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Bachmannpreis 2007 » Start, Einlaufen, Schaulaufen – Der 1. Tag

28. Juni 2007 | 10:14 Gelesen: 7422 · heute: 2 · zuletzt: 26. June 2017 6 Reaktionen

Die Autoren fiebern ihrem Auftritt, dem Beginn ihrer Lesung entgegen, die Kulturjournalisten des ORF sprechen ungelenk bemühte Sätze in Mikrofone und Kameras, die Jurymitglieder haben ausreichend Halspastillen bereitgelegt, um in den kommenden Diskussionsrunde ihren Argumenten auch Stimme verleihen zu können. Es ist soweit: der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb geht in seine 31. Runde.

Es sind wieder einmal die "Tage der deutschsprachigen Literatur", wie das Literaturspektakel in Klagenfurt heißt. Bis Samstag werden 18 Autoren ihre unveröffentlichten Texte vortragen, sie zur Diskussion stellen und die kritische Auseinandersetzung, lobende Worte und heftige Verrisse über sich ergehen lassen. Es geht um den Bachmannpreis, den mit 25.000 Euro dotierten Literaturpreis, der doch beachtliches Renommee abwirft. Daneben stehen weitere Preise, Trostpreise, die freilich die Teilnahme ebenfalls rechtfertigen.1

Das Bühnenbild wurde offenbar einer Kindertagesstätte nachempfunden. Immerhin ist es kein Malheur, wenn einer der Juroren sein Wasserglas umwirft – die Plastikmöbel halten das aus.

Das Bühnenbild, das oftmals selbst Gegenstand heftiger Diskussionen ist, überzeugt dieses Jahr (zumindest auf den ersten Blick) nicht. Ein überdimensionaler, in dezentem blau gehaltener Webteppich bildet den Hintergrund, was möglicherweise verzeihlich wäre. Rätselhaft ist, weshalb hinter einigen Jurymitgliedern eine Spiegelwand angebracht ist, hier sieht der interessierte Fernsehbeobachter, was er mit Sicherheit nicht sehen will. Rück- und Seitenansichten von Juroren, deren zerknitterte Hemden, die Stuhllehnen, zum Teil das Schuhwerk der Besucher, die in der ersten Reihe des ORF-Theaters sitzen. Ein befremdlicher Anblick. Wenig gelungen. Erstaunlich, daß man nicht zuvor überprüft, welches Spiegelbild aus der Kameraposition zu sehen sein wird.

Ebenso befremdlich die Auswahl und das Design der Tische auf der Bühne. Wurde das Mobiliar bei einer Schreinerei in Auftrag gegeben, die üblicherweise Kindertagesstätten ausstattet? Gut, die kubische Form tut niemand weh und die Plastikoberfläche schmutzt sicherlich nicht leicht ein; wenn im Eifer des Gestikulierens einer der Juroren sein Wasserglas umwirft, dann ist das hier kein weiteres Malheur. Aber mit Bühnenästhetik hat das nicht viel zu tun.

Die Jury, soviel kann auch festgestellt werden, tut sich schwer, sich zu – wenigstens für Literaturschaffende – fast noch nachtschlafener Zeit in fernsehtauglichem Format zu zeigen; müde Gesichter, Mißmut, Unausgeschlafenheit… mehr ist aus den Jurorengesichtern um 9:00 Uhr nicht herauszulesen. Und Ijoma A. Mangold, dem SZ-Literaturkritiker, wurde am heutigen Morgen zum Frühstück nicht nur kalter Kaffee gereicht, nein, auch die Nacht in seinem zugigen Zimmer muß eine Qual gewesen sein, und die durchgelegene Matratze ließ wohl keinen Schlaf zu. Armer Ijoma, wie ein Hund, dem man die Wurst wieder weggenommen hat, so blickt er in die Runde.

Jagoda Marinic hat die undankbare Aufgabe als Erste zu lesen. Sie liest ansprechend, angenehme Stimme, die Nervosität hält sich in Grenzen. Der Text? Nun ja, nichts, was man ihr vorwerfen könnte, eine Beobachtungsaneinanderreihungsgeschichte, eine Flaniererzählung. Sehr konventionell. Nicht frech, nicht mutig. Einfach dahinerzählt, hier und da ein paar nette Sätze. Hier und da ein frecher Seitenhieb. Aber sonst? Erschreckend gewöhnlich…. mal sehen, was die Jury weiß.

[Update 11:00 Uhr]

Jagoda Marinic muß zuerst ins Rennen. Sie schlägt sich – verhältnismäßig – tapfer. Insgesamt geht der "Bewerb" dieses Jahr etwas müde los…

Der Text von Jagoda Marinic wurde (kaum überraschend) durchaus kontrovers diskutiert; an der sprachlichen Darstellungsweise hatte kaum jemand etwas auszusetzen, hier fand sich durchaus Lob. Sauber gearbeitet sei es gewesen, was v.a. André Vladimir Heiz betonte. Der ansonsten wenig engagierte Ton, der mehr oder minder vor sich hin plätschernden Erzählung stieß aber nicht nur auf Gegenliebe. Ijoma Mangold war es, der als erster reklamierte und darauf verwies, daß der Text in seiner nüchternen Abgeklärtheit kaum zu begeistern versteht. Eine gewisse Wut hätte er sich gewünscht, ein gewisses provozierendes Element und nicht nur – so konnte man diesen Kritikpunkt verstehen – affirmative, beobachtende Plauderei. Hier und da ein paar süffisante Bemerkungen über Hüftknochen, die wie Kleiderbügel aus der Hüfte herausragen… das ist möglicherweise zu wenig.

Christian Bernhardt las im Anschluß ebenfalls sauber und unaufgeregt. Inhaltlich deutlich ambitionierter, sprachlich aber ebenfalls zurückgenommen. Wenig Extravaganz, so ist wenigstens für diese beiden ersten Autoren festzustellen. Bernhardts Text ist im übrigen mit "was sie hier haben" betitelt und hier nachzulesen. Und auch der Beitrag "Netzhaut" von Jagoda Marinic ist inzwischen online gestellt.

In der Diskussion fand der Einkaufsbummel im Zeitalter des Terrorismus wieder ein geteiltes Echo.

Das Shampoo ist mir ausgegangen, aber ich will nachher neues kaufen,
dieses Shampoo, das ich schon öfter gekauft habe, "Totes Meer" steht da
in dicken blauen Buchstaben auf die Flasche gedruckt.

Der Kauf des Shampoos ist der rote Faden, der sich durchzieht. Iris Radisch empfand wenig anderes als gähnende Langeweile. Nicht inspirierend, der sprachliche Gestus belanglos. So ihr Urteil. Dieses Urteil fand nicht nur Zustimmung, v.a. Klaus Nüchtern, der Bernhardt vorgeschlagen hatte, machte sich am Ende stark für seinen Kandidaten. Der unaufgeregte Tonfall, dieser unengagierte Sound, sei – so Nüchterns Feststellung – gerade die Leistung des Textes.

Weiter geht es nun mit dem Berliner Jochen Schmidt, der auf der "Chaussee der Enthusiasten" flaniert und in der Blogosphäre durchaus einige Freunde hat. Man darf gespannt sein.

[Update: 11:25 Uhr]

"Es gibt viele Gründe, die Erde zu verlassen, aber wenig Mittel. Das Schöne an der Schwerelosigkeit ist, daß man in ihr so wenig Menschen begegnet."

Bebachtungen eines Kosmonauten sind es, die Jochen Schmidt vorträgt. Gespräche mit Festkörperphysikerinnen, die Schwierigkeiten des Kosmonautentrainings und andere Extremerfahrungen sind der Inhalt. Es beginnt vielversprechend, inhaltlich voller Witz. Sprachlich aber ebenfalls eher mutlos. Der Titel "Abschied aus einer Umlaufbahn" ist allerdings sehr schön. Und Jochen Schmidt beglückt uns immerhin mit dem bislang besten Satz des Tages:

"Manche Menschen gehen nie an ihre Grenzen, sonst würden sie mich dort stehen sehen."

Mehr davon!

Das ist Literatur-Rock’n’Roll. Jochen Schmidt nimmt uns mit bis an die Grenzen der Umlaufbahnen.

[Update: 11:45 Uhr]

Jochen Schmidt hat seine Lesung beendet. Hier, hier und da wurde mitgefiebert. Eines steht fest: dieser Text hatte deutlich mehr Elan, deutlich mehr Struktur und wußte zumindest in einigen Passagen zu glänzen. Die Beobachtungen aus der Ich-Perspektive des Weltenfliehers, der sich dem Beziehungsfrust und anderen Zumutungen entzieht, sind mitunter durchaus charmant. Es ist Rock’n’Roll, was Schmidt bietet.

Er gefällt sich selbst im Ausprobieren von Möglichkeiten und es sind viele kleine Miniaturbeobachtungen darunter, die viel Applaus verdienen. Vielleicht ist die Textstrecke, also die 30min. die erzählt werden soll, für Schmidt ein wenig zu lang. Nach dichten, phantasievollen Absätzen werden wieder eher fade Passagen angeschlossen. Aber immerhin: es sind scharfe, intelligente, ironische Sätze und Gedanken, die Jochen Schmidt in seinen Text einfügt… und manche Gedanken sind es bestimmt wert, nochmals bedacht, neu gelesen zu werden. Mal sehen, was die Jury meint…

[Update: 12:10 Uhr]

Karl Corino ist sehr angetan und stellt zutreffenderweise fest, daß die hochintelligenten Einlassungen endlich Spaß gemacht haben. Auch die anderen Juroren zeigen sich vorsichtig begeistert. Auch bloggende Kollegen sind voller Zustimmung.

Martin Ebel schätzt den Humor, die solipsistische Perspektive. Ijoma Mangold etikettiert mit "erkenntnistheoretische Burleske". Schön gesagt! Mangold, dieses Jahr zum ersten Mal als Juror dabei, scheint jetzt schon ein Gewinn zu sein. Seine Interpretationsvorschläge sind mehr als bedenkenswert. Er lobt die Pointen, formuliert aber den Verdacht, daß Schmidt teilweise unter seinen Möglichkeiten bleibt. Aber er resümiert: "Es ist ein brillanter Text." Selbst Iris Radisch findet wenig auszusetzen, stellt aber die Frage, ob die komischen Qualitäten die fehlende Substanzialität ("Das Gewicht der Welt") entschuldigen.

Schließlich geben auch André Heiz und Ursula März ihre wohlwollende Einschätzung zu Protokoll. Der einzige Einwand zielt auf die Problematik, die sich durch die autistische Grundstruktur, i.S. der Loslösung des freischwebenden Kosmonauten, ergibt. Möglicherweise seien die Möglichkeiten dieser Perspektive eben doch limitiert, wie Irma Rakusa einwendet. Und – das zuletzt – die Gefälligkeit des Textes, könnte ihm schließlich als Defizit angerechnet werden, er ist möglicherweise zu leicht, zu süffig und es fehlen die Brüche. Spitzfindigkeiten wie ich meine, bislang unbestritten der beste Text.

[Update: 12:40 Uhr]

Wenig inspirierend, wenig erbaulich was Andrea Grill vorträgt. Man hat das Gefühl, als hätte man so etwas schon dutzende Male gelesen. Die Motivation bleibt mir verschlossen. Es ist mir eher rätselhaft, was intendiert war oder worin hier die sprachliche Exzellenz liegen soll. Ich warte auf das Urteil der Fachleute…  

[Update: 13:05 Uhr]

Ich bin beruhigt, auch die Literaturwissenschaftler und professionellen Kritiker haben große Probleme. Karl Corino kommt nicht umhin, den Text belanglos und unendlich langweilig zu nennen. Er bemüht sich letztlich um ein versöhnliches Fazit und ringt sich zur Formlierung durch, daß die Autorin "weit unter ihren Möglichkeiten" geblieben sei. Iris Radisch scheut sich nicht vor klaren Worten: es sei, so Radisch, "ein vollkommen mißlungener Text". Dem ist, finde ich, kaum etwas hinzuzufügen.

Es gibt Texte, für die noch das Attribut "belanglos" ein zuviel an Lob bedeutet.

Die Diskussion bewegt sich nur um die Frage, ob Andrea Grills Beitrag als schlicht belanglos und vielleicht sogar abgrundtief schlecht einzustufen ist oder, ob sich das vernichtende Urteil daraus erklärt, daß gewisse kompositorische Elemente nicht nachvollzogen werden konnten. Auf den Punkt gebracht: man kommt kaum umhin, den Text als mißlungen zu bezeichnen. Entschuldigend könnte man nur vorbringen, daß möglicherweise die Raffinesse sich dem Zuörer nicht erschloß. Nun ja, das freilich läßt sich auch für jeden noch so gescheiterten literarischen Versuch behaupten. Die Trostlosigkeit des Jury-Einverständnisses wird nur genau einmal durch eine bezaubernde Formulierung von Irma Rakusa durchbrochen, sie stellt fest: "Wir hören mit den Ohren." Keine dezidiert neue Erkenntnis, aber schön gesagt.

[Update: 14:55 Uhr]

Die Mittagspause ist vorbei und nun steht voraussichtlich ein sprachlich raffinierterer Text von Jörg Albrecht auf dem Programm. Der 26-jährige Jörg Albrecht sieht sich selbst als Außenseiter. Die Jury, so seine Einschätzung, wird mit seinem eher unkonventionellen Text eher Probleme haben. Neopunk- oder Postpopliteratur sind Etiketten, die man Jörg Albrecht anheften kann, aber nicht muß.  Der Text selbst ist natürlich unveröffentlicht, allerdings – und das ist nicht uninteressant – gibt es auf seiner Website "fotofixautomat.de" bereits die Fortsetzung davon:

"(…) Eine Person und ein ganzer Platz aus kleinsten Spiegeln, und egal wohin du schaust, du wirst immer dich sehen, egal wohin, immer wirst du da sein, nein. Nein nein. Schlag dir vor den Kopf. Schlag das Lid auf. Schlag das Auge blutig. Das wirst du schaffen, gerade noch/gerade nicht schaffen, denn. Das Geräusch der Faust, wie sie zielt, wie sie zuschnellt auf das Lid, dies Geräusch. Das Auge hört mit. Gerade nachts hört das Auge mit, wenn er anruft. Nachts, wenn ich kein Klingeln höre, ruft er mich an und bespricht das Band, [turn the tape on], ein Klingeln, unhörbar, nachts, eine Stimme die nur auf dem Band der Maschine zu hören ist, nicht zum ersten Mal, nicht zum zweiten, nicht zum letzten Mal ruft er an. Wie er mich in Unordnung bringt, ein Wort nach dem anderen, ich will erzählen, aber ich schaffe die Strecken nicht, über kurze Strecken, über mittlere, über weite muß ich erzählen wie im schweren Traum, da er atmet, in mein Ohr, ruft mich an, Ich werde die Geschichten herauszwingen, werde dich zum Erzählen bringen, werde dich in Unordnung bringen, … (…)"2

Die Sprache von Jörg Albrecht pulsiert im Gleichtakt mit den Wahrnehmungsfetzen, die ihm zufliegen, sich ihm einprägen, einschreiben in die Sinnes-Seh-Hör-und-Fühl-Apparatur. Atemlos notiert, re-konstruiert und inszeniert er sein literarisches Gegenstandsfeld. Eingeladen wurde er von der schweizerischen Autorin und Publizistin Ilma Rakusa. Albrecht selbst wuchs in Bonn auf, studierte in Bochum und Wien und – wer seine Texte genau liest, kann darob kaum verwundert sein – beschäftigte sich in seiner Magisterarbeit mit Rolf Dieter Brinkmann. Im Spätsommer 2006 erschien Albrechts Debütroman "Drei Herzen" im Wallstein Verlag.

Nun aber bin ich gespannt, was und wie Albrecht liest…

[Update: 15:30 Uhr]

Endlich ein Vortrag, ein Text, der kontroverse Diskussionen verspricht. Jörg Albrecht hat immerhin den Mut sich von gesicherten stilistischen Bahnen zu entfernen. Er liest stehend, es ist Text-Sampling. Die Bewußtseins-Schnittstelle wird angezapft und Albrecht protokolliert, was in den hybriden Welten zwischen Realität und ihrer virtuellen Spiegelung und Vervielfältigung abläuft. Er dokumentiert den Wechsel zwischen divergierenden Wirklichkeitsebenen, die Sprünge, die Konfrontationseffekte, wenn sich die User in ihre schwarzen oder weißen Boxen vertiefen und sich selbst am Ende nicht mehr von ihren konstruierten Web- und Musikidentitäten unterscheiden können.

Die Sprache ist rhythmisch gebaut, es dominiert Sampling, die Geschwindigkeiten und Wiederholungsschleifen wechseln sich ab. Ein interessanter Versuch, die Frage ist nur, was jenseits des Versuchs die Web2.0-Realität in der Sprache abzubilden, nachzuahmen und die Bewußtseinsströme nachzuverfolgen übrig bleibt. Ist dieses experimentelle Spiel nicht nach 10-15 Minuten zur Genüge aus- und totprobiert? Mit anderen Worten: Trägt diese Text-Modul-DJ-Collage, dieses Remix von Beobachtungen und Musikzeilen länger? Wo ist die Substanz jenseits der netten sprachlichen Selbstgefälligkeit? Ist die Beschreibung von Oberflächenstrukturen tatsächlich plausibel oder konstruiert der Text nicht eine vorgebliche Realität, die er nachzuahmen vorgibt. Was sagt die Jury?

[Update: 16:00 Uhr]

Jörg Albrechts Vortrag und Text ist engagiert. André Heiz hat Probleme und formuliert seine Bedenken, daß möglicherweise die Atemlosigkeit des Vortrages darüber hinwegtäusche, daß die Intention und Substanz fehle. Und er stellt die berechtigte Frage, wie der Text wirken würde, wenn er langsam vorgetragen würde. Iris Radisch zweifelt daran, ob hier der Zeitgeist präsentiert wurde. Sie verortet den Textversuch weniger am Puls der Medienwelt denn als banales Wiederkäuen von seit Jahrzehnten bekannten Standpunkten.

Ijoma Mangold fand sich gut unterhalten, aber eben vorrangig durch die Vortragsweise und die Performance; das sei eine "nette Gehirnmassage" gewesen. Gerade die Schnelligkeit und Hektik des Vortrags erweckt bei Mangold allerdings eine gewisse Skepsis. Zur exegetischen Arbeit – so sein Verdacht – eignet sich der Text nicht. Corino bemängelt die Effekthascherei des Textes. Der Text verweigere jede Rezeption, er sei nicht zu verstehen. Abschließend versucht sich Irma Rakusa an der Ehrenrettung ihres Kandidaten. Sie betont die hohe Musikalität und sie insistiert darauf, daß der Text auch funktioniere, wenn man von der Vortragsweise absehe. Ursula März attestiert dem Text eine Qualität hinsichtlich seiner akustischen Darbietung, ansonsten kritisiert sie die Vernebelungssemantik, die sich im Namedropping gefällt und durch Verweise eher verwirrt, als aufklärt.

[Update: 16:35 Uhr]

Nun wird wieder erzählt. Fridolin Schley liest einen Auszug aus "Unannehmlichkeiten durch Liebe". Die Lesung selbst, Intonation und Rhythmus lassen zu wünschen übrig. Sprachlich findet Schley immer wieder nette Bilder, inhaltlich dreht es sich um die Nacherzählung des Sommerstrandurlaubs von Nele und Brand, der dem Ich-Erzähler seine Erinnerungen anvertraut hat. Es ist die retrospektive Bemühung, die Entfremdung zwischen Nele und Brand nachzuvollziehen und die Stationen des Beziehungsfrustes nachzuzeichnen. Schley formuliert genaue, richtige Schilderungen des Prozesses des Entliebens, der allerdings einseitig von Nele ausgeht. Insgesamt zwar angenehm, aber doch wenig originell. Am Ende wird Nele, offenbar von Depressionen gepeinigt, die sie vor ihrem Freund immer geheim gehalten hatte, vorübergehend verschwinden. Aber auch ihre Rückkehr wird die Beziehung nicht wieder auffrischen können. Es ist der Abgesang auf eine Beziehung, die – wie man erfährt – inzwischen dreißig Jahre zurückliegt. 

[Update: 16:50 Uhr]

Klaus Nüchtern ist amüsiert ob des Gegensatzes zwischen der Atemlosigkeit des Albrecht-Textes und der klassischen Form der Erzählung von Fridolin Schley. Dessen Dramaturgie gefällt ihm recht gut. Corino gesteht zu, daß er die Geschichte in der Tradition psychologischen Erzählens sehe und als handwerklich gut gemacht erachte. Martin Ebel fällt in das allgemeine zustimmende Gemurmel ein. Iris Radisch schert aus und bekundet ihr Mißfallen. Schablonenhaft sei der Text und nicht authentisch. Der Seminarton stieß ihr sauer auf und die Schilderung der zerbrechenden Liebe ist in den Augen von Iris Radisch nur wenig gelungen.

Ijoma Mangold wirft sich für den von ihm eingeladenen Schley in die Bresche; er erkennt im Text eine melodramatische Ebene und gerade ihre konsequent durchgehaltene Konventionalität sei eine beachtenswerte Leistung.

[Update: 17:30 Uhr]

Auf eine eigentümliche Reise entführt uns Lutz Seiler mit der Lesung einer Passage aus seinem längeren Prosatext "Turksib". Das ist alles nicht virtuos, alles nicht extravagant. Aber Sailer gefällt mit der Geschichte, die er uns erzählt. Die Mitreisenden, die auf den Schienen dahinrasende Eisenbahn, die Eisblumen, die sich wie ein Ekzem über die eiserne Haut der Wagons ausbreiten und schließlich das Zusammentreffen mit dem Heine deklamierenden Heizer der Eisenbahn. Es ist eine befremdliche Welt und wie Seiler erzählt ist einnehmend. Man möchte gerne mehr hören und erfahren von diesen Erlebnissen bei der Reise durch die Steppe eines Nirgendwo. Seiler findet einen eigenen Ton. Der Text hat einen eigenen Charakter, soviel kann man zweifelsfrei sagen.

[Update: 17:55 Uhr]

Karl Corino beginnt mit einem verhaltenen Lob, stilistisch halte er den Text für sehr gelungen. Iris Radisch fühlt sich an mythen- und märchenhafte Erzählungen erinnert. Und sie sieht einen Abgesang auf eine zwar noch gegenwärtige Welt, die aber – nicht zuletzt, da die Reise durch ein atomar verstrahltes Gelände führt – von einem eurozentrischen Standpunkt aus fremd erscheint.

Für Martin Ebel ist die Erzählung, die uns aus der kasachischen Einöde berichtet, eine Surrealisierung der Reise mit der Turksib, dieser Eisenbahn, die für ihn die eigentliche Hauptdarstellerin ist. Genauso begeistert zeigen sich Daniela Strigl und auch Ilma Rakusa; sie hebt die Präzision hervor, mit der die Beobachtungen ausgeführt und dargestellt werden. Sie betont die "Tiefe und Vieldimensionalität", die aus einer tatsächlich vorstellbaren Begebenheit eine märchenhafte Geschichte macht. Klaus Nüchtern fühlt sich an Kafka erinnert, was, wie er gesteht bei fast allen Texten angebracht werden könne. Allerdings liegt er hier vermutlich nicht ganz falsch. Ijoma Mangold sieht in diesem Text den Versuch von interkultureller Kommunikation mit einem gewissen Augenzwinkern aufgelöst und "burlesk" scheint zumindest am heutigen Tag zu seinem Lieblingsvokabular zu zählen. Er gibt aber zu bedenken, daß die Intensität der Eindrücke, die sich olfaktorisch, geschmacklich, sinnlich aufdrängen zwar in einer kurzen Lesung beeindruckend sind, aber sich möglicherweise innerhalb eines längeren Textes erschöpfen. André Heiz ist fasziniert, bewundert die Erzählstruktur, nennt den Text handwerklich brillant und inhaltlich voller Reichtum. 

Abschließend weist Frau Strigl auf die Parallelität von Ekel und Erotik hin. Der abstoßende Heizer übe dennoch eine erotische Faszination aus. Und André Vladimir Heiz spricht das Schlußwort und konstatiert: "Es war grandios!"3

 


Die Wissenswerkstatt wird die Lesungen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs begleiten, beobachten und protokollieren. Es ist ein Versuch ohne Netz und doppelten Boden, noch während des Vortrags werden Einschätzungen und Beobachtungen niedergeschrieben, es wird sich zeigen, ob die Urteile im Anschluß durch die Jury Bestätigung finden.

Die Lesungen fanden heute in folgender Reihenfolge statt:

1 (09.00 – 10.00 Uhr) Jagoda Marinic
2 (10.00 – 11.00 Uhr) Christian Bernhardt
3 (11.00 – 12.00 Uhr) Jochen Schmidt
4 (12.00 – 13.00 Uhr) Andrea Grill

5 (15.00 – 16.00 Uhr) Jörg Albrecht
6 (16.00 – 17.00 Uhr) Fridolin Schley
7 (17.00 – 18.00 Uhr) Lutz Seiler 

 


 

Literaturempfehlungen zu den einzelnen Autoren:
 
Jagoda Marinic » 2006: Russische Bücher. Erzählungen  | 2003: Eigentlich ein Heiratsantrag

Christian Bernhardt » 2004: tagelang 

Jochen Schmidt » 2000: Triumphgemüse  | 2002: Müller haut uns raus  | 2003: Seine großen Erfolge |  2005: Chaussee der Enthusiasten  |  2007: Meine wichtigsten Körperfunktionen

Andrea Grill » 2005: Der gelbe Onkel  | 2007: Zweischritt

Jörg Albrecht » 2006: Drei Herzen

Fridolin Schley » 2001: Verloren, mein Vater  |  2003: Schwimmbadsommer

Lutz Seiler  » 2000: pech & blende  |  2003:  vierzig kilometer nacht  |  2004: Sonntags dachte ich an Gott  |  2005: Die Anrufung.  |  2006: vor der zeitrechnung (Hörbuch) 

 


 

Wer kein Fernsehgerät sein eigen nennt, kann hier mittels Mediaplayer die Übertragung ansehen.

 


In der Blogosphäre beschäftigen sich auch Juliette Guttmann, MezzoSopran, der LokBlog und der HöhereWeltenBlog mit dem Bachmannwettlesen.

Außerdem sei noch auf meinen Artikel "Szenen aus dem literarischen Soziotop" im Kulturteil des Focus verwiesen.

  1. Ein Telekompreis, der 3sat-Preis, der Ernst-Willner-Preis und schließlich der Publikumspreis, für den am Samstag per Mail abgestimmt werden darf, versüßen die Plätze 2-5. []
  2. Wenn es interessiert: unter der Texte|Lesen-Rubrik findet man unter "Kurzprosa" den kompletten Text: "//Blutspritzer//Silberstreif//" []
  3. An anderen Orten – wie hier der PaperbackFighter – wird Lutz Seiler bereits jetzt eine hohe Gewinnchance und Favoritenrolle attestiert. []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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