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Kein Persilschein für die Nanotechnologie ::: Religion als Intelligenzvernichtungsmaschine | Werkstatt-Ticker 35

15. Juni 2008 | 18:21 Gelesen: 5775 · heute: 2 · zuletzt: 17. December 2014 4 Reaktionen

Ticker.jpg» Nanorisiken

Die Tatsache, daß die Nanotechnologie ein bislang ungetrübt positives Image besitzt, die Gentechnologie häufig aber als Teufelszeug gesehen wird, zählt für mich zu den interessantesten Phänomenen der aktuellen gesellschaftlichen Technikbewertung.

Ich hatte vor einigen Wochen kurz skizziert, daß die Produkte der Nanotechnologie keineswegs per se vollkommen unbedenklich sind und daß gerade für dieses Feld dringend umfangreiche Risikoanalysen angestrengt werden müssen. Nun macht eine aktuelle Studie darauf aufmerksam, daß etwa die sog. “Nanotubes” – also winzig kleine, aus einzelnen Kohlenstoffatomen zusammengesetzte Röhrchen – bestimmte Gesundheitsrisiken bergen.

In Nature war zu lesen:

“Researchers led by Ken Donaldson of the University of Edinburgh’s Centre for Inflammation Research, UK, found that in mice, long, straight, multi-walled carbon nanotubes can cause the same kind of damage as that inflicted by asbestos fibres when they are injected into the lung’s outer lining, called the mesothelium.”

Zumindest in Versuchen mit Mäusen1 stellten die Forscher Schädigungen fest, die denen von Asbestfasern glichen. Nun ist das kein Grund zur Hysterie, aber durchaus Anhaltspunkt dafür, daß man den Produkten der Nanotechnologie nicht naiverweise einen Persilschein ausstellen sollte.

» Keine vorschnellen Schlüsse: Religion & Intelligenz

Auf ein spannendes und kontroverses Beispiel für den Interpretationsspielraum, den statistische Daten erlauben, weist wieder einmal Michael Blume hin. Ihm ist ein Artikel des emeritierten Psychologieprofessors Richard Lynn aufgefallen, der eine negative Korrelation zwischen Intelligenz und Religiösität herstellt.

Konkret: Lynn und seine Mitstreiter behaupten, daß sie für 137 Länder aus dem durchschnittlichen Intelligenzquotienten die Religiösität der Bevölkerung ableiten können. Je höher der Anteil der Atheisten, desto höher der IQ.2

Doch geben das die Zahlen wirklich her? Wieviel (unzweifelhaft komplexe) Randbedingungen werden dabei außer Acht gelassen? Ist der Zusammenhang ursächlich oder eben doch nur zufällig? Michael schreibt:

“Die Crux bei dieser Korrelation hat mit einem spezifischen Problem zu tun, mit dem Lynn schon des öfteren zu kämpfen hatte: In reichen und wohlhabenden Gesellschaften steigt der durchschnittliche IQ. Denn hier erhalten die Menschen von klein auf bessere Nahrung, medizinische Versorgung sowie Frühförderung und Bildung im Rahmen von Kompetenzen, wie sie IQ-Tests abfragen. Gleichzeitig bieten diese Länder rechtlichen und sozialen Schutz und machen damit eine Funktion von Religionsgemeinschaften als Netzwerke gegenseitiger Hilfe obsolet, zudem gehen mit steigender Bildung mehr lebensweltliche und weltanschauliche Optionen einher – Säkularisierung setzt ein.”

Und Michael untermauert seine Kritik mit Zahlen aus einer eigenen Untersuchung von 2002, die eben keinerlei Zusammenhang zwischen Religiösität und erreichten Schulabschlüssen ergibt. Und ein weiteres, durchaus triftiges Gegenargument sind natürlich die USA: hier paaren sich ein hoher Religiösitätslevel und hohe Intelligenz.




  1. Denen die Nanopartikel in die Bauchhöhle injiziert wurden. []
  2. vgl. Richard Lynna, John Harvey and Helmuth Nyborg: Average intelligence predicts atheism rates across 137 nations, http://dx.doi.org/10.1016/j.intell.2008.03.004 []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

4 Reaktionen »

  • DerOli :

    Hihi, auch Du bist aus “einzelnen Kohlenstoffatomen zusammengesetzt” mein Kleiner. Nicht nur, aber auch. Ist Dein Röhrchen dann eine Nanotube?

    Ich hoffe Du siehst es mir nach, aber wer so schludrig erklärt hat es nicht besser verdient ;o)

    Zum Thema: Die Nanotubes sind ja die langen Brüder der lustigen Fullerene, welche nach einem Architekten benannt sind weil der eine ähnliche Glaskuppel gebaut hat bevor man die aus einzelnen Kohlenstoffatomen zusammengesetzten mini-Fußbälle überhaupt kannte. Die kann man sich übrigens auch in der Mikrowelle selber machen…glaube ich. Zumindest haben mit sowas damals meine Konkurrenten bei “Jugend Forscht” aufgetrumpft. STREBER!

    Was ich aber eigentlich sagen wollte ist, dass es mich überhaupt nicht überrascht was die Jungs rausgefunden haben, weil es nämlich bei Asbest auch nur die Form/Größe der Partikel ist wodurch Krebs hervorgerufen wird. Asbest ist ja auch nur Sand, aber halt fasrig. Und Nanotubes sind Kohle, aber halt fasrig. Das hätte ich “Nature” auch ohne tote Mäuse erklären können…

    Was allerdings überhaupt niemand weiß ist, was mit Nanotechnologie eigentlich gemeint sein soll. Bei solchen Modeschlagwörtern fühle ich mich gerne mal dazu veranlasst Quatsch zu schreiben. q.e.d.

    PS: In Persil sind übrigens Zeolithe drin… auch irgendwie nano…

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  • Marc :

    @Oli:

    Ah, ertappt. Ja, ich bin geständig – durchaus etwas mißverständlich. Ich wollte natürlich zum Ausdruck bringen, daß es nur einige wenige Kohlenstoffatome sind, die ein solches Nanotube bilden.

    Und die längeren Vertreter dieser Spezies (um genau zu sein, diejenigen ab ca. 20 Mikrometer Länge) haben nun im Mausversuch die beschriebenen Effekte hervorgerufen. Kürzere Nanoröhrchen riefen keine Entzündungen etc. hervor.

    Ich persönlich kann natürlich nicht behaupten, daß ich das auch schon vorher geahnt hätte – aber zumindest plausibel ist mir die Sache, wenn man die Parallelen zum Asbest kennt.

    Und bzgl. der Frage, was sich hinter dem modischen Etikett “Nanotechnologie” verbirgt, kann ich natürlich auch nicht mit wirklich schlauen Antworten dienen, wo doch auch die Experten es meist mit dem Hypewort bewenden lassen.

    Vermutlich muß man sich vorerst damit abfinden, daß (ich zitiere mich selbst):

    Die Nanotechnologie befaßt sich mit Strukturen und molekularen Materialien, die kleiner als 100nm sind.

    Und wenn sich mit solchen Partikeln dann Oberflächen sinnvoll beschichten lassen oder sich diese Teile (wie etwa die röhrenförmigen Vertreter) als “Klebstoff” o.ä. einsetzen lassen, dann ist es eben Nano-Technologie. Und alle finden es toll. :-)

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  • Bernd :

    @ Marc “Keine vorschnellen Schlüsse: Religion & Intelligenz”:

    Das hier diskutierte Phänomen würde ich als Scheinkorrelation bezeichnen. Der menschliche IQ und die Religiosität hängen beide mit der wirtschaftlichen Entwicklung eines Landes zusammen. Folgendes Pfaddiagramm erklärt den Mechanismus: Gemessen wird ein Zusammenhang von X und Y, der aber nur dadurch zustande kommt, dass sowohl X als auch Y tatsächlich mit Z korreliert sind.

    Die Frage “Ist der Zusammenhang ursächlich oder eben doch nur zufällig?” ist IMHO nicht umfassend genug. Weder handelt es sich um ein ursächliches Phänomen (bei Korrelationen sowieso schwierig), noch ist es ein “zufälliges” Phänomen.

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