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Mehr technische, mehr wissenschaftliche Demokratie wagen » Technikfolgenabschätzung 2.0? | Werkstattnotiz LXXIX

16. April 2008 | 17:20 Gelesen: 5585 · heute: 3 · zuletzt: 24. July 2017 2 Reaktionen

C60-FullereneEs gibt und gab keine technologische Innovation, keine wissenschaftliche Entdeckung, die nicht bei Zeitgenossen auf Vorbehalte oder auch offene Ablehnung gestoßen wäre. Das ist heute, wenn die Kontroversen um Gentechnologie oder Stammzellforschung hochkochen, nicht anders als zu den Zeiten, in denen die Dampflok das Pferdefuhrwerk ablöste.

Was sich allerdings über die Generationen geändert hat: jede neue Technologie, die sich am Horizont abzeichnet, braucht lebensnotwendigerweise gesellschaftliche Akzeptanz.

Dies cum grano salis aus zwei Gründen: erstens sind wir uns wohl einig darüber, daß der Einsatz einer Technik nur dann opportun ist, wenn ein Großteil der Bürger damit einverstanden ist. Das wäre also die Legitimitätsfrage und hat demokratietheoretische Hintergründe. Zweitens existieren Technologien nur insoweit, als daß man darauf rechnen kann, Käufer zu finden. Hier kommt also die marktwirtschaftliche Komponente ins Spiel.

Fortschritt und gesellschaftliche Akzeptanz kann man nicht verordnen. Der gesellschaftliche Umgang mit Technologien organisiert sich eigensinniger, als Technokraten denken.

Was ich mit diesen kurzen Andeutungen zum Ausdruck bringen will: jede Technik muß (wenigstens in Grundzügen) von der Bevölkerung getragen sein. Man kann Fortschritt nicht verordnen. Man kann aber auch Akzeptanz nicht befehlen.

Wir wissen jedoch aus der Technikfolgenabschätzung und den Erfahrungen aus vergangenen Technikkontroversen, daß eine frühzeitige Dialogorientierung, also die Partizipation von zivilgesellschaftlichen Akteuren im Prozeß der Technikentwicklung, von kaum überschätzbarem Vorteil ist.

Die Lehre in Kurzform: wer sich abschottet und glaubt „sein Ding“ durchziehen zu können (und am Ende werde man schon Käufer und Akzeptanz finden), der täuscht sich.

Zukunft gestalten: Risikodialoge, Konsenskonferenzen und die Partizipation der Bürger

Insofern ist es begrüßenswert, daß seit einigen Jahren auch vom BMBF begleitende Risiko-Dialogbemühungen unternommen werden. Niels Boeing berichtet im „Technology Review“-Blog von einem ersten sog. „Bürgerdialog“ in Hamburg zur Nanotechnologie.

„Grundsätzlich sind diese Veranstaltungen, die sich möglichen Risiken der Nanotechnik widmen, notwendig und sehr begrüßenswert. Denn sie kommen zu einem Zeitpunkt, an dem die nanotechnische Entwicklung durchaus noch gestaltbar ist.“

Ein Bürgerdialog, das als kleine Erklärung, ist eine Konferenzform, in der Experten und Laien, Hersteller und Konsumenten, sowie Akteure aus den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen teilnehmen, diskutieren, ihre Argumente vorbringen und sich über den Stand der (wissenschaftlichen) Diskussion austauschen. Eines der Hauptanliegen solcher Konzepte ist einerseits die Vermittlung von risikorelevantem Wissen1, andererseits geht es um die Sensibilisierung für Akzeptanzprobleme, Wünsche und Ängste.2

Es geht also immer auch darum, die eigenen Standpunkte zu präzisieren und von anderen sog. „Stakeholdern“ zu lernen und deren Sichtweise wenigstens annähernd zu verstehen.

Niels berichtet über einige Problempunkte, die sich in seinen Augen am vergangenen Wochenende aufgetan haben. Er schreibt:

„Da ist zum einen eine Unschärfe der Begriffe. Sie fängt bei dem unglücklichen Konzept von „der“ Nanotechnologie an. Obwohl seit längerem von Technikfolgenabschätzern und -philosophen angemahnt wird, dass man sinnvollerweise nur von „Nanotechnologien“ in der Mehrzahl sprechen kann (ich selbst bevorzuge den Sammelbegriff Nanotechnik), wird das Gebiet nach wie vor als eine einheitliche Technologie verkauft. Dabei ist ziemlich offensichtlich, dass etwa Rastersondenmikroskope, nanoskalige Medikamentfähren oder kratzfeste Beschichtungen mit eingebetteten Nanopartikeln jeweils sehr verschiedene Technologien sind. Es wäre längst überfällig, diese Unterscheidung auch in der öffentlichen Darstellung zu etablieren.“

Hier ist ihm unbedingt zuzustimmen. Es gibt dringend Differenzierungsbedarf, wobei es natürlich immer schwierig ist, das zu kommunizoeren. Grundsätzlich ist Niels Boeing aber ein Sympathisant solcher Dialogformen.3 Und hier stimme ich natürlich zu 100% mit ihm überein. Und den Kritikern kann ich mit ihm im Chor nur zurufen:

„Von einigen Nanotech-Kritikern werden die Foren und Dialoge als „Akzeptanzbeschaffungsmaßnahmen“ und „Feigenblattveranstaltungen“ abgetan. Diese Sichtweise halte ich allerdings für wenig hilfreich. Die Frage kann nicht „ob“, sondern nur „wie“ lauten.“

Es gibt natürlich Vertreter von NGOs oder auch von Industrieseite, die sich weigern, sich auch nur an den Tisch mit Akteuren der Gegenseite zu setzen. Solche verbohrt-verbitterten Betonköpfe gibt es leider überall.

Wer sich auf einen Dialog einläßt, der muß lernbereit und lernfähig sein. Und sich zumindest in die „gegnerische“ Position hineinversetzen können.

Ein Dialog (von dem wirklich alle Seiten profitieren können), funktioniert aber nur ohne Scheuklappen. Wer das Visier herunterklappt und glaubt, er könne oder müsse weltanschauliche Grabenkämpfe ausfechten, hat nicht verstanden, worum es innerhalb eines solchen Dialogs geht und welche Chancen darin verborgen liegen.

Für hochinteressant halte ich die abschließende Bemerkung von Niels:

„Wenn wir wirklich aus den Debatten über Atomkraft oder Gentechnik lernen wollen, sollten wir weiterdenken – „technische Demokratie“ wagen. Es wäre an der Zeit, eine Technikfolgenabschätzung mit Web-2.0-Werkzeugen im großen Stil aufzuziehen.“

Ja, genau, möche ich ihm zurufen! Wir brauchen das dringend. Es entspricht – das als Randbemerkung – vollständig meiner Idee einer „wissenschaftsmündigen Gesellschaft“, die ich ja beispielsweise hier entfaltet habe. Es geht um Dialog, um Teilhabe, um Mitsprache. Und welches Medium wäre dafür besser geeignet, als das „Mit-Mach-Netz“? Schließlich geht es doch um eine Demokratisierung von Wissenschaftskommunikation.

Insofern schließe ich diese Überlegungen frei nach Willy Brandt:

Wir müssen mehr technische, mehr wissenschaftliche Demokratie wagen!



  1. Also durch sachliche, fundierte Infos über die jeweiligen Risikoeinschätzungen der Experten. Wozu auch gehört, daß transparent wird, daß hier teilweise widersprüchliche Meinungen vorliegen! []
  2. Hier können die Fachleute enorm profitieren, denn sie erkennen im Idealfall, weshalb ihre Forschungen (noch?) skeptisch beurteilt werden… []
  3. Die im übrigen auf skandinavischen Modellen, den sog. Konsenskonferenzen, basieren. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

2 Reaktionen »

  • Michael Kostic :

    Hallo,

    ich finde Du hast hier einen sehr lesenswerten Artikel der gesellschaftlich gegebenen „Widersprüchlichkeiten“ verfasst.

    Widersprüchlich allein deshalb, weil ich mir z.B. nicht vorstellen kann das irgend jemand in „Amt und Würden“ dazu bereit sein wird, ausgerechnet auf diesem Weg, seine Reputation zu riskieren :-)

    So betrachtet relativiert sich allein diese Aussage:

    „Es geht um Dialog, um Teilhabe, um Mitsprache. Und welches Medium wäre dafür besser geeignet, als das “Mit-Mach-Netz”? Schließlich geht es doch um eine Demokratisierung von Wissenschaftskommunikation.“

    Gruß

    [twort T]

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