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Lesestöckchen » Vom Umgang mit Texten und Büchern

17. April 2007 | 00:07 Gelesen: 6393 · heute: 3 · zuletzt: 19. October 2017 2 Reaktionen

Aus dem fernen Greifswald wirft mir Julia charmanterweise ein (Lese-)Stöckchen zu. Muß ich jetzt beichten, daß ich bis vorhin noch dachte, solche Blogstafetten seien ‘richtigen’ Bloggern vorbehalten? Und heißt das, daß ich fortan dazugehöre? ;-) Jedenfalls fühle ich mich durchaus ein wenig geschmeichelt und so werde ich mich nun schnell ans Beantworten der Fragen machen. Denn zu Büchern sollte doch jeder etwas zu sagen haben – oder etwa nicht…?

Gebunden oder Taschenbuch?

Ach herrje, das geht ja gut los. Das läßt sich doch nicht so eindeutig sagen. Gebundene Bücher sind etwas Wunderbares und oftmals besteht schlichtweg keine Wahlmöglichkeit: entweder man greift zum Hardcover oder läßt es [mangels verfügbarer Taschenbuchausgabe] bleiben. Aber, wenn es diese Alternative gibt? Gut, ich gestehe, dann bin ich großer Freund von Taschenbüchern. Und als Sozial- und Geisteswissenschaftler oute ich mich dann der Vollständigkeit halber [aber keineswegs überraschend] als Freund der Suhrkamp-Reihen. Egal ob aus dem stw- oder konventionellen Programm, die Suhrkamp-Bändchen genießen bei mir Liebhaberstatus.

Amazon oder Buchhandel?

Schon wieder so eine Frage, die in meiner Brust die zwei Herzen zum Pochen bringt. [Nicht Doppelherz, sondern Goethe.] Grundsätzlich bin ich der Ansicht, daß das lokale Buchhändlerwesen (und damit meine ich nicht die Platzhirsche á la Hugendubel & Co.!) unter Artenschutz gestellt gehört. Ich mag mir die Städte einfach nicht ohne Buchläden vorstellen. Basta! Und deshalb habe ich (Biolek läßt grüßen) auch eine Buchhändlerin meines Vertrauens.1 Allerdings gestehe ich, daß ich inzwischen Service und Liefergeschwindigkeit von Amazon sehr zu schätzen gelernt habe.

Lesezeichen oder Eselsohr

Das ist doch keine richtige Frage! Wer seine Bücher mit Eselsohren versieht, der hat weder Kultur noch Verstand. Die Eselsohrenmenschen sind auch genau diejenigen, die mit [neonbunten!] Markierstiften die Buchseiten in Leuchtreklame verwandeln. Einfach gruselig!

Ordnen nach Autor, Titel oder ungeordnet?

Oh, schon wieder eine Gretchen- und Glaubensfrage. ;-) Allerdings bin ich – ich gestehe – durchaus Pragmatiker. Da ich keine feine Bücherschrankwand oder maßgefertigte Bibliothek mein eigen nenne, stehen Bücher bei mir an recht verschiedenen Orten – in Schreibtischnähe, auf verschiedenen Regalen, Kommoden, Kästchen. Dort wo die Titel verwahrt werden, die nicht ständig in Verwendung sind, sind die Bände nach Verlagen geordnet. Das mag jetzt einigermaßen kurios klingen, hat aber (jeder Skeptiker sei herzlich eingeladen) durchaus seine innere (hoffe ich zumindest) Logik. Zumindest finde ich die Bücher, wenn ich sie suche. :-)

Behalten, wegwerfen oder verkaufen?

Wer, wo, was? Wegwerfen? Bücher? Ich dachte ja lange Zeit, daß sich schon beinahe die Frage (zumindest in Deutschland) von selbst verbietet. Also, nochmal für das Protokoll: Wegwerfen ist tabu! Verkaufen ginge prinzipiell, allerdings gehöre ich zu den Zeitgenossen, die sich vor dem Erwerb eines Buches Gedanken über Sinn und Notwendigkeit dieses Anschaffungsvorgangs machen. Insofern gerate ich recht selten in die Verlegenheit, ein Buch wieder veräußern zu wollen. Deshalb die Antwort: Behalten!

Schutzumschlag behalten oder wegwerfen?

Ja, ich kenne die Argumente der bibliophilen Rechthaber und Blockwarte: der Schutzumschlag muß (wie schon sein Name nahelegt) entfernt werden. Schließlich entferne man ja auch (so meist das blödsinnige darauffolgende Argument) auch die Schutzfolie, in die neue Bücher eingeschweißt zu sein pflegen. Ich allerdings habe mir angewöhnt, die Schutzumschläge weiterhin den Buchmantel umschmeicheln zu lassen. Keine weiteren Gründe.

Mit Schutzumschlag lesen oder ohne?

Wie irgendwo oben erwähnt, nenne ich ohnehin vorwiegend Taschenbücher mein eigen. Insofern stellt sich diese Frage recht selten. Wenn, dann lasse ich den Schutzumschlag allerdings auch während des Lesevorgangs an Ort und Stelle.

Kurzgeschichten oder Roman?

Seitdem ich die Stätte meiner Kindheit2 und Jugend mit hehren Motiven des Wissenserwerbs verlassen habe, hat sich die Zusammensetzung meines Bücherregals rapide zugunsten von Sachbüchern verschoben. Belletristik kommt da etwas zu kurz. Kurzgeschichten mag ich aber durchaus gerne. Wobei ich an dieser Stelle ein weiteres Geständnis einflechten muß: seit einigen Jahren hat der Hörspiel- und Hörbuchvirus ein wenig Besitz von mir ergriffen; d.h. daß fiktionale Literatur recht häufig auf auditive Art und Weise in mein Bewußtsein rieselt. Hier präferiere ich allerdings eindeutig Romane bzw. die Lesung derselben! :-)

Harry Potter oder Lemony Snicket?

Wenn ich nicht gelesen hätte, daß wohl Rufus Beck diesem Lemony Snicket seine Stimme leiht, wüßte ich mit diesem Namen rein gar nichts anzufangen. Bin ich zu alt? Nein, diesen Anflug von Alters-Sentimentalität werde ich flugs vertreiben und zum Gegenkonter ansetzen: denn Harry Potter habe ich zwar nicht gelesen, dafür aber die Kinofilme gesehen. Ich weiß, daß ich dieses Detail meiner cineastischen Vergangenheit besser verschwiegen hätte, aber immerhin habe ich damit den Verdacht der frühzeitigen Vergreisung zerstreut. ;-)

Aufhören, wenn man müde ist, oder wenn das Kapitel zu Ende ist?

Nein, mitten im Kapitel hört man doch nicht auf! Soviel Selbstdisziplin muß sein.

"Die Nacht war dunkel und stürmisch" oder "Es war einmal"?

Gut, dem Märchenalter bin ich (man möge mir verzeihen) erstmal entwachsen. Doch im Zweifel würde ich auch Druckerzeugnisse liegen lassen, die mit "Die Nacht war dunkel und stürmisch…" beginnen. Dann lese ich doch lieber Zeitung.

Kaufen oder leihen?

Oha, die Frage entlarvt auf subtile Weise den sozialen Status des Antwortenden. Raffiniert! ;-)  Bei mir ist es allerdings so, daß ich notwendigerweise viele (Fach-)Bücher aus den hiesigen Uni- bzw. Staatsbibliotheken entleihe und ggf. einige Passagen kopiere. Das ist schon aus Gründen meines durchaus endlichen Budgets nicht anders machbar. Titel, die aber häufiger in Verwendung sind oder eben auch zu erschwinglichen (Taschenbuch-)Preisen feilgeboten werden, werden zumeist und gerne gekauft.

Neu oder gebraucht?

Wenn es sich ermöglichen läßt, dann werden Bücher im unbefleckten Neuzustand angeschafft.

Kaufentscheidung: Bestsellerliste, Rezension, Empfehlung oder Stöbern?

Bestsellerlisten werden nur aus Neugier gelesen. Rezensionen einschlägiger Journale werden mit Interesse verfolgt und ab und an lasse ich mich von positiven Kritiken auch zum Kauf begeistern. Empfehlungen von Freunden/Bekannten spielen seltener eine Rolle. Meist mache ich mir anhand verschiedener Quellen ein Bild und dann wird entschieden, ob und was gekauft werden soll.

Geschlossenes Ende oder Cliffhanger?

Oh, da bin ich tatsächlich überfragt. Keinerlei Präferenzen in der Hinsicht. Es gibt tolle Erzählungen mit offenem Ende. Ist nach meinem Dafürhalten kein Qualitätskriterium.

Morgens, mittags oder nachts lesen?

Gelesen (Zeitungen, Journale, Internet, Blogs, Fachbücher) wird ohnehin rund im die Uhr. Ist dann jeweils von der Tagesform und Stimmung abhängig.

Einzelband oder Serie?

Ach, früher habe ich gerne Serien gemocht; von den zauberhaften Mecki-Büchern bis zu Enid Blytons ‘Abenteuer um…‘ Heute stellt sich im Grunde die Frage nicht mehr.

Lieblingsserie?

Wie eben erläutert: aus dem Serienalter bin ich wohl raus.

Lieblingsbuch, von dem noch nie jemand gehört hat?

Also die Frage ist doch ein wenig zweifelhaft (blödsinnig will ich nicht sagen). Da ich keine Bücher von Autoren lese, die im Kleinst- und Eigenverlag (Auflage: 1-2 Exemplare?) veröffentlichen, sind alle Bücher, die ich je gelesen habe auch im weitesten Sinne ‘bekannt’. Ein Buch, das (wenigstens in der jüngeren Generation) wohl weniger Leser hat und mir dennoch sehr zusagt, ist "Auf den Marmorklippen" von Ernst Jünger. Gestus und Sprache finde ich sehr bemerkenswert. 

Lieblingsbuch, das du letztes Jahr gelesen hast?

Da ich, wie bereits angedeutet, vorwiegend Hörbücher höre, gibt es hier eine Empfehlung für die von Ulrich Matthes hervorragend gelesene Version von Vladimir Nabokovs ‘Pnin’.

Welches Buch liest du gegenwärtig?

Neu auf meinem Schreibtisch liegt die Studie zur Karriere des genetischen Codes von Lily Kay "Wer schrieb das Buch des Lebens?"

Absolutes Lieblingsbuch aller Zeiten?

Aha, letzte Frage also. :-) Da ich mich hier auf eines beschränken will, so bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als den ‘Roman eines einfachen Mannes’ zu nennen, den Joseph Roth in wunderbarer Sprache in seinem "Hiob" erzählt. Als ich vor vielen Jahren diese Geschichte über den ‘einfachen Juden’ Mendel Singer zum ersten mal las, war ich durchaus ein wenig verzaubert. Ansonsten stünden wohl unspektakulärerweise Titel von Dürrenmatt oder Frisch zur Disposition.

So, nachdem ich mich mitsamt meinen Lesegewohnheiten nun öffentlich angreifbar gemacht habe, will ich das Stöckchen pflichtgemäß auch weitergeben. Da ich mich erst seit kurzem in der Blogosphäre rumtreibe, fallen mir spontan nur Nils auf seinem ‘Weltenkreuzer‘ und Daniel mit seiner ‘Strengen Jacke‘ als Empfänger ein. Die beiden werden (denke und hoffe ich?) schon wissen, was sie mit diesem Wurfutensil anfangen sollen.

  1. Wer es ganz genau wissen mag: Buchhandlung Schmidt – Ledergasse 2 – 73525 Schwäbisch Gmünd. []
  2. um ein Haar hätte ich ‘Tollheit’ geschrieben. ;-) []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

2 Reaktionen »

  • JuliaL49 :

    Hallo und Danke für das Weitertragen des Stöckchens :-)
    Wollte dich aber kurz noch darauf hinweisen, dass die Amazon-Links nicht funktionieren, weil der “Schwanz” zu lang ist. Wenn du den Link nach der ISBN und vor dem “ref=” abschneidest, dann funktioniert es.
    Gemerkt habe ich es, weil mich dein aktuelles Buch sehr interessiert – das werde ich wohl auch noch lesen – auch dafür danke!

    [twort T]

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