Die “Welt” weiß mehr » Der großzügige Umgang mit Forschungsergebnissen in den Medien | Werkstattnotiz XXV
Ist es Schlamperei, Unkenntnis oder zählt Genauigkeit ohnehin nicht mehr zu den Kerntugenden heutiger Journalisten? Daß Boulevardmedien häufig dazu neigen, ihre Berichterstattung derart zuzuspitzen, daß nicht selten die Wahrheit dabei auf der Strecke bleibt, ist allgemein bekannt. Und wenigstens der etwas kritischere Teil der Zeitungsleserschaft wußte auch schon vor dem BILD-Blog, daß der Slogan der meistgelesenen Zeitung Deutschlands ("Nichts ist härter als die Wahrheit") an Zynismus nicht zu überbieten ist.
Wenn man freilich genauer hinsieht, dann zeigt sich, daß man auch in den seriöseren Blättern häufig einen recht kulanten Umgang mit der "Wahrheit" pflegt. Ob sich letztlich die These noch durch die Tatsachen belegen läßt, ist dann manchmal nebensächlich. Keine Sorge: Die Wissenswerkstatt wird zukünftig nicht den Blätterwald nach Falschmeldungen durchforsten. Aber da mir in den letzten Tagen gehäuft Mängel in Berichten aufgefallen sind, die sich auf empirische Studien beziehen, will ich nochmal ein typisches Beispiel aufgreifen.
Ist das korrekte Zusammenfassen einer simplen Presseinfo schon zuviel verlangt?
Stefan Jacobasch von "wisskomm" hatte in der "Welt" eine kurzen Artikel entdeckt, der auf eine Studie des Forschungsinstituts für Kinderernährung (FKE) Bezug nimmt. Das FKE (das der Uni Bonn angegliedert ist) hatte die Ernährungsgewohnheiten von Kindern und Jugendlichen untersucht. Über eine Pressemitteilung der Universität Bonn erfuhr man offenbar auch bei der "Welt" von deren Ergebnissen.
Drei Tage lang sollten die insgesamt 550 befragten Kinder im Alter von 2-18 Jahren1 ihren Speiseplan protokollieren. Die Ergebnisse sind kaum überraschend:
86 Prozent gaben dabei an, mindestens ein Fertiggericht zu sich genommen zu haben. Bei jedem fünften Kind landete sogar täglich mindestens eine Fertigmahlzeit auf dem Teller. Dabei ernährten sich Jungen häufiger von Convenience Food als Mädchen. Davon unabhängig hatten Fertiggerichte bei den 14- bis 18-Jährigen eher einen Stammplatz auf dem Speiseplan als bei Jüngeren. [So der Absatz der Pressemitteilung der Uni Bonn]
Wunderbar, sollte man meinen. Was kann man, wenn man so eindeutige Befunde vorliegen hat und dazu noch eine wunderbare Pressemitteilung, noch falsch machen? Gut, der Text der Welt unterscheidet sich eher in homöopathischen Dosen vom Originaltext der Uni-Pressestelle. Die Eigenleistung des Redakteurs/der Redakteurin bestand vorrangig darin, bspw. das Wort "Dosensuppe" der Originalmeldung durch das Wort "Dosenravioli" im eigenen Artikel zu ersetzen.
Traurig genug, aber es wird noch besser. In der "Welt" liest man:2
Dosenravioli, Instantsuppen, Fischstäbchen oder Tiefkühlpizza – eine aktuelle Studie fördert die schlechten Ernährungsgewohnheiten deutscher Familien zu Tage: Immer mehr Kinder essen immer öfter Fertiggerichte, jedes fünfte Kind sogar täglich. [Das behauptet die "Welt"]
Woher die "Welt" aber weiß, daß der Anteil der Kinder, die Fertigprodukte essen zugenommen hat und daß diese dann auch noch immer häufiger Tiefkühl- und Fertigkost essen, bleibt wohl ihr Geheimnis.3 Denn die Studie will und kann gar keine Entwicklung aufzeigen. Vergleichswerte (bei wievielen Kindern bspw. vor 20 Jahren Fertigprodukte auf dem Speiseplan standen) liegen schlicht und einfach nicht vor!
Stefan Jacobasch stellt fest:
Allerdings gelingt es der Welt dann doch noch eine Verzerrung der eigentlichen Studie einzubauen bzw. eine Behauptung einzuführen, die nirgendwo belegbar ist. Denn: die Studie hat – wie vollkommen offensichtlich ist – genau die heutigen Essgewohnheiten der Kinder und Jugendlichen analysiert. [So der Kommentar von "wisskomm"]
Alles in allem: ein harmloser "Fehler", aber durchaus typisch dafür, wie ungenau leider viel zu häufig geschrieben, zitiert und kolportiert wird. Und am Ende stehen Behauptungen im Raum, die an keiner Stelle durch die Studienergebnisse gedeckt sind…
- Ich nehme an, daß bei Kindern im Vorschulalter die Eltern das Protokoll führten. ;-) [↩]
- Man beachte auch das wunderbare Photo, das die Welt zur Illustration des Textes präsentiert… [↩]
- Nichts anderes wird mit "Immer mehr Kinder essen immer öfter Fertiggerichte…" behauptet. [↩]






Mir wurde noch erzählt, dass ich mich geschmeichelt fühlen sollte, wenn Journalisten den Pressetext einfach kopieren.
Na ja, teilweise ist das immer noch besser als das was einige Journalisten in Eigenregie aus einer Pressemitteilung machen. Mangels Kompetenz und Zeit.
@planeten:
Ja, sicher, wenn man selbst Urheber des Pressetextes ist, dann spricht natürlich wenig dagegen, wenn er 1:1 übernommen wird. ;-)
Und ganz im Ernst: wenn man voraussetzt, daß derjenige, der die Presseinfo verfasst eben fachlich ausgewiesen ist und fähig ist keine inhaltlichen Fehler einzubauen, dann ist das durchaus einem fehlerhaften Journalistentext vorzuziehen. Allerdings ist das nicht ganz der Sinn der Sache…
Der Haken an Pressemitteilungen ist allerdings, dass viele von denen auch und gerade in Wissenschaft und Technik ziemlich grottig sind.
http://fisch-blog.blog.de/?s=Altpapier
Deswegen ist es gleich doppelt tragisch, dass viele Journalisten den Kram augenscheinlich oft nicht mal verstehen, der da aus dem Ticker kommt.
Nur zur Info: Ich habe diesen (und einen weiteren) Beitrag eurer Werkstatt in meinem Podcast verwendet. Danke für das Material!
http://www.p-pricken.de/?p=687
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