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Bachmannpreis 2007 » Wahlspektakel – Der 4. Tag

1. Juli 2007 | 10:41 Gelesen: 7618 · heute: 3 · zuletzt: 26. June 2017 2 Reaktionen

Jeder Wahlakt – und hier machen auch Literaturwettbewerbe keine Ausnahme – zeichnet sich seit jeher durch einen ganz eigentümlichen Charakter aus: denn trotz der klar vorgegebenen Spielregeln sind Überraschungen niemals auszuschließen. Und ganz egal, ob es sich um die Wahlen zum Vorsitz des örtlichen Kaninchenzüchtervereins, des Bundespräsidenten oder eben der Preisträger des Bachmann-Literatur-Wettbewerbs handelt: obwohl aus einer klar definierten Personenzahl anhand bestimmter Kriterien eine Auswahl getroffen werden soll, die Sympathien vermeintlich klar verteilt und die Präferenzen stabil sind, dennoch ist das Wahlergebnis mit schönster Regelmäßigkeit ein anderes, als zuvor erwartet.

Und in dieser Hinsicht unterscheidet sich die Kür des Bachmannpreisträgers nicht von der Wahl zum Bundeskanzler. Gut, man mag einwenden, daß nach der Stimmabgabe in Klagenfurt glücklicherweise keine biederen Herren mit ernster Miene die Stimmverluste und -gewinne aufsagen. Auch gibt es keine bunten Graphiken, die suggerieren, anhand der Zahlen und Tabellen ließe sich irgendetwas verstehen und das auf mirakulöse Art und Weise zustande gekommene Ergebnis nachvollziehen. Dem ist nämlich nur in den seltensten Fällen so.

Wahltag: Diesmal aber ohne Gewinn- und Verlustrechnungen. Und im Studio sitzt auch nicht Ulrich Deppendorf.

Schade ist nur, daß im Klagenfurter ORF-Theater kein Journalist vom Kaliber eines Ernst-Dieter Lueg zugange ist, der frei von falscher Ehrerbietung den Wahlsiegern mit investigativer Naßforschheit das Mikrofon unter die Nase hält. Es wäre aber auch zu schön, wenn ein "Literatur-Lueg" der Jurypräsidentin Radisch freche Fragen stellen würde; zu gern wüßte man, ob der Zwist zwischen der keck-spontanen Iris und dem peniblen Literaturbuchhalter Karl Corino inzwischen beigelegt wurde. Sowas interessiert die Bachmanngemeinde.

Aber solange niemand energisch nachfragt, bleiben zumindest diese Fragen unbeantwortet im Raum stehen. Wenisgtens aber die Frage, welchem der 18 Kandidaten des diesjährigen Bewerbs durch die Juroren der Bachmannpreis 2007 zuerkannt werden wird, sollte bis heute um 12.00 Uhr beantwortet sein. Daneben darf mit Spannung erwartet werden, wer dieses Jahr das Rennen um die weiteren Preise macht: neben dem Publikumspreis, für den am gestrigen Samstag im Internet abgestimmt werden konnte, werden der "Telekom Austria Preis", der "3sat-Preis" und schließlich der "Ernst-Willner-Preis" vergeben. Auch hier – so lehrt der Blick in die Vergangenheit – sind immer wieder Überraschungen möglich. Schon so manch hochgehandelter Kandidat, dem viele den Hauptpreis, also den mit 25.000 Euro dotierten Bachmannpreis, zugetraut hatten, ging am Ende ganz leer aus.

Welches sind die Kandidaten auf der "Longlist"? Schmidt, Licht, Seiler, Böttcher und Stavaric dürfen sich auf alle Fälle Hoffnungen auf einen der Preise machen.

Nach den Lesungen der letzten Tage muß man freilich zugestehen, daß sich der Personenkreis, auf die die Kandidatenkür sich dieses Jahr voraussichtlich zuspitzen wird, auf einige wenige Autoren konzentriert. Auffallend, daß sich darunter – und auch das mit Abstrichen – nur eine Frau befindet: Silke Scheuermann nämlich, die mit ihrer raffiniert gebauten Short Story über eine Patchworkfamilie zunächst auf deutliche Kritik der Juroren stieß, die aber – wie später zuerkannt wurde – doch zu hart ausgefallen war. Scheuermann also kommt durchaus für einen der (Trost-)Preise in Frage. Ebenfalls im Rennen um die weiteren Plätze befinden sich Dieter Zwicky, Kurt Oesterle und möglicherweise Michael Stavaric.

Nach meinem Dafürhalten und unter der Voraussetzung, daß die Argumentation der Jury direkt im Anschluß der jeweiligen Lesung nicht allzu erheblich von ihrem heutigen Votum abweicht, kommen für den Bachmannpreis 2007 allerdings nur folgende Autoren in Frage: Jochen Schmidt, mit seiner fein-nuancierten Kosmonauten-Erzählung, Lutz Seiler mit seinem Text, der in bezaubernd-kraftvoller Weise die Reise mit der Turksib-Eisenbahn schildert, PeterLicht mit seinem gefeierten und umstrittenen Beitrag, der sich nach Münchhausenmanier an der eigenen Sprachartistik berauscht und aus dem Sumpf zieht und schließlich Jan Böttcher mit seiner lakonischen Nachwende-Generationengeschichte. Außenseiterchancen hat Thomas Stangl, der auf positive Resonanz bei der Jury stieß, dessen Text auf mich aber einen belanglosen, uninspirierten Eindruck machte. 

Warten wir also ab, was die Wahl für Überraschungen mit sich bringt.

[Update: 11:35 Uhr]

Die Shortlist enthält keine Überraschungen, einzig Dieter Zwicky ist nicht darunter. André Heiz beginnt und gibt seine Stimme für Thomas Stangl ab. Dabei heideggert er ganz beträchtlich. Frau Strigl stimmt ebenfalls für Thomas Stangl. Mangold gibt seine Stimme Lutz Seiler und lobt den knatternden Rhyhtmus der Turksib. Den Ort der Begegnung zwischen West und Ost lobt Frau Rakusa und gibt ihre Stimme Lutz Seiler.

Iris Radisch stimmt ebenfalls für Lutz Seiler. Einem komischen und melancholischen Text, dem Text PeterLichts, gibt Klaus Nüchtern seine Stimme. Eine Reise in der sich Zeit und Raum verwirren, ein Text lyrischer Dichte, epischer Breite und voller dramatischer Umstimmungen. Ebel für Seiler. Frau März ebenfalls für Lutz Seiler. Zum Schluß gibt Karl Corino ebenfalls seine Stimme für Lutz Seiler ab. Wir haben einen Bachmannpreisträger 2007: Lutz Seiler. Durchaus verdient.

[Update: 11:55 Uhr]

Beim "Telekom-Austria-Preis" kommt es zur Stichwahl zwischen Schmidt, Licht und Stangl. Dann im Wiederholungswahlgang liegen Thomas Stangl und Peter Licht Kopf an Kopf. Und Karl Corino ist zu hören, wie er murmelnd die Wahl als die zwischen "Pest und Cholera" bezeichnet. Und in der abschließenden Stichwahl behält Thomas Stangl die Oberhand.

Und auch die Wahl zum Preisträger des "3sat-Preises" erfordert drei Wahlgänge. Jan Böttcher vereinigt zwar jeweils die Stimmen von Ijoma Mangold und Ilma Rakusa auf sich, kann die weiteren Juroren aber nicht begeistern. Und schließlich wird mit 5 Stimmen PeterLicht zum Preisträger bestimmt.

Die Entscheidung um den "Ernst-Willner-Preis" macht eine komplizierte Wahlausscheidungs- und Stichwahlprozedur erforderlich. Abschließend stehen Jan Böttcher und Michael Stavaric zur Wahl. Und vollkommen berechtigt bekommt Jan Böttcher mit seiner Generationen-Familiengeschichte den "Ernst-Willner-Preis" zugesprochen. Und, zu meiner Überraschung, hat in der Publikumswahl ebenfalls PeterLicht die meisten Stimmen auf sich vereinigt. Nun gut, insgesamt ein Ergebnis ohne große Überraschungen und durchaus angemessen. Sehr bedauerlich und auch dem kritikwürdigen Wahlprocedere geschuldet, daß Jochen Schmidt, obwohl er in allen Wahlgängen Stimmen erhielt, dennoch leer ausging. Er hätte längst einen Preis verdient gehabt.

[Update: 2.7.2007 – 12:45 Uhr]

Die Aufregung um den Text von PeterLicht und v.a. das fragwürdige Verhalten und die Diskussionsverweigerung von Teilen der Jury ist nun ja glücklicherweise etwas abgekühlt. Ich selbst hatte ja frecherweise PeterLicht durchaus als (Mit-)Favoriten gesehen. Diese Einschätzung, falls es jemand nachlesen mag, findet sich hier:

Mit Lutz Seiler wurde freilich ein würdiger Sieger gekürt und man darf gewiß auf die Veröffentlichung seines Textes in seinem nächsten Essay-Band (oder ist es gar Teil eines Romans?) gespannt sein. Zu Thomas Stangl wurde bereits an vielen Stellen vieles gesagt. Meine Einschätzung bezüglich der Preisvergabe und eine kleine Manöverkritik zur Arbeit der Jury gibt es hier – es besteht übrigens auch die Möglichkeit zu kommentieren:

Und in der NET-Zeitung wendet sich Jochen Schmidt heute, am 2.7., mit einem "offenen Brief" an den Ingeborg-Bachmann-Preis.


 

Literaturempfehlungen zu den einzelnen Autoren:

1. Tag:
 
Jagoda Marinic » 2006: Russische Bücher. Erzählungen  | 2003: Eigentlich ein Heiratsantrag

Christian Bernhardt » 2004: tagelang 

Jochen Schmidt » 2000: Triumphgemüse  | 2002: Müller haut uns raus  | 2003: Seine großen Erfolge |  2005: Chaussee der Enthusiasten  |  2007: Meine wichtigsten Körperfunktionen

Andrea Grill » 2005: Der gelbe Onkel  | 2007: Zweischritt

Jörg Albrecht » 2006: Drei Herzen

Fridolin Schley » 2001: Verloren, mein Vater  |  2003: Schwimmbadsommer

Lutz Seiler  » 2000: pech & blende  |  2003:  vierzig kilometer nacht  |  2004: Sonntags dachte ich an Gott  |  2005: Die Anrufung.  |  2006: vor der zeitrechnung (Hörbuch) 

 

2. Tag:

Silke Scheuermann » 2001: Der Tag an dem die Möwen zweistimmig sangen | 2004: Der zärtlichste Punkt im All | 2005: Reiche Mädchen | 2007: Die Stunde zwischen Hund und Wolf | 2007: Über Nacht ist es Winter

Ronald Reng » 2002: Der Traumhüter | 2003: Mein Leben als Engländer | 2004: Gebrauchsanweisung für London | 2005: Fremdgänger

Dieter Zwicky » 2002: Der Schwan, die Ratte in mir | 2006: Reizkers Entdeckung

Michael Stavaric » 2005: Europa – eine Litanei | 2006: Stillborn | 2006: Gaggalagu. (Kinderbuch) | 2007: Terminifera

Milena Oda » 2007: Der Briefschreiber

Kurt Oesterle » 2002: Der Fernsehgast oder Wie ich lernte die Welt zu sehen | 2003: Stammheim. Der Vollzugsbeamte Horst Bubeck und die RAF-Häftlinge

PeterLicht » 2006: Wir werden siegen – Buch vom Ende des Kapitalismus | 2003: Stratosphärenlieder (CD) | 2006: Lieder vom Ende des Kapitalismus (CD)

 

3. Tag:

Jan Böttcher » 2003: Lina oder: Das kalte Moor | 2004: Der Krepierer | 2006: Geld oder Leben

Björn Kern » 2001: KIPPpunkt | 2006: Einmal noch Marseille | 2007: Die Erlöser AG

Thomas Stangl » 2004: Der einzige Ort | 2006: Ihre Musik

Martin Becker » 2007: Ein schönes Leben

 


 

Wer kein Fernsehgerät sein eigen nennt, kann hier mittels Mediaplayer die Übertragung ansehen.

 


Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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