Britischer Wissenschaftshumor: Wie deutsche Journalisten der Satire des einradfahrenden Humorforschers auf den Leim gehen | Werkstattnotiz LVI
Ein einradfahrender Ex-Dermatologe aus Newcastle radelt ein Jahr lang durch die Stadt, dokumentiert die Reaktionen der Passanten, schreibt eine Wissenschaftspersiflage und die deutschen Journalisten haben eine Geschichte. Und die Engländer freuen sich über die Deutschen, die den Humor nicht verstanden haben, den britischen.
Am Anfang jeder wissenschaftlichen Studie steht das Forschungsdesign. Denn schließlich gibt es immer verschiedene Vorgehensweisen, um sich einer Antwort auf die jeweilige Forschungsfrage anzunähern. Man kann klassisch vorgehen, sich an anderen Untersuchungen orientieren oder extravagantere Zugänge ausprobieren.
Wieso lassen sich deutsche Wissenschaftsjournalisten so leicht an der Nase herumführen?
Für die hiesigen Wissenschaftsjournalisten spielt es aber offenbar keine Rolle, wie bestimmte Thesen zustande gekommen sind. Sind die Untersuchungen methodisch sauber durchgeführt oder gemäß einer Schrotschußmethode? In deutschen Wissenschaftsredaktionen läßt man sich ganz offensichtlich gerne zum Narren halten und verkauft auf diese Weise die Leser für dumm.
Gedankenexperiment und Aufgabenstellung:
Entwickeln Sie ein Untersuchungsdesign, um Ursachen und Artikulationsformen von Humor zu analysieren. Nehmen Sie v.a. die Unterschiede im Humorverhalten zwischen den Geschlechtern und verschiedener Altersgruppen in den Blick!
Und? Wie könnte man erste Antworten auf eine solche Fragestellung erhalten? Aber Achtung!, wissenschaftlich soll es schon sein! Laden wir uns Probanden ins Labor ein und spielen ihnen verschiedene Videos (Slapstick, Comedy, Alltagsunfälle…) vor? Hmmm…. vielleicht ja zu konventionell, wenn man Humorforschung betreibt. Wählen wir die teilnehmende Beobachtung und besuchen Theater-, Kabarett- oder Clownsvorstellungen und analysieren die Reaktion der Zuschauer? Zu unwissenschaftlich? Schwierig… aber wir können ja schlechterdings ein Jahr lang mit dem Einrad durch unser Städtchen radeln und notieren, wie die Passanten darauf reagieren. Das wäre zu abgefahren und ja auch nicht wirklich wissenschaftlich, oder?
Methodisches Kabinettstückchen: Ich fahre Einrad und schaue was passiert…
Genau eine solche schräge Vorgehensweise halten aber ganz offensichtlich die etablierten Wissenschaftsjournalisten für sauber, solide und ertragreich. Denn Sam Shuster1 - ehemaliger Professor für Dermatologie - behauptete genau diesen Versuch unternommen zu haben. Er sei auf seinem Einrad angeblich ein Jahr lang durch seine Heimatstadt Newcastle upon Tyne geradelt. Und die Reaktionen der Bewohner und seine Schlußfolgerungen präsentierte er nun in einem süffig-launigen Artikel in der "Weihnachtsausgabe" des British Medical Journal.
Und nach einem Jahr voller Beschimpfungen, höhnischer Bemerkungen und neugieriger Nachfragen kommt Shuster zum Schluß, daß der Testosteronspiegel die alles entscheidende Variable darstelle. Je mehr Testosteron, desto häufiger und markanter die humorvollen Sprüche. Der weibliche Teil der Bevölkerung habe - so ergaben des Professors Notizen - fast ausschließlich fürsorglich und nicht hämisch-witzig auf ihn reagiert.
Und ganz gemäß der weihnachtlichen Botschaft der Liebe seufzt der nette, ergraute Professor am Ende seines Artikels, daß die Aggressivität dennoch einen recht hohen Preis für ein paar witzige Sprüche darstelle…
Die Journalisten nehmen den »Fachartikel« für bare Münze
Wer aber nun glaubt, diese nette Wissenschaftspersiflage würde schmunzelnd zur Kenntnis genommen, der irrt. Die deutschen Zeitungen und Onlineportale können offenbar nicht genug vom kauzigen, einradfahrenden Professor bekommen. Und die Studienergebnisse werden überall lang und breit ausgestellt - vom Umstand, daß die Erkenntnisse auf mehr als obskure Weise gewonnen wurden (falls Shuster überhaupt des Einradfahrens mächtig ist) keine Silbe. Daß Shuster an vielen Stellen augenzwinkernd auf seine Parodie hinweist, merken die braven Wissenschaftsjournalisten freilich nicht…2
Die Hinweise auf die Satire werden großzügig übersehen. Stattdessen wird auf das »renommierte« British Medical Journal hingewiesen. Wie blind und naiv ist man eigentlich?
Aber dazu hätte man den Artikel ja vermutlich kurz lesen oder zumindest überfliegen müssen! Aber stattdessen posaunt man überall in der Welt diese bahnbrechenden Erkenntnisse hinaus - nur weil sie so nett skurril sind? Gibt man deswegen den letzten Rest kritischen Sachverstand bei der Redaktionssekretärin ab? So liest man in SZ, Spiegel, Welt und Co., daß eine britische Studie einen Zusammenhang zwischen Testosteronspiegel und Humor ergeben habe und ein "britischer Forscher behauptet: Männer haben mehr Humor als Frauen."3 Und das alles stünde im "renommierten" - so wird überall hervorgehoben - British Medical Journal:4
Der traurige Witz mit dem Witz
Der Witz ist nur: Sam Shuster macht einen Witz! Zwar gibt es selbstverständlich Sozialwissenschaftler, Psychologen und auch Biologen, die sich auch mit Humor beschäftigen, aber Sam Shuster leistet eben definitiv keinen Beitrag zu diesem randständigen Forschungsfeld. Die einzigen "Zitate" in seinem Artikel stammen von Marty Feldman und Diane Keaton, beides sicherlich komische Herrschaften, aber ausgewiesene Humorexperten?
Die Mühe Fachartikel zu zitieren macht sich Shuster erst gar nicht. Und nur ganz am Ende verweist er - als er die möglichen evolutionären Vorteile von humorvollem Verhalten erläutert - neben Darwin noch auf zwei weitere Bücher, die sich mit dem Geschlechterverhältnis, Attraktivität und Evolution befassen.
Statt auf methodische Details5 oder wissenschaftliche Aspekte einzugehen, dokumentiert Shuster seine angeblichen Beobachtungen im Plauderton:
The response of people in cars was remarkable. Young men in old cars were very aggressive, acting as if to frighten me off the road—they lowered their windows and shouted abusively, waved their arms, and hooted. I did not see this with women drivers and older men in more expensive cars.
Aha! Man hüte sich v.a. vor der Kombination von jungen Männern in alten Autos! ;-)
Aber solche anekdotischen Verspieltheiten können die Wissenschaftsvermittlungsprofis hierzulande offenbar kaum irritieren.6 Und selbst der abschließende Hinweis auf Interessensverquickungen,
Competing interests: None, apart from owning a bicycle as well as a unicycle.
wurde von Spiegel, SZ und Co. geschluckt. Hallo, Herrschaften! Da gibt der "Gelehrte" - wie Ihr anerkennend schreibt - freimütig zu Protokoll, daß er auch noch ein "normales" Rad sein Eigen nenne und Ihr begreift immer noch nicht, daß Ihr gerade eine kleine, subtile Wissenschaftssatire gelesen habt?
Hinweis:
Ich selbst hatte zunächst nur den Artikel von Werner Bartens in der SZ gelesen7 und war doch sehr verwundert über diese angebliche Einrad-Humor-Studie. Bei kamenin in der "Begrenzten Wissenschaft" las ich dann von all den naiven Schreiberlingen, die dem guten Sam Shuster auf den Leim gegangen waren und wollte eigentlich kein Wort mehr dazu verlieren. Nun - zwei Wochen nach der ersten Artikel-Serie - legt aber Philip Bethge im Spiegel (sogar in der gedruckten Ausgabe!) nach und rekurriert wieder auf den Spaß-Text ohne den Lesern mitzuteilen, daß die Studie nicht ernst zu nehmen ist. Aber Bethge hat vermutlich den Kollegen vertraut, selber lesen und nachdenken macht ja Arbeit…
Die traurige Liste des unkritischen Nachplapper-Wissenschafts-Journalismus:8
- Bethge, Philip: Herr der Pointe, Der Spiegel, 01.01.2008
- Dambeck, Holger: Das Geheimnis des männlichen Witzes, SpiegelOnline, 22.12.2007
- Obermüller, Eva: Männlicher Humor: Vielleicht nur versteckte Aggression, ORF-Wissenschaft, 21.12.2007
- Heinemann, Pia: Humor hängt vom Testosteronspiegel ab, Die Welt, 20.12.2007
- Bartens, Werner: Ein Einfall mit dem Einrad, Süddeutsche Zeitung, 21.12.2007
- Murr, Angela: Testosteron sorgt für Spott, Men’s Health, 27.12.2007
Und hier ist der "Stein" des Anstoßes:
- Shuster, Sam: Sex, aggression, and humour: responses to unicycling, in: British Medical Journal, 2007; 335:1320-1322 (22 December), doi:10.1136/bmj.39414.552060.BE
Vielleicht sollten die hiesigen Wissenschaftsredakteure mal einen Blick in folgende Bücher werfen:
- Kienzlen, Grit; Lublinski, Jan; Stollorz, Volker (2007): Fakt, Fiktion, Fälschung. Trends im Wissenschaftsjournalismus. UvK-Verlag.
- Beck, Klaus; Schweiger, Wolfgang; Wirth, Werner (2004): Gute Seiten - schlechte Seiten. Qualität in der Onlinekommunikation, Reinhard Fischer-Verlag.
- Bucher, Hans-Jürgen & Altmeppen, Klaus-Dieter (2003): Qualität im Journalismus. Grundlagen - Dimensionen - Praxismodelle. VS-Verlag.
- Das Photo oben zeigt den Spaßvogel. Es stammt von der Guardian-Website. [↩]
- Gleich im ersten Absatz schildert Shuster, wie es zu seiner Studienanordnung gekommen sei. Bei der Suche nach einem Geschenk für seinen Enkel habe er sich in ein chromglänzendes Einrad verguckt und schließlich sagte seine Frau: "buy the bloody thing"…. ;-) Werte Damen und Herren Wissenschaftsjournalisten, wollen Sie mir erzählen, daß sie in "seriösen" Fachartikeln regelmäßig lesen, welchen Beitrag die Ehefrau des Forschers geleistet habe? Werden Sie bei solchen eminent wissenschaftlichen Infos - "buy the bloody thing" - nicht stutzig? [↩]
- So etwa wieder Philip Bethge im gedruckten (!) Spiegel. [↩]
- Bei Pia Heinemann (Die Welt) liest sich alles wie ein stinknormale Studie; sie schreibt u.a. "Als versierter Forscher fing er sofort an, diese Reaktionen aufzuzeichnen, zu ordnen und schließlich auszuwerten. Streng systematisch ging er dabei vor…" Weiter ist von " reiner empirischer Betrachtung" zu lesen und an keiner Stelle trüben Zweifel, ob das mit rechten Dingen zugeht, ihren Artikel… [↩]
- Er erklärt lediglich, daß er sich bemüht habe immer im selben Outfit und in "neutraler" Haltung zu radeln. "I therefore wore the same bland tracksuit, trainers, and facial demeanour, and I rode "neutrally" with no attempt to entertain." [↩]
- Auch die vielen Unzulänglichkeiten - wäre es eine "richtige" Studie - scheinen niemanden zu interessieren: Shuster schreibt bspw. er habe einfach von der Kleidung auf die soziale Schicht bzw. Herkunft der jeweiligen "Probanden" getippt! Ja, genauso mache ich es auch bei der nächsten Untersuchung bei der ich beteiligt bin… ich schätze einfach. ;-) [↩]
- Der immerhin anklingen läßt, daß er die "Studie" für extravagant hält. Die Versuchsanordnung sei "einseitig" gewesen, bemerkt Bartens und herausgekommen sei eine "wilde Theorie". [↩]
- Wären es Blogs gewesen, die hier die Satire für Ernst genommen hätten, dann wäre das Geschrei bei den Profis wieder laut gewesen… [↩]
Über diesen Artikel
Sie lesen gerade »Britischer Wissenschaftshumor: Wie deutsche Journalisten der Satire des einradfahrenden Humorforschers auf den Leim gehen | Werkstattnotiz LVI«, einen Artikel der Wissenswerkstatt.
- Veröffentlicht am
- 9. Januar 2008 | 10:03
- Autor:
- Marc
- Abgelegt unter:
- Augenzwinkern, Werkstattnotizen, Wissenschaft
- Schlagworte:
-
Journalismus, Wissenschaftsjournalismus, Wissenschaftskommunikation
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- Gelesen: 5237 · heute: 6 · zuletzt: 20. November 2008, 17:10
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