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Bachmannpreis 2007 » Die Mühen der Ebene – Der 2. Tag

29. Juni 2007 | 08:51 Gelesen: 6737 · heute: 2 · zuletzt: 19. September 2014 8 Reaktionen

Warum tut man sich das an? Vergnügungssteuerpflichtig ist der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb gewiß nicht, soviel lässt sich nach dem ersten Tag der diesjährigen Veranstaltung sagen. Aber was versteht man schon unter Vergnügen? Jeden Morgen die duftenden Brötchen mitsamt fein geschäumter Latte Macchiato ans Bett gebracht zu bekommen, ist auf die Dauer auch eine Zumutung. Das mag daran liegen, daß – wie schon Sigmund Freud wußte – es im Plan der Schöpfung nicht vorgesehen ist, daß der Mensch glücklich ist. Vielleicht aber auch an der häufig anzutreffenden Tendenz zu einem milden Masochismus, der nicht wenigen Zeitgenossen zu eigen ist.

Die vorlesenden Autoren, die Juroren sowieso, aber auch die Zuseher und natürlich die live bloggenden Protokollführer des Geschehens wissen wovon ich rede. Am ersten Tag der diesjährigen 31. Auflage des Wettlesens um den Bachmannpreis wurde es wieder einmal hinlänglich illustriert, mit welchen Risiken ein Auftritt in Klagenfurt verbunden ist. Wie der Fall von  Andrea Grill zeigt, bewahrt auch der österreichische Nationalitätsbonus nicht vor harscher Kritik.

"Hände hoch: Wartschwallüberfall!" – Was erwartet uns heute?

Ich habe selten erlebt, daß ein Text auf so breite und ungeteilte Ablehnung stieß. Überrascht war ich, daß auch der engagierte Vortrag von Jörg Albrecht kaum ein geteiltes Echo hervorrief: der energiegeladene Wortschwallüberfall, das atemlose Textsampling von Albrecht gefiel zwar einigen Juroren recht gut und Ijoma Mangold bedankte sich für die angenehme Hirnmassage, allerdings war man sich erstaunlich einig darüber, daß jenseits der Darbietung der Text selbst kaum Substanz und Diskussionswürdigkeit aufwies.

Nachzulesen ist das gestrige Protokoll der Lesungen und der Diskussionsrunden hier. Dort kann auch nochmals rekapituliert werden, mit welchen Argumenten der pfiffige Kosmonauten-Selbstbespiegelungs-Text von Jochen Schmidt gelobt und welche Bedenken angemeldet wurden. Für mich persönlich zählen einige Passagen aus Schmidts Text zu den Highlights des gestrigen Tages, besonders gut gefiel die folgende Stelle:

"Daß man in die Kirche geht, macht aus einem ja so wenig einen Christen, wie man ein Auto wird, wenn man eine Garage betritt. So lautete eine indianische Weisheit in meinem Poesiealbum. Daß Indianer sich so ausdrücken sollten, wunderte einen nicht, auch wenn man nie mit einem gesprochen hatte. Ob wir unsere Weltsicht in den Poesiealben der Indianer auch so formulieren? Daß man sich in der Erdumlaufbahn befindet, macht aus einem so wenig einen Kosmonauten, wie man ein Indianer wird, wenn man sich an etwas heranschleicht. Ein Kosmonaut ist, wer bereit ist, sein Leben seiner Fortbewegungsart zu opfern. Solange man auf Reisen noch mit einer Rückkehr rechnet, ist man ja im Grunde noch zu Hause. Es ist wie bei dieser Therapieübung, bei der man sich rückwärts von einem Tisch fallen läßt, im Vertrauen, die anderen Kursteilnehmer würden einen auffangen. Wirklich aufzubrechen heißt doch, sich fallen zu lassen, obwohl einen niemand auffangen wird (..)" [Jochen Schmidt, Abschied aus einer Umlaufbahn]

Als gescheit und hochintelligent wurde das gelobt. Der stärkste Text wurde dann freilich ganz zum Schluß von Lutz Seiler vorgetragen. Was die Juryleistung angeht, so lässt sich bislang feststellen, daß totale Ausfälle nicht zu verzeichnen sind. Solide wurde argumentiert, durchaus fair, wenn auch die Kritik deutlich formuliert wurde. Iris Radisch tat sich auch in dieser Hinsicht einmal mehr hervor, war glücklicherweise aber nicht so penetrant wie zu früheren Zeiten.

Karl Corino entpuppt sich als Meister der Abschweifung. Und der Neuling Ijoma Mangold macht seine Sache bislang sehr gut.

Karl Corino erwies sich als Meister der Abschweifung und ließ meist nach einem kurzen Eingangsstatement, das sich (wenn man Glück hatte) auf den gehörten Text bezog, seinen Gedanken einigermaßen freien Lauf. Dennoch mochte ich seine Ausführungen. Martin Ebel nimmt es immer sehr genau, aber seine Bemühungen sind mitunter recht ertragreich. Klaus Nüchtern war vormittags noch voller Elan, in der zweiten Runde ab 15 Uhr sah man ihn des öfteren mit dem Schlaf ringen. Sehr gut gefiel mit Ijoma Mangold, aber das ließ sich wohl auch gestern schon an meinem Protokoll ablesen. Einzig farblos blieb Ursula März, mal abwarten, ob sie sich heute besser präpariert präsentiert.

Aber was erwartet uns heute?

Die Autoren sind in ihrer Reihenfolge unten angegeben und dort finden sich auch einige Links zu bisher veröffentlichten Texten. Es beginnt mit Silke Scheuermann aus Frankfurt. Sie ist als Achte an der Reihe und erst die dritte Frau, gehöriger Männerüberschuß also. Ich kann es nicht begründen, aber vom Bauchgefühl her bin ich durchaus neugierig und könnte mir einen spannenden Text von ihr vorstellen. Danach kommt Ronald Reng, der, wie ich der Website entnehme in Barcelona lebt, studiert hat er in München, u.a. Politische Wissenschaft am Geschwister-Scholl-Institut. Kommt mir bekannt vor. Später kommt Michael Stavaric der interessant werden könnte und den Tagesabschluß bildet Peter Licht. Zu dem könnte ich viel schreiben, unterlasse das aber an dieser Stelle. Nur so viel: man darf gespannt sein.

[Update: 9:30 Uhr]

Silke Scheuermann setzt farbige Akzente am frühen Morgen, in kräftigem Rot sitzt sie vor dem blauen, überdimensionalen Teppich des Hintergrunds. Sie liest einen wunderbaren Guten-Morgen-Text. Hübsche kleine Beobachtungen, Randnotizen sind auf alle Fälle nicht unsympathisch. Der Schmetterling wird so unversehens zu einem aufgeklappten Handy, man hat schon schlechtere Vergleiche gelesen. Der Text ist mit "DIE FURCHTLOSEN" überschrieben, es geht um eine brüchige Familienkonstellation, Perspektivwechsel, hier die Heranwachsende in der Vorstadt, die sich mit der Stiefmutter Kathrin nicht anfreunden kann und will. Zunächst freilich genau die Perspektive der Stiefmutter, dann wieder ein Wechsel; ein Text, der durch diese Sprünge zwischen den Protagonistinnen, jeweils in Ich-Perspektive, interessant wird, aber auch verwirrt. Die Wechsel könnten ein wenig klarer markiert werden; wenigstens für den Zuhörer ist das Auseinanderhalten der Perspektiven recht schwierig.

Das Verhältnis zwischen Sylvia und Kathrin ist mehr als problematisch; wer hat welche Absichten? Weswegen der Argwohn und beruht er auf Gegenseitigkeit? Wird die attraktive, an Audrey Hepburn erinnerende Studienfreundin von Ralph, dem Familienvater, noch eine Rolle spielen? Sollte die Erzählung nur darauf hinauslaufen, daß der Mini nun doch Sylvia geschenkt wird, obwohl diese die ganze Zeit etwas anderes vermutet hatte? Mit den Wechseln kommt man immer besser zurecht, die Spannung beim Zuhören rührt daher, daß man immer stärker die Ahnung erhält, der Text liefe auf ein fatales Ende, einen respektablen Schlußeffekt zu. Und gut, den gibt es, und dennoch bleibt der Schluß seltsam unbestimmt offen. Das verspricht nun aber wirklich kontroverse Diskussionen.

[Update: 10:05 Uhr] 

Martin Ebel ergreift als Erster das Wort und zeigt sich sehr wohlwollend. Das Spiel mit den Perspektiven hält er für überaus gelungen, wie überhaupt die dramaturgische Gestaltung und Erzählstrategie, die er für selbsterklärend und dem Gegenstand angemessen erachtet. Klaus Nüchtern sticht heute mal wieder durch ein relativ geschmackloses Oberhemd heraus, er formuliert seine Bedenken und bedauert, daß die Dreierkonstellation und deren erotisch-sinnliche Komponente nicht ausgearbeitet werden; wenigstens eine Fortsetzung mahnt er an. Nun ja, fromme Wünsche des Herrn Nüchtern. In vielen Kritikpunkten kann man ihm aber zustimmen.

Als "familiäres Kammerspiel" und "Psychogramm einer Patchwork-Familie" beschreibt Karl Corino den Text, durchaus zutreffend. Er reklamiert allerdings schiefe Bilder und auch er bemängelt die Unentschiedenheit und fehlende Plausibilität der Schlußwendung. Ist es glaubhaft, daß die Stiefmutter von ihrer posttraumatischen Belastungsstörung durch die Zeugenschaft einer kleinen, ebenfalls potentiell traumatischen Begebenheit "geheilt" wird? Ebenfalls richtiger Einwand, aber geht es hier um psychologische Stichhaltigkeit? Daniela Strigl, ich gestehe zu, weist darauf hin, daß unter bestimmten Bedingungen diese Wendung durchaus nachzuvollziehen sei.

Nun aber Iris Radisch. Sie mahnt an, sich nicht nur auf der Plotebene zu bewegen; mal wieder gefällt sie sich in der Formulierung einer Gegenposition, geschenkt. Aber ihr Hinweis, daß man zu kurz greift, wenn man nur das "Psychodrama" betrachtet, ist nicht von der Hand zu weisen; und Iris Radisch ist, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Vorschußlorbeeren für Frau Scheuermann, "maßlos enttäuscht". Martin Ebel bezieht den Gegenstandpunkt und sagt: "Großartig gemacht." Nun aber Ijoma Mangold, handwerklich hat er nichts auszusetzen, gerade die Schnittechnik hält er für gelungen. Begeistert ist er nicht, was nicht zuletzt am Schluß liegt. Ilma Rakusa findet den Detailreichtum bemerkenswert, bedauert aber die sprachliche Durchschnittlichkeit. Die in ihrer Lyrik aufscheinende Sprachkraft von Silke Scheuermann sei nicht sichtbar geworden. Ursula März holt zu einer allgemeinen Grundsatzkritik aus. Die Parallelwelt der Klagenfurter Jury ist für sie nicht mehr zu verstehen. Eine andernorts vielgelobte Kurzgeschichte bspw. von Ingo Schulze würde – so ihre These – in Klagenfurt kaum auf Gegenliebe stoßen.

Ambitionierte Geschichten, sprachlich mangelhaft umgesetzt. In der Jury herrscht Uneinigkeit…

Und jetzt laufen die Juroren zu Hochform auf. Zickenkrieg zwischen Iris Radisch und Ursula März? Das ist der Knalleffekt, den die Story nicht hatte. Auf die nächsten Diskussionsrunden darf man gespannt sein. Soviel steht fest, Frau Radisch und Frau März werden heute keine Freundinnen mehr.

[Update: 10:40]

Nun aber Ronald Reng. Keine große Vorlesekunst, aber gut, Christian Brückner sehen wir am Sonntag. Die brav erzählte Geschichte ist im Hessischen angesiedelt, erklärlich und verzeihlich, da Reng in Frankfurt aufgewachsen ist. Hätte man nicht lieber etwas aus Barcelona gehört, der Stadt in der der Autor seit 11 Jahren lebt? Nun also zerbrechliches Familienidyll in und um den Main. Der vergessene Geburtstagskuchen und die Versuche der Schadensbegrenzung, die psychologischen Momente erscheinen recht interessant und sind mitunter gut beobachtet, fein nuanciert wiedergegeben; mit zunehmender Dauer liest Reng besser und lockerer, ein Gert Westphal wird er nicht mehr, aber man kann zuhören. Leider dennoch sehr an Hausmannskost erinnernd, was Reng vorträgt, was die sprachliche Qualität nicht hergibt, sollte die Geschichte wettmachen. Abwarten.

Vielleicht ist ja grundsätzlich davon abzuraten unabgeschlossene Geschichten und wie hier Reng einen Romanprolog vorzulesen? Gut, gestern hat Lutz Seiler demonstriert, daß das kein Handicap sein muß. Aber ich fürchte, daß Klaus Nüchtern nicht der einzige sein wird, der später seine Langeweile eingestehen wird. Und Iris Radisch wird kaum mehr Zugeständnisse machen. Insgesamt ist der Text Rengs nicht vollkommen mißlungen, aber eventuell hätten einige Passagen, einige Längen gekürzt werden sollen. Zumindest hier für den Vortrag im Klagenfurter Rund.

[Update: 11:05 Uhr]

"Der Text hat kein Tempo…", so beginnt Klaus Nüchtern seine Generalkritik. Später werden verteidigende Stimmen laut werden, aber Nüchterns Lamento über die müde-behäbige Erzählhaltung kann durchaus geteilt werden. Ijoma Mangold findet sich an eine "Gute-Nacht-Geschichte" und an die Sendung mit der Maus erinnert, keine erzählerische Komposition, keine Dramaturgie sei erkennbar. Iris Radisch schwingt sich zu einer kleinen Ehrenrettung auf und weist auf die Position der kranken Mutter hin, die als "Schatten" über die Geschichte liege und von der her die Erzählung konstruiert sei. Corino konstatiert, daß hier die Bemühung vorliege Realität abzubilden, bedauert allerdings den schwachen Vortrag und viele Detailschwächen.

André Vladimir Heiz verbeugt sich vor jeder Bemühung eines jeden Autors und würdigt die kreative, künstlerische Leistung des Schriftstellers, für Reng stellt er aber fest, daß der Text nicht mehr zeitgemäß sei. Martin Ebel ergreift natürlich Partei für seinen eingeladenen Kandidaten und stellt zutreffenderweise fest, daß der zugrundeliegende Plot durchaus reizvoll ist, doch leider ist die Ausführung, wenigstens wie am heutigen Vormittag präsentiert, nicht ganz geglückt.

[Update: 11:50 Uhr]

Mit sympathisch schweizerischem Zungenschlag beginnt Dieter Zwicky aus "Mein afrikanisches Jubeljahr" zu lesen. Es handelt sich um hochreflektierte und reflektierende Erinnerungen an einen Aufenthalt im zentralafrikanischen Benin und die anschließende Rückkehr ins Aosta-Tal. Der Ich-Erzähler, in Ton und Habitus ein wenig an Max Frisch erinnernd, berichtet über das Verhältnis zu seiner Frau Ginette und dasjenige zu seinem Chef und Mentor Tschalchow ("…der begnadete Atmer und Schweiger, dieser Ausnahmeathlet in verborgen brütender Effizienz…") bilden den Fixpunkt der Erzählung. Es ist wieder die Schilderung einer auf die Probe gestellten Beziehung, ähnlich wie gestern bei Fridolin Schley, aber sprachlich deutlich ambitionierter, deutlich mutiger und mit mehr Freude an spielerischen Sprachvarianten.

Zwicky beschreibt genau, zum Teil findet er ungewohnte, aber treffende Bilder, nicht zu manieristisch, durchaus angenehm. Was aber geschah zwischen den Eheleuten?

In der Brutwärme Benins lagen Ginette und ich oft ohne Aussicht auf Schlaf im Bett. Stockdunkle Nacht herrschte, die eigene Haut fühlte sich ausgewaschen an, durchgescheuert, ein schmerzend dünnhäutiges, beinahe brennendes, hoch reizbares Empfindungssystem lag zu dicht um Augen, Nase und Mund. 

Während der massige, körperlich präsente Tschalchow einen Gravitationspunkt darstellt und dessen Stimmverlust beschrieben wird, bleibt der Erzähler selbst eher konturlos. Leider ist der Text, der hier zum Vortrag kommt, auch fragmentarisch und stellt keine kohärente Geschichte dar. Viele interessante Einfälle und Schilderungen zeichnen Zwickys Vortrag aus, leider mangelt es der Erzählung selbst an Stringenz. Die Diskussion verspricht kontrovers zu werden.

[Update: 12:10 Uhr]

Frau Strigl verortet den Text in bester Tradition "schweizerischer Eigenwilligkeit". Ein Text, der mehrfach gelesen werden muß, so bemerkt Strigl zutreffend. "Ich war überrascht, wie gut der Text mir gefallen hat", so beginnt Mangold. Die dichte Struktur sieht er als Kontrapunkt zur Verschwiegenheit und Sprachlosigkeit von Tschalchow.  Die Textkomposition findet er zu seinem Bedauern nicht durchsichtig. Rakusa weist auf komische Elemente und skurile Einfälle hin, sehr richtig, wie ich meine. "Der Text lebt ganz und gar aus der Sprache", so Rakusas Fazit.

Haben alle wirklich denselben Text gehört? Ist die Komik atemberaubend oder ist die Sprache "verquast" und schwatzhaft?

Nüchtern sieht hier einen Text vorliegen, der auf elaborierte Weise über das Schweigen schwatzt. Nett gesagt und sicher nicht falsch. Martin Ebel ist positiv angetan, aber nicht begeistert. "Der Text ist schön, aber auch egal", so bringt er sein Unbehagen auf den Punkt, daß Zwicky sich natürlich durch die hochartifizielle Komposition jeder Kritik an möglichen realistischen Defiziten entzieht. Als "tierisch gut" bezeichnet André Heiz den Text. Karl Corino gefällt sich in der Rolle des Mäklers; "verquast" und schwatzhaft, so seine Kritik. Auch Ursula März kann der "grandiosen schweizerischen Umständichkeit" wenig abgewinnen. Frau Radisch gesteht ein, daß sie durch den Vortrag eines Besseren belehrt wurde, beim Lesen habe ihr die gedrechselt, kleinteilige Art mißfallen, beim Vortrag habe sie dann aber den eigentümlichen "Sound" zu schätzen gelernt. Und Heiz schließt mit der Aufforderung an die deutsche Kritikergeneration, sich vom Standpunkt und Feier der Erhabenheit zu verabschieden; der schweizerische Sound sei nicht kleinteilig, sondern habe seine eigene, legitime sprachliche Perspektive.

[Update: 12:45 Uhr]

Ganz amüsant und locker beginnt Michael Stavaric mit seinem Text "Böses Spiel". Oh, der soziobiologische Neusprech, der Männern ihre Nomadenhaftigkeit nicht übel nimmt, schön beobachtet. Aber das wird Kritik ernten. Hier wird aus der Ich-Perspektive erzählt, erzählt von Beziehungsfragen und formulierten Ansprüchen an den Ich-Erzähler, der bereits zweimal gebeten wurde, wenn schon nicht als Kindsvater, so wenigstens als (Er-)Zeuger des Kinds zur Verfügung zu stehen. Die Analogie von Erzähler und Palmdieb wird immer deutlicher und das erste Mal wird an diesem Tag eine Sexszene geschildert, und das gar nicht übel, man hat sowas schon schlechter gelesen:

Sie habe von mir geträumt, wie ich rieche und schmecke und wie ich mein Hemd aufknöpfe und meine Hose ausziehe, wie ich sie nehme, gleich in der Tür, dass sie ihre Beine verspreizt im Türstock, dass sie schwebt und ich ihr weiches Fleisch teile und ihre Kokosmilch trinke.

Stavaric weiß in spielerisch-selbstverständlicher Weise mit der indirekten Rede umzugehen; handwerklich sauber, keine Frage. Die Schilderungen der Tötungsphantasien sind deutlich, aber bleiben trotz ihrer expliziten Wortwahl dennoch in der Schwebe. Man darf gespannt sein, was die kritische Jury zu Passagen wie diesen zu sagen weiß:

Du nimmst eine Axt und schlägst ihn wund und dann bohrst du ihn an und nimmst einen Haken und dann schleifst du ihn zum Ufer und ziehst ihn durch schlammiges Wasser und drückst seinen Kopf zwischen die Algen, und wenn er sich wehrt, packst du ihn am Hals und drückst fest zu, bis der Kehlkopf bricht.

Mehr und mehr gefällt sich Stavaric in der Ausbreitung gewalttätiger Terminologie. Dann wieder der Neid, die Konkurrenz zu Robert, der jünger war und auch besser in der Schule. Das gegenseitige Belauern zwischen Erzähler und Robert; und wieder kriegerische Auseinandersetzungen, die die Jugendlichen simulierten. Schließlich wird es nochmals blutig: stundenlanger Sex in rüttelnden Zügen. Nun aber die Jury.

[Update: 13:15 Uhr]

Ijoma A. Mangold ärgert sich lautstark über die aufmerksamkeitsheischende "Sexualisierung des Textes". Der Text habe ihm nicht gefallen, Ursula März bezieht Gegenposition: sie lobt den Pathos, der aber nicht in Kitsch umkippe. Diese Balance sei gelungen. "Der Text hat etwas Furioses und zugleich etwas Kontrolliertes", nun ja, so kann man es verstehen, muß man aber nicht. Wo allerdings die beschworene Apokalypse liegen soll, muß sie mir nochmal erklären. Martin Ebel bemängelt die "Sprachmasche" und die Nähe zu einer Post-Jelinek’schen Dramaturgie des Geschlechterkampfes, der sich in Dreieckskonstellationen niederschlägt. Frau Rakusa bekundet Wohlgefallen, was auch an der "Ambiguität" liege, die der Text bei ihr hervorgerufen habe. An der nachlässigen Verwendung des Konjunktivs hat Ilma Rakusa dennoch etwas zu bemängeln.

Klaus Nüchtern kann nicht erklären, weshalb der Text ihm gefallen habe, aber da 3sat sich ausblendet, kann die weitere Diskussion vorerst nicht protokolliert werden… nun aber geht die Diskussion weiter, beobachtet im Internet. Iris Radisch kann der Biologisierung von Geschlechtlichkeit nichts abgewinnen, was zu erwarten war. Aber ist das dem Text vorzuwerfen? Wird hier nicht nur die Denkweise vorgeführt, die eben (leider?) anzutreffen ist. Allerdings, ich gestehe zu, das Diskursniveau bzgl. der Geschlechterverhältnisse bleibt hinter dem zurück, was seit 20 Jahren verhandelt wird.

Daniela Strigl mahnt an, den Text nicht moralisch zu lesen. "Diese Frau ist ein reißendes Raubtier", nett, wenn Frau Strigl so etwas verlautbart. Insgesamt attestiert sie dem Text von Staravic eine Qualität und warnt davor, ihm diese Darstellung dieses archaisch anmutenden Diskurses übel zu nehmen. Mit einem kurzen Exkurs von André Heiz, der sich den Hinweis auf Hesiod nicht verkneifen kann, geht man in die Mittagspause.

[Update: 14:55 Uhr]

So, nun geht es in die nachmittägliche Runde. Am Ende erwartet uns der Auftritt von PeterLicht, der jedenfalls Spannung verspricht. Ist unter den hier Mitlesenden eigentlich jemand, der selbst in Klagenfurt ist und evtl. im ORF-Theater mit Laptop sitzt und nebenbei bzw. in den Pausen sich ins Netz einloggt? Denn ab und an sieht man ja aufgeklappte Rechner, die auf Knien artistisch balanciert werden…

[Update: 15:30 Uhr]

Milena Oda beginnt ihre Lesung. Das Leben im Hotel, die Trotzigkeit gegenüber Ansprüchen und Zumutungen der Welt lassen sich hier am ehesten ertragen. Erleben wir hier eine parallele Konstruktion zu Jochen Schmidts Text von gestern? Was gestern das Raumschiff war, ist hier das Hotelzimmer. Und die Hybris des Ich-Erzählers ist ähnlich augenscheinlich. Es läßt sich recht munter an; ungeachtet des Sympathiebonus’, der der nett vorlesenden Milena geschuldet ist, die mit tschechischem Zungenschlag liest. Und man merkt ihr an, daß sie durchaus stolz ist und es als Auszeichnung empfindet, von Vladimir Heiz eingeladen worden zu sein. Etwas spitzbübisch und frech ist sie. Man darf weiter gespannt sein was uns "Der Briefschreiber" erzählt.

Und an Selbstbewußtsein mangelt es der Autorin wie dem Protagonisten nicht. Sie stellt sich in die Traditionslinien von Flaubert, Dante, Kafka, Wittgenstein und anderen. Nett, wie gesagt, aber wozu? Man muß sehen. So nun sollte sie aber langsam aufhören mit dem Aufzählungsfuror, sonst wird es ermüdend.

Ich esse so mäßig wie Flaubert.
Wie Robert Musil denke ich über das Leben nach. Wie Keats denke ich über die Natur nach.
Ich phantasiere so wie Kafka.
Über die Menschen spreche ich wie Gogol.
Ich spreche so langsam wie Dostojewski.
Ich spreche so wenig wie Wittgenstein.

Leider wird diese Idee etwas überstrapaziert. Und auch die nicht enden wollende Aufzählung der Attribute, mit denen sich der selbstverliebte Erzähler ausstattet, wirkt allmählich ermüdend. Der Ansatz, sich in die Gedankenwelt eines Briefeschreibers zu begeben, der als adäquaten Briefpartner nur sich selbst anerkennt, ist nicht ohne Witz, aber die Ausführung von Milena Oda weiß nicht recht zu begeistern. Hier wäre mehr möglich. Der Erzähler wähnt sich im Begriff ausschließlich Weltliteratur zu schreiben, aber bei Milena Oda ist es dann doch eher nur provinzielle Schreibkunst. Wohin steuert die Erzählung? Gibt es noch andere Ideen oder wird diese eine Melodie bis zum bitteren Ende fortgeführt? Ja, leider schon… ich rechne mit kritischen Stimmen.

[Update: 15:38 Uhr]

Es beginnt Iris Radisch und man merkt ihr die Skrupel an, die sympathische Autorin doch auf ihren in weiten Teilen eher mißglückten Text hinzuweisen. Und nun, wo es spannend wird, nimmt sich 3sat eine Auszeit – die Leitungen aus Klagenfurt seien unterbrochen. Gibt es sowas? Kann niemand die Kabel wieder festzurren, kitten, verknüpfen, die sich gelöst haben?

[Update: 16:05 Uhr]

So, nun sind wir wieder vor Ort. Ursula März konnte dem Text nichts abgewinnen und Karl Corino urteilt vernichtend. Der tschechische Humor sei auf dem Weg nach Berlin offenbar verloren gegangen; Milena Oda tut einem leid. "Wenn sich die Autorin ein wunderbares Chamäleon nennt, dann sind dem Chamäleon die Farben ausgegangen", so Corinos Vorhaltungen. Sehr wahr, aber dennoch hart. Frau Oda nimmt es (noch?) mit Humor.

Auch Martin Ebel sieht keine Dramaturgie, der Text trete auf der Stelle. André Heiz versucht in umständlicher Art und Weise dem dargebotenen Text etwas Positives abzugewinnen. Aber seine Erklärungsversuche überzeugen nicht. Ilma Rakusa vermißt Radikalität und über Humor werde lediglich geredet, der Text an sich lasse allerdings diesen Humor vermissen. Nun wird es hitziger, Heiz protestiert energisch, daß es nach wie vor legitim sei, vom Standpunkt des quasi-autistischen Autors Welt, Ideen, Gedankenwelt selbstreflexiv zu beschreiben. Ursula März ist dezidiert anderer Meinung, im 21. Jahrhundert verbiete sich so eine Grundkonzeption, also der räsonnierende Autor, der ohne direkten Weltkontakt agiert, von selbst.

"Natürlich ist das kein guter Text", stellt Ijoma Mangold fest. Er stellt nur die Frage, weshalb der Text dennoch sympathische Seiten aufweise. Man kommt zu keinem Ergebnis. Aufmunternder Beifall für Milena Oda.

[Update: 16:30 Uhr]

Aus dem ersten Kapitel seines Romans "Wunschbruder" liest Kurt Oesterle. Wie aus einer fernen Zeit, einer längst vergangenen Epoche, vermutlich dem Deutschland der Nachkriegszeit, berichtet Kurt Oesterle. Er erzählt vom heranwachsenden Max, der "Reichtum", aber auch "Armut" seiner Familie war. Der in Tübingen lebende Oesterle kann seine schwäbische Herkunft nicht verbergen, es ist zu hoffen, daß das ihm nicht zum Nachteil gereicht. Die Erzählung beginnt recht brav. Kindheitserinnerungen, Kameradschaft, Auseinandersetzungen, Streiche in der "Geschwisterwelt".

Der kleine Max, der aufgrund seines ausladenden, wie Oesterle schreibt: "grandiosen" Schädels als Sorgenkind anzusehen ist, steht im Mittelpunkt. Ihm ist sein körperlicher Mangel, sein Defizit, sein Ungeschick bewußt. Max ist – soviel ist klar – durchaus sensibel und beobachtet mit Befremden die Auseinandersetzungen der Erwachsenen. Vieles versteht er nicht. Den erwünschten Fernseher bekommt er nicht, ansonsten wäre es ein "blitzblankes und kugelrundes Glück" gewesen. Das eine der gelungenen Formulierungen, davon gibt es leider zu wenige. Max versteht es, sich tatkräftig immer wieder nützlich zu machen. Und das Bedauern, kein Geschwisterchen zu haben, wird größer. Sprachlich ist die Erzählung zu bieder gestrickt. Auch wenn man ahnt, daß der Autor möglicherweise eine interessante Geschichte zu erzählen weiß (allerdings wohl eher auf längere Distanz), ist man eher gelangweilt. Auf der Kurzstrecke hat Oesterles Darbietung zu wenig Pfiff.

[Update: 16:50 Uhr]

Ursula März gibt eingangs zu bedenken, daß der Text nicht unterschätzt werden dürfe; naja, mal sehen, wie sie diese Einschätzung begründet. Ja, sicher, die Figur des kleinen, heranwachsenden Max, der sich gleich mit vier Erwachsenen konfrontiert sieht, ist nicht uninteressant. Martin Ebel applaudiert dem Text, der in der Adenauerzeit spielt, aber keine Muffigkeit, Verstaubtheit aufweise. Und Ebel fühlt sich an Hans-Ulrich Treichel erinnert, durchaus eine Auszeichnung. Er vermißt kleine Brüche, ist aber insgesamt angetan.

Sogar Ijoma A. Mangold beginnt mit lobenden Worten. Gesteht aber ein, daß die Gefahr von Langeweile bestehe, außerdem ist er irritiert, daß die ihm unbekannte Welt so überraschungslos erscheint. Iris Radisch kann den kleinen Anekdoten und fein beobachteten Schilderungen und Miniaturskizzen auch etwas abgewinnen, hält den Ton allerdings für zu "museal". Auch Klaus Nüchtern hat Zweifel, ob der Ton und Gestus tatsächlich authentisch ist. Er beschreibt zutreffend als "butzenscheibenhaft". Daniela Strigl hat am vermeintlich authentischen Sprachgestus nichts auszusetzen, sondern sieht darin durchaus ein Qualitätsmerkmal. Auch Ilma Rakusa findet das gemächliche Tempo und die sprachliche Gelassenheit gelungen. André Heiz stimmt voll und ganz zu und verbeugt sich tief vor der Gabe der genauen Wahrnehmung und ihrer Niederschrift. Abschließend setzt Cortino nochmals zu einem Loblied auf Oesterle an, der in einer Art "Teleskoptechnik" auf die lange zurückliegenden Begebenheiten blicke und aus der Distanz heran- und wieder wegzoome. Möglicherweise, so läßt sich schließen, ist der Text bei genauerem Hinsehen tatsächlich reicher und vielfältiger, als beim Vortrag zu erkennen war.

[Update: 17:25 Uhr]

Nun aber PeterLicht. Wie erwartet wird sich der eigenwillige Musiker und Autor nicht lesenderweise am Schreibtisch niederlassen, jedenfalls hat er gebeten, nicht beim Lesen gefilmt zu werden. Man erinnert sich an seinen legendären Auftritt bei Harald Schmidt und die Musikvideos, bei denen er sich zuweilen auch von einem Stuhl "doubeln" ließ.

Der Höhepunkt des Tages? Der lichtscheue Text- und Tonkünstler Peter Licht setzt zur wilden Assoziationsakrobatik an…

Es beginnt dadaistisch und mit einer Einlassung zum Kontostand, der sich nicht als befriedigend beschreiben läßt. Die Geldproblematik ist das Thema, früher gab es – so wird berichtet – Zeiten, in der er in seinem Minusgeld Kraul, Delphin oder sonstige Schwimmsportarten durchführen konnte. Nun wird dieselbe Vorgehensweise fortgesetzt, das Durchbuchstabieren von Zustandsbeschreibungen, die sowohl sie selbst sind, allerdings auch genauso ihre Variation und zum selben Zeitpunkt ihr Gegenteil. Das Sonnenlicht ist etwas getrübt, grau vielleicht und nun ja, eher ließ sich offenbar nicht von Helligkeit reden, es gab nur tiefe Schwärze. Peter Licht spielt weiter. Variiert schnell, springt, reiht Assoziationen aneinander.

Nun nimmt Licht die Kurve zur Liebe, in der man bis zum Hals steckt, die einen überschwemmt, wie der Monsunregen, der für schlammiges Hochwasser sorgt. Die Liebe aber, so die erste Schilderung, war ungetrübt. "Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends", die Licht vorträgt geht über in eine Skizze eines Idylls:

Aber meine Freundin und ich, es war einfach wunderbar. Wir liebten uns, wie es schöner nicht sein kann. Es war das reinste Wasser. Und das leichteste. Dies war die beste aller möglichen Zeiten, und wir waren mittendrin. Das Licht lag in großen Bündeln auf den Feldern. Ballen von Sonnenlicht. Und wir konnten uns soviel davon nehmen, wie wir wollten. Ja, wir lagen tatsächlich viel in Wiesen, und die Schmetterlinge ließen sich auf uns nieder, und der Himmel war groß, und ein Ende war tatsächlich nicht in Sicht.

Daß dieses Idyll nicht lange anhalten kann, ist klar. Unheil droht, das Sofa, das eigentlich ein gutes und bequemes ist, ist nämlich nicht brandneu. Es wies "Gebrauchsspuren" auf und: …

Es war echt ein total schönes Sofa. Ja gut, man konnte sehen, daß schon Leute drauf gesessen hatten, daß das ein oder andere Faserknötchen sich gebildet hatte, mein Gott, solche Sachen eben. Man hätte es noch gut verkaufen können, mit einem kleinen Abschlag vielleicht, aber ok (Wenn man gut verhandelt hätte aber schon fast wieder zum gleichen Preis). Allerdings, das muß man schon sagen, das Sitzen – oder das von mir ausgeübte leichte Geneigtsein, das ja meine angenehme Abendhaltung verursachte, war schon vielleicht einen Hauch zuviel, denn der Winkel, in dem ich mich auf dem Sofa positionierte, war – und das hing wohl mit der beginnenden Patinanähe zusammen – ein wenig, ein weniges Bißchen zu stark. Will sagen: es gab die leichte, ja gewisperte Tendenz, die nur geahnte Möglichkeit, über die Sitzkante hinwegzurutschen, im Sinne von: dem Sofa entgleiten.

Wenn man freilich genau darauf achtet, dann wird offenbar, daß die "Sitzkomfortintensität" Defizite aufweist. Und man hatte es kommen sehen:

Seinem Zustande nach war es nämlich sehr weit entfernt von einem regulären Gemütssofa. Der Bezug war aufgerissen, die Eisenfedern sprangen hervor, die Innereien quollen. Ein Gewölle aus synthetischen Schäumen, Wollfasern, Plastikknöchelchen, Preßspanmehl, Drähten und sonstigem ermüdetem Material. Ans Sitzen war gar nicht mehr zu denken. Auch ein halbgeneigtes Liegen war tatsächlich unmöglich, allein schon wegen der enormen Hitze. Die Eisenfedern glühten. Es roch unangenehm nach angesengten Polymerenketten und reinkarniertem Erdöl.

Licht findet zurück zu seiner ausweglosen, finanziell unbefriedigenden Lage. Das herbeiphantasierte Sofa beiseite gelassen, sieht er sich einem drohenden Schlund entgegen, der sich inmitten seines Zimmers auftut. Mehrere Waschmaschinen ließen sich darin versenken. Beobachtungen des desolaten Wohnungsinventars schließen sich an. Das Wohnungsumfeld, die Stadt, das Haus versinken in Detonationen. Licht ergeht sich in Schilderungen der Zerstörungen:

Es hatte zu brennen begonnen. Der Qualm, ein schwerer Atem auf direktem Weg in meine Augen und Lungen. Draußen brach die Dunkelheit über die Stadt. Ein letzter rötlicher Schimmer schien dem Himmel. Dann wurde es Nacht.

Im starken Kontrast zur vorhergehenden überbordenden, phantastischen Schilderung, die immer nah am kompletten Nonsense vorbeischrammt und auf Komik setzt, endet der Text mit einer Skizze der Apokalypse. Der Autor und Beobachter löst sich auf in einer "Welt der Verneinung", die negative Kraft der Welt wird negiert. Das "Ende jeder Hoffnung" mündet in das "gleichgeschaltete Reich der Traurigkeit". Und doch wieder wird dieses Szenario aufgelöst, doch nur ein Traum? Der Montagmorgen und das Frühstück und die Pläne für den Tag. Ein Rückblick, der dem eigentlich geschilderten, katastrophalen Szenario vorausgeht?

[Update: 17:40 Uhr]

Klaus Nüchtern bekennt: "Ich fand den Text unendlich komisch". Er geht allerdings davon aus, daß seine Jurykollegen ihn eines besseren belehren werden. Er weist richtigerweise auf das raffinierte Spiel von Tempo und Gelassenheit hin und ebenso richtig bemerkt er, daß die guten Texte von Helge Schneider hier durchaus Pate gestanden haben könnten. "Es ist einfach grandiose Literatur (…) und fröhliche Apokalypse."

Ijoma Mangold ist nur zerknirscht, daß ihm Klaus Nüchtern das ganze Lob schon vorweg genommen habe. Die Pointen sieht er überhaupt nicht als Selbstzweck, sondern verwoben mit Hinweisen auf zarte, untergründige Motive. Er erkennt treffend, daß der gesamte Text im Modus einer "schiefen Bahn" gearbeitet ist und immer weiter zur Apokalpse hin abrutscht. Irrsinn, Hysterie, Komik, Melancholie, alles ist hier miteinander kombiniert. Und Mangold endet mit dem Hinweis, daß er selbst glücklich sei, daß Licht den Weg von der Musik zur Literatur gefunden habe.

Auch Martin Ebel ist vorsichtig begeistert. Bleibt aber dezent skeptisch aufgrund der Verführungskraft des Autors. Nur durch die Figur der Erwartungsenttäuschung – so Martin Ebel – würde der Text nicht lange tragen, deshalb ist das Motiv des letzten Drittels, die Skizze der Apokalypse, unbedingt notwendig, sonst würde sich die anfänglich amüsante Figur der Erwartungsenttäuschung schnell verbrauchen. Iris Radisch richtet die Aufmerksamkeit darauf, daß hier auch ein gutes Stück Zeitdiagnose vorliegt. Einhellige Zustimmung unter den Juroren und freundlicher Applaus des Publikums.

Alle die, die PeterLicht als Geheimtipp angesehen haben, wurden also nicht enttäuscht. Die Darbietung war ausreichend eigenwillig, sein Gesicht – so hatte Peter Licht im Vorfeld gebeten – solle nicht gefilmt werden, Juroren und Publikum amüsierten sich aber köstlich. Dennoch wurde der Text nicht geziehen, es nur auf schnelle Effekte abgesehen zu haben. Sowohl Mangold, als auch Iris Radisch und abschließend Daniela Strigl gaben an, daß ihrem Verständnis nach hier Komik und Tragik fruchtbar ineinander verschränkt waren. Ob sich dieses Urteil auch in der Kandidatenkür niederschlägt, wird sich zeigen.


 

Wie bereits gestern wird auch heute in der Wissenswerkstatt das Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis 2007 bloggenderweise live begleitet. Die Beobachtungen der Vorgänge in Klagenfurt werden unmittelbar festgehalten und niedergeschrieben, es ist der Versuch die spontanen Eindrücke zu dokumentieren, auch auf die Gefahr hin, daß sich erste Urteile als falsch erweisen.

Wer zu den Zeitgenossen zählt, die sich keine Fernsehkiste leisten wollen oder wer sich einzelne Beiträge nochmals ansehen will, der sei auf die ausgezeichneten Audio- und Videomitschnitte hier verwiesen.

In der Blogosphäre waren heute auch wieder Juliette Guttmann, der Paperback Fighter und Janina vom Buchblog aktiv. Wenn es interessiert: reinklicken!


 

Die heutige Lesereihenfolge:

08 (09.00 – 10.00 Uhr) Silke Scheuermann
09 (10.00 – 11.00 Uhr) Ronald Reng
10 (11.00 – 12.00 Uhr) Dieter Zwicky
11 (12.00 – 13.00 Uhr) Michael Stavaric

12 (15.00 – 16.00 Uhr) Milena Oda
13 (16.00 – 17.00 Uhr) Kurt Oesterle
14 (17.00 – 18.00 Uhr) PeterLicht

 


 

Literaturempfehlungen zu den einzelnen Autoren:

Silke Scheuermann » 2001: Der Tag an dem die Möwen zweistimmig sangen | 2004: Der zärtlichste Punkt im All | 2005: Reiche Mädchen | 2007: Die Stunde zwischen Hund und Wolf | 2007: Über Nacht ist es Winter

Ronald Reng » 2002: Der Traumhüter | 2003: Mein Leben als Engländer | 2004: Gebrauchsanweisung für London | 2005: Fremdgänger

Dieter Zwicky » 2002: Der Schwan, die Ratte in mir | 2006: Reizkers Entdeckung

Michael Stavaric » 2005: Europa – eine Litanei | 2006: Stillborn | 2006: Gaggalagu. (Kinderbuch) | 2007: Terminifera

Milena Oda » 2007: Der Briefschreiber

Kurt Oesterle » 2002: Der Fernsehgast oder Wie ich lernte die Welt zu sehen | 2003: Stammheim. Der Vollzugsbeamte Horst Bubeck und die RAF-Häftlinge

PeterLicht » 2006: Wir werden siegen – Buch vom Ende des Kapitalismus | 2003: Stratosphärenlieder (CD) | 2006: Lieder vom Ende des Kapitalismus (CD)

Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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Kommentare

8 Reaktionen »

  • Gregor Keuschnig :

    Ich stehe fassungslos zu der einhelligen Lobhudelei des Licht-Beitrags. Ein schwadronierender, mit Scheinbedeutung aufgeplusterter Beitrag; ein Drogenrauschtext, der als Gesellschaftskritik gefeiert wurde. Wie arm muss deren Weltsicht sein, das schon als Kritik zu begreifen? Wenn die Strigl durch diesen Text erst gelernt hat, dass man alles behaupten kann, dann frage ich mich (1.) wo die Dame lebt und (2.) welchen Geisteszustand sie in Wirklichkeit hat.

    Da wird tagelang an jeder vielleicht nicht immer so gelungenen Formulierung herumgenörgelt und gebastelt (nicht zuletzt auch bei Schmidt), da werden Empfehlungen herausgegeben, um etwas vielleicht 150% zu erfüllen, da wird ausgeführt, was man eigentlich lieber gesehen oder erwartet hätte – aber wenn ein schnöseliger Medienpianist daherkommt und schiefe Bilder, falsche Sätze und pseudolustige Räusche hinrotzt, finden das alle toll.

    Da fühle ich mich an Ursula März’ Ausspruch von heute vormittag erinnert, die den banalen Scheuermann-Text damit verteidigte, dass sie meinte, einige Juroren (sie zielte auf Radisch) seien zu weit abgehoben, würden zu sehr einer hohen Literatur das Wort reden. Das stimmt dahingehend, dass sie, die Verfechter des “Authentischen”, der Plot-Seligkeit, banales Girlie-und Brigitte-Sprech (Scheuermann) schon als “Realität” feiern – sie schotten sich vermutlich in ihrem Privatleben vor solchen Trivialitäten gekonnt genug ab. Und es stimmt zum Zweiten, dass sie diesem verunglückten Stromberg-Epigonen Licht einen gesellschafts- und sprachkritischen Furor zusprechen.

    Und Corino kneift. (Und PeterLicht lacht sich kaputt.)

    Und Corino kneift.

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  • Marc :

    Ja, wirklich etwas befremdlich und bedauerlich, daß Karl Corino sich nicht äußern wollte. Ermüdet? Wollte er sich nicht als Spielverderber betätigen? Ebenso Ursula März, der ich auch einige kritische Töne zugetraut hätte.

    Allerdings teile ich Deine wütend-trotzige Generalkritik nicht. Man kann geteilter Meinung sein, ob Lichts Versteckspiel der Sache dienlich ist, aber ich verzeihe ihm diese Extravaganz. Nicht zuletzt deshalb, da ich ihn schon live erlebt hat und er sich keineswegs divenhaft inszeniert hat. Den Vorwurf des “schnöseligen Medienpianisten” möchte ich insofern doch zurückweisen. Mein Verdacht geht eher dahin, daß es sich doch um einen eher scheuen Zeitgenossen handelt, aber das ist ohnehin alles spekulativ.

    Den Text aber haben wir alle gehört und können ihn nachlesen. Ist es aber ein “Drogenrauschtext”? Sicher, er hat ekstatische Züge, es ist ein bisweilen selbstverliebtes Spiel, das sich zunächst selbst genügt, indem es eine Behauptung aufstellt, diese dann schrittweise zurücknimmt und letztlich in ihr Gegenteil verkehrt. Als “Erwartungsenttäuschung” wurde das bezeichnet und es ist handwerklich nicht schlecht gemacht. Es ist dabei jeweils eine Gratwanderung, der Balanceakt zwischen sprachlicher Artistik und Nonsense. Meistens gelingt das. Der Text war nicht schlecht, Licht kann es aber auch noch besser. Und die mittlere Passage mit dem sich als Fata Morgana präsentierenden Sofa, das dem tiefen Schlund im Zimmerboden weicht, ist wirklich gut. Außerdem ist der Text reicher, als man beim ersten Hören vermutet.

    Das ist mehr oder minder meine Meinung. In Lichts Text partout ein gesellschaftskritisches Moment zu sehen, erscheint mir gar nicht notwendig. In anderen Texten Lichts ist das offensichtlich, hier aber scheint es mir von den Juroren doch sehr bemüht. Und Daniela Strigl war in dem Moment einfach auf dem Holzweg. Das muß man verzeihen.

    Daß Jochen Schmidt gestern einen ebenfalls guten Text gelesen hat, der weniger auf die Knalleffekte denn auf subtile Konstruktionen setzte, ist auch richtig. Aber Licht gegen Schmidt auszuspielen, hielte ich dennoch für falsch. Ich schätze die Chancen im Hinblick auf die Preiswürdigkeit für beide gleich hoch ein. Lassen wir uns überraschen.

    [Auf diesen Kommentar antworten]

  • Gregor Keuschnig :

    @Marc
    Es ist ein beliebter Erklärungsversuch, Extravaganzen ganz gerne als Beleg für ein eher introvertiertes Wesen des Künstlers zu deuten. Meist stellt sich irgendwann heraus, dass das Gegenteil der Fall ist. Es handelt sich um eine wohlkalkulierte Massnahme, die einen Bedeutungsschub bringen soll. Damit soll der Text aufgewertet werden. Soweit noch geschenkt.

    Was soll der Text anderes gewesen sein als ein Drogenrauschtext? Vielleicht noch ein Traum. Aber um “realistische” Prosa handelt es sich doch wohl kaum. Wieso ist die Jury dem Motiv der Apokalypse verfallen und damit – m. E. vollkommen unberechtigt – religiöse Konnotationen angedeutet?

    Ja, natürlich, Lichts Prosatext “war nicht schlecht”. Ob er es besser kann, interessiert mich nicht – es geht um das vorliegende Stück. Aber “war nicht schlecht” steht ja schon in keinem Verhältnis zu den Lobeshymnen der Jury. Frau Radisch (die ihn ja vorgeschlagen hat) stellte heute abend noch einmal eine Singularität Lichts heraus (im Gespräch in “Kulturzeit”). WAS daran “singulär” ist, sagt sie nicht. Vermutlich, weil ihr die Vergleichsmöglichkeiten fehlen. Für jemanden, der nur van Gogh kennt, ist dieser natürlich auch “singulär”.

    Ich spiele auch nicht Licht gegen Schmidt aus. Ich habe nur eine unterschiedliche Herangehensweise der Juroren festgestellt. Ich hätte statt Schmidt auch Zwicky oder Oesterle nehmen können. Sorgfältig gearbeitete Prosastücke, die solange hin und her gewendet wurden, bis man ihnen formal noch etwas abziehen konnte. Ich erwarte, dass man die gleichen Instrumente bei allen anwendet, und nicht vor lauter Verzückung den kritischen Verstand an der Garderobe abgibt.

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  • Nudelsuppe :

    @Gregor

    Generell arbeitet Kritik so: ein Text gefällt einem oder nicht. Erst dann sucht man nach Gründen, warum das so ist.
    Die Gewichtung ist dabei unterschiedlich. Mich haut es bei groben handwerklichen Mängeln aus Texten ganz und gar heraus.

    PeterLicht gegen Schmidt auszuspielen halte ich für legitim; beide sind Vertreter des Passig-Phänomens und versuchen, es zu widerholen. Bei Jochen Schmidt fand ich die Passig-Übersetzung, ob nun gewollt oder nicht, mehr als offensichtlich. Bei PeterLicht nicht, obwohl der Text mit ähnlichen Mitteln arbeitete.
    Aber: beide waren handwerklich in ihrem selbst gesetzten Rahmen perfekt. Immerhin.

    Was man *selbst* von Literatur erwartet ist noch mal eine ganz andere Sache. Das betrifft vor allem die Gewichtung Handwerk, Inhalt, Ästhetik etc.

    Übrigens – ich bin ganz neidisch, Marc – auch wenn wir teilweise in Kleinigkeiten nicht konform geben, du schreibst für mich die beste und nachdenklichste Aufzeichnung und Kommentierung des Bewerbs, die ich bisher gelesen habe.

    Herzlichst,
    Marcel

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