Nuclear Polymorphins) – Diagnostik genannt, bedient sich eines Zellabstrichs von der Mundschleimhaut. Diese werden auf einen Genchip übertragen. Mit Hilfe einer Fluoreszenzfärbung wird in einem Labor erkennbar gemacht, welche genetischen Voraussetzungen und Risiken in der DNA eines Patienten vorliegen. [vgl. Schindler, Sylvie-Sophie: Essen à la Genkarte]

Wie wunderbar, wenn einem die komplexen Zusammenhänge der Genetik so einfach erklärt werden und einem auch gleich noch ein Experte auf diesem Gebiet präsentiert wird. Das Problem ist nur – einige Informationen sind falsch und Michael Klentze wird sicher nicht unerfreut sein, wenn ihm der Artikel neue Interessenten in seine Praxis spült. Kathrin Zinkant kommentiert so:

Aha. Dass SNP die Abkürzung für Single Nucleotide Polymorphism ist, sei mal nur am Rande notiert, ist ja auch ein schwieriger Begriff. Dass SNPs als Marker für bestimmte Krankheiten genutzt werden können, stimmt dagegen sogar, und es gibt auch schon viele Forschungsarbeiten, die einen Zusammenhang zwischen SNPs, Krankheiten und einer bestimmten Ernährungsweise aufdeckten.

(…) Kein seriöser Wissenschaftler oder Arzt würde einem Patienten verklickern, er werde mal eben mithilfe eines genetischen Test einen Diätplan erstellen, der Krankheiten verhindert.

Manche, die sich seriös nennen, tun es trotzdem – und scheffeln richtig Kohle damit. Anti-Aging-Guru Michael Klentze zum Beispiel stand stern.de sicher höchst bereitwillig als einziger Gesprächspartner für den zitierten Artikel zur Verfügung, er hat seinen Auftritt auch gleich PR-wirksam verbraten. Denn Klentze betreibt in München eine gigantische Praxis, in der er solche nutrigenomischen Tests schon seit Jahren an die vorwiegend weibliche und betuchte Privatklientel bringt, und zwar nicht nur als Präventionsmaßnahme gegen Krankheiten, sondern auch gegens Altern – wobei das ja auch eine schreckliche Krankheit ist, nicht wahr? [vgl. Zinkant, Kathrin: Peinliche Arzt-Reklame]

Traurig aber wahr – hier wird Wissenschaftsjournalismus mit Marketing in einen Topf gerührt. Die Frage ist nur: werden solche Beiträge beim stern nicht redaktionell geprüft oder ist man dazu zu bequem und zu faul? Und: disqualifiziert man sich durch solche Texte nicht als Journalist?

Fest steht nur, daß das Forschungsfeld der Nutrigenomics sehr spannend ist und man in Zukunft noch einiges darüber lesen wird. Hoffentlich dann aber besser recherchiert – und bis dahin verweise ich auf untenstehende Links und Literatur.

 


 

Hier der Artikel des stern:

Und hier die seriöse Variante:


Bevor man sein Geld zu Herrn Klentze trägt, sollte man eher ein paar Euro in ein Kochbuch investieren. Für die gesundheitsfördernde und vor allem entspannende Wirkung des eigenen Kochens übernehme ich sogar die Garantie:

  • Der Klassiker: Sälzer/Dickhaut: Basic cooking. Alles, was man braucht, um schnell gut zu kochen. GU.
  • Die Neuauflage: Sälzer/Dickhaut: Basic Cooking 2. Alles, was ich jetzt zum guten Kaufen, Kochen und Essen brauche. GU.

 


 

 

  1. Dieses Enzym heißt übrigens Acetaldehyddehydrogenase AlDH. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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