Herzblut statt Kalkül » Die Wissenswerkstatt feiert Geburtstag | Werkstattnotiz LXXIV
Der 27. März ist und war ein recht durchschnittlicher Tag. Kein Tag an dem die Menschheit großartige Entdeckungen machte, aber immerhin auch kein Tag an dem ihr großes Unglück geschah. Wenn man etwas bemerkenswertes zu diesem Datum erwähnen will, dann vielleicht, daß vor genau 163 Jahren Wilhelm Conrad Röntgen geboren wurde. Wobei genauso erwähnenswert ist, daß ebenfalls an einem 27.3. sowohl Heinrich Mann (nämlich 1871), als auch sein Neffe Golo (1909) das Licht der Welt erblickten.
Sollte ich die Tatsache, daß der außerordentliche Naturwissenschaftler Röntgen, der politische Literat Heinrich Mann und der populäre Publizist und Historiker Golo Mann alle an einem 27.3. Geburtstag feierten, vielleicht als gutes Zeichen nehmen? Denn genau vor einem Jahr, also am 27.3.2007 eröffnete meine kleine Wissenswerkstatt ihre virtuellen Türen. Sie wird bzw. wurde1 heute also immerhin ein Jahr alt. :-)
Wirkliche Erwartungen hatte ich vor einem Jahr keine. Umso erstaunlicher, wie sich das Balg entwickelt hat…
Wenn ich kurz zurückdenke, dann stelle ich fest, daß sich die Wissenswerkstatt vollkommen unerwartet entwickelt hat. Wobei, halt!, das wäre mehr als irreführend formuliert.
Denn es kann ehrlicherweise keine Rede davon sein, daß sich die Werkstatt tatsächlich "gegen" meine Erwartungen entwickelt hätte - denn "Erwartungen", gar konkrete Pläne, in welche Richtung all das hier gehen könnte, hatte ich vor einem Jahr nicht.
Neugier, Ausprobieren, Basteln, Kommunizieren
Klar war, daß ich dieses "Blog-Ding" endlich auch einmal ausprobieren wollte. Mit eigenen Websites war ich zwar auch schon zuvor im Internet präsent, aber ein elegantes, schnelles Publikationsinstrument, mit dem man kurzerhand Texte veröffentlichen konnte und gar auf Kommentare hoffen durfte: so etwas hatte ich bis dahin noch nicht. Die Neugier war da, die Lust am Webdesign und der technischen Bastelei ebenfalls und ja, ich gestehe: auch der Mitteilungsdrang. Wieso also der Welt da draußen - oder zumindest der bunten Blogosphäre - nicht eine weitere Stimme hinzufügen?
Die Blogosphäre ist selbst ein riesiger Themenladen. Häufig reichen die 24 Stunden das Tages gar nicht dafür aus, um alles zu bloggen, was man möchte…
Das war - und ich hoffe, in der Erinnerung nicht allzu viel der ursprünglichen Motivation zu verklären - der Ausgangspunkt. Die Themen, soviel stand auch fest, würden vorrangig aus (Wissenschafts-)Soziologie, Philosophie, vielleicht etwas Literatur und auch ein wenig Popkultur stammen.
Daß es einmal nichts zu kommentieren, berichten oder erzählen gäbe, war nie zu befürchten. Denn wie singt Frank Spilker2 so wunderbar? Genau: "Es gibt Themen genug in meinem eigenen Leben und wenn sie einmal ausgehen, gibt es Themenläden."
Tja, schnell stellte ich fest, daß die Blogosphäre selbst ein riesiger Themenladen ist. Denn neben den genannten Bereichen, zu denen ich mich äußern und mitteilen wollte, neben den Anmerkungen zu Risiken von Gentechnik, Kernkraft oder Nanotechnologie, war es auf einmal die Blogosphäre selbst, die als Gegenstand anklopfte. Die Frage, in welcher Art und Weise bloggend auf Wissenschaft mitsamt ihren Begleiterscheinungen Bezug genommen wird, wurde mehr und mehr zu einem eigenen Thema.
Wissenschaft und Politik, Popkultur und Sport
Und die Themen, die ich hier innerhalb des letzten Jahres behandelt habe, decken - wie schon an der Tagcloud sichtbar wird - ein recht breites Spektrum ab. Das reicht von Anmerkungen zur Ökologie und Klimapolitik bis zu Besprechungen von aktuellen Kinofilmen oder Plattenrezensionen. Und selbst mit Sport habe ich mich befasst.
Was mich allerdings - da Sportärzte aus Freiburg ungern im Zusammenhang mit Doping genannt werden - leider viel Geld gekostet hat. Gleichzeitig aber sind meine Beobachtungen zur Dopingproblemtik des Spitzensports und der legendären Dopingtradition der Freiburger Sportmediziner, die Artikel die mir am meisten Feedback und Zustimmung eingebracht haben.
Kommentare sind Belohnung und Motivation für weitere Artikel. In Kommentaren findet man lobende Zustimmung, Kritik und immer wieder Anlaß für fruchtbare Diskussionen mitsamt Lerneffekten.
Und überhaupt: das Feedback, die positiven Mails und natürlich die Kommentare! Häufig als nette Wortmeldungen, nicht selten als kritische Anmerkung und immer wieder als Ausgangspunkt für fruchtbare Diskussionen - Kommentare und Kommentatoren sind etwas Wunderbares.
Herzlichen Dank allen, die sachlich und fair kommentiert und argumentiert haben. Ich habe viel von Euch gelernt - und ich hoffe, daß manch anderer innerhalb der Diskussion ebenfalls profitiert hat. Ich sehe es wirklich als beinahe schönste Bestätigung, daß ich genau heute den eintausendsten Kommentar registrieren durfte.
Wunderbare Leser, fruchtbare Diskussionen
Heute, nachdem rund 200 Artikel recherchiert und geschrieben sind, freue ich mich, daß mein ursprünglich nicht sehr ambitioniertes Projekt auf so bemerkenswerte Resonanz und ein so tolles Publikum gestoßen ist. Ich wußte gar nicht, daß es Euch da draußen gibt - aber schön, daß ich es durch diesen Blog erfahren habe. Es stimmt eben doch, was Robert Basic vor wenigen Wochen schrieb: Blogs sind "Mensch-Verbindungsmaschinen".
Toll, wenn das Engagement und die Recherchen durch positives Feedback "belohnt" werden. Ich kann mich bei meinen Lesern nur bedanken.
Es ist schön zu wissen, daß die vielen hundert bzw. tausend Seitenabrufe, die die Statistikabteilung der Werkstatt täglich vermeldet, von echten, lebendigen, denkenden Menschen erzeugt werden. Und damit es sich auch in Zukunft lohnt, der Wissenswerkstatt einen Besuch abzustatten, wird an der grundsätzlichen Ausrichtung auch nichts geändert.
Die Wissenswerkstatt soll weiterhin Artikel versammeln, die hoffentlich lesenswert sind und im Idealfall einen Informationsmehrwert gegenüber anderen Medien bieten. Wenn ich ein Thema hier aus einer etwas anderen Perspektive erörtern oder wenigstens 2-3 Links hinzufügen kann, die andernorts nicht stehen, so ist (jedenfalls nach meinem Verständnis) der Sinn erfüllt.
Es ist jedenfalls so, daß es außerordentlich viel Vergnügen bereitet, für ein so neugieriges und gut informiertes Publikum zu schreiben. Und falls ich hier irgendwann nur noch "Dienst nach Vorschrift" mache, dann erinnert mich bitte an den ersten Satz, den es hier vor genau einem Jahr zu lesen gab - der liest sich nämlich aus der heutigen Sicht beinahe programmatisch:
"Wahrscheinlich muß man alle Dinge, die man macht, mit Herzblut machen. Denn immer dann, wenn mehr Kalkül als Überzeugung mit von der Partie ist, wird die ganze Sache unerträglich."
Genauso muß es sein. Wußte ich damals vielleicht doch schon mehr über die Bloggerei, als mir bewußt war?
- Aufgrund einiger anderer Verpflichtungen hätte ich heute fast meinen eigenen Blog-Geburtstag verpaßt. Deshalb gibt es diese Werkstatt-Metareflexion erst spät am abend… [↩]
- Frank Spilker ist Sänger der von mir sehr geschätzten Pop-Punk-Swingband "Die Sterne". [↩]
Über diesen Artikel
Sie lesen gerade »Herzblut statt Kalkül » Die Wissenswerkstatt feiert Geburtstag | Werkstattnotiz LXXIV«, einen Artikel der Wissenswerkstatt.
- Veröffentlicht am
- 27. März 2008 | 23:50
- Autor:
- Marc
- Abgelegt unter:
- Werkstatt, Werkstattnotizen
- Schlagworte:
-
Blogosophie, Ich-Maschine, Werkstatt
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- Gelesen: 873 · heute: 5 · zuletzt: 23. July 2008, 15:13
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