Das Weltrekordfeuerwerk von Peking » Michael Phelps: Schwimmheld oder gedopter Heuchler? | Werkstattnotiz 108
Wir schreiben den dritten Tag der olympischen Schwimmwettkämpfe von Peking und notieren den zehnten Weltrekord. Nun könnte man sich natürlich über all diese phänomenalen Leistungen freuen, man könnte entzückt sein über dieses Rekordfeuerwerk. Man kann aber auch Fragen stellen. Etwa die Frage, wie und ob diese erstaunlichen Leistungssprünge möglich sind.
Halten wir fest: Schwimmen ist eine der traditionellen olympischen Sportarten, die Disziplinen, die zur Austragung kommen, sind seit vielen Jahrzehnten im Wettkampfprogramm verankert. Und: überall auf der Welt wird geschwommen. Soll heißen: anders als in anderen, exotischeren Sportarten, zeichnet sich der Schwimmsport durch einen enorm großen Talentepool aus.1
Heute gibt es keine größeren Schwimmtalente, als vor 30 Jahren!
Unerklärliche Leistungsexplosion
Was schlußfolgern wir daraus? Ganz einfach: wir dürfen für mindestens die letzten 40 Jahre davon ausgehen, daß sich jede neue Generation von Spitzenschwimmern aus den jeweils talentiertesten und konditionell befähigsten Schwimmtalenten rekrutiert hat.
Und nachdem die Evolution der Spezies Homo Sapiens dann doch einigermaßen träge abläuft2 und wir bislang keine Berichte über Schwimmer mit Schwimmhäuten haben, so dürfen wir davon ausgehen, daß bspw. in den 70er Jahren eine Schwimmergeneration an den Start ging, die von ihren physischen und psychischen Ausgangsbedingungen durchaus mit der heutigen Generation rund um Michael Phelps und Co. vergleichbar ist.
Welches Geheimnis hat die Schwimmgeneration von 2008?
Weshalb aber, so meine Frage, schwimmen der US-Schwimmheld Phelps und unzählige andere, die derzeit im Pekinger Aquatic Center ins Becken hüpfen, viele, viele Sekunden schneller, als die Sportler früherer Zeiten? Wie ist diese beinahe unglaubliche Leistungsexplosion, die wir derzeit erleben, zu erklären? Allein im Jahr 2008 gab es weit über 50 neue Weltrekorde!
Ich habe mir in diesem Zusammenhang in einem ausführlichen Beitrag im Neurons-Blog detailliertere Gedanken gemacht.3 Als leistungsdeterminierende Faktoren, kommen m.E. die Physis, die Psyche und die Technik in Betracht. In welchem Bereich - so meine Frage - gab es binnen der vergangenen 2-3 Jahre diese Revolution, die die momentante Leistungsentwicklung erklärt?
Meine erste These:
Die Grundprinzipien des Schwimmsports sind identisch geblieben und auch die vielbeschworenen Schwimmanzüge rechtfertigen die Leistungssprünge nicht - zumal etwa Phelps bei seinem gestrigen Rekord mit blankem Oberkörper zu Gange war. Er benötigte also offensichtlich die tollen Eigenschaften der “aquadynamischen” Anzüge erst gar nicht.
Wenn also die ominösen Schwimmanzüge nicht als Erklärung taugen, was steckt dann hinter diesen irrsinnigen Rekorden? Hat die Schwimmgeneration des Jahres 2008 doch eine leistungsfördernde Substanz entdeckt, die bislang der Dopinganalytik verborgen bleibt?
Sind die Fabelzeiten von Phelps und Co. anders als durch den Griff in die Apotheke zu erklären?
Um ehrlich zu sein: ich kann mir die Fabelzeiten von Phelps, der heute bereits seinen dritten Weltrekord in nur 3 Tagen aufstellte, kaum anders erklären, als durch die Zuhilfenahme pharmakologischer Substanzen. Ich lasse mich aber gerne eines besseren belehren und bin insofern mehr als begeistert, über die informative Skizze von Ludmila Carone, die die technischen Neuerungen innerhalb des Schwimmsports skizziert, die theoretisch eine Erklärung liefern könnten.
Sie schreibt zusammenfassend:
Der Schwimmstil, den Mark Spitz und Michael Groß verwendeten, unterscheidet sich deutlich von dem, was heute Michael Phelps schwimmt und deswegen sind auch die Rekorde nicht wirklich miteinander vergleichbar, weil die Bewegungsabläufe im Grunde genommen inzwischen ganz andere sind.
Das will mir (teilweise) einleuchten. Allerdings stellen sich für mich dennoch zwei weitere Fragen:
1. Weshalb sind ganz offenbar dutzende Athleten zielgenau zum Wettkampfhöhepunkt in Peking so topfit, daß sie die Rekorde nur so pulverisieren? Die technischen Modifikationen und biomechanischen Erkenntnisfortschritte datieren doch nicht auf den Juni 2008, oder?
2. Es wird argumentiert, daß sich die “Philosophie” des Schwimmens gewandelt habe. Es wird weniger “gegleitet”, sondern deutlich kraftorientierter geschwommen. Gut, nur: wie kann dieser kraftraubende Schwimmstil über diese langen Distanzen aufrechterhalten werden und v.a. wie erklärt man, daß Phelps mit minimalsten Erholungsintervallen dennoch seine absolut phänomenalen Rekordwerte nochmals unterbietet. Eigentlich solllte so etwas doch nur in ausgeruhtem Zustand möglich sein.
Spannende Erläuterungen in Wissenschaftsblogs
Wie auch immer - ich bin gespannt auf die weitere Entwicklung und bin erfreut, daß ich ausgerechnet in einem Wissenschaftsblog eine so schöne Darstellung über die Veränderungen des Reglements und der Schwimmtechniken lesen kann. Und die Diskussionen, die sich im Anschluß an meinen Beitrag bei ScienceBlogs ergeben, sind auch sehr lesenswert!
p.s.: Bei ScienceBlogs läuft ein SB-Spezial zum Thema “Olympische Spiele” - dort werden laufend interessante Artikel rund um die Spiele in Peking eingestellt, die sicher auch lesenswert sind.
- Marc Scheloske: Michael Phelps & Co.: Wie man Rekorde jagt und Glaubwürdigkeit zerstört, Neurons, 11.8.2008
- Ludmila Carone: Pimp my Schwimmstil, Hinterm Mond gleich links, 12.8.2008
- Lars Fischer: Rekorde, Rekorde - alles nur Zufall?, Fischblog, 10.8.2008
- Bachner, Frank: So viele Schwimmrekorde - Wie kann das gehen?, tagesspiegel, 11.8.2008
- Marc Scheloske: Ärzte im Schafspelz. Die Freiburger Sportmedizin » Dopingarrangements im Spitzensport III, 31.5.2007
Literatur:
- Meutgens, Ralf (2007): Doping im Radsport. Delius Klasing.
- Bette, K.-H., Schimank, U. (2006): Die Dopingfalle. Soziologische Betrachtungen. Transcript Verlag.
- Knörzer, W.; Spitzer, G.; Treutlein, G. (2006): Dopingprävention in Europa. 1. Internationales Expertengespräch 2005 in Heidelberg. Meyer & Meyer-Verlag.
- Bette, K.-H., Schimank, U. (2006): Doping im Hochleistungssport. Anpassung durch Abweichung. Suhrkamp: Frankfurt
- Feiden, Karl & Blasius, Helga (2002): Doping im Sport. Wer - womit - warum. Wiss. Verlagsgesellschaft.
- Singler, A. & Treutlein, G. (2001): Doping - von der Analyse zur Prävention. Meyer & Meyer-Verlag.
- Geipel, Ines (2001): Verlorene Spiele. Journal eines Doping-Prozesses. Transcript-Verlag.
Technorati-Tags:
- Der den Faktor Zufall in Bezug auf die Auswahl der Athleten bzw. deren konditionelle Fähigkeiten enorm minimiert. [↩]
- Zumindest im Vergleich zur rasanten Entwicklung der Rekorde. [↩]
- Es wird ein weiterer Beitrag zur Rekordentwicklung folgen! [↩]
Über diesen Artikel
Sie lesen gerade »Das Weltrekordfeuerwerk von Peking » Michael Phelps: Schwimmheld oder gedopter Heuchler? | Werkstattnotiz 108«, einen Artikel der Wissenswerkstatt.
- Veröffentlicht am
- 12. August 2008 | 12:35
- Autor:
- Marc
- Abgelegt unter:
- Gesellschaft, Sport, Werkstattnotizen
- Schlagworte:
-
Doping, Olympische Spiele, Sport
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