Existenzrisiko Wissenschaft? » Die neue W-Besoldung stellt Professoren teilweise schlechter als Realschullehrer » Was ist uns akademische Exzellenz wert? | Werkstattnotiz LXIV
Eine der Berufsgruppen mit dem höchsten Sozialprestige sind die Professoren. Nicht weiter erstaunlich, denn schließlich tut eine Gesellschaft gut daran, ihre universitären Eliten entsprechend ihrer Leistungen zu würdigen. Und wenn man Schlagworte wie "Leistung" und "Elite" liest, dann versteht sich fast von selbst, daß sich dies auch finanziell auswirken muß. Aber falsch gedacht: selbst diejenigen Wissenschaftler, die mit der Professur die höchste Sprosse der Karriereleiter erklommen haben, erhalten keineswegs immer Spitzengehälter…
Noch zu meinen Studienzeiten raunte man sich auf den Universitätsfluren und in Seminarpausen bisweilen zu, daß dieser oder jener Professor oder Oberassistent nun einen Ruf auf eine C3- oder gar C4-Professur erhalten habe. Damals - es ist nur wenige Jahre her - galt noch die traditonelle C-Besoldung. Und wer es auf eine C3- oder (als Lehrstuhlinhaber) auf eine C4-Professur geschafft hatte, konnte sich nicht nur der neidvollen Anerkennung seiner Fachkollegen gewiß sein, sondern wurde auch mit einem kontinuierlichen Anstieg seiner Bezüge belohnt. Alte Ordinarienherrlichkeit. ;-)
Die Reform der Professorenbesoldung stellt Leistung und Exzellenz über die Dienstjahre. Allerdings ist das Grundgehalt häufig mehr als bescheiden…
Nun kann man sicher trefflich darüber streiten, ob es sinnvoll ist, daß man allein durch sein fortschreitendes Lebensalter gleichzeitig eine höhere Gehaltsstufe erklimmt. Aber das ist bzw. war die Logik, die in Deutschland für Beamtenarbeitsverhältnisse konstitutiv war. Damit ist es - zumindest für die Universitätsbeamten - seit 2005 allerdings vorbei. Damals wurde die C-Besoldung durch die W-Besoldung abgelöst. Die durchaus plausible Begründung: man wolle durch Leistungszulagen besonders engagierte, erfolgreiche oder innovative Wissenschaftler belohnen.
Wie sich die Umstellung von der C- auf die W-Besoldung auswirkt
Man kann dieser Argumentation ihre Logik nicht absprechen. Und wo, wenn nicht im wissenschaftlichen Kontext, sollte Leistung belohnt werden? Ein genauerer Blick auf die praktischen Auswirkungen der neuen Regelung offenbart aber, daß es mit der neuen Besoldungsgerechtigkeit bzw. -herrlichkeit nicht allzu weit her ist.1
Denn das Gehalt unserer Professoren (die nun als Juniorprofessor als W1, danach als W2- oder W3-Professor bezahlt werden) setzt sich inzwischen aus zwei Komponenten zusammen: einerseits gibt es ein Grundgehalt, andererseits sog. "Leistungsbezüge". Das liest sich immer noch tadellos. Allerdings zeigt sich, daß das W-Grundgehalt gegenüber der früheren C-Besoldungsstufen deutlich geringer ausfällt. Und: dieses Grundgehalt beinhaltet keine altersabhängige Progression.
Derzeit finden W1-Professoren demnach 3.405 Euro, W2-Profs 3.890,- und die Superstars der W3-Liga haben 4.723 Euro auf ihrem Gehaltszettel stehen.2 Wenn man einmal von der obersten Klasse (die tatsächlich auch nur eine Minderheit darstellt) absieht, so sind das keine Gehälter, die man als Spitzenverdienst bezeichnen könnte. Wohlgemerkt: wir reden von Personen, die sich in einem jahrelangen Wettbewerb gegen hunderte Mitwerber durchgesetzt haben und sich währenddessen in der Lebensphase zwischen 25-40 Jahren überwiegend von einem befristeten Job zum nächsten Projektvertrag hangeln mußten.
In einem lesenswerten Artikel hat Malte Dahlgrün in der Süddeutschen Zeitung die Problematik skizziert:
Nun ist aber vor allem das Grundgehalt der W2-Professur abwegig niedrig. Man muss sich das einmal vorstellen: Ein W2-Professor mit unaufgestocktem Grundgehalt verdient dasselbe wie ein Realschullehrer mit Mitte, Ende 40 (Besoldungsgruppe A13, Dienstaltersstufe 11). Ein Oberstudienrat gar - ein Gymnasiallehrer, der nach einigen Jahren als Studienrat routinemäßig befördert worden ist - verdient mit Anfang 40 bereits mehr als das W2-Standardgehalt.
Das wäre ja möglicherweise noch zu verkraften, wenn die Leistungsbezüge tatsächlich auch die breite Masse der jungen Hochschullehrer erreichen würden. Dem ist aber, wie man in persönlichen Gesprächen erfahren kann, keineswegs so. Denn die Zulagen werden lediglich in drei Fällen gewährt: 1. aus Anlaß von Bleibe- oder Berufungsverhandlungen, 2. für besondere Leistungen in Forschung und Lehre, 3. im Falle der Übernahme weiterer Funktionen im Rahmen der Hochschulverwaltung (Dekane etc.).
Wer das falsche Fach lehrt und beim Verhandlungspoker nicht talentiert ist, wird als Universitätsprofessor schlechter bezahlt als ein Realschullehrer. Ist das die Realität der Wissensgesellschaft, in der wir leben?
Der springende Punkt ist: diese Zulagen werden natürlich individuell mit der jeweiligen Universität ausgehandelt. Wer hier kein wahnsinniges Verhandlungsgeschick hat und nicht das richtige Fach besetzt, wird kaum mehr als das Grundgehalt rausschlagen. Und ein junger Professor in einem sozial- oder geisteswissenschaftlichen Fach wird kaum innerhalb der ersten Jahre einen Ruf an einer andere Universität erhalten, somit fällt Variante "#1" weg.
Für die Zulagen gemäß "#2" dürfte im Einzelfall die Universität ebenfalls kaum gesprächsbereit sein, wenn es um Fächer geht, deren "Ertrag"3 für die Uni nicht so interessant ist. Und der Nachwuchsprofessor, der sich zusätzliche Arbeit durch die Übernahme von weiteren "Jobs" (siehe "#3") aufhalst, ist wohl ohnehin schlecht beraten, denn diese Ressourcen wären anderweitig besser eingesetzt.
Das Fazit?
Derzeit ist ein Wissenschaftler in Deutschland bei der Erstberufung noch durchschnittlich gut 40 Jahre alt. Bis dahin hat solch ein Wissenschaftler 20 Jahre der Qualifikation und der wissenschaftlichen Weiterentwicklung auf befristeten Stellen hinter sich gebracht. Nimmt man einmal gerade den durchschnittlichen Fall eines Geisteswissenschaftlers in dieser Situation, dann haben wir es mit einem Menschen zu tun, der bislang mit keiner lebensplanerischen Gewissheit außer derjenigen leben konnte, dass etliche seiner Weggenossen am Ende ohne Professur dastehen werden und mit Ende 40 als mehr oder weniger gescheiterte Existenzen stranden.
Dieser Wissenschaftler also hat es schließlich geschafft, aus einer riesengroßen Alterskohorte interessierter und forschungswilliger junger Studenten am Ende als einer der wenigen übrigzubleiben, die eine Professur für sein Fach in Deutschland erlangt haben. Und nachdem er das endlich erreicht hat und mit der Professur seine erste unbefristete Stelle im Leben antritt, darf er feststellen, dass mancher Altersgenosse, der mittelmäßig aber unfallfrei ein Lehramtsstudium mit Referendariat über die Bühne gebracht hat, als Schullehrer bereits mehr verdient als er auf seiner Professur. Ganz zu schweigen davon, dass der Schullehrer seit gut einem Jahrzehnt bereits mehr für seine Altersvorsorge tun konnte.
Dieser Beobachtung ist wenig hinzuzufügen. Das akademische Proletariat reicht bis in die höchsten Etagen… ;-(
Links:
- Dahlgrün, Malte (2008): Ausgezogen bis aufs letzte Hemd, Süddt. Zeitung, 8. Februar 2008
Weiterführende Lektüre zur Hochschulpolitik und wissenschaftlichen Karrierewegen:
- Janson, Kerstin; Schomburg, Harald; Teichler, Ulrich (2008): Wege zur Professur. Waxmann-Verlag.
- v. Wissel, Carsten (2007): Hochschule als Organisationsproblem. Neue Modi universitärer Selbstbeschreibung in Deutschland. transcript-Verlag.
- Pasternack, Peer (2006): Qualität als Hochschulpolitik? Lemmens-Verlag.
- Teichler, Ulrich (2006): Hochschulstrukturen im Umbruch. Eine Bilanz der Reformdynamik seit vier Jahrzehnten. Campus-Verlag.
- Hinweis: Ich bin weit davon entfernt, die W-Professoren ernsthaft zu bedauern. Der akademische Mittelbau hat es nicht besser und von all denjenigen, die im akademischen Betrieb auf der Strecke bleiben, ganz zu schweigen… [↩]
- Das sind übrigens die Westgehälter, in den neuen Bundesländern sind die Gehaltsstufen nochmal um einige hundert Euro niedriger. [↩]
- Also kein technisches oder ingenieurwissenschaftliches Fach, das mit der Einwerbung von Drittmittelmillionen glänzen kann. [↩]
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- Veröffentlicht am
- 12. Februar 2008 | 12:29
- Autor:
- Marc
- Abgelegt unter:
- Gesellschaft, Werkstattnotizen, Wissenschaft
- Schlagworte:
-
Universität, Wissenschaft
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- Gelesen: 3669 · heute: 12 · zuletzt: 20. November 2008, 19:29
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