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Aufmerksamkeitszyklen » Über die begrenzte Haltbarkeit von Katastrophen

2. April 2007 | 17:41 Gelesen: 7057 · heute: 2 · zuletzt: 20. October 2017 2 Reaktionen

Saurer Regen, Waldsterben, FCKW, Ozonloch, BSE, SARS… Schlagworte, die für einige Zeit die Schlagzeilen sämtlicher Medien beherrschten. Schlagworte, deren bloße Nennung bei weniger katastrophenerprobten Zeitgenossen (wenigstens vorübergehend) noch vor kurzer Zeit tiefsitzende Ängste wachrief. Und, nicht zuletzt, Schlagworte, die spezifische Phasen der Umwelt- oder Verbraucherschutzpolitik markieren. Aber erntet man heute, im Jahr 2007, mehr als ein müdes Schulterzucken, wenn man einen dieser Begriffe in die Runde wirft?

Berücksichtigt man, daß mit all den genannten Katastrophenszenarien tatsächliche, also konkrete Gesundheitsgefährdungen verknüpft sind bzw. waren, so verwundert der nüchtern-abgeklärte Blick, den man heute darauf wirft bzw. zu werfen können glaubt. Gerade fünf Jahre sind vergangen und schon begleitet die Erinnerung an die kleine bundesrepublikanische Medienhysterie anläßlich der BSE-Fälle1 der Jahre 2000 und 2001 [v.a. in Großbritannien, Deutschland oder der Schweiz] eine dezent nostalgische Begleitmelodie. Ach, wie glücklich waren wir doch, als wir uns noch über den Skandal und Unsinn der Tiermehlverfütterung die Köpfe heiß redeten. Wer wünschte sich angesichts der globalen Klimakatastrophe, nicht in den Horizont dieses verhältnismäßig überschaubaren Gefährdungsszenarios namens BSE zurück? Und wer für sich selbst den Verzehr von Fleisch aus ohnehin zweifelhafter Massentierhaltungsindustrie verneinen konnte, befand sich ohnehin auf der sicheren Seite.

Heute ertappen wir uns kopfnickend und beifallklatschend, wenn Angela Merkel ihre europäischen Ratskollegen zum Umsteuern bei den CO2-Emmissionen zwingt. Und – diese Wette gehe ich ein – wer sich heute mit einem beliebigen Aufmacher aus Zeiten der SARS-Krise in die bundesrepublikanischen Fußgängerzonen aufmacht, der wird kaum einen Zeitgenossen des Jahres 2007 finden, der das (Photo-)Dokument richtig einzuordnen imstande wäre. Die Mehrheit aller Befragten (zweiter Teil meiner Wette) wird beim Anblick eines solchen Photos [wie bspw. hier und hier] die einzig naheliegende und daher falsche Antwort geben: "Ja, kenn ich – ist ne Aufnahme vom Michael-Jackson-look-alike-Contest." ;-)

Katastrophenblindheit und Lerneffekte?

Nun könnte man freilich erschrocken sein angesichts dieser bedenklichen Katastrophenvergessenheit.2 Trifft also der Vorwurf der Betriebsblindheit an die Adresse der westlichen Industriegesellschaften zu? Können und/oder wollen diejenigen, die von den Segnungen des industriegesellschaftlichen Fortschritts profitieren, deren negative Effekte nicht sehen und wahrhaben?3 Und wie sieht es dann mit Lerneffekten aus? Hat nicht gerade die aufgeklärte Gesellschaft stets für sich reklamiert, wenn schon nicht alles unter Kontrolle halten zu können, so doch zumindest aus Fehlern zu lernen?4 

Nun darf man selbstverständlich nicht den Irrtum begehen und von der (ganz offensichtlich immer kürzer werdenden) Halbwertzeit solcher Meldungen im öffentlichen Gedächtnis auf etwaige Lern- und Wahrnehmungsblockaden schließen. Denn es steht außer Frage, daß eine öffentlichkeitswirksame Thematisierung von Problemlagen geradezu zwingend erforderlich ist, um den leider? notwendigen Handlungsdruck auf das politische System zu erzeugen. Erst infolgedessen werden Expertisen eingeholt, Krisenstäbe und Bürgertelefone eingerichtet und schließlich auch die Geldtöpfe geöffnet, um wissenschaftliche Forschungen und Lösungsangebote zu finanzieren. Und egal, ob es nun die intensivierten Anstregungen zur Untersuchung der BSE-Epidemie5 oder die Programme zur Klärung der Übertragungswege von Seuchen sind: diese Forschungen laufen unabhängig von aller Medienaufmerksamkeit. Allerdings ist es offenbar zu einem ungeschriebenen Gesetz der Forschungspolitik geworden, daß erst nach einer kleinen? medienunterstützten Hysterie die Bereitschaft und Einsicht der jeweiligen Entscheider ausreicht, um die notwendigen Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Die Logik ist ganz einfach: ohne Bilder von SARS-Opfern keine diesbezüglichen Forschungsprogramme an Robert-Koch-Instituten o.ä. und ohne den sprichwörtlichen PISA-Schock und der fortwährend schwelenden Debatten zur fraglichen Konkurrenzfähigkeit des deutschen Bildungssystems wäre an den Pädagogikinstituten der deutschen Universitäten keine einzige weitere Stelle eingerichtet worden.

Über die Popularität und Allgegenwart von Katastrophen

Wenn also die Erfahrung lehrt, daß erst die Popularisierung von Risikoszenarien6 bzw. eine strategische Hysterisierung eine intensivierte Bearbeitung des Problemfeldes möglich macht, dann stellt sich die Frage, welche Kriterien [abstrakte] Risiken erfüllen müssen, um in den Medien Resonanz zu finden. Oder anders gefragt: Wie bedrohlich muß die Bedrohung sein, um als Schlagzeile auf der Titelseite thematisiert zu werden? Und: wie medienerprobt und talentiert müssen die jeweiligen Vertreter der fraglichen (Fach-)Disziplinen sein, um ihr Anliegen an den Mann oder die Frau bzw. genauer: an den Journalisten zu bringen?7 Wären in Deutschland die Vorboten des Klimawandels überhaupt wahrgenommen worden, wenn nicht ein publikumstauglicher und rhetorisch versierter Forscher wie Mojib Latif den Fernsehredaktionen stets zur Verfügung gestanden hätte? Aber was – so die nächsten offenen Fragen – passiert mit umweltpolitischen Themen, wenn sie ihre Medienpopularität eingebüßt haben? Welche Faktoren beeinflussen die Lebensdauer der jeweiligen Diskurse?

Und zuletzt: welche Auswirkungen zeitigt die Omnipräsenz von Risiken auf den einzelnen Fernsehzuschauer und Zeitungsleser? Ist es genaugenommen nicht erstaunlich, daß trotz der Allgegenwart von drohenden Katastrophen das zivile Leben in der Bundesrepublik noch nicht zum Erliegen gekommen ist? Die Ursache dafür – so meine These – liegt genau in der fortwährenden Konfrontation mit Katastrophen begründet: denn wären (so der Verdacht) bspw. die Meldungen über Gesundheitsschäden durch die Mobilfunkstrahlung tatsächlich die ersten Berichte ihrer Art gewesen, so wären die Verkaufszahlen der Handyhersteller längst eingebrochen; aber, da jeder informierte und interessierte Bürger und Konsument die Erfahrung gemacht hat, daß auch die letzten Meldungen über Gesundheitsgefahren8 wieder in Vergessenheit geraten sind und er sich immer noch bester Gesundheit erfreut, wird auch die aktuelle Meldung kaum mehr Auswirkungen haben. Das einzige, was möglicherweise wirklich beängstigt, ist die frappierende Katastrophenimmunität, die sich die Zivilgesellschaft inzwischen angeeignet hat.9 

Letztlich läßt sich nur feststellen, daß die Allgegenwart von Katastrophen und ihre offensive Thematisierung mindestens einen Effekt hervorgebracht haben: gerade durch und in ihrer Häufung10 , haben Katastrophen ihre Katastrophabilität weitgehend eingebüßt. Was könnte für eine Gesellschaft im permanten Eregungszustand11 verhängnisvoller sein?12

 

 

  1. vgl. Dressel, Kerstin (2002): BSE – the new dimension of uncertainty – the cultural politics of science and decision making. Berlin: Edition Sigma. []
  2. Auf die kurzen Intervalle von Risikomeldungen nimmt auch der Sciblog bezug. []
  3. wie es etwa Ulrich Beck der Moderne seit nunmehr 20 Jahren vorhält; vgl. Beck, Ulrich (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. []
  4. Grundsätzlich und sehr instruktiv dazu: Böschen, Stefan / Viehöfer, Willy & Zinn, Jens (2003): Rinderwahnsinn. Können Gesellschaften aus Krisen lernen?, in: Berliner Journal für Soziologie (Nr.1), S. 35-58. []
  5. womit insgesamt alle durch Prionen übertragenen Erkrankungen des Gehirns gemeint sind; also BSE, Scrapie oder eben den Menschen betreffend das Creutzfeldt-Jakob-Syndrom. Mehr Informationen auf den Seiten der TSE-Forschungsplattform. []
  6. selbst eine kurze Rekonstruktion der Konjunkturzyklen von Risikothemen zeigt, daß erst die simultane und prominente Berichterstattung über etwaige Risiken in den einschlägigen reichweitenstarken Medien ein handlungsrelevantes Problembewußtsein erzeugt; die Tatsache, daß schon Monate oder gar Jahre zuvor in seriösen Fachorganen auf dieselben Effekte [Waldsterben, BSE, etc.] hingewiesen wurde, wirkt sich jeweils nur in der jeweiligen scientific community aus; über die Bereitstellung von Forschungsmitteln befinden allerdings Gremien, die heterogen zusammengesetzt sind im Einvernehmen mit Organen der Forschungspolitik []
  7. Interessant wäre auch eine Untersuchung, welche Gatekeeper-Effekte hier wirken. []
  8. egal ob nun vor der Quecksilberbelastung von heimischen Fischen, den seit Tschernoybl immer noch erhöhten Strahlenwerten von Pilzen oder Rotwild oder dem Nitrat im Trinkwasser gewarnt wurde: der Medienrezipient hat all diese vorangegangenen Risiken ja ebenfalls unbeschadet überstanden. Wieso sollte es diesmal anders sein? []
  9. ähnlich dazu: Koch, Claus (2002): Verantwortlich, aber nicht schuldig: Anleitung zum aufgeklärten Katastrophismus, in: Merkur: deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, Jg. 56/2002, H. 11 = H. 643, S. 1002-1011. []
  10. zusätzlich verstärkt durch ihr in immer kürzeren Intervallen aufeinander folgendes Auftreten []
  11. und einer entsprechend hohen Aufmerksamkeitsschwelle []
  12. Abzuwarten bleibt, ob und inwiefern die aktuelle Diskussion um die Klimaerwämrung eine andere Entwicklung nimmt. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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