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Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2007 » Das Soziotop. Die Kritik. Die Autoren. Wir werden siegen.

19. Juni 2007 | 16:06 Gelesen: 8854 · heute: 4 · zuletzt: 21. August 2017 1 Reaktion

Habe ich schon verraten, daß ich große Sympathien für den alljährlichen "Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb" hege? Ja, genau dieses sagenumwobene, belächelte, gefürchtete und letztlich immer noch renommierte Schaulaufen bzw. eher Schaulesen deutschsprachiger Autoren an den Gestaden des Wörthersees.

Ach, ich gestehe: ich war noch nie dort, aber ich stelle es mir wunderbar vor.
Die Junisonne brennt noch nicht so erbarmungslos heiß, wie sie es einige Wochen später tun wird. Der See glitzert und wirft sanft-plätschernde Wellen an die Ufer. Diese Hintergrundmusik wird komplettiert vom aufgeregten Raunen des bibliophilen Publikums, das die Lesung des jeweiligen Autors diskutiert. Es ist ein Idyll.

Im Schatten von sanft sich im Wind wiegenden Baumriesen lässt es sich bestimmt vortrefflich über die Texte, Literatur im allgemeinen und sicher auch über Weltpolitik und die großen Fragen des Seins diskutieren. Ich muß also unbedingt mal nach Klagenfurt. Wenn nicht dieses, so doch spätestens nächstes Jahr. Denn was zu sehen und zu erleben ist dort immer. Ich erinnere mich noch an die Wettbewerbe von vor 10 Jahren als der wunderbare Peter Demetz der Jury vorsaß.

Alle Jahre wieder: Wettlesen in Klagenfurt. Wann trifft man sonst so viele eitle, selbstgefällige Herrschaften?

Und Iris Radisch war damals auch schon dabei und bereicherte das Expertengremium um einige extravagante Farbtupfer. Ich fand die Radisch ja damals immer etwas vorlaut und wahrscheinlich ist sie es heute noch. Heute freilich darf sie das. Literaturchefin der Zeit. Respekt. Und Juryvorsitzende ist sie inzwischen auch. Eigentlich kommt es in Klagenfurt und beim Wettlesen um den Bachmann-Preis ja weniger auf die Autoren als auf die Jury an. Wann trifft man schon so viele eitle, selbstgefällige Herrschaften, die in jeder Diskussionsrunde aufs Neue ihre Belesenheit und kritische Kompetenz unter Beweis stellen müssen?

Es ist herrlich: die Autoren sind ja allesamt von einzelnen Jurymitgliedern vorgeschlagen bzw. "eingeladen" worden, wie die offizielle Sprachregelung ist. So sind die Juroren also alle auf ihre Weise "Paten" einzelner Wettbewerbsteilnehmer und wehe, der Text eines ihrer Kandidaten erweist sich als dröge. Das mitleidige Lächeln der anderen Jurymitglieder, deren beißender Spott und vernichtende Kritik an die Adresse des Autors, auf den man ja offenbar selbst große Stücke hält und der nun vor großer Kulisse so jämmerlich versagt. Sogar als Beobachter der Szenerie möchte man im Boden versinken. Mitsamt Autor, mitsamt seinem bedauernswerten Paten. Klagenfurt ist immer eine Probe aufs Exempel der Empathiefähigkeit der Zuseher. Und die Begrifflichkeit "mitleiden" ist hier wörtlich zu verstehen.

Diskurshoheit 

Es ist kaum ein spannenderes Anschauungsobjekt vorstellbar, an dem sich das Amalgam von Prestige, Profession, Verletztlichkeit und Streitlust trefflicher studieren ließe. Vermutlich befinden sich im Publikum auch kaum Personen, die an den Texten und den Vorlesern interessiert sind. Es dürfte sich nach meinem Dafürhalten fast ausschließlich um Soziologen und Ethnologen handeln. Weniger Habermas-Anhänger, eher deren Antipoden, die sich weiteres Material erhoffen für ihre These, daß nicht das bessere Argument im Diskurs letztlich obsiegt, sondern List, strategische Koalitionsbildung und rhetorisch-theatralische Darstellungskunst letztlich den Sieg bringen.

Wen interessieren schon die Texte?! Ränkespiele, strategische Koalitionsbildung und Trotzreaktionen. Die Jury bietet "großes Theater".

Unterhaltsam ist das aber allemal. Allerdings ist die Jury doch ein wenig ein Problem in den letzten Jahren. Etwas farblos sind sie geworden, die sorgsam argumentierenden literarischen Maniacs. Wie gesagt, früher als Reich-Ranicki krächzte und der mittelalte Karasek ebenfalls mit von der Partie war, damals begründete sich der Ruf von Klagenfurt. Später dann ging es ausgewogener und dezenter zu: wer einmal dem schweizerischen, rätoromanischen Literaturwissenschaftler Iso Camartin beim Reden zusah, weiß, was es mit der Verfertigung der Gedanken beim Reden auf sich hat. Es war, ohne jeden Spott, zauberhaft. Und überhaupt: "I-so Ca-mar-tin", was für ein Name. Und nicht einmal von mir erfunden, sondern einfach so anzutreffen als Mitglied der Klagenfurter Jury. 

Zaungäste und Außenseiter: Die marginale Rolle der Autoren

Die Autoren, ich hoffe, das wurde durch die bisherigen Ausführungen deutlich, sind sekundär. Wirklich! Erinnert sich irgendjemand an einen der Preisträger der letzten Jahre? Ich selbst erinnere mich, daß Georg Ringsgwandl vor einigen Jahren dort zum lesen gebeten war. Mit seiner volkstümlich-derben Sottise, die sich – wenn ich mich recht entsinne – um den Alltag eines Klempners drehte, der seine Kundschaft abzockt, also mit dieser grobschlächtig daherkommenden Erzählung hatte Ringsgwandl keinen großen Erfolg. Man könnte auch sagen, er ist durchgefallen. Aber die melancholisch-wütenden Lieder, die der Musikkabarettist und Liedermacher Ringsgwandl abseits der Literaturbühnen zum besten gibt, sind dennoch hörenswert.

Aber man sieht: der Jury sind Prominenz und akademische Titel gleichgültig. Nicht einmal, wenn sie an medizinischen Fakultäten erworben wurden. Ringsgwandl ist nämlich so einer, ein Kardiologe nämlich. Genauso wie Feridun Zaimoglu. Ja, genau: der "Kanak Sprak"-Autor, der mal in Kiel, dann wieder in Berlin lebt und sich ursprünglich mal als Arzt betätigen wollte. Hätte er besser mal getan, dann hätte er sich zumindest den Ärger erspart, den er sich letztes Jahr als Literaturschaffender eingehandelt hatte. Ob sich die Frage jemals geklärt hat, ob und in welchem Sinne er sich den Stoff seines Romans "Leyla" von der Autorin Özdamar und ihrer "Karawanserei" geliehen hatte, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß Zaimoglu immerhin mit dem Jurypreis ausgezeichnet wurde. 2003 war das. Und irgendwann dann hat er übrigens zusammen mit seinem Kumpel Günter Senkel auch eine sehr löbliche Neuübersetzung einiger Shakespeare-Texte vorgelegt. Der Othello in der Zaimoglu/Senkel-Fassung ist jedenfalls absolut empfehlenswert.

Blut, Boden, Spiegelfechtereien 

Leider ist mir der Auftritt Zaimoglus in Klagenfurt nicht wirklich in Erinnerung geblieben. Er hätte sich besser an den Protagonisten der Shakespearschen Dramenwelt orientiert; ein, zwei Jurymitgliedern frech mit dem Säbel drohen, vielleicht eine kleine Fechteinlage, das wäre schon etwas gewesen. Und mit Blutströmen, die sich über Leser, Manuskripte und das halbe Podium ergießen, haben die beim Bachmann-Preis ja Erfahrung. Rainald Goetz war es, der seine Performance 1983 solchermaßen zu eben diesem machte: zu einer Performance mittels Rasierklinge und rotem Blut auf weißem Papier. Man sollte also auf alles vorbereitet sein.

Weißes Papier, schwarze Tinte, rotes Blut. Seit Rainald Goetz ist Klagenfurt immer für einen Aufreger gut.

Vielleicht ist ja doch von dem einen oder anderen Autoren etwas Spannendes zu erwarten. Denn auch wenn, wie oben dargelegt, die Jury die Hauptrolle spielt, so sind die lesenden Herrschaften durchaus für Überraschungsmomente gut. Das wollte ich niemals ausgeschlossen haben. Der Sieger des diesjährigen Wettbewerbs, der nächste Woche (27.6.-1.7.) stattfindet, steht übrigens schon fest. Es sind also nicht nur die Grimme-Preis-Menschen, die die Ergebnisse nicht geheimhalten können.1

Den Ingeborg-Bachmann-Preis 2007 wird nämlich Peter Licht mit nach Hause nehmen.2 Nur so, vielleicht interessiert es ja einen. Und ja, Peter Licht ist genau derjenige, der vor einigen Jahren für den dezent unaufdringlichen Sommerhit verantwortlich war, dessen Titel ich hier nicht verraten werde. Dann irgendwann sorgte das Chamäleon Licht nochmals für Aufsehen als er konsequenterweise einen kopflosen Auftritt bei Harald Schmidt hinlegte. Ja, schon lange her, ich weiß. Und eben dieser Musiker und Textmensch Peter Licht wird nächste Woche beim "Bachmann-Bewerb" – wie es im charmant österreichischen Zungenschlag tönt – lesen. Wer sein vorzügliches Album mit "Liedern vom Ende des Kapitalismus" vom Vorjahr kennt, der weiß, was von Peter Licht zu erwarten ist. Vieles. Der Sieg. Nein, er wird für uns alle mitgewinnen: "Wir werden siegen!"

 

 


Zu guter Letzt: Der Link zum Wettbewerb, der offiziell auf den umständlichen Namen "31. Tage der deutschsprachigen Literatur" hört.

[Update] Die Protokolle des Live-Blogs zu den Lesungen und Diskussionen sind hier zu finden: 1. Tag | 2. Tag | 3. Tag | Preisverleihung

Und abschließend für alle, die dem literarischen Punk Rainald Goetz dabei zusehen wollen, wie er sich die Stirn aufschlitzt, hier dieses Zeitdokument aus dem Jahr 1983: 

 

  1. Wie zu lesen ist, war die Jury des Grimme-Preises im heimeligen Marl so aufgeregt, daß sie vor der Zeit die Siegerliste des Online-Awards veröffentlichte. Weswegen der Aufruhr in der Blogszene dementsprechend hoch ist. []
  2. Hier irrt also die Riesenmaschine. Auch wenn es freilich weitere Teilnehmer gibt. Aber wenn im Vorfeld jeder wüßte, wer am Ende gewinnt, wäre es ja auch nur halb so spannend. Also, Psssst!, nicht weitersagen. ;-) []
Marc Scheloske
Marc Scheloske
Ich bin Sozialwissenschaftler und freier Journalist. Ich schreibe (Fach-)Artikel, blogge und führe Workshops und Schulungen zum Thema 'Wissenschaftskommunikation und Social Media' durch. → weitere Infos
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