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Die Zeitung ist tot! » Es lebe die Zeitung! | kurz&knapp 02

30. Oktober 2007 | 19:59 Gelesen: 6219 · heute: 2 · zuletzt: 26. July 2017 2 Reaktionen

Es ist Herbstzeit, es ist Debattenzeit. Hat schon jemand untersucht, inwiefern gesellschaftliche Debatten auch von der jeweiligen Jahreszeit abhängen? Ob also im Frühjahr und im Herbst intensiver, engagierter diskutiert und gestritten wird, als in den Sommermonaten, wo ohnehin die halbe Belegschaft (in den Zeitungsredaktionen und anderswo) ausgeflogen ist? Und wenn sich der Kalender dem Jahreswechsel nähert, dann ist ohne Zeitknappheit angesagt und nebenbei mahnt die kulturelle Gewohnheit zur Besinnlichkeit und zur Vergebung: schlechte Zeiten für die Debattenkultur. ;-)

Worauf ich hinweisen wollte: der Diskurs um die Zukunft der Zeitung und generell die Zukunft der Informations- und Journalismusbranche ist wieder in eine neue Runde gegangen. Sicher, die Argumente wiederholen sich, allerdings zeichnen sich klarere Indizien am Horizont ab, wohin die Entwicklung gehen wird. Ich selbst habe mich ja an verschiedenen Stellen als Liebhaber der gedruckten Tageszeitung geoutet und werde diese Vorliebe bei Gelegenheit auch begründen.

Werden bis in 15 Jahren die Onlinejournale ihre Printschwestern vollständig überrundet und verdrängt haben?

Allerdings nutze ich selbstredend auch Internetangebote und diese sind häufig genug (jedenfalls wenn es sich um solide recherchierte und verläßliche Inhalte drehen soll) Ableger der etablierten Print-Flaggschiffe. Man nehme hierzulande nur Spiegel (und SpiegelOnline), Die ZEIT (und ihr Online-Pendant) oder telepolis (als Produkt des heise-Verlages). Nun stellt sich eben die Frage, ob sich in den nächsten Jahren die Gewichte soweit verschieben, daß die Onlineformate die Printausgaben sukzessive verdrängen.

In FocusOnline fassen Stephan Weichert und Leif Kramp unter dem Titel "Die Tageszeitung ist tot!" einige aktuelle Entwicklungen zusammen, wie sie sich vorrangig in den USA abspielen. Sie haben einige Expertenstimmen zusammengetragen und auch wenn der Medienmarkt in den USA nicht in allen Belangen mit dem hiesigen vergleichbar ist, so sind einige der Thesen durchaus interessant.

Die Zukunft des Journalismus liegt im Internet – und genau dort lauert das Verderben?

Die grundsätzliche Feststellung, die Ausgangspunkt des umfangreichen Textes ist, kann allerdings kaum Originalität beanspruchen:

Alle Fluchtwege der Presse führen derzeit ins Internet, also dorthin, wo Gedeih und Verderb eng beieinander liegen.

Nun gut, so weit waren wir schon. ;-)

Aber auch wenn die Standpunkte schon häufiger zu lesen waren, so ist die Focus-Zusammenstellung dennoch einen Besuch wert. Einige der Kernpassagen?

Hier:

Auch die so genannten Bürgerreporter und Blogger mischen die Branche auf. Nur halbherzig wappnen sich die Verlage gegen die vermeintliche Bedrohung aus dem Netz: Wenn schon gebloggt wird, so ihr Motto, dann bitteschön nur von den eigenen Redakteuren. David Rubin, Medien-Dekan der Syracuse University, ist dennoch optimistisch: „Ohne Journalisten könnten Blogger gar nicht existieren.1

So apodiktisch würde ich das nicht formulieren, aber es stimmt natürlich, daß die professionellen Medien eine wichtige Quelle und Anknüpfungspunkt darstellen. Und weiter geht es im Text:

 „Journalisten werden wir immer brauchen“, glaubt auch Jay Rosen von der New York University, Herausgeber von „Pressthink“, einem der bekanntesten amerikanischen Journalismus-Blogs. Spricht’s und kritisiert die Lernunfähigkeit der Zeitungshäuser: „Weiterbildung ist in den Redaktionen ein Fremdwort.“ Das erkenne man schon daran, dass die Online-Redaktionen jahrelang räumlich getrennt von ihren Printkollegen gearbeitet hätten.

Wie lange wird es noch dauern, bis die gedruckte Tageszeitung ein Nischenprodukt ist?

Die Todesspirale: Kosten senken und Redakteure entlassen…

Eine durchaus spannende und interessante Feststellung. Zeit also, daß sich in den Verlagen die Einsicht breit macht, daß man es hier nicht mit konkurrierenden, sondern sich ergänzenden Formaten zu tun hat…

„Das Internet hat das Monopol der Zeitungsverlage gesprengt“, sagt Meyer, „doch anstatt nach neuen Wegen für sinnvolle Investitionen zu suchen, fällt den meisten Verlegern nichts besseres ein, als Kosten zu sparen.“ Genau das führe aber zu abnehmender Qualität und weniger Lesern – Meyer nennt das „die Todesspirale“. (…)

Das „Newspaper Endgame“, der sich zuspitzende Verdrängungskrieg durch das Internet, hat also längst begonnen. Schon vor zwei Jahren lehrte ein düsteres Szenario der Chicagoer Unternehmensberater von A.T. Kearny die Zeitungsmacher das Fürchten: Bis 2025 werde jeder vierte deutsche Verlag vom Zeitungsmarkt verschwinden und seine Geschäftsaktivitäten aufgeben – aufgrund eines Zwangsverkaufs oder einer Insolvenz. Auch was die Pressedichte anbelangt, schlugen die Berater Alarm: Diese werde sich um 27 Prozent verringern, sprich: nur 179 von 1000 Menschen würden in weniger als 20 Jahren noch eine Tageszeitung kaufen.

Ein Szenario, das den meisten Verantwortlichen in den Zeitungshäusern wohl schlaflose Nächte bereitet.

Viel zu lange hat es gedauert, bis die Presse die digitalen Plattformen erkundet hat. Noch aber ist es nicht zu spät für den nächsten Evolutionsschritt. Für Timothy Rutten, Kolumnist bei der „Los Angeles Times“, führt kein Weg daran vorbei, dass Druck- und Online-Inhalte einander ergänzen, wenn alles gut gehen soll: Die Online-Ausgabe bietet aktuelle Schlagzeilen, Videos und Interaktivität, maßgeschneidert für mobile Geräte, die klassische Zeitung druckt Analysen, Meinungen, Hintergrundinformation. „Das hätte den Vorteil“, so Rutten, „dass im täglichen Zeitungsbetrieb sehr viel mehr Sorgfalt bei der Planung und Redaktion aufgewandt würde.“

Größere Sorgfalt und redaktionelle Qualität nur für den bevorzugten Printbereich? Naja, zu wünschen wäre ja eine sich über beide Bereiche erstreckende Qualitätsoffensive: Schlamperei, mangelhafte Recherche und Geringschätzung der Leser steht einem Verlag weder im Print-, noch im Online-Bereich gut zu Gesicht.


Der gesamte Text ist hier nachzulesen:

 

Hinweis – die von mir gestern kommentierte Rede [hier] von Frank Schirrmacher ist heute in einer längeren Variante bei der FAZ abgedruckt (leider sind die Ausführungen zur Bedeutung des Internets und seiner bedenklichen Effekte doch recht holzschnittartig und einseitig):

 

  1. Alle Hervorhebungen von mir. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

2 Reaktionen »

  • Wolfgang Michal :

    Die meisten freiberuflichen Print-Kollegen rümpfen die Nase beim Thema online-journalismus (blogs inklusive). a) können sie (noch)kein Geld damit verdienen, b) ist neben dem Einheitsmatsch aus Boulevard und Nachrichtenticker zu wenig Platz für die epischen Formen. Zu a) Die Beiträge im Netz sind meist kurz, die Verweildauer der web-site-Leser beträgt durchschnittlich 1 Minute und 10 Sekunden. Man muss extrem viele Geschichten schreiben, um davon leben zu können. Man muss schnell und originell sein und trotzdem (vom Chef) kontrollierbar. Deshalb wird der Online-Journalismus (vorerst) die Domäne der Redaktionen bleiben (speziell: der Jungredakteure, der Journalistenschüler, der Praktikanten, aber auch der technikbegeisterten Edelfedern, die sich per Videoblogging als Kolumnisten profilieren können). Ein Print-Übungsfeld für Netz-Radio und Netz-Fernsehen sozusagen. Zu b) Es gibt starke Vorbehalte gegenüber dem Wert von online. Das hängt mit der unklaren Leserschaft, dem Mangel an Renommee und der Bezahlung zusammen (und der geringen Recherchetiefe).
    Kurz: Der Journalismus wird sich verändern und ins Netz verlagern und die Mehrheit der Journalisten wird den Verlagen irgendwann hinterhertapsen. Nur Mediengründungen aus der Netzszene heraus könnten da korrigierend eingreifen.

    [twort T]

  • oldman :

    Meiner Meinung nach wird es zu einem Nebeneinander kommen. Ich nutze sowohl täglich Print- als auch Online-Zeitung. Das angesprochene Verlagssterben ist auch ohne Online-Medien eingetreten. Die Konzentration am Printmarkt ist ja schon länger im Gange.

    [twort T]

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