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Wissenschafts-Café-Gespräche: Ausgabe #5 ::: Kampf den akademischen Geheimniskrämern | Werkstatt-Ticker 24

19. Mai 2008 | 10:14 Gelesen: 6451 · heute: 2 · zuletzt: 26. July 2017 3 Reaktionen

Ticker.jpg» Befragt: Ein Politologe

Montags ist Gesprächstag im Wissenschafts-Café. Seit einem Monat gibt es nun die Serie, in der ich wissenschaftlichen Bloggern mit ingesamt 17 Fragen etwas auf den Zahn fühle und versuche ein wenig mehr über die bloggende Person herauszufinden. Und heute ist das fünfte Interview an der Reihe.

Diesmal hat sich netterweise Ali Arbia zu mir ins Café gesetzt. Damit ist Ali ist der erste Blogger aus dem Scienceblogs-Team und der erste Politikwissenschaftler. Und er ist ein bemerkenswerter Aktivposten – seit 8.Februar ist er erst dabei und hat schon 93 Artikel veröffentlicht!

Und das sind keineswegs nur dahingerotzte Kurzposts. Ganz im Gegenteil: einerseits findet man in seinem Blog „zoon politikon“ Anmerkungen zu aktuellen politischen und anderen gesellschaftlichen Debatten, andererseits präsentiert Ali auch kleine (fachwissenschaftliche) Fingerübungen. Neulich hat er etwa versucht, einige spieltheoretische Grundkonzepte zu erklären.

Wie man vielleicht merkt, bin ich großer Fan von Alis Blog und das nicht nur, weil ich selbst studierter Politikwissenschaftler bin und er auch in anderer Hinsicht ein Leidensgenosse ist.1 Deswegen möchte ich nochmals eine große Leseempfehlung aussprechen: erst das Interview, dann Alis Blog.

» Gesucht: Der „öffentliche Wissenschaftler“

Gestern war auf Spiegel-Online eine kleine Wissenschaftler- bzw. Dozententypologie zu begutachten. Naja, das ist ganz nett, aber dann doch nur was für ein kurzes Schmunzeln. Wer sich tatsächlich in der akademischen Welt bewegt, würde andere „Typen“ beschreiben. Eine Charaktereigenschaft, ein Forscherprofil, das einem immer wieder begegnet, ist dasjenige des argwöhnisch-mißtrauischen Geheimniskrämers.

Mehr Dialog, weniger Exzellenzideologie. Mehr Kooperation, weniger Einzelkämpfertum. Mehr Transparenz, weniger Selbstmarketing.

Ich bin ja selbst als Doktorand, Teilzeit-Sozialforscher und Wissenschaftsblogger kein integraler Bestandteil der klassischen universitären Szene, also niemand der den Universitätsalltag hautnah miterlebt, aber ich kenne doch die Typen, die über ihre eigenen Projekte immer nur im Flüsterton reden.

Wieso? Es herrscht ein unglaubliches Mißtrauen, unglaubliche Angst, daß vermeintliche „Konkurrenten“ einem Jobs, Einladungen oder schlicht „Ideen“ wegschnappen.

Ich kann diese Einstellung nicht verstehen, mir widerstrebt diese Haltung! Und ich bin zum Glück nicht allein – Christian Spannagel, inzwischen Juniorprofessor am Institut für Mathematik und Informatik der PH Ludwigsburg, spricht mir aus dem Herzen:

„Offene Diskussionen bzgl. der eigenen Forschungs- und Lehrtätigkeit, vielleicht auch noch weltweit im Internet einsehbar, sind in der Regel nicht gewünscht. […] Ich habe mich jetzt entschlossen, den Weg des öffentlichen Wissenschaftlers einzuschlagen.“

Er hat zusätzlich zu seinem Weblog noch Wiki-Seiten erstellt, wo er sein Forscherprofil darstellen will. Und er formuliert seine programmatisch-kämpferische Position:

„Ich möchte damit Kollegen und Studierende gleichermaßen erreichen. Diese Offenlegung kann dabei der engeren Verknüpfung von Forschung und Lehre dienen. Und natürlich dürfen auch alle andere mitdiskutieren. Insbesondere von Menschen, die nicht vom Fach sind, erhoffe ich mir wertvolle Anregungen. Dies hilft dabei, die eigene Forschungsarbeit zu “erden”.

Neben der Publikation fertiger Ergebnisse in Fachzeitschriften und auf Konferenzen erhoffe ich mir durch die öffentlichen Diskussionen insbesondere Anregungen in den frühen Phasen neuer Forschungs- und Lehrideen. Ich sehe dies als Möglichkeit, durch kollektive Wissenskonstruktion neue Ideenressourcen zu erschließen.“

Ich finde das alles zu 100% begrüßenswert. Christian, wir brauchen mehr von Deiner Sorte! :-)



  1. Auf meine Frage bzgl. eines Gegenarguments gegen das Bloggen, antwortete er: „Ich sollte an meiner Diss arbeiten statt zu bloggen.“ – Kommt mir bekannt vor. ;-) []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

3 Reaktionen »

  • Christian Spannagel :

    Vielen Dank für dieses tolle Feedback!

    Die Typologie auf spiegel online ist übrigens recht witzig – vielen Dank für den Tipp! :-)

    [twort T]

  • Marc :

    @Christian:

    Bitte, gern geschehen! :-)

    Wobei: ich konnte doch gar nicht anders, als auf Deinen Artikel hinweisen. Denn die Position, die Du dort formulierst liegt ja genau auf der Linie, die ich hier in der Wissenswerkstatt immer wieder zu skizzieren versuche.

    Daß (fachlicher) Dialog mit Mitteln des Social Web ungemein bereichernd, anregend und auch produktiv sein kann, wird leider (noch?) zu selten gesehen! Wer sich freilich fortwährend ängstigt und fürchtet, daß seine Ideen sofort „geklaut“ werden und auf dem Standpunkt steht, man dürfe sich nicht allzu sehr in die eigfenen Karten schauen lassen, der wird vermutlich kaum verstehen können, daß „Transparenz“ auch im wissenschaftlichen Diskurs einen hohen Mehrwert (für alle Beteiligten) abwerfen kann.

    Tja, ich bin auf alle Fälle gespannt, wie Deine „Initiative“ sich weiter entwickelt und welche Resonanz Du darauf bekommst.

    [twort T]

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