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Macht es nicht selbst: Tocotronics hymnischer Gesang auf die Selbstverweigerung

17. Dezember 2009 | 18:00 Gelesen: 13937 · heute: 2 · zuletzt: 30. April 2017 7 Reaktionen

„Die Bude wird rumpeln!“ – Das versprachen Tocotronic vor ziemlich genau einem Monat. Gemeint war das neue Album „Schall & Wahn“ und die Frühjahrstour. Und man darf die werten Herrschaften beim Wort nehmen: die heute veröffentlichte Single „Macht es nicht selbst“ weckt die vorzüglichsten Hoffnungen.

„Macht es nicht selbst!“ Mit diesem Schlachtruf nehmen Tocotronic erneut Anlauf auf die Barrikaden, die sie aus Anlaß des letzten Albums 2007 errichtet hatten. Die damalige „Kapitulation“ zielte auf eine Absage der klassischen (Kontroll-)Imperative von Schule, Beruf und liberaler Gesellschaft. Genau an diesem Punkt machen Dirk von Lowtzow und seine Kumpanen weiter.

Es geht wieder einmal um Verweigerung, oder anders formuliert: um die Ambivalenzen der eigenen Position im Hinblick auf Funktionalität. So oder ähnlich würde es vielleicht Diedrich Diederichsen formulieren. Bei Tocotronic klingt das simpler: „Was Du auch machst. Mach es nicht selbst! Auch wenn Du Dir den Weg verstellst.“ So der Slogan der rumpelnd-rockenden Hymne.

Seit Jahren dieser Krach! Tocotronic machen Lust auf das neue Album „Schall & Wahn“

Das ist vordergründig natürlich die Absage an den Do-It-Yourself-Wahn, womit der Anschluß an die frühen Alben der 90er Jahre hergestellt wäre, als man resignierend-kapitulierend die Gartenarbeit besang.1

An der Schwelle des Jahreswechsels 2009/2010 klingt das zunächst kaum anders. Dann freilich wird klar, worum es geht: um die (Selbst)Zumutungen des Lebens. Zumindest um diejenigen, die vor allem Zeit verschwenden. Im Endeffekt ist „Macht es nicht selbst!“ der wunderbar mitreißende Aufruf bestimmte Dinge einfach sein zu lassen. Was man durchaus auch im Heideggerschen Sinne verstehen könnte.

Kurz: Tocotronics neuer Song ist die rumpelnde Formulierung einer Anti-These in Zeiten der hyperventilierenden Allzuständigkeit. Schön ist das.2 Man darf also gespannt sein auf das Album, das ab 22. Januar 2010 zu kaufen und hören sein wird.

Literatur- und CD-Empfehlungen:

 

  1. vgl. „Samstag ist Selbstmord“ in „Digital ist besser„, 1995 []
  2. Ein Urteil, das auch auf das Video zutrifft. Nur ganz am Ende hat man dann evtl. doch ein wenig Mitleid mit dem brennenden Biber. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

7 Reaktionen »

  • bosch :

    Ich bin noch nicht richtig warm geworden mit diesem Song. Das geht mir seit Jahren so, wenn Tocotronic etwas neues veröffentlichen. Mal das Album abwarten.

    [twort T]

  • Marc :

    Bei den Außentemperaturen ist das ja auch nicht ganz leicht. ;-)

    Wobei ich – nüchtern und bei Raumtemperatur betrachtet – das ganz gut nachvollziehen kann; angefangen beim „Weißen Album“, dann bei der „Puren Vernunft“ und zuletzt bei der „Kapitulation“ mußte ich mich auch erst reinhören. Heute nachmittag war das aber anders: nach 2-3 Takten war mir klar, daß mir das Gerumpel zusagt. Sicher nicht der großartigste Tocotronic-Song. Aber live sollte das funktionieren. Und ich hab mich einfach gefreut, die Herrschaften wiederzusehen, wenigstens im netten Video.

    [twort T]

  • Simone :

    Der Song klingt nach Tote Hosen auf Valium.

    Zum hiesigen Text bzw. seinem Autoren: Bestimmt Arbeitsloser Philosophiestudent, der in seinen bewegten Studentenzeiten Toco-Fan war, liest nun sehr viel zwischen den Zeilen. Heidegger und so. Funktionieren so nicht auch Comic-Figuren? Wenige Striche, wenige Charakterzüge: damit jedes Kind sich und seine Wünsche hineinprojizieren kann…

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  • Daniel :

    Im Februar bei den Sternen im Indra, im März bei Toco in der großen Freiheit… Hamburg rockt! :-)

    [twort T]

  • fee :

    Ein Toco-Fan! Rumpelnd-rockende Riffs!! Sehr schön! Schrabbel, schrabbel, schrabbel! Bei mir hat die Sucht bereits 95 mit „Digital ist besser“ angefangen und sich seither nicht beruhigen wollen. Inzwischen spiele Ich „Für immer mein Feind“ oder „Nach Bahrenfeld im Bus“ für meine kleine Tochter wenn sie gaubig ist! Bei den letzten beiden Platten musste Ich mich auch erst mal „gewöhnen“, doch dann sind sie spietze und sie sind eindeutig Zeitzeugen deutscher Musikkultur, was man sonst nur von wirklich wenigen Produkten sagen kann!
    Wenn die doch endlich mal nen gig in Barcelona spielen würden!

    „Tote Hosen auf Valium?“ Nicht wirklich! Die albernen Hosen höre ich schon seit 20 Jahren nicht mehr weils einfach nur langweilt…aber mit TOCO ist das keine Frage!
    Grüsse an die Redaktion

    [twort T]

  • Rockgitarre :

    Die guten Texte, die frische und einzigartige Musik und das, was sie rüber bringen ist einfach genial. Tocotronic rocken einfach – und das schon so lange. Auf www. schule-der-rockgitarre.de/de/magazin/178 habe ich einen Artikel über die bisherige Geschichte der Band geschrieben – schau doch mal rein! :)

    [twort T]

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