Studiengebühren haben abschreckende Effekte » “So genau wollten wir es dann doch nicht wissen” | Werkstattnotiz 123

Man sollte nicht so naiv sein und glauben, daß es immer erfreulich ist, wenn man auf seine Fragen auch Antworten erhält. Es ist ein grundsätzliches Dilemma, das Individuen und Gruppen in gleichem Maße betrifft: denn der Ratsuchende erhofft sich zwar irgendeine Hilfe in Form einer Antwort oder Empfehlung, er riskiert aber, daß die Antwort im Widerspruch zu bestimmten Sachverhalten steht und man erst recht ratlos ist.

Abschreckender Studienobulus Quelle: stock.xchng, User: konr4dGanz offensichtlich ist es dem Bundesbildungsministerium nun auch so ergangen: wie die dpa heute1 meldet, hatte das Schavan-Ministerium beim Hochschul-Informations-System (HIS) in Hannover eine Expertise in Auftrag gegeben, die die Studienentscheidung von Abiturienten, sowie die Effekte von Studiengebühren klären sollte.

Und Studiengebühren schrecken doch ab

Die Studie, die auf der Befragung von 5240 repräsentativ ausgewählten Studienberechtigten des Jahrgangs 2006 basiert, ist offenbar seit mehreren Wochen fertiggestellt. Der Auftraggeber, das Bundesbildungsministerium, ist aber ganz offensichtlich nicht wirklich glücklich mit den Ergebnissen und hat - so die Meldungen - die Studie bislang unter Verschluß gehalten.

Kein Wunder: denn wenn die Zahlen zutreffen, die heute vormittag duchsickerten, dann ist dies eine schallende Ohrfeige für alle Befürworter von Studiengebühren. Denn diese versichern ja gebetsmühlenhaft, daß durch die Gebühren niemand vom Studium abgeschreckt werde, im Gegenteil die Studenten ja durch bessere Ausstattung der Unis, mehr Lehrpersonal etc. durchaus profitieren würden.

Gebührenmonster: Rund 18.000 potentielle Studenten verzichten auf ein Studium

Das ernüchternde Ergebnis der Experten vom HIS: im Jahr 2006 haben alleine wegen der anfallenden Gebühren bis zu 18.000 junge Menschen kein Studium aufgenommen2 - in Zeiten, in denen man gerade in Deutschland händeringend versucht, mehr junge Menschen zum Hochschulstudium zu ermuntern, geradezu ein Desaster.

Und wieder erleben wir, daß Herkunft und Bildungschancen hierzulande unnötig eng gekoppelt sind.

Weiter heißt es in der Studie, daß v.a. Abiturienten aus “bildungsfernen” Schichten sich vom Studium abhalten ließen, wenn dies an Gebühren gekoppelt sei. Potentielle Studenten aus Akademikerelternhäusern lassen sich durch die Gebühren freilich kaum abschrecken.

Nun darf man also gespannt sein, wie sich das Bildungsministerium und Frau Schavan aus der Angelegenheit herauswindet und auch wie die Kanzlerin der Bildungsrepublik Deutschland mit diesem kleinen Skandal umgeht. Denn Studien (für die ja auch Geld bezahlt wird) unter den Tisch fallen zu lassen, zu verschweigen, was man selbst nicht wahrhaben will, das macht sich einfach nicht gut.

Wobei man sich hier keine Illusionen machen sollte: Institutionen agieren hier ganz ähnlich wie Individuen - unliebsame Informationen werden (falls möglich und halbwegs praktikabel) sehr häufig ausgeblendet und ignoriert. Pech natürlich für alle, die an der Studie mitgearbeitet haben und v.a. diejenigen, die von einer anderen Politik profitieren würden. Aber wenn - wie im konkreten Fall - einfach übergeordnete Inhalte/Vorgaben (”Studiengebühren sind sinnvoll!”) mit neuen Informationen (”Gebühren sind abschreckend!”) in Konflikt treten, dann ist ein solches Verhalten eher die Regel, als die Ausnahme.




  1. Hier der SpiegelOnline-Artikel dazu. []
  2. Da ich natürlich die Studie selbst nicht kenne, kann ich zur Plausibilität nichts sagen. Vertraue in diesem Fall allerdings auf die Erfahrung der Hannoveraner Experten. []




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