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Analytischer Blick auf ein Zeitalter der Extreme » Lehrreiche Interviews mit dem Historiker Eric J. Hobsbawm | Werkstattnotiz LIX

22. Januar 2008 | 12:44 Gelesen: 13908 · heute: 2 · zuletzt: 25. May 2017 Noch keine Kommentare

Eric J. Hobsbawm ist einer der prominentesten und scharfsinnigsten Historiker unserer Zeit. Und der 90jährige ist einer der letzten Zeitzeugen, die die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts sowohl aus professionell-akademischer Perspektive, als auch aus eigener Anschauung kennen. Gestern wurde der englische Gelehrte, der einen Teil seiner Kindheit in Wien verbracht hatte, mit der Ehrenbürgerwürde der Stadt Wien ausgezeichnet.

Eric_Hobsbawm.jpgAus diesem Anlaß findet sich auf der ORF-Wissenschaftsseite ein kurzes Interview mit Hobsbawm;1 und Grund genug, um auf weitere Gespräche mit dem eigensinnigen Sozialwissenschaftler hinzuweisen.

Hobsbawm, der 1917 als Sohn eines britischen Kolonialbeamten und einer Wiener Kaufmannstochter geboren wurde, hat jüdische Wurzeln. Sein Großvater ließ den ursprünglichen Familiennamen "Obstbaum" zunächst in Hobsbaum ändern und schließlich wuchs sein Enkel unter dem Namen "Eric John Blair Hobsbawm" auf und erlebte zunächst in Wien die Wirren der Zwischenkriegszeit.

Als er 1931 – nach dem Tod beider Eltern – zu seinem Onkel nach Berlin zog, wurde er dort Zeuge des Aufstiegs der Nationalsozialisten. Und er schloß sich – politisch sensibilisiert – dem Sozialistischen Schülerbund, also der KPD-Nachwuchsorganisation an.2

Noch bevor die Nazis ihr Regime endgültig etabliert hatten, emigrierte Hobsbawm nach London, studierte Geschichte in Cambridge und begeisterte sich immer stärker für die Geschichte der Arbeiterbewegung. Dieses Thema – also die Frage nach den Bedingungen sozialer Ordnung und den Möglichkeiten von Veränderungen zu Gunsten der unterprivilegierten Schichten – blieb dann auch der Fixpunkt, zu dem Hobsbawm in seiner inzwischen 60 Jahre andauernden historischen Tätigkeit immer wieder zurückkehrte.

Kindheit und Jugend in stürmischer Zeit: Hobsbawm erlebt in Wien und Berlin den Aufstieg der Nazis mit.

In zahlreichen Studien zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der letzten 200 Jahre verstand er es auf beeindruckende Weise, seinen Kenntnisreichtum mit seinem kritisch-engagierten Blick zu verknüpfen. Seine Bücher "The Age of Revolution" (1962, dt.: Europäische Revolutionen. 1789 bis 1848.), "The Age of Capital" (1975, dt.: Die Blütezeit des Kapitals. Eine Kulturgeschichte der Jahre 1848–1875), "The Age of Empire" (1987, dt. Das imperiale Zeitalter. 1875–1914.) and "The Age of Extremes" (1994, dt.: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts) sind zu Standardwerken avanciert.

Zeitzeuge, Wissenschaftler und Marxist

Man sollte also genau hinhören bzw. lesen, wenn ein solcher Wissenschaftler und Zeitgenosse interviewt wird. Im jüngsten Gespräch macht Hobsbawm dann auch gleich deutlich, daß individuelle politische Standpunkte nicht mit der wissenschaftlichen Analyse vermengt werden dürfen – einen neutralen Standpunkt könne es freilich auch nicht geben:3

Der Historiker muss genau unterscheiden zwischen seiner Funktion als Wissenschaftler und als politisch Aktiver, das bedeutet aber nicht, dass er gänzlich parteilos, sozusagen frei schwebende Intelligenz ist. Das kann er nicht sein.

Und für unsere heutige Zeit stellt er fest:

Das Hauptproblem für die Welt wird das Umweltproblem sein. Im Lauf des 21. Jahrhunderts muss das akut werden, es beginnt ja bereits heute. Sowohl wirtschaftlich wie politisch wird sich die Verteilung von Macht und Einfluss in der Welt ungeheuer ändern, demografisch ebenso.

Im England der 50er Jahre wurde in Kinos nach dem Film die Nationalhymne abgespielt. – Hätten Sie’s gewußt?

Etwas ausführlicher ist ein Gespräch, das Hobsbawm vergangenen November mit dem Spiegel führte. Dort erzählt er etwa, daß es noch in den 50er Jahren in England üblich war, daß nach dem Ende eines Kinofilms sich alle Zuschauer feierlich erhoben und die Nationalhymne gespielt wurde. Könnte man sich so etwas heute noch vorstellen?

Auf seine eigene Karriere und die Umstände seiner Jugend angesprochen gibt er freimütig zu:

[…] Aber es ist auch für den Historiker wichtig zu wissen, inwieweit er auch das Kind seiner Zeit ist und wie er von ihr beeinflusst wird. Wie anders es auch hätte kommen können! Hätte mein Onkel zum Beispiel die Stelle, die man ihm in Frankreich angeboten hatte und nicht die in Berlin angenommen, dann hätte ich das Berlin Anfang der dreißiger Jahre bis zur Machtergreifung nicht erlebt, und ich wäre sicherlich auch als Historiker ganz anders ausgefallen.

Und bzgl. seiner Berliner Zeit sagt er:

Es war ein kalter Wintertag, als Hitler an die Macht kam. Meine Erfahrung an diesem Tag war einfach: Ein Junge und seine Schwester, die von der Schule nach Hause gehen und eine Schlagzeile sehen. Wir dachten: Jetzt ist es entschieden, jetzt ist Hitler an der Macht. Ein einschneidender Moment in der Geschichte. Wenn man vorher unpolitisch gewesen war, hätte man das vielleicht anders aufgefasst. Aber man war ja nicht unpolitisch im Berlin Anfang der dreißiger Jahre. Sehr wenige Leute waren das.

Und auf den (Berufs-)Ethos eines Historiker angesprochen:

Die erste Regel ist, dass man sich an die Tatsachen halten muss. Wenn etwas etabliert ist, kann es nicht abgestritten werden. Man darf nicht lügen oder verheimlichen. Einer der Gründe, warum ich für die Postmoderne nicht gerade schwärme, ist ihr Relativismus, die Vorstellung, dass es keine Wirklichkeit gebe. Es darf keinen Geist der Wünschbarkeit in der Geschichtsschreibung geben. So angenehm es für die Franzosen gewesen wäre, wenn Napoleon Waterloo gewonnen hätte. Er hat es nun mal nicht. Das muss man akzeptieren, und es lässt immer noch ungeheuer viel Deutungsspielraum.

[…] Aber ansonsten hat der Historiker das Problem eines jeden Wissenschaftlers: Aus der Masse der Fragen diejenigen auszuwählen, die interessant und wichtig sind.

Man hat den Eindruck – und ich muß mir demnächst mal Hobsbawms "Zeitalter der Extreme" vornehmen, in das ich bislang nur reingeblättert habe – als sei es ein glückliches Wissenschaftlerleben gewesen, auf das Hobsbawm zurückblickt. Da ist keine Verbitterung zu spüren, daß seine sozialistische Utopie sich nicht verwirklichen ließ. Zu hoffen ist, daß wir vielleicht auch noch in 5 oder gar 10 Jahren einige Einschätzungen Hobsbawms lesen dürfen…

 


Interviews:

Literaturempfehlungen:

 

 

  1. Auf das ich hier beim Wiener Historiker Anton Tantner gestoßen bin. Das Photo stammt von dieser spanischen Website. []
  2. In dieser Zeit druckte und verteilte er auch Flugblätter und versuchte für die originären Arbeiterparteien zu werben. []
  3. Die folgenden beiden Zitate stammen aus dem ORF-Gespräch, die anderen sind dem Spiegelinterview entnommen. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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